Börsen im Höhenrausch

von von Notker Blechner

Stand: 23.07.2009, 20:15 Uhr

Die "Sommer-Rally" im Dax geht weiter. Im Sog der freundlichen Wall Street kletterte das Börsenbarometer am Donnerstag auf ein neues Jahreshoch. Starke Quartalszahlen und gute Daten vom US-Häusermarkt gaben Auftrieb. Im Rampenlicht standen Porsche und VW.

Lange Zeit hatte es nach einer überfälligen Verschnaufpause am deutschen Aktienmarkt ausgesehen. Der Dax pendelte unentschlossen hin und her. Doch dann kam der erhoffte Rückenwind von den US-Börsen, und der Dax nahm wieder Fahrt auf. Im Eiltempo flog der deutsche Leitindex am späten Nachmittag um über zwei Prozent auf ein neues Jahreshoch von 5.247 Punkten. Bisher hatte dieses bei 5177 Punkten gelegen. Der L-Dax schloss bei 5240 Zählern. Damit beendete der unverwüstliche Dax den neunten Tag in Folge mit einem Plus. Das ist die längste Gewinnserie seit vier Jahren. "Mit dem neuen Jahreshoch sind die Dämme gebrochen", meinte Kapitalmarktexperte Robert Halver von der Baader Bank. Aus Mangel an Alternativen wollten nun wieder alle in Aktien investieren.

Lichtblick vom US-Häusermarkt

Der Dow Jones übersprang die Marke von 9.000 Zählern und erreichte seinen höchsten Stand seit Januar. Vor allem die Nachricht, dass die US-Verkäufe bestehender Eigenheime in den USA im Juni überraschend stark anzogen, beflügelten die Kurse. Dass die US-Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe in der vergangenen Woche etwas stärker als erwartet um 30.000 auf 554.000 stiegen, verdrängten die Anleger wieder schnell.

3M weckt Hoffnungen
Auf der Unternehmensseite überraschten Ford und 3M mit starken Zahlen. Der Autobauer Ford fuhr im zweiten Quartal einen Überschuss von 1,6 Milliarden Euro ein. Im Vorjahreszeitraum hatte es noch einen Verlust von 8,7 Milliarden Dollar gegeben. Der Mischkonzern 3M hat ebenfalls die Erwartungen übertroffen. Umsatz und Gewinn fielen weniger stark als befürchtet. Gleichzeitig hat der Konzern, der alles von Klebern über Elektronikzubehör bis hin zu Medizintechnik anbietet, die Jahresumsatz-Prognose angehoben. Die Amerikaner rechnen nun nur noch mit einem Minus von 10 bis 13 Prozent. Wegen seiner breiten Produktpalette gilt 3 M als Gradmesser für die US-Konjunktur.

Enttäuschend fielen hingegen die Zahlen von McDonald's aus. Der starke Dollar machte der Fast-Food-Kette zu schaffen. Der Überschuss sank um acht Prozent, der Umsatz um sieben Prozent. In Europa dagegen lief es für McDonald's besser: der Umsatz erhöhte sich um fast sieben Prozent.

Wiedeking geht, Katar kommt
Für reichlich Gesprächsstoff sorgte am Donnerstag das dramatische Ende des Machtkampfs zwischen VW und Porsche. Am Nachmittag gab der VW-Aufsichtsrat grünes Licht für die Verschmelzung mit Porsche. Der Sportwagenbauer soll innerhalb des VW-Konzerns seine Eigenständigkeit behalten - wie Audi. Damit hat sich Ferdinand Piech durchgesetzt. Verlierer Wendelin Wiedeking räumt seinen Posten. "Es tut mir in der Seele weh", kommentierte der einstige Porsche-Retter vor den Arbeitern seinen Rückzug. Nachfolger von Wiedeking soll der bisherige Produktionsvorstand Michael Macht werden.

VW-Chef Martin Winterkorn und Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff bestätigten, dass das Emirat Katar neuer Großaktionär von VW werde. Die Scheichs würden 17 Prozent aus den Optionen von Porsche auf VW-Aktien erwerben. Nach der Verschmelzung von Porsche mit VW sollen die Anteile von Katar am Wolfsburger Autobauer auf 19 Prozent steigen. Bis Mitte 2011 soll die Auto-Ehe zwischen VW und Porsche vollzogen werden. Die Porsche-Vorzugsaktien und die VW-Stammaktien entwickelten sich schwächer als der Gesamtmarkt.

Geldspritze für ThyssenKrupp
Tagesgewinner im Dax war ThyssenKrupp. Die Aktie legte fast sieben Prozent zu. Grund: Der brasilianische Bergbaukonzern Vale erhöht seinen Anteil am ThyssenKrupp-Stahlwerk in Brasilien von 10 auf 26,87 Prozent. Thyssen erhält dafür 965 Millionen Euro.

Deutsche Post bleibt in der Gewinnzone
Mit überraschend guten Zahlen hat die Deutsche Post die Quartalsbilanz-Saison der Dax-Konzerne eingeläutet. Zwar brach der Gewinn um knapp drei Viertel auf 66 Millionen Euro ein, Analysten hatten aber einen Verlust befürchtet. Auch das operative Ergebnis ging weniger stark zurück als befürchtet. Die "Aktie Gelb" stieg um vier Prozent auf über zehn Euro. Die Ankündigung einer Umtauschanleihe der KfW mit einem Volumen von 750 Millionen Euro belastete zeitweise den Kurs. Der Staat will sich so von weiteren Post-Aktien trennen.

Credit Suisse beflügelt Deutsche Bank
Gefragt waren europaweit Bankenwerte. Denn die Zahlen, die die schweizerische Credit Suisse als erste europäische Großbank vorlegte, konnten sich sehen lassen. Trotz Abschreibungen konnten die Eidgenossen im zweiten Quartal ihren Gewinn um 29 Prozent auf 1,57 Milliarden Franken erhöhen. Analysten hatten nur mit rund 1,4 Milliarden Franken gerechnet. Dementsprechend erleichtert reagierten die Anleger: die Aktie der Credit Suisse stieg um über vier Prozent. Die Aktie der Deutschen Bank legte um 3,6 Prozent zu. Das Geldinstitut veröffentlicht in der nächsten Woche seine Bilanz.

Greift sich O2 die britische Telekom-Tochter?
Zu den Dax-Gewinnern zählte auch die T-Aktie. Sie stieg um 1,7 Prozent. Börsianer verwiesen auf Gerüchte, dass O2 ein Übernahmeangebot für die britische Mobilfunktochter T-Mobile UK abgegeben habe. Als möglicher Kaufpreis werden 4,3 Milliarden Euro genannt. Das wäre mehr als bislang erwartet.

Defensive Aktien auf der Verliererseite
Mit Metro, Fresenius und Merck notierten nur drei Dax-Werte im Minus. Fresenius und Merck waren in den letzten vier Wochen schon gut gelaufen. Bei der Metro wirkte die Prognose-Senkung der US-Supermarktkette Safeway belastend.

MTU verdient deutlich weniger
Im MDax hat der Triebwerkhersteller MTU die Anleger mit seinen Quartalszahlen enttäuscht. Die Aktie brach um über sechs Prozent ein. Der Gewinn schrumpfte stärker als erwartet um 32 Prozent auf 24,7 Millionen Euro.

HRE-Aktionäre können hoffen
Einen Hauch Hoffnung gibt es derweil für bestimmte Aktionäre des MDax-Unternehmens Hypo Real Estate (HRE). Beim Schadensersatzprozess am Landgericht München räumte der zuständige Richter Aktionären, die das Papier zwischen Ende November 2007 und dem 15. Januar 20008 gezeichnet hätten, gewisse Erfolgsaussichten ein. Seit Ende 20907 habe nämlich nach Ansicht des Gerichts der Immobilienfinanzier möglicherweise von Belastungen durch die US-Finanzkrise gewusst. Erst Mitte Januar 2008 hatte die HRE über Abschreibungen in Höhe von 390 Millionen Euro informiert. Für Anleger, die die Aktie zu einem anderen Zeitpunkt gekauft hätten, sieht das Gericht keine Chancen auf Schadensersatz.

Morphosys hebt ab
Im Biotech-Bereich steht eine neue Mega-Übernahme bevor. Der US-Pharmakonzern Bristol-Myers Squibb will die Biotech-Firma Medarex schlucken. Das sorgt für Fantasie bei Morphosys. Die Aktie kletterte um neun Prozent nach oben und war mit Abstand größter TecDax-Gewinner.

Sorgen um Centrotherm
Die Aktie des Solarzulieferers Centrotherm litt hingegen über Spekulationen um eine Gewinnwarnung. Denn das Unternehmen aus Blaubeuren hat im zweiten Quartal deutlich weniger Aufträge erhalten. Eine Sprecherin wies aber die Gerüchte um eine Gewinnwarnung zurück und bekräftigte die Jahresprognose.

Windbranche spürt Flaute
Unter den TecDax-Verlierern befand sich auch Nordex mit einem Kursminus von 1,5 Prozent. Der Bundesverband Windenergie rechnet in diesem Jahr mit keinem Wachstum in der Branche. Erst 2010 sei wieder mit Zuwächsen von fünf bius zehn Prozent zu rechnen.

Erfreuliches von Go Yellow, Baader und Atoss
Starke Quartalszahlen gab es auch aus der dritten Reihe. Der Auskunftsdienstleister GoYellow Media zum Beispiel hat im ersten Halbjahr vor Zinsen und Steuern (Ebit) 2,7 Millionen Euro verdient. Im Vorjahreszeitraum hatte das Unternehmen noch einen Verlust von 2,8 Millionen Euro erlitten. Go Yellow hob daraufhin die Ebit-Prognose um eine Million auf vier Millionen Euro an. Die Aktie schnellte um zehn Prozent nach oben. Ähnlich stark ging es mit der Aktie von Baader nach oben. Der Wertpapierhändler hat im zweiten Quartal den Gewinn fast vervierzehnfacht auf 6,9 Millionen Euro. Da verblasst das Plus von rund vier Prozent bei Atoss. Der Softwarehersteller hat im ersten Halbjahr seinen Umsatz um sechs Prozent auf 14,2 Millionen Euro und das Ergebnis je Aktie um 21 Prozent auf 0,52 Euro verbessert.

Roche wächst überdurchschnittlich
Aus der Schweiz meldete sich neben der Credit Suisse noch der Pharma-Konzern Roche mit Quartalszahlen. Und die fielen überzeugend aus. Roche wuchs im ersten Halbjahr mit seinen Antikrebs- und Grippemitteln doppelt so stark wie der weltweite Pharmamarkt. Wegen der Schweinegrippe verdreifachte sich der Umsatz mit Tamiflu. Zwar schmälerten die Integrationskosten für die Komplettübernahme der Biotech-Tochter Genentech den Gewinn, der um fast ein Drittel zurückging. Ohne Sonderposten stieg der Überschuss aber um elf Prozent. Für das Gesamtjahr und für 2010 zeigte sich Roche-Chef Severin Schwan noch zuversichtlicher als bisher. Das kam an der Börse gut an: Die Aktie legte um über vier Prozent zu.

Umsatzschwund bei Air France
Der führende europäische Luftfahrt-Konzern Air France-KLM ist schwach in das Geschäftsjahr 2009/2010 gestartet. Der Umsatz schrumpfte um ein Fünftel auf 5,19 Milliarden Euro. Vor allem im Frachtverkehr fiel der Rückgang hoch aus. Für das zweite Quartal rechnet Air France-KLM mit einem geringeren Minus, im zweiten Halbjahr dürfte sich das Geschäft wieder stabilisieren, prophezeit die Fluggesellschaft.

Tagestermine am Dienstag, 18. Dezember

Unternehmen:
FedEx: Q2-Zahlen
Navistar: Q4-Zahlen
Micron Technology: Q1-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Ifo-Geschäftsklima 12/18, 10:00 Uhr
USA: Baubeginne und Genehmigungen 11/18, 14:30 Uhr