Börsen klammern sich an einen Mann

Detlev Landmesser

Stand: 24.09.2008, 20:16 Uhr

Auch ein Nicht-Politiker kann die Weltbörsen bewegen - wenn er zum Beispiel Warren Buffett heißt. Dieses Kunststück kostete den US-Multimilliardär allerdings ein paar Milliarden.

Buffetts Holding Berkshire Hathaway investierte fünf Milliarden Dollar in Goldman Sachs und stärkte damit nicht nur das Vertrauen in die ehemalige Investmentbank, sondern in die gesamte US-Finanzbranche.

An der Wall Street überwogen daraufhin die Pluszeichen. Der L-Dax beendete den Abendhandel 0,7 Prozent höher bei 6.058,27 Punkten.

Den Finanzmarkt sieht Buffett allerdings weiter "in einer gefährlichen Lage". Das US-Finanzsystem sei in der vergangenen Woche kurz davor gewesen, überhaupt nicht mehr zu funktionieren, erklärte der zweitreichste Mann der Welt. Der Markt hätte eine weitere vergleichbare Woche nicht überstanden. Die Regierung in Washington handele mit ihrem Rettungspaket aber vernünftig, sagte der 78-jährige Buffett dem Fernsehsender CNBC.

Rettungspaket in schwerer See

Um das 700 Milliarden Dollar schwere Paket zeichnet sich indessen eine längere Hängepartie ab. Der Bankenausschuss des Senats forderte gestern von Notenbankchef Ben Bernanke und Finanzminister Henry Paulson Nachbesserungen am Programm. Der Fahrplan der Regierung, wonach das Paket Ende dieser Woche verabschiedet werden soll, dürfte damit Makulatur sein.

Vor dem Wirtschaftsausschuss des Kongresses erklärte Bernanke heute, die Zuspitzung der Krise könne das bereits schwache Wachstum weiter abbremsen. Das war die bislang negativste Fed-Einschätzung der wirtschaftlichen Aussichten seit Beginn der Kreditkrise vor gut einem Jahr. Mittlerweile signalisieren die US-Zinsfutures, dass eine große Mehrheit der Händler eine Fed-Zinssenkung im Oktober erwartet.

Die neuesten Daten vom US-Immobilienmarkt waren wie erwartet schlecht. Die Verkäufe bestehender Eigenheime gingen im August um 2,2 Prozent auf 4,91 Millionen zurück. Analysten hatten mit einem Rückgang auf 4,93 Millionen Eigenheime gerechnet.

Ölpreis brav
Die aktuellen US-Lagerbestandsdaten hatten kaum Einfluss auf den Ölpreis, der am Abend mit 106,74 Dollar rund einen Dollar unter dem Vortagesniveau. Die Lagerbestände an Rohöl sanken in der vergangenen Woche etwas schwächer als erwartet. Dagegen fielen die Bestände an Benzin kräftiger als gedacht.

Offenbar hat Morgan Stanley die Fusionsgespräche mit der US-Regionalbank Wachovia beendet. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Morgan Stanley konzentriere sich derzeit auf eine Partnerschaft mit der japanischen Bank Mitsubishi UFJ. General Motors konkretisierte indessen erste Verschlankungsschritte. Der angeschlagene US-Autoriese will sein Getriebewerk in Straßburg und die Marke "Hummer" verkaufen, was zwei bis vier Milliarden Dollar bringen soll.

Ifo-Index auf Rezessionskurs
Das Geschehen in den USA überlagerte die unerfreulichen Nachrichten von der deutschen Konjunkturfront. Wegen der unsicheren Lage an den Finanzmärkten sank der Ifo-Index im September unerwartet kräftig. Der Geschäftsklimaindex sackte im September auf 92,9 Punkte, nach 94,1 Zählern im August. Der Erwartungsindex erreichte mit 86,5 Punkten sogar ein 15-Jahres-Tief. Ifo-Konjunkturexperte Klaus Abberger sagte, Deutschland sei in einer echten Abschwungphase. Allerdings gebe es noch keine Anzeichen für eine Rezession. Beobachter erwarten nun, der überraschend schwache Konjunkturindex könnte die EZB dazu bewegen, bald den Leitzins zu senken.

MüRü und Allianz hoffen auf Filetstücke
Stärkster Dax-Titel war die Aktie der Münchener Rück, auch die Allianz gehörte zu den Gewinnern. Die Titel profitierten offenbar von der Ankündigung des US-Versicherungskonzerns AIG, Unternehmensteile verkaufen zu wollen, um seinen riesigen Kreditverpflichtungen nachzukommen. Münchener Rück und Allianz hatten bereits Interesse an dem Kauf von AIG-Sparten angemeldet.

Daimler vor finaler Scheidung
Daimler steht vor der endgültigen Trennung vom ehemaligen Fusionspartner Chrysler. Der Finanzinvestor Cerberus werde Daimler wahrscheinlich auch die restlichen 19,9 Prozent an Chrysler abkaufen, meldete das "Manager Magazin" am Mittwoch vorab. Die Unternehmen verhandelten nur noch über Details, so dass der Verkauf möglicherweise in wenigen Wochen perfekt sein könne. Ein Daimler-Sprecher bestätigte am Abend die Verhandlungen.

Deutsche Bank trotzt Analysten
Die Aktie der Deutschen Bank gewann über drei Prozent. Dabei hatten die Analysten von JP Morgan am Morgen ihre Schätzung für den Abschreibungsbedarf des Konzerns angehoben. Wegen der Finanzkrise werde die Bank statt wie bisher erwartet nicht 3,4 Milliarden Euro, sondern 4,5 Milliarden Euro abschreiben müssen, hatte JP Morgan mitgeteilt.

SAP bekräftigt Prognose
Der Softwarekonzern SAP hat seine Gewinnprognose bestätigt. Die Gewinnmarge werde in diesem Jahr das obere Ende der geplanten Spanne von 28,5 bis 29 Prozent erreichen, teilte der SAP-Finanzvorstand auf einer Investorenkonferenz mit.

Großauftrag für Eon
Eon hat einen Milliardenauftrag aus Rumänien erhalten. Gemeinsam mit dem italienischen Energiekonzern Enel soll Eon für bis zu eine Milliarde Euro ein Kohlekraftwerk in der Stadt Braila errichten. Dies teilte der rumänische Wirtschaftsminister Varujan Vosganian mit. Die Eon-Aktie zeigte sich nach ihren Gewinnen vom Vortag unbeeindruckt.

Gewinnwarnung von ProSieben
Gegen Mittag wurde die ProSiebenSat.1-Aktie ans MDax-Ende durchgereicht. Wegen der anhaltenden Flaute im deutschen Fernseh-Werbemarkt hat die Sendergruppe ihre Gewinn- und Umsatzprognose kassiert. Das Ziel eines stagnierenden operativen Ergebnisses (Ebitda) von rund 780 Millionen Euro sei 2008 nicht zu erreichen, teilte der Konzern mit. Stattdessen werde mit einem Rückgang auf 670 bis 700 Millionen Euro gerechnet. Auch das Umsatzziel von 3,3 Milliarden Euro werde der Konzern "sicher nicht erreichen", sagte ein Sprecher. Eine neue Erlösprognose gebe es derzeit nicht. Händler zeigten sich zwar enttäuscht, aber wenig überrascht von der Gewinnwarnung.

Erleichterung bei Arcandor: Finanzierung gesichert
Endlich positive Nachrichten von Arcandor: Der Einzelhandels- und Touristikkonzern hat einen Teil seiner Finanzprobleme gelöst. "Eine Verständigung über die Arcandor-Finanzierung ist erzielt", teilte das Unternehmen mit. Sowohl ein Bankenkonsortium als auch eine Gruppe von Warenkreditversicherern hätten die notwendigen Kreditlinien zur Verfügung gestellt. Der MDax-Titel gewann 6,6 Prozent.

US-Fantasie für Solarwerte
Im TecDax waren vor allem Solartitel gefragt, allen voran Phoenix Solar mit einem Plus von 14,8 Prozent. Analysten begründeten die gute Stimmung damit, dass die USA die Steuervergünstigungen für Solarfirmen verlängert haben. Auch der Entwurf der spanischen Energiekommission vom Vortag liege im Rahmen der Erwartungen, sagte ein Experte. SMA Solar profitierte mit einem Plus von acht Prozent zudem von einer Analysteneinschätzung. Die Commerzbank hob ihre Anlageempfehlung auf "Add".

Morphosys und Novartis legen los
Auch die Morphosys-Aktie war gefragt. Das Biotechunternehmen und der Schweizer Pharmakonzern Novartis haben im Rahmen ihrer Kooperation bei der Antikörperentwicklung ein erstes Programm ausgewählt. Zunächst werde Novartis die gemeinsame Entwicklung finanzieren, teilte Morphosys mit. Erst wenn das Programm die präklinische Entwicklungsphase erreicht habe, werde Morphosys in die Finanzierung einsteigen.

TDK hält nun Mehrheit an Epcos
TDK hat seinen Anteil am im TecDax notierten Bauelemente-Hersteller Epcos weiter aufgestockt. Der japanische Elektronikkonzern erhöhte seinen Anteil gestern auf 52,8 Prozent. Das 1,2 Milliarden Euro schwere Übernahmeangebot für Epcos läuft noch bis zum 7. Oktober. Danach wollen die beiden Unternehmen ihre Aktivitäten bei den elektronischen Bauelementen zusammenlegen.

Großfusion auf Europas Energiemarkt
Der britische Atomkraftbetreiber British Energy hat der Übernahme durch den französischen Versorger EDF zugestimmt. EDF bietet 774 Pence je Aktie, was einem Gesamtpreis von umgerechnet 15,8 Milliarden Euro entspricht. Die beiden Konzerne hatten bereits seit März Übernahmegespräche geführt.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 24. September

Unternehmen:
Lonza Group: Kapitalmarkttag
Deutsche Börse: Regeländerungen für die Indizes MDax, TecDax und SDax sowie die Indexänderungen werden wirksam

Konjunktur:
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USA: CFNA-Index 8/18, 14:30 Uhr

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