Börsenstimmung auf dem Nullpunkt

Stand: 02.08.2011, 20:52 Uhr

Kommt die amerikanische Wirtschaft wieder auf die Beine? Die jüngsten Konjunkturdaten sagen nein. Das schockt Anleger, der Dax rauscht abwärts. Selbst die guten Bilanzen von BMW, Post und Fresenius locken nicht.

Die Minuszeichen haben heute auf den Kurszetteln überwogen. Der Dax fiel im elektronischen Xetra-Handel 2,3 Prozent abwärts bis auf 6.797 Punkte. Der L-Dax auf dem Parkett gab weiter nach bis auf 6.759. Der Technologieindex TecDax musste sogar 3,5 Prozent abgeben.

Amerikanern haben keine Lust am Shoppen
Auch in Amerika ist die Laune der Anleger auf dem Nullpunkt, der Leitindex Dow Jones notiert zur Stunde 1,5 Prozent im Minus. In erster Linie belasten heute die schwachen Konsumausgaben, sie gaben im Juni 0,2 Prozent nach. Es ist das erste Mal seit 20 Monaten, dass die Verbraucher ihre Ausgaben für Autos, Möbel und Elektronik zurückfahren.

Wie soll sich da die amerikanische Wirtschaft erholen, die doch hauptsächlich vom Konsum lebt? Ein weiteres Warnsignal für die US-Wirtschaft: Die Löhne und Gehälter legten im Juni nur minimal zu, lediglich um 0,1 Prozent. Das ist der geringste Zuwachs seit November

Drückt Amerikas Sparkurs die Wirtschaft nieder?
Das nährt die Sorge um das Weltwirtschaftswachstum. Auch die deutsche Wirtschaft könnte das zu spüren bekommen. Zwar haben die Vereinigten Staaten die drohende Staatspleite in letzter Minute abgewendet. Nach dem Abgeordnetenhaus billigte am Dienstag auch der Senat den in zähen Verhandlungen errungenen Schuldenkompromiss. Damit konnte Präsident Barack Obama wenige Stunden vor Ablauf der entscheidenden Frist die Schuldenobergrenze von derzeit 14,3 Billionen Dollar anheben. Er setzte das Gesetz mit seiner Unterschrift umgehend in Kraft. Nun darf die Bundesregierung in Washington weitere Schulden aufnehmen und kann ihre Rechnungen bezahlen.

Doch die Börse fürchtet sich vor dem, was nun kommt: dem Sparkurs der Regierung. Der könnte die ohnehin schleppende US-Wirtschaft zusätzlich bremsen.

Top-Bonität in Gefahr?
Vielen Anleger fürchten auch, dass die Ratingagenturen den USA die Bonitäts-Spitzennote aberkennen könnte. Dies könnte die Renditen der US-Staatsanleihen hochtreiben und damit das Geldleihen insgesamt teurer machen. Immerhin gab Fitch erst einmal Entwarnung. Die Ratingagentur teilte unmittelbar nach der Abstimmung im Senat mit, dass der Kompromiss im Einklang mit der AAA-Bewertung der USA stehe.

Auch die europäische Schuldenkrise bereitet den Investoren anhaltend Bauchschmerzen. Wieder in den Vordergrund gerückt wurde das Thema durch die französische Großbank BNP Paribas, die im zweiten Quartal 534 Millionen Euro auf einen Teil ihrer griechischen Staatsanleihen abschrieb.

Flucht in Sicherheit
In der Gemengelage zogen sich Anleger massiv aus riskanteren Anlagen zurück und favorisierten etwa das auf Rekordhöhen befindliche Gold oder den Schweizer Franken. Der Preis für die Feinunze erklomm ein neues Hoch bei 1.640,30 Dollar. Steigende Risikoaufschläge bei südeuropäischen Staatsanleihen waren ebenfalls Ausdruck der angespannten Lage.

Pfizer und die ungewisse Zukunft
Bei den Einzelwerten stand in Amerika Pfizer im Mittelpunkt. Die Aktie gab kräftig nach, weil sich Anleger um die Zukunftsstrategie des weltgrößten Pharmakonzerns sorgten. Die Generika-Konkurrenz und der Auslauf des Patentschutzes des wichtigen Medikaments Lipitor bereiten dem Unternehmen Probleme. Im abgelaufenen Quartal konnte Pfizer allerdings die Erwartungen der Analysten geringfügig übertreffen.

BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
72,77
Differenz relativ
+1,95%
Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
47,42
Differenz relativ
+1,55%
Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
150,14
Differenz relativ
+2,77%

Autoaktien haben schweren Stand
Vorübergehend ließen sich Anleger von den glänzenden Dax-Bilanzen locken. BMW überzeugte mit Rekorden bei Umsatz, Absatz und Gewinn im zweiten Quartal. Doch aus Kursgewinnen wurden am Nachmittag Verluste, weil Anleger Aktien der konjunktursensiblen Auto- und Stahlbranche lieber den Rücken kehrten. Die Papiere der BMW-Konkurrenten Daimler und VW gaben noch stärker nach, im MDax büßten die Titel des Autozulieferers Leoni sogar mehr als neun Prozent an Wert ein. Auch dessen Rivalen Continental und ElringKlinger erlitten deutliche Kursverluste. Im Stahlsektor sackten ThyssenKrupp fünf Prozent ab.

Am Abend gab es noch die neuesten US-Absatzzahlen der Autohersteller. Für VW, Daimler und BMW lief es recht gut, die Absätze wuchsen zweistellig. Dennoch sind Experten zurückhaltend: Wegen der Vorkommnisse der vergangenen Monate seien die amerikanischen Verbraucher sehr misstrauisch, sagte ein GM-Manager. Analysten warnten zudem, dass hohe Arbeitslosenzahlen und die Sorge um die Entwicklung der US-Konjunktur die Automobilkonzerne dazu zwingen könnte, großzügigere Rabatte anzubieten.

Post und Fresenius heben Ausblick an
Gute Neuigkeiten hatten Fresenius und die Deutsche Post. Beide blicken optimistischer in die Zukunft. Der Logistikriese strebt nun ein Ergebnis vor Zinsen und Steuern von deutlich über zwei Milliarden Euro an - dank des anziehenden Internethandels und starken Wachstums in Schwellenländern. Fresenius will die Umsätze währungsbereinigt um 7 bis 8 Prozent und das bereinigte Konzernergebnis um 15 bis 18 Prozent steigern. Die Geschäfte mit Infusionen und Nachahmermedikamenten (Generika) laufen so gut. Doch einzig die Aktie von Fresenius konnte heute ein Mini-Plus verbuchen.

FMC

FMC: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
62,42
Differenz relativ
+0,26%
Fresenius: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
42,38
Differenz relativ
+6,86%

FMC mit Milliardenzukauf
Die Tochter Fresenius Medical Care legte ebenfalls gute Quartalszahlen vor. Doch zwei größere Zukäufe kamen an der Börse nicht gut an. Sie sind zwar grundsätzlich positiv zu werten, doch "gibt es derzeit eine ernsthafte Gefahr, dass die US-Regierung tiefgreifende Einschnitte im Gesundheitssystem vornehmen wird", sagte ein Händler.

Ceconomy ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
3,82
Differenz relativ
+0,84%

Metro dämpft die Erwartungen
Im Dax war die Metro-Aktie der größte Kursverlierer. Media Markt und Saturn haben dem Handelsriesen die Bilanz vermiest. Wegen roter Zahlen bei den Elektronikketten ging der Konzerngewinn von Metro im zweiten Quartal um mehr als ein Viertel auf 40 Millionen Euro zurück. Der Umsatz stagnierte bei 15,7 Milliarden Euro. Metro hofft jetzt auf das zweite Halbjahr - doch Anleger geben die Hoffnung auf. Mehr als sieben Prozent ging es für die Metro-Aktie heute abwärts.

Pfeiffer Vacuum: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
118,00
Differenz relativ
+0,60%

Pfeiffer Vacuum gefragt
Im TecDax schaffte es einzig die Aktie von Pfeiffer Vacuum unter die Gewinner. Der Spezialpumpen-Hersteller übertraf mit einem Quartalsgewinn von 15,4 Millionen Euro die Erwartungen der Analysten. Pfeiffer kommt bei der Integration der im Vorjahr übernommenen Adixen gut voran. Doch der Börse war das nur ein Aufschlag von 0,1 Prozent wert.

Wacker Chemie bricht ein
Auch im MDax dominieren die Verlierer. Allen voran Wacker Chemie mit zehn Prozent Kursminus. Das Unternehmen leidet unter den hohen Rohstoffkosten und einem schwächeren Dollar. Wacker verfehlte mit seiner Quartalsbilanz die Analystenprognosen. Der Umsatz stieg um zehn Prozent auf 1,33 Milliarden Euro, der Überschuss legte nur fünf Prozent auf 143 Millionen Euro zu.

Gildemeister sattelt drauf
Die Gildemeister-Aktie verlor mehr als sieben Prozent - trotz angehobener Prognose. Die Bestellungen sollen nun mit 1,8 Milliarden Euro um 100 Millionen höher liegen als bisher avisiert. Zwar sei der Auftragseingang überraschend stark, doch die restlichen Zahlen hätten nicht überzeugt, hieß es von Börsianern.

Impreglon profitiert vom Autoboom
Auch aus den hinteren Reihen gab es eine Reihe von Bilanzen. So von Impreglon. Der Beschichtungsspezialist knüpft an den Erfolg des ersten Quartals an und präsentiert insgesamt solide Halbjahreszahlen. Diese verdankt Impreglon vor allem der wachsenden Nachfrage aus dem Automobil- und Maschinenbausektor. Die Aktie verliert dennoch.

Cenit schraubt Prognose rauf
Auch die Aktie von Cenit verliert kräftig. Dabei hat der Softwarespezialist Cenit nach einer überraschend starken ersten Jahreshälfte seine Prognose für 2011 nach oben geschraubt. Der Stuttgarter Konzern setzte in den ersten sechs Monaten gut 50 Millionen Euro um, ein Plus von 22 Prozent Plus. Im Gesamtjahr sollen Umsatz und Gewinn nun um 15 Prozent steigen, bisher hatte man sich 10 Plus vorgenommen. Der IT-Branche geht es im Moment generell gut. Nach der ausgestandenen Krise profitieren viele Unternehmen davon, dass wieder verstärkt in neue Programme, Hardware wie Computer oder Service investiert wird.

Eckert & Ziegler trotz Rekord unter Druck
Auch Eckert & Zielger kann nicht überzeugen. Dabei legte das Unternehmen aus der Strahlen- und Medizintechnik ein grundsolides Ergebnis vor, im zweiten Quartal stieg das Ergebnis um 13 Prozent. Das im Prime Standard gelistete Papier fiel um 1,5 Prozent.

Medigene schreibt schwarz
Medigene kämpft dagegen mit sinkenden Umsätzen mit Krebspräparaten, das Biotechnologieunternehmen rutscht weiter in die roten Zahlen. Auch wenn sich Medigen nicht geschlagen gibt und für das Gesamtjahr fest mit einem Gewinn rechnet, die Börse ist enttäuscht.DE0005020903

BNP steigert Gewinn
Aus dem Ausland gab es auch noch eine Reihe von Bilanzen. So von BNP. Die größte französische Bank hat im Quartal der Griechenlandkrise getrotzt und den Gewinn gesteigert. Der Überschuss stieg um 1,1 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro und lag damit oberhalb der Analystenerwartungen. Griechische Staatsanleihen kosteten die BNP allerdings wie erwähnt 534 Millionen Euro.

Barclays muss Kunden entschädigen
Rückstellungen für sogenannte Restschuldversicherungen in Höhe von einer Milliarde Pfund haben auch das Ergebnis von Barclays belastet. Im ersten Halbjahr sank das Ergebnis vor Steuern deshalb um ein Drittel auf 2,6 Milliarden Pfund.

NYSE Euronext überrascht positiv
Der Fusionspartner der Deutschen Börse wies ein solides zweites Quartal aus. Zwar fielen Umsatz und Gewinn, dies war aber aufgrund der schwierigen Marktsituation am Markt erwartet worden. Der Umsatz lag bei 1,09 Milliarden Dollar nach 1,25 Milliarden im Vorjahr, das Nettoergebnis fiel um 16 Prozent auf 154 Millionen Dollar. Beide Zahlen fielen besser aus als prognostiziert. Der Zusammenschluss mit der Deutschen Börse verläuft nach Angaben von Firmenchef Duncan Niederauer nach Plan.

Tagestermine am Donnerstag, 13. Dezember

Unternehmen:
Fraport: Verkehrszahlen 11/18, 07:00 Uhr
Metro AG: Jahreszahlen, 08:00 Uhr
Tui: Jahreszahlen, 08:00 Uhr
Starbucks: Investor Day, 18:00 Uhr
BMW: Absatz 11/18
Bertrandt: Jahreszahlen
ThyssenKrupp: Investor Day

Konjunktur:
Deutschland: Konjunkturprognose Ifo-Institut, 10:00 Uhr
EU: EZB-Zinsentscheid, 13:45 Uhr, PK 14:30 Uhr
USA: Im- und Exportpreis 11/18, 14:30 Uhr
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr