Börsen köcheln weiter auf hoher Flamme

Angela Göpfert

Stand: 12.10.2009, 20:03 Uhr

Der Wochenbeginn hat den wichtigsten Indizes in Europa und den USA neue Jahreshochs beschert. Das Rezept für die Kursgewinne war dabei ganz einfach: ordentlich Hoffnung auf eine gute Berichtssaison, massig Liquidität und eine Prise Dollarverfall.

Der Dax beschloss den späten Parketthandel wie zuvor schon den Xetra-Handel bei 5.783 Punkten - ein Plus von 1,3 Prozent. Im Handelsverlauf war der deutsche Leitindex sogar bis auf 5.814 Punkte gestiegen - so hoch wie noch nie in diesem Jahr.

Auch der europäische Leitindex EuroStoxx 50, der CAC40 in Paris und der "Footsie" in London markierten neue Jahresbestmarken. An der Wall Street eroberten Dow Jones und S&P 500 neue Jahreshöchststände.

Johnson & Johnson: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
109,83
Differenz relativ
-0,79%

Liquiditätsrally ohne Fundament?
Einige Marktbeobachter sprechen von einer rein liquiditätsgetriebenen Rally, die lediglich auf die historisch einmalige Kombination einer massiven Geldschwemme und niedriger Inflationsraten zurückzuführen sei.

Ganz ohne Fundament steht die Rally an den Aktienmärkten aber auch nicht da, das hat die überraschend positive Quartalsbilanz des niederländischen Elektronikriesen Philips heute bewiesen. Das weitere Wohl und Wehe an den Märkten wird diese Woche denn auch stark vom Verlauf der Berichtssaison abhängen: Allein sechs Dow-Konzerne legen ihre Zahlen vor, am Dienstag eröffnen Intel und Johnson & Johnson den Reigen der Schwergewichte. Aktien beider Konzerne verzeichneten am Montag weit überdurchschnittliche Kursgewinne.

Gewinner und Verlierer an der Wall Street
Auch Rohstofftitel wie ConocoPhilips und ExxonMobil standen dank des anhaltenden Dollar-Verfalls, welcher den Ölpreis über 73 Dollar und den Euro bis auf 1,4813 Dollar trieb, bei Anlegern hoch im Kurs. Die Talfahrt des Greenback schürte zudem Hoffnungen auf höhere Erlöse der exportorientierten US-Unternehmen.

Titel von Blackstone haussierten nach Meldungen aus Kreisen, wonach die Beteiligungsgesellschaft bis zu acht ihrer Firmen an die Börse bringen will. Auch Aktien von Black&Decker schossen nach oben, der Elektrowerkzeughersteller hatte seine Gewinnprognose für das dritte Quartal nach oben geschraubt.

Papiere der Kreditkartenanbieter Mastercard und Visa profitieren von einer Hochstufung durch die Credit Suisse auf "Outperform". Dagegen fielen Titel von KB Home, nachdem der Hausbauer Ermittlungen der Börsenaufsicht SEC zu seinem Unternehmen einräumen musste.

Siemens: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
118,36
Differenz relativ
+1,02%
Infineon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
23,05
Differenz relativ
+3,09%

Tech-Titel von Philips beflügelt
An den europäischen Aktienmärkten standen dagegen Tech-Titel im Fokus der Anleger. Der niederländische Elektronikkonzern Philips hatte im dritten Quartal einen unerwartet hohen Gewinn von 176 Millionen Euro verbucht und sein operatives Ergebnis dank massiver Einsparungen verfünffacht.

Das zeige, dass die hohen Erwartungen des Marktes immer noch übertroffen werden können und noch lange nicht alles "eingepreist" ist, jubelte ein Aktienstratege. Im Fahrwasser von Philips legten Aktien von Siemens, Nokia und Infineon stark zu. Infineon-Papiere waren mit einem Plus von 5,0 Prozent gar größter Dax-Gewinner.

Lufthansa: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
21,35
Differenz relativ
+4,20%

Zykliker und VW gefragt
Doch auch Aktien von Zyklikern waren über die Maßen gefragt: Salzgitter, BASF und Bayer zählten zu den stärksten Titeln im Dax. Bayer profitierte dabei auch von einer positiven Analystenstudie der Bank of America/Merrill Lynch. Danach gehört Bayer zu den Favoriten unter den europäischen Pharmawerten.

VW-Stammaktien zählten ebenfalls zu den Gewinnern. Der Wolfsburger Konzern hat in den ersten neun Monaten in China so viele Autos verkauft wie nie zuvor. Europas größter Autobauer profitiert wegen seiner zahlreichen Kleinwagenmodelle wie kaum ein anderer von den staatlichen Kaufanreizen im Land der Mitte.

Deutsche Post mag Konkurrenzgedanken nicht
Am Dax-Ende büßten Post-Aktien gegen den Trend 0,6 Prozent ein. Laut einem Magazin-Bericht wollen die privaten Konkurrenten unter Führung von TNT zum Großangriff auf den früheren Monopolisten blasen.

Lufthansa fürchtet dritte Welle
Nicht gerade hoffnungsfroh äußerte sich nach Xetra-Schluss Thierry Antinori, Marketing- und Vertriebsvorstand der Lufthansa-Passagier-Sparte, gegenüber dem "Handelsblatt" (Dienstagausgabe): "Nach dem Einbruch bei den Geschäftsreisenden zunächst der großen Konzerne und später dann der mittelständischen Unternehmen könnte eine dritte Welle auf uns zukommen: die Zurückhaltung der Privatreisenden."

Ackermann fürchtet Konkurrenz
Auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann hat Angst: Er fürchtet, dass die europäischen Banken nach der Finanzkrise von ihren amerikanischen und asiatischen Konkurrenten abgehängt werden könnten. "Während also die USA und China die Krise nutzen, um große und leistungsfähige Institute zu formen, droht Europa den Anschluss zu verpassen", mahnte Ackermann am Montagabend bei einer Preisverleihung in Frankfurt. Mit dem Einstieg bei der angeschlagenen Privatbank Sal. Oppenheim wolle die Deutsche Bank den Marktanteil auf dem Heimatmarkt steigern. Die Lage an den Finanzmärkten und in der Realwirtschaft bezeichnete der Bankchef als weiterhin fragil.

HeidelDruck - "Master of Desaster"
Im MDax stürzte die Aktie von Heidelberger Druck zeitweise um mehr als ein Viertel ab, am Ende stand ein Minus von 21,2 Prozent zu Buche. Laut informierten Kreisen hat Konkurrent Manroland die anvisierte Fusion abgeblasen. Zuvor hatte Heidelberger Druck jegliche Hoffnung auf eine zügige Erholung des Geschäfts zunichte gemacht und die vierte Gewinnwarnung binnen drei Jahren ausgesprochen. Ein "Desaster" sei das, kommentierte ein Händler.

Gildemeister mit Messe-Bonus
Dagegen verbuchten Aktien von Gildemeister weit überproportionale Kursgewinne von 4,5 Prozent. Der Werkzeugmaschinenbauer hatte eine positive Bilanz der Branchenmesse in Mailand gezogen: 254 verkaufte Maschinen für insgesamt 52,6 Millionen Euro und ein positives "Nachmessegeschäft" erfreuten die Aktionäre des Bielefelder Konzerns.

Analysten treiben Krones und KlöCo
Noch stärker gefragt waren Aktien von Krones, die nach einer Kurszielanhebung durch Goldman Sachs 7,0 Prozent gewannen. Auch Papiere des Stahlhändlers Klöckner & Co. profitierten von einer positiven Analystenstimme: Die Deutsche Bank hatte ihr Kursziel von 14 auf 22 Euro nach oben geschraubt und eine Kaufempfehlung ausgesprochen.

Symrise in der Gerüchteküche
Gerüchte um ein Übernahmeinteresse des US-Wettbewerbers IFF hatten am Nachmittag die Symrise-Aktie beflügelt. Doch Konzernchef Heinz-Jügen Bertram trat derartigen Spekulationen sofort entgegen: "Es gibt keine Anhaltspunkte, dass Symrise glauben könnte, da sei etwas dran", erklärte Bertram auf Anfrage.

Dialog Semiconductor will mehr
Im TecDax schossen Aktien des unlängst aufgestiegenen Chipentwicklers Dialog Semiconductor um 14,2 Prozent in die Höhe, im Handelsverlauf hatten sie bei 5,31 Euro sogar ein neues Sieben-Jahreshoch markiert. Dialog hatte dank der guten Nachfrage seit September seine Jahresziele kräftig nach oben geschraubt. "Der Ausblick liegt mindestens zehn Prozent über den Markterwartungen", zeigte sich ein Händler positiv überrascht.

Aufatmen bei Solartiteln
Entgegen der bisherigen Befürchtungen einer kompletten Streichung des Solarbonus' könnte die neue Bundesregierung die Einspeisevergütung für Solarstrom lediglich um 15 Prozent senken, hieß es in einem Pressebericht. Aktien von Solarworld stiegen daraufhin um 6,2 Prozent, Q-Cells legten 3,6 Prozent zu.

HSBC mag immer noch Centroc
Im SDax kletterten Titel von Centrotec Sustainable um 6,6 Prozent in die Höhe. Die HSBC hatte das Kursziel für Aktien des auf energieeffiziente Gebäudetechnik spezialisierten Unternehmens zwar auf 13 Euro reduziert, die Einstufung wegen der soliden langfristigen Wachstumsperspektiven jedoch auf "Overweight" belassen.

Juristisches Nachspiel für den Bund
US-Investor Christopher Flowers kündigte am Montag an, juristisch gegen seinen Rauswurf bei der maroden Immobilienbank HRE vorgehen zu wollen. Die HRE-Aktie notierte erneut deutlich über den 1,30 Euro Zwangsabfindung durch den Bund - ein Hinweis darauf, dass viele Investoren spekulieren, vor Gericht einen höheren Preis zugesprochen zu bekommen.

Lloyds erneut unter Druck
In London wurden Papiere von Llyods von erneuten Berichten über eine bevorstehende Kapitalerhöhung belastet. Laut Kreisen plant die britische Großbank für die Rückzahlung der gewährten staatlichen Hilfen eine Kapitalerhöhung über zehn Milliarden Pfund (rund 10,8 Milliarden Euro). Zum Vergleich: Der derzeitige Börsenwert von Llyods beläuft sich auf gerade einmal 27 Milliarden Euro. Die Briten hätten inzwischen sechs Banken für die geplante Kapitalerhöhung gewonnen, hieß es.

Italienischer Ex-Pennystock gefragt
An der Mailänder Börse verdreifachte sich heute der Wert der Tiscali-Aktie: Der hoch verschuldete italienische Internetanbieter wird nach eigener Darstellung im kommenden Jahr in die Gewinnzone zurückkehren und sich möglicherweise selbst zum Kauf anbieten.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr