Börsianer tappen im Dunkeln

Detlev Landmesser

Stand: 28.08.2007, 20:30 Uhr

Ist das Schlimmste ausgestanden? Oder kommt erst noch das dicke Ende? Niemand weiß das. Das hat sich am Dienstag wieder einmal exemplarisch gezeigt.

Dies- und jenseits des Atlantiks weiteten die Aktienmärkte ihre Verluste aus, als die US-Finanztitel einmal mehr unter Druck gerieten. Der L-Dax schloss 0,8 Prozent tiefer bei 7.429,79 Punkten. Auslöser waren die Analysten von Merrill Lynch, denen auf einmal auffiel, dass sich die Kaufempfehlungen für Titel wie Citigroup, Bear Stearns oder Lehman Brothers nicht aufrecht erhalten lassen. Sie stuften die drei Finanzwerte von "Buy" auf "Neutral" ab. Wegen der Abhängigkeit dieser Finanzdienstleister vom Kreditmarkt müssten die Prognosen für das restliche Jahr und für 2008 gesenkt werden, schrieben die Analysten

Finanzmarktexperten verunsichert

Das beweist erneut, wie sehr auch Finanzexperten im Dunkeln tappen, wie weit die erhöhten Ausfallrisiken noch in das komplizierte Geflecht der weltweiten Kreditbeziehungen hineinreichen. Wahrscheinlich erscheint etwa, dass noch weitere Hedge-Fonds Schieflagen offenbaren werden.

Damit scheinen auch die Währungshüter der US-Notenbank Fed zu rechnen, deren Sitzungsprotokoll vom 7. August um 20:00 Uhr veröffentlicht wurde. Darin heißt es, anhaltende Finanzmarktturbulenzen könnten eine Antwort der Notenbank erfordern - die die Fed ja zwischenzeitlich auch (wenn auch nur mit einer Diskontsatzsenkung) gegeben hat. In dem Protokoll heißt es zudem, eine weitere Verschlechterung der Bedingungen könne nicht ausgeschlossen werden.

Insgesamt wirkten diese Äußerungen nicht beruhigend auf die Wall Street - die US-Indizes weiteten ihre Verluste zunächst weiter aus und lagen am Abend deutlich über ein Prozent im Minus.

State Street stark betroffen
Mit State Street hat die britische "Times" ein weiteres Opfer der Krise ausgemacht. Bei dem US-Wertpapierverwahrer summierten sich einschlägige Finanzinstrumente, wie sie einige Konkurrenten zuletzt in Bedrängnis gebracht hätten, auf 22 Milliarden Dollar oder 17 Prozent der gesamten Aktiva, berichtete die Zeitung. Das sei der höchste Anteil unter den vergleichbaren amerikanischen und europäischen Instituten.

Die Daten zum US-Verbrauchervertrauen hatten den Markt dagegen relativ ungerührt gelassen. Der August-Wert fiel von revidiert 111,9 auf 105,0 Zähler, teilte das Forschungsinstitut Conference Board mit. Das war der niedrigste Stand seit einem Jahr, lag aber etwas über den Analystenerwartungen.

Auch der deutsche Ifo-Index hatte die Börsianer eher beruhigt. Zwar fiel der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts für den August von 106,4 auf 105,8 Punkte - doch Volkswirte hatten das Konjunkturbarometer noch etwas schlechter erwartet.

Goldman prügelt die Post
Schwächster Dax-Wert war die "Aktie Gelb". Der Post-Titel litt unter einer Herabstufung durch Goldman Sachs von "Buy" auf "Sell". Noch dazu bringt sich Rivale Hermes Logistik in Position. Die Gruppe will laut einem Bericht des "Hamburger Abendblatts" mit dem Fall des Postmonopols 2008 massiv ins Briefgeschäft einsteigen.

RWE forciert Börsenpläne für American Water
Die RWE-Stämme hielten sich in der Pluszone. Der Essener Energiekonzern treibt die Pläne für den Börsengang seiner US-Wassertochter American Water voran, der dem Konzern weitere Milliardensummen in die Kasse spülen soll.

SAP setzt auf Indien
Auch die SAP-Aktie reduzierte ihr anfängliches Minus. Der deutsche Software-Primus hat seine Kundenzahl in Indien innerhalb eines Jahres auf 2.000 verdoppelt und setzt weiter auf die Wachstumsmärkte Indien und China. Die beiden Länder spielten eine zentrale Rolle dabei, die weltweite Kundenzahl von derzeit 41.200 bis zum Jahr 2010 auf 100.000 zu erhöhen, sagte SAP-Chef Henning Kagermann in Neu Delhi.

Blockade gegen MAN und VW?
Die Aktien von MAN und Volkswagen standen dagegen unter Druck. Nach Medienberichten werden die Gespräche zwischen MAN, dem Wolfsburger Autobauer und Scania über eine geplante Lkw-Allianz von Scania-Großaktionär Wallenberg blockiert. Familienpatriarch Peter Wallenberg fürchte, dass der schwedische Lkw-Bauer unter deutsche Kontrolle gerate, berichtete die "Financial Times Deutschland".

Premiere-Kapitalerhöhung gefällt nicht
Im MDax litt die Premiere-Aktie mit einem Minus von fast sieben Prozent unter der Kapitalerhöhung vom Freitag. Nach der WestLB und Sal. Oppenheim am Vortag hat nun auch Lehman Brothers sein Kursziel von 23 auf 21,50 Euro gesenkt. Die Kapitalerhöhung um 250 Millionen Euro sei eine teure Form der Finanzierung, hieß es in der Studie.

Gewinnmitnahmen im TecDax
Der TecDax verlor deutlich stärker als der Dax. Auf der Verliererseite standen diesmal die am Montag gefeierten Wind- und Solartitel wie Nordex oder Solon. Solon hatte am Montag bei 60,00 Euro ein neues Rekordhoch markiert. Angesichts der Marktschwäche nahmen am Dienstag viele Anleger ihre Gewinne mit.

Kursrakete Mifa
Einen Glanztag erlebte die Mifa-Aktie mit einem Kurssprung von mehr als 20 Prozent. Der Fahrradhersteller hat seinen Umsatz in den ersten sechs Monaten um rund ein Drittel auf 78,93 Millionen Euro gesteigert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) kletterte um rund 47 Prozent auf 5,68 Millionen Euro.

Wizcom kommt gut an
Auch die im Prime Standard notierte Aktie von Wizcom profitierte von der Zwischenbilanz mit einem Plus von 15 Prozent. Der israelische Anbieter von Handheld-Scannern steigerte seinen Umsatz in den ersten sechs Monaten um 63 Prozent und den Nettogewinn um 41 Prozent.

Softing erhöht Prognosen
Die Aktie der Softing AG sprang ebenfalls nach einer erfreulichen Meldung an. Der Industrie- und Autozulieferer schraubte seine Ergebnisprognose für 2007 um mehr als 30 Prozent nach oben. Der Vorstand rechne wegen nachhaltig guten Verlaufs der Geschäfte mit einem Ergebnis vor Zinsen und Steuern von mindestens zwei Millionen Euro bei einem Umsatz von über 26 Millionen Euro, teilte Softing am Nachmittag mit.

Versatel schmiert ab
Einen heftigen Einbruch von mehr als 28 Prozent erlebte dagegen die Aktie von Versatel nach einer handfesten Gewinnwarnung. Analyst Frank Rothauge von Sal. Oppenheim kann sich laut einer aktuellen Studie nicht an Ergebnisse im Telekommunikationsbereich erinnern, die so stark von den Analystenerwartungen abgewichen wären. Die Zahlen des DSL-Anbieters seien so schlecht, dass der Finanzvorstand es zum Zeitpunkt der bisherigen Zielvorgabe im Juni eigentlich gewusst haben müsste.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat