Böses Omen oder gesunde Korrektur?

von Karsten Leckebusch

Stand: 05.01.2007, 20:17 Uhr

Möglicherweise steht dem Dax ein schwieriges Jahr bevor. Denn glaubt man einer alten Börsenweisheit, entscheiden die ersten Tage des Jahres über Wohl oder Wehe der Jahresbilanz. Beim Dax sieht es nicht gut aus, die erste Woche verlief durchwachsen.

18 Punkte verlor der Dax in der ersten Handelswoche, nachdem der Leitindex am Mittwoch sogar kurz über die 6.700-Punktemarke geklettert war. Am Freitag schloss der Dax, belastet von amerikanischen Inflationssorgen, jedoch mit einem Tagesminus von 1,2 Prozent bei 6.593 Punkten. Der L-Dax ging bei 6.604 Punkten aus dem Handel.

Es hätte auch anders kommen können. Denn der amerikanische Arbeitsmarkt zeigt sich wider Erwarten erstaunlich robust. 167.000 neue Jobs schuf die US-Volkswirtschaft im Dezember, etwa 70.000 mehr als prognostiziert. Das gab das US-Arbeitsministerium am Freitag bekannt. Letztendlich hatte diese Nachricht jedoch keine Auswirkung auf den Handel.

Was die Börsianer verunsicherte, war die Tatsache, dass auch das amerikanische Lohnniveau im Dezember stieg, und zwar stärker als erwartet. Dies schürte Inflationsängste und die Furcht vor weiteren Zinsanhebungen durch die amerikanische Zentralbank. An der Wall Street belastete zusätzlich die Gewinnwarnung des zweitgrößten Handyherstellers der Welt, Motorola. Man sei sehr enttäuscht vom Geschäftsverlauf im vierten Quartal, sagte Konzernchef Ed Zander. Die Motorola-Aktie verlor bis zu zwölf Prozent.

Trotzdem gab es Gewinner

Größter Gewinner im Dax war die Aktie von Volkswagen. Sie legte nachrichtenlos um 2,5 Prozent zu. Händler sagten, die Volkswagen-Aktie sei am Nachmittag in großen, 50.000 Aktien starken Blöcken gekauft worden, ein Phänomen, das sie im November schon zweimal beobachtet hätten. Wer hinter den Käufen stand, ist nicht bekannt. Bei Börsianer galten Porsche und Hedgefonds als mögliche Kandidaten.

Auch die Aktie der Lufthansa legte gegen den Markttrend 2,3 Prozent hinzu. Erstens veröffentlichte die HSBC eine positive Studie, worin die Bank das Kursziel der Lufthansa-Aktie von 22 auf 24 Euro erhöhte. Zweitens belebte der zunächst abgewendete Fluglotsenstreik die Aktie. Drittens wirkte sich der Ölpreis, der auf den niedrigsten Stand seit fast einem Jahr sank, ebenfalls günstig auf das Papier aus. Auch die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft, Air Berlin, profitierte davon. Die Aktie des SDax-Unternehmens stieg um 1,7 Prozent.

Aktien der Deutschen Telekom schlossen fast unverändert und damit besser als der Dax-Durchschnitt. Konzernchef René Obermann hatte in seinem Neujahrsgruß harte Einschnitte angekündigt und gesagt, dass der Konzern seine Kosten dringend weiter drücken müsse. Außerdem will Obermann verhindern, dass der Marktanteil beim Internet-Breitbandgeschäft weiter sinkt. Die Telekom werde deshalb eine neue "Produktoffensive" starten.

Auch die Metro-Aktie verlor mit 0,2 Prozent weniger als der Dax-Durchschnitt. Ein Analyst der Deutschen Bank hat das Kursziel für Metro-Aktien von 43 auf 47 Euro angehoben. Zugleich rechnet die Bank damit, dass der Handelskonzern seinen Umsatz im abgelaufenen vierten Quartal um 7,4 Prozent erhöht hat.

Versorger verloren kräftig
Sehr schwach präsentierten sich die Aktien der Versorger RWE und Eon. RWE gab 3,9 Prozent ab, Eon 4,4. EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes will künftig stärker gegen Wettbewerbsverstöße bei den Energiekonzernen vorgehen. In der Financial Times Deutschland sagte sie, dass die EU die Marktmacht der Versorger beschränken müsse.

Nachrichten gab es zum laufenden Übernahmekampf zwischen MAN und Scania. Die schwedische Wirtschaftszeitung "Dagens Industri" berichtete, dass Scania ein deutlich höheres Angebot von MAN nicht ablehnen würde. Zur Zeit bietet MAN 10,3 Milliarden Euro für Scania. Anleger gehen nun offenbar davon aus, dass der Konzern deutlich mehr Geld ausgeben muss. Die Aktie verlor deshalb 1,4 Prozent.

Die Aktien der Deutschen Börse fielen um 1,7 Prozent. Merrill Lynch hatte das Anlageurteil für Aktien des Betreibers der Frankfurter Wertpapierbörse von Kaufen auf Neutral herab gestuft.

Weitere Analystenkommentare
Bei MDax-Unternehmen sorgten Neueinschätzungen von Analysten ebenfalls für Kursbewegungen. Der Finanzdienstleister AWD verbilligte sich um drei Prozent, nachdem die Deutsche Bank die Aktie auf "Hold" gesenkt hatte. Zuvor war der AWD-Kurs über das Ziel von 33 Euro gestiegen.

Der Kölner Motorenhersteller Deutz wurde ebenfalls von Analysten untersucht und neu bewertet. Die Experten des Bankhauses Lampe stuften die Aktie wegen der starken Kursgewinne der letzten Wochen von Halten auf Verkaufen herunter. Die Deutz-Aktie verlor 1,4 Prozent.

Vergleichsweise stark präsentierte sich indes Wacker Chemie. Die Aktie legte um 1,7 Prozent zu, nachdem die Analysten von Keppler in ihrer Ersteinstufung das Papier mit "Buy" bewertet und als Kursziel 140 Euro angegeben haben.

Der Flugzeugmotorenhersteller Thielert profitierte außerordentlich kräftig von einem Analystenkommentar. Die Citigroup setzte die Einstufung der Thielert-Aktie von "Hold" auf "Buy" nach oben. Das SDax-Unternehmen habe nach Einschätzung der Bank seine Umsatz- und Ertragsziele erreicht und befürchtete Lieferverzögerungen vermieden. Die Aktie setzt sich im Kleinwerteindex an die Spitze und gewann 12,1 Prozent.

Erster IPO des Jahres
Der erste Börsengang des Jahres war ein erfolgreicher. Die Aktien von Intercard stiegen am ihrem ersten Handelstag auf 6,20 Euro. Sie schlossen damit deutlich über dem Ausgabepreis von fünf Euro. Intercard hatte 150.000 Aktien herausgegeben, das Unternehmen will mit dem Emissionserlös seine internationale Position weiter stärken. Eines der Hauptprodukte ist der elektronische Studentenausweis.

Tagestermine am Mittwoch, 19. Dezember

Unternehmen:
Softbank: IPO der Mobilfunktochter in Tokyo
Ceconomy: Q4-Zahlen, 07:00 Uhr, und Bilanz-PK, 10:00 Uhr
General Mills: Q2-Zahlen, 13:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20:00 Uhr, PK mit Fed-Chef Powell, 20:30 Uhr
Japan: Außenhandel im November, 00:50 Uhr
Deutschland: Erzeugerpreise im November, 08:00 Uhr
Großbritannien: Verbraucherpreise im November, 10:30 Uhr
USA: Leistungsbilanz Q3, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im November, 16:00 Uhr
USA: Wöchentlicher Ölbericht, 16:30 Uhr