Börsianer verstehen nur griechisch

Notker Blechner

Stand: 11.02.2010, 20:11 Uhr

Statt Sirtaki tanzten die Anleger am Donnerstag erneut den "Griechenland-Blues". Das von den Euro-Ländern zugesagte Hilfspaket blieb nebulös und enttäuschte die Börsianer. Der Dax setzte seine Talfahrt fort, erholte sich aber im späten Handel. Im Rampenlicht stand zudem Infineon.

Von (Altweiber-)Fassnachts-Stimmung war am deutschen Aktienmarkt wenig zu spüren. Das Drama um Griechenland sorgte auch am Donnerstag für Sorgenfalten unter den Anlegern. Zwar einigten sich die Länder der Euro-Zone auf einen Rettungsplan für das hochverschuldete Griechenland, aber Details dazu blieben unklar. Konkrete Maßnahmen sollen erst in der kommenden Woche bei einem Treffen der EU-Finanzminister beschlossen werden.

"Nebulöse Aussagen"

Anleger reagierten enttäuscht. Sie fanden die Aussagen "nebulös". Devisen-Fachmann Ralf Umlauf von der Helaba meinte gar, die Griechenland-Krise drohe zur Hängepartie zu werden. Die Anleger hatten auf eine schnelle gemeinsame Aktion der EU-Länder zur Rettung Griechenlands gehofft.

Erholung im späten Handel

Der positive Effekt des Rettungspakets für Griechenland war schnell verpufft. Der Dax zog nur am Mittag etwas an, bevor er dann rasch ins Minus drehte. Zeitweise rutschte der deutsche Leitindex gar um über ein Prozent auf bis 5.456 Punkte. Kurz vor Xetra-Schluss rappelte er sich dank der Kursgewinne an der Wall Street wieder auf und schloss um 0,6 Prozent tiefer bei knapp über 5500 Punkten. Im späten Parketthandel konnte der L-Dax noch mehr Boden gutmachen und kletterte auf 5.539 Punkte - im Sog der freundlichen US-Börsen. Der Dow Jones legte um ein Prozent zu.

Der Euro stand indes heftig unter Druck. Die europäische Gemeinschaftswährung sackte auf unter 1,36 US-Dollar ab, erholte sich bis zum Abend dann wieder und notierte bei 1,3670 Dollar.

Gute Daten aus den USA
Erfreuliche Arbeitsmarktdaten zogen die US-Börsen nach oben. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe sank in der vergangenen Woche überraschend deutlich um 43.000 auf 440.000. Volkswirte hatten mit 465.000 Erstanträgen gerechnet.

Pharma-Titel als Börsen-Medizin
Begehrt im Dax waren vor allem Pharma-Aktien, insbesondere die Titel der Fresenius-Familie. Das Papier von Fresenius war mit einem Plus von 1,6 Prozent größter Dax-Gewinner, die Titel von Fresenius Medical Care stiegen um ein Prozent. Die Fresenius-Aktien profitierten von einem positiven Analystenkommentar der US-Bank Morgan Stanley.

Aktionärsrevolte bei Infineon gescheitert
Ganz oben notierten auch die Aktien des Chip-Konzerns Infineon mit einem Plus von fast 1,5 Prozent. Vorstandschef Peter Bauer machte auf der Hauptversammlung in München Hoffnung auf bessere Zeiten. Bauer zufolge peilt das Unternehmen eine dauerhafte Marge von mehr als zehn Prozent und eine "angemessene Rendite auf das eingesetzte Kapital" an. Der von einigen Aktionären erhoffte Neuanfang blieb jedoch aus. Im Machtkampf um die Neubesetzung der Spitze im Aufsichtsrat setzte sich am Abend der vom Infineon-Vorstand favorisierte Kandidat Klaus Wucherer gegen den von Aktionären vorgeschlagenen Gegenkandidaten Willi Berchtold durch, Ex-Präsident des IT-Branchenverbands Bitkom.

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
21,32
Differenz relativ
0,00%

Lufthansa im Negativ-Sog von Air France
Schlusslicht im Dax war die Lufthansa mit einem Minus von über drei Prozent. Schuld daran war Konkurrent Air France/KLM: Im dritten Quartal 2009/10 erlitt die Fluggesellschaft einen herben Verlust von 788 Millionen Euro, die Umsätze schrumpften um fast 19 Prozent. Für das gesamte Geschäftsjahr, das Ende März endet, geht die Fluggesellschaft von einem Milliardenverlust aus. Die Air-France-KLM-Aktie stürzte um über acht Prozent ab.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
57,26
Differenz relativ
-2,35%
Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
144,66
Differenz relativ
-2,26%
BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
79,28
Differenz relativ
-1,82%

Renault lastet auf BMW, Daimler und VW
Den deutschen Autobauern vermieste ebenfalls ein französischer Konkurrent die Stimmung. VW und Daimler verloren deutlich. Am Morgen hatte Renault einen überraschend großen Verlust von 3,07 Milliarden Euro für das abgelaufene Quartal veröffentlicht. Nur BMW konnte sich knapp behaupten. Denn den Münchnern gelang die Rückkehr in die schwarzen Zahlen im vierten Quartal, wie Finanzchef Friedrich Eichiner bei der Vorstellung der neuen 5er-Limousine im portugiesischen Cascais bekannt gab.

Nachrichten gab es auch von Daimler und VW: Der Stuttgarter Daimler-Konzern hat seine Beteiligung am russischen Lkw-Hersteller Kamaz um ein Prozent auf elf Prozent aufgestockt. Weitere vier Prozent sollen von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung gehalten werden. Aus Brasilien gab es eine Hiobsbotschaft von VW: Die Wolfsburger müssen 190.000 Autos in die Werkstatten zurückrufen wegen möglicher Probleme mit Radlagern. Betroffen seien die Modelle New Gol und Voyage.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,26
Differenz relativ
-0,54%

Bankenwerte europaweit unter Druck
Bankentitel notierten ebenfalls im Minus. Die Aktie der Deutschen Bank büßte über zwei Prozent ein. Das hatte zum einen mit der Griechenland-Krise zu tun. "Niemand weiß, wie stark das Engagement der Banken in europäischen Staatsanleihen ist", sagte ein Händler.

Auch die Schweizer Großbank Credit Suisse konnte mit ihren Jahreszahlen die Stimmung nicht heben. Die Schweizer haben zwar im vierten Quartal einen Gewinn von 800 Millionen Franken erzielt, damit aber die Markterwartungen nicht ganz erreicht. Im Gesamtjahr lag der Überschuss bei 4,6 Milliarden Euro - 400 Millionen weniger als die Deutsche Bank. Immerhin: Trotz des bröckelnden Bankengeheimnisses lockte die Credit Suisse weiter zahlreiche Privatkunden an. Das Geldinstitut verzeichnete Zuflüsse von knapp 42 Milliarden Euro. Zur aufgetauchten CD mit Namen von mutmaßlichen deutschen Steuersündern wollte sich Credit-Suisse-Chef Brady Dougan nicht äußern. "Wir haben null Fakten", sagte er. Dougan betonte, bei der Credit Suisse sei das Offshore-Geschäft wichtig, aber nicht signifikant. Von den 1.229 Milliarden Franken an verwaltetem Kundenvermögen würden weniger als 100 Milliarden auf Privatkunden aus großen europäischen Ländern entfallen.

Aurubis schafft die Wende
Aus der zweiten Reihe legten mehrere deutsche Unternehmen ihre Bilanzen vor. So unter anderem Aurubis. Die Zahlen von Europas größter Kupferhütte konnten sich sehen lassen. Dank einer anziehenden Nachfrage nach Kupfer erzielte das Unternehmen im ersten Geschäftsquartal ein Vorsteuerergebnis von 126 Millionen Euro - nach einem Fehlbetrag von 124 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Umsatz legte um 39 Prozent auf 2,08 Milliarden Euro zu. Anleger waren beeindruckt: Die Aktie gewann über vier Prozent und zählte zu den größten MDax-Gewinnern.

Gesunde Gewinne bei Rhön-Klinikum
Spitzenreiter im MDax war Rhön-Klinikum mit einem Plus von 4,4 Prozent. Der fränkische Krankenhausbetreiber setzte 2009 mit 2,3 Milliarden Euro fast neun Prozent mehr um als im Vorjahr. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg um rund fünf Prozent auf 181,2 Millionen Euro. Der Ausblick für das laufende Jahr wurde bekräftigt.

Gildemeister setzt auf die zweite Jahreshälfte
Für Erleichterung sorgten die Zahlen von Gildemeister. Der Spezialist für Werkzeugmaschinen musste zwar im vergangenen Jahr einen Umsatz- und Ergebniseinbruch hinnehmen. Unterm Strich verdiente das Unternehmen aber noch 4,7 Millionen Euro. Das Unternehmen erwartet im ersten Quartal 2010 Verluste, will jedoch ab dem dritten Quartal wieder deutlich in die Gewinnzone vorstoßen. Die Aktie gewann1,5 Prozent.

Grammer verspricht profitables Jahr
Top-Gewinner im SDax war Grammer. Die Aktie sprang um sechs Prozent nach oben, zeitweise betrug das Plus gar zehn Prozent. Der Autozulieferer litt zwar im vergangenen Jahr heftig unter der Krise und verzeichnete rote Zahlen. Doch für 2010 verspricht Grammer wieder Gewinne. Im vierten Quartal war bereits ein Aufwärtstrend zu beobachten.

Dialog euphorisiert erneut die Anleger
Im TecDax sorgte erneut Dialog Semiconductor für Furore. Der Chip-Spezialist hat im abgelaufenen Jahr seinen Gewinn auf 32,7 Millionen Dollar verfünffacht. Die Erwartungen der Analysten wurden übertroffen. Im laufenden Jahr will Dialog weiter stärker wachsen als der Markt. Anleger waren begeistert: Die Dialog-Aktie machte einen Sprung von über zehn Prozent nach oben und näherte sich ihrem kürzlich erreichten Neun-Jahres-Hoch. Seit einem Jahr ist der Kurs von Dialog um mehr als 1.300 Prozent explodiert. Ein echter Überflieger!

Solarworld fällt und fällt
Das andere Extrem bildete im TecDax Solarworld. Die Aktie büßte fast fünf Prozent an Wert ein und fiel auf den tiefsten Stand seit Mitte 2005. Laut Händlern wirkte hier eine Herabstufung des Titels durch die US-Bank Merrill Lynch nach. Zudem gebe es bei dem Titel charttechnisch bedingte Verkäufe, so die Marktteilnehmer. Die anderen Solarwerte standen ebenfalls auf der TecDax-Verliererliste.

Aufatmen bei HCI
Die Einigung mit Banken auf ein Sanierungskonzept beflügelte die Aktien des Fondsanbieters HCI. Die Papiere gewannen rund zehn Prozent. Im Sog von HCI kletterten auch die Papiere von MPC nach oben. MPC hält gut 40 Prozent an HCI.

Leifheit setzt auf den "Homing"-Effekt
Gute Nachrichten gab es auch vom Haushaltsgerätehersteller Leifheit im Vorfeld der Messe Ambiente in Frankfurt. Dasa Unternehmen aus Nassau hat im abgelaufenen Jahr sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 5,2 auf über sechs Millionen Euro steigern können. Kurzarbeit und verbesserte Prozesse hätten sich positiv niedergeschlagen, hieß es. Der Umsatz schrumpfte zwar wegen Problemen in Osteuropa um knapp drei Prozent, in Deutschland stiegen die Erlöse aber kräftig. Für 2010 setzt Leifheit auf den "Homing"-Effekt. Leifheit-Chef Georg Thaller rechnet damit, dass sich das Leben stärker nach Hause verlagere. Außerdem will Leifheit verstärkt in Südeuropa expandieren und Spanier und Italiener an den Bügeltisch bringen. Die Aktie legte über vier Prozent zu.

Analytik Jena hat viel zu messen
Positiv aufgenommen wurden die Quartalszahlen von Analytik Jena. Die Aktie stieg um über zwei Prozent. Der Messtechnik-Hersteller konnte im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2009/10 seine Erlöse um über 25 Prozent steigern. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) sank aber um fast 15 Prozent auf 1,9 Millionen Euro.

Wienerberger peilt schwarze Zahlen für 2010 an
Auch aus dem Ausland präsentierten zahlreiche Firmen Zahlen, die teilweise ganz vielversprechend waren. So stellte der weltgrößte Ziegelhersteller Wienerberger eine Rückkehr in die Gewinnzone für 2010 in Aussicht. Im vergangenen Jahr machten die Österreicher einen Verlust von 258,7 Millionen Euro. Der harte Restrukturierungskurs mit der Schließung zahlreicher Werke und massiven Kosteneinsparungen soll 2010 Früchte tragen. Die Aktie von Wienerberger kletterte um über fünf Prozent nach oben.

Pepsi hält mit Coca-Cola Schritt
In den USA überraschte Pepsi mit starken Zahlen. Der Coca-Cola-Rivale konnte dank seines Sparkurses den Gewinn verdoppeln und im Schlussquartal 1,4 Milliarden Dollar verdienen. Die Erlöse zogen um fünf Prozent an. Vor allem im Ausland griffen die Verbraucher wieder zu Chips und Cola. Die Aktie stieg um zwei Prozent.

Filme und DVDs füllen die Kassen von Viacom
Auch die Zahlen von Viacom überzeugten: Der US-Unterhaltungskonzern vervierfachte im vierten Quartal seinen Gewinn auf 694 Millionen Dollar, der Umsatz ging allerdings um drei Prozent zurück. Das Kinogeschäft und anziehende Verkäufe von DVDs ließen die Kassen von Viacom klingeln. Disney, Warner und News Corporation hatten mit ihren Zahlen bereits das Ende der Medien-Krise angedeutet.

Marriott sieht Ende der Dienstreisen-Flaute
Zuversicht verbreitete ein weiteres Unternehmen: die Hotelkette Marriott hob ihre Prognose für das Gesamtjahr 2010 an. Nach einer langen Flaute würden Dienstreisen wieder zunehmen, teilte Marriott mit. Im vierten Quartal erzielte die Hotelkette wieder einen Gewinn von 106 Millionen Dollar.

Wird Motorola zerlegt?
Schließlich entfachte ein Medienbericht neue Kursfantasie bei Motorola. Angeblich sollen die Pläne über eine Aufspaltung des Elektronik-Konzerns in zwei Teile wieder belebt werden. Das Geschäft mit TV-Empfangsboxen und mobilen Endgeräten solle an die Börse gebracht werden, der Bereich mit Funknetzwerken soll verkauft werden.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr