Marktbericht 20:02 Uhr

Steigende Zuversicht vor dem Briten-Referendum Börsen setzen Höhenflug fort

Stand: 21.06.2016, 20:02 Uhr

Die schwindende Angst vor einem Brexit hat den Börsen am Dienstag weiter Auftrieb gegeben. Der Dax knackte nach einhalb Wochen wieder die runde Marke von 10.000 Punkten. Dagegen verlor Gold an Glanz.

Bleiben die Briten doch in der EU? Zwei Tage vor dem mit Spannung erwarteten Referendum in Großbritannien scheint nach Einschätzung der meisten Anleger das Rennen bereits gelaufen. Sie glauben nicht mehr an einen Brexit. Aktuell werde an der Börse die Karte "EU-Verbleib" gespielt, meint Jochen Stanzl von CMC Markets.

Brexit-Risiko nur noch 26 Prozent?

Das könnte sich als gefährliche und vorschnelle Schlussfolgerung erweisen, warnen Experten. Denn Umfragen sehen nach wie vor die Brexit-Anhänger und -Gegner fast gleichauf. Einzig bei den Wettanbietern ist die Wahrscheinlichkeit eines Brexit auf 26 Prozent gesunken. Noch vor fünf Tagen hatte sie bei 40 Prozent gelegen.

Dritter Gewinntag in Folge

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 6 Monate
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Die Hoffnungen auf einen Verbleib der Briten in der EU trieben Europas Aktienmärkte den dritten Tag hintereinander an. Der Dax kämpfte sich um 0,5 Prozent nach vorn und schloss erstmals seit zehn Tagen wieder über 10.000 Zähler. Damit hat er seit Donnerstag 465 Punkte gutgemacht. Auch der EuroStoxx50 gewann 0,8 Prozent.

Yellen gibt keine klaren Hinweise zu Zinserhöhungen

Hörfunk-Moderatorin Ulla Herrmann
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Börse 20.15 Uhr

An der Wall Street zeigten sich die Anleger deutlich vorsichtiger. Zwei Stunden vor Handelsschluss lag der Dow nur noch knapp im Plus. Eine Rede von Notenbankchefin Janet Yellen vor einem Kongressausschuss trübte die Stimmung. Sie signalisierte Zurückhaltung bei weiteren Zinsanhebungen. Das anstehende britische Votum über einen Ausstieg aus der EU beunruhigt Yellen. Die Fed-Präsidentin warnte, die Entscheidung für einen Austritt könne "erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen" haben.  

Ölpreis unter 50 Dollar

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Die Unsicherheit im Vorfeld des Briten-Referendums belastete die Ölpreise. Die richtungsweisende Nordseeöl-Sorte Brent rutschte um über ein Prozent auf unter 50 Dollar je Barrel. US-Leichtöl WTI kostete mit 48,38 Dollar je Fass fast ein Dollar weniger.

Pfund steigt, Euro fällt

An den Devisenmärkten spekulieren Investoren weiter auf ein "Ja" der Briten zur EU. Das Pfund setzte seinen Höhenflug fort und markierte zeitweise mit 1,4748 Dollar den höchsten Stand seit sieben Woche. Der Euro fiel derweil klar unter 1,13 Dollar und notierte am Abend bei 1,1250 Dollar. Der Goldpreis geriet ebenfalls unter Druck. Die Feinunze (31,1 Gramm) verbilligte sich deutlich auf 1.265 Dollar. Vorige Woche hatte noch die Angst vor den Folgen eines EU-Austritts der Briten den Preis über 1.300 Dollar getrieben.

ZEW-Index überrascht

Trotz der Brexit-Sorgen hellten sich die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten auf. Sie sehen die Aussichten so positiv wie schon seit einem Jahr nicht mehr. Der ZEW-Index, der die Stimmung der deutschen Finanzexperten misst, stieg überraschend im Juni um 12,8 auf 19,2 Punkte. Ökonomen hatten mit einem Rückgang auf 4,7 Zähler gerechnet. "Es gibt sie noch, die echten Überraschungen", sagte Analyst Thomas Gitzel von der VP Bank.

Richter geben EZB grünes Licht

Positiv für den Dax war auch, dass das Bundesverfassungsgericht der Europäischen Zentralbank (EZB) keine Steine in den Weg legt. Das 2012 beschlossene Euro-Rettungsprogramm (OMT) der EZB verstoße nicht gegen das Grundgesetz, soweit beim Ankauf der Wertpapiere die Bedingungen des Europäischen Gerichtshofs erfüllt würden, teilten die Karlsruher Richter am Dienstag mit. Sie wiesen Verfassungsbeschwerden und eine Klage der Linken zurück.

Kursfeuerwerk in Athen

Besonders gut war die Stimmung an der griechischen Börse am Dienstag. Die Auszahlung neuer Hilfsgelder trieb den Leitindex um über vier Prozent in die Höhe. Der Euro-Rettungsfonds ESM hatte dem griechischen Finanzminister Euclid Tsakalotos zuvor 7,5 Milliarden Euro überwiesen. Top-Gewinner waren Finanzinstitute wie Piraeus Bank, National Bank of Greece und Eurobank Ergasi. Zudem musste die Athener Börse noch das Kursfeuerwerk ihrer europäischen Nachbarn nachholen, weil sie am Tag zuvor wegen eines Feiertags geschlossen war.

Bankenwerte favorisiert

Angeführt wurde der Dax von den Bankaktien. Die Aktien der Deutschen Bank waren mit einem Plus von über zwei Prozent am stärksten gefragt. Die Titel der Commerzbank stiegen um 1,3 Prozent. In der letzten Woche waren Bankaktien wegen der Brexit-Sorgen massiv unter Druck geraten.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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9,61
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+0,01%
Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,42
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Deutsche Börse setzt auf Fintechs

Zweitgrößter Dax-Gewinner waren die Aktien der Deutschen Börse. Der Frankfurter Börsenbetreiberwill mehr Geld in Startups stecken und ruft deshalb eine eigene Investitionsplattform ins Leben. Künftig will das Unternehmen mit der Sparte DB1 Ventures in Finanztechnologie-Firmen (FinTechs) investieren und dort auch bestehende und neue Beteiligungen verwalten. Das kündigte Vorstandschef Carsten Kengeter an.

VW unter Druck

Unter den Dax-Verlierern reihte sich VW ein. Einen Tag vor der Hauptversammlung mehrten sich die Negativ-Nachrichten. Einer der größten US-Pensionsfonds und weitere institutionelle Anleger haben VW wegen des Abgasskandals auf Schadensersatz verklagt. Die Anwaltskanzlei Quinn Emanuel teilte mit, im Namen des Pensionsfonds für Lehrer in Kalifornien und weiterer Investoren Klage beim Landgericht Braunschweig eingereicht zu haben. Zudem soll laut Insider die Bafin den gesamten VW-Vorstand angezeigt haben. Auf der HV soll Ex-Chef Martin Winterkorn nicht entlastet werden.

Kuka-Großaktionär winkt ab

Die Aktien von Kuka gaben rund ein Prozent nach. Der Großaktionär des Roboterbauers, Friedhelm Loh sieht kaum Chancen für ein deutsches Gegenangebot zur chinesischen Übernahmeofferte für den Roboterbauer. Die Frage nach einem Gebot der deutschen Kuka-Großaktionäre sei ihm gestellt worden. "Bei den Konditionen des vorliegenden Angebots können wir nicht in den Wettbewerb eintreten", sagte er dem "Handelsblatt". Am Abend wurde bekannt, dass Kuka den Rat mehrer deutscher Großbanken holt.

Kion-Deal kommt schlecht an

Größter Verlierer im MDax war die Kion-Aktie mit einem Minus von knapp sieben Prozent. Der Gabelstaplerhersteller kauft Dematic, einen Spezialisten für Automatisierung und Lieferketten-Optimierung. Der Kaufpreis soll bei rund 2,1 Milliarden US-Dollar liegen. "Das ist der erste Schock über die Größe und Finanzierung des Kaufpreises", meinte ein Händler mit Blick auf das Kursminus. Sollte das Management aber überzeugend die neue Strategie aufzeigen, könne der Deal durchaus Sinn machen.

Bechtle kauft in der Schweiz zu

Der IT-Dienstleister Bechtle gab am Nachmittag eine Übernahme in der Schweiz bekannt. Die TecDax-Firma kauft die Steffen Informatik AG, die mit 120 Mitarbeitern einen Umsatz von 35 Millionen Franken (32,4 Millionen Euro) erwirtschaftet. Die Bechtle-Aktie schloss fast unverändert.

Cropenergies legt Schippe drauf

Der Biotechenergie-Hersteller Cropenergies hat ihre Prognose für das laufende Geschäftsjahr angehoben. Der Umsatz soll 2016/17 nun 640 bis 700 Millionen Euro erreichen. Bisher lag die Spanne bei 625 bis 700 Millionen Euro. Das operative Ergebnis soll bei 50 bis 80 Millionen Euro erreichen - anstatt bisher 30 bis 70 Millionen. Grund für den Optimismus der Südzucker-Tochter sind gesunkene Rohstoffpreise und niedrigere Kosten. Die Aktien von Cropenergies stiegen um drei Prozent.

O2 UK an die Börse?

Die spanische Telefonica-Konzern erwägt, die britische Mobilfunktochter O2 UK an die Börse zu bringen. Das Unternehmen habe Gespräche mit Banken begonnen, die derzeit auf eine Notierung an der Londoner Börse hinausliefen, berichtete die "Financial Times" am Dienstagabend unter Berufung auf Insider.

Axa leidet unter niedrigen Zinsen

Europas zweitgrößter Versicherer Axa hat seine Ziel bis 2020 zurückgenommen. Der Konzern rechnent nun mit einem jährlichen Zuwachs beim bereinigten Ergebnis je Aktie von drei bis sieben Prozent, anstatt bislang fünf bis zehn Prozent. "Der neue Plan berücksichtigt die Realitäten, mit denen wir es heute zu tun haben", sagte Axa-Finanzchef Gerald Harlin. Konkurrent Allianz hatte dagegen erst vor kurzem seine längerfristigen Ziele bestätigt.

nb

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 16. Juli

Unternehmen:
United Continental: Q2-Zahlen
America Movil: Q2-Zahlen, 22 Uhr

Konjunktur:
China: BIP Q2, 4 Uhr
China: Industrieproduktion, Juni, 4 Uhr
EU:Euro Zone-Handelsbilanz, Eurostat, Mai, 11 Uhr
USA: Empire State Index, Juli, 14:30 Uhr
USA: Einzelhandelsumsatz, Juni, 14:40 Uhr
Sonstiges:
Tokio Märkte wegen eines Feiertags geschlossen