Börsen hadern mit US-Plänen

Detlev Landmesser

Stand: 10.02.2009, 20:12 Uhr

Tagelang waren die Aktienmärkte in Erwartung der amerikanischen Rettungspläne für die Banken und die Konjunktur gestiegen. Der Dienstag brachte in beiden Punkten mehr Klarheit. Die Kurse brachen dennoch ein.

US-Händler kritisierten, in dem ab 16:00 Uhr vorgestellten Plan für die Finanzbranche fehlten die Einzelheiten und es gebe keinen konkreten Fahrplan. Die US-Börsen und in deren Gefolge der Dax bauten daraufhin ihre Tagesverluste aus. Der L-Dax schloss 4,1 Prozent tiefer bei 4.4772,79 Punkten.

US-Finanzminister Timothy Geithner kündigte die Schaffung eines durch Staatsgelder und private Investoren gemeinsam finanzierten Fonds im Umfang von bis zu einer Billion, also 1.000 Milliarden Dollar an, der die Banken von faulen Wertpapieren befreien soll.

Darüber hinaus soll das laufende Programm der US-Notenbank von 200 Milliarden ebenfalls auf bis zu eine Billion Dollar ausgeweitet werden, das die private Kreditvergabe ankurbeln soll. Als dritte Maßnahme seien weitere Kapitalspritzen für Banken geplant.

Konjunkturpaket passiert Senat

Die Investoren hatten aber noch weitere gewichtige Nachrichten aus Washington erwartet. Wie erhofft, segnete der Senat am Abend das mehr als 800 Milliarden Dollar schwere Konjunkturpaket ab. Aber auch das konnte die Börsen nicht besänftigen. Das Paket muss nun noch in den Vermittlungsausschuss zwischen Senat und Repräsentantenhaus. Präsident Barack Obama möchte möglichst bis zum Wochenende einen unterschriftsreifen Gesetzentwurf auf dem Tisch haben.

Bernanke lobt Geldschwemmenpolitik
Ebenfalls heute gab es eine Anhörung von Ben Bernanke vor dem Repräsentantenhaus. Der Notenbankchef lobte seine aggressive Liquiditätspolitik: Die Maßnahmen der Fed und anderer Notenbankbanken seit Beginn der Finanzkrise vor 18 Monaten hätten dazu beigetragen, die Spannungen an den Geldmärkten abzubauen.

EU-Lösung in weiter Ferne
Betrachtet man den komplexen politischen Entscheidungsprozess in den USA, so verwundert es nicht, dass sich die EU-Finanzminister auf ihrem Treffen am Dienstag nicht darüber einigen konnten, wie die Bilanzen europäischer Banken von faulen Papieren befreit werden sollen. Auch auf dem EU-Krisengipfel Ende des Monats werden keine gesamteuropäischen Lösungen erwartet.

Der Euro, der wiederum vorübergehend die Marke von 1,30 Dollar überschritt, musste denn auch im Verlauf wieder Federn lassen.

Dramatischer Verlust bei der UBS
Wie erwartet, hat die UBS das Jahr 2008 mit einem gigantischen Verlust abgeschlossen. Wie die Schweizer Großbank am Morgen mitteilte, betrug der Jahresverlust 19,7 Milliarden Franken, allein im vierten Quartal verlor die UBS 8,1 Milliarden Franken. Mit diesen Zahlen enttäuschte die vom Staat gestützte UBS die Analysten deutlich. Immerhin bezeichneten die Schweizer den Start in das neue Jahr als ermutigend, auch wenn der Ausblick "vorsichtig" bleibe. UBS-Aktien drehten nach gutem Start in Minus, retteten sich dann aber wieder ins Plus.

Auftragseinbruch im Maschinenbau
Ebenfalls erwartungsgemäß musste die Vorzeigebranche Deutschlands heute ihre Jahresprognose senken. Wie der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) berichtete, sackte der Auftragseingang der Branche im Dezember um 40 Prozent ab. Der VDMA senkte daher seine Prognose für 2009. Bisher hatte der Verband eine stagnierende Produktion erwartet, jetzt geht er davon aus, dass die reale Produktion im laufenden Jahr um sieben Prozent zurückgehen wird. Wegen der schwachen Konjunktur rechnet der Verband mit dem Abbau von 25 000 Arbeitsplätzen. Aktien von Maschinenbaukonzernen wie MAN, Gildemeister oder Gea notierten deutlich im Minus.

Morgan Stanley mag Merck
Gegen den Trend konnte sich den ganzen Tag über die Aktie des Pharma- und Spezialchemiekonzerns Merck an der Dax-Spitze halten. Die Analysten von Morgan Stanley hatten am Morgen das Kursziel für den Dax-Titel von 63 auf 68 Euro erhöht.

Eon verspricht höhere Dividende
Die Eon-Aktie verlor 2,5 Prozent. Der Energieversorger schreibt insgesamt 3,3 Milliarden Euro auf seine Beteiligungen in den USA und in Spanien ab. Der Dax-Konzern begründete dies mit niedrigen Wachstumsraten und einem Anstieg der Kapitalkosten. Trotzdem soll der Eon-Gewinn 2008 sieben bis acht Prozent über dem Vorjahreswert liegen. Eon kündigte zugleich an, die Dividende auf 1,50 Euro je Aktie anzuheben.

Lufthansa Cargo fliegt mit halbleeren Jets
Die jüngsten Verkehrszahlen der Lufthansa waren ein Spiegelbild der Krise: Die Nachfrage im Frachtgeschäft brach im Januar den zweiten Monat in Folge um mehr als 20 Prozent ein. Die Frachttochter Cargo konnte ihre Maschinen nur zur Hälfte füllen. Zugleich nahm die Zahl der Passagiere um knapp sieben Prozent auf 4,7 Millionen ab. Die Auslastung ging um 2,2 Prozentpunkte auf 74,3 Prozent zurück. Die Lufthansa-Aktie rutschte daraufhin mehr als vier Prozent ins Minus.

Volkswagen sieht Abwrack-Effekt
Die VW-Aktie konnte am Abend nicht von der Aussage von Konzernchef Martin Winterkorn profitieren, die Abwrackprämie belebe das Geschäft spürbar. In den vergangenen Tagen hätten die Auftragseingänge Volkswagen um den Faktor drei bis vier über dem sonst üblichen Volumen gelegen, sagte Winterkorn der "Wirtschaftswoche". Laut dem Magazin will Winterkorn in einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel kommende Woche vorschlagen, die bis zum Jahresende befristete Abwrackprämie zu verlängern und die Fördersumme von 1,5 Milliarden Euro aufzustocken.

Bernhard zurück zu Daimler
Wolfgang Bernhard kehrt zum Daimler-Konzern zurück. Dort soll der als Sanierer bekannte Manager die Leitung des Transporter-Bereichs "Mercedes-Benz Vans" übernehmen, bestätigte Daimler am Nachmittag. Bernhard war bereits von 1992 bis 2004 für den Autobauer tätig und machte sich vor allem bei der Sanierung der damaligen Tochter Chrysler einen Namen. Die Personalie konnte der Daimler-Aktie allerdings nicht helfen. Das Papier litt wohl unter den weiteren massiven Stellenstreichungen bei General Motors. Der notleidende US-Autoriese streicht weltweit nochmals 10.000 Stellen.

Infineon am Dax-Ende
Wieder gehörte die Infineon-Aktie zu den volatilsten Dax-Titeln, diesmal auf der Negativseite. Die insolvente Infineon-Tochter Qimonda drosselt die Produktion in ihrem Dresdner Werk. Die Wafer-Produktion werde auf etwa ein Viertel der vorhandenen Kapazitäten reduziert, teilte der Speicherchiphersteller mit. Der Schritt sei nötig, um Liquidität zu schaffen.

Bilfinger legt überraschend Zahlen vor
Am frühen Nachmittag zog Bilfinger Berger überraschend seine für Donnerstag geplante Jahresbilanz vor. Der Baukonzern steigerte 2008 trotz zunehmend schwierigerer Bedingungen Bauleistung und Gewinn kräftig. Das Konzernergebnis sei 2008 von 134 auf 200 Millionen Euro geklettert. Die abgerechnete Konzernleistung stieg von 9,22 auf 10,74 Milliarden Euro. Zudem soll die Dividende deutlich steigen. Zuvor hatten Aussagen von Bilfinger zur Dienstleistungssparte die den MDax-Titel stark ins Minus gedrückt. Die Sparte, die Industrieanlagen wartet, soll im laufenden Jahr weniger umsetzen.

Demag Cranes wird langsamer
Die Aktie von Demag Cranes rettete sich im Verlauf ins Plus. Der Kranhersteller hat im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2008/09 mit 303 Millionen Euro vier Prozent mehr umgesetzt. Das bereinigte Ebit nahm um 1,9 Prozent auf 30,5 Millionen Euro zu. Die Wirtschaftkrise machte sich beim Auftragseingang bemerkbar, der um 4,1 Prozent sank. Der MDax-Konzern will im Laufe dieses Quartals eine Prognose für das Gesamtjahr abgeben.

Douglas-Ergebnis schrumpft
Die Konsumflaute belastet den Handelskonzern Douglas. Der Vorsteuergewinn gab im ersten Geschäftsquartal von Oktober bis Dezember um 5,5 Prozent auf 132,5 Millionen Euro nach. Der gesamte Konzernumsatz stieg jedoch von 1,02 auf 1,12 Milliarden Euro. Der MDax-Titel verlor 3,4 Prozent.

Qiagen weiter zuversichtlich
Im TecDax war die Qiagen-Aktie mit plus 3,2 Prozent größter Gewinner. Das Biotech-Unternehmen bleibt nach kräftigen Zuwächsen im vergangenen Jahr auch für 2009 optimistisch. "Wir hatten ein sehr gutes viertes Quartal und erwarten 2009 ein organisches Umsatzwachstum von bis zu 14 Prozent", sagte Finanzvorstand Roland Sackers. 2008 stieg das operative Ergebnis um 54 Prozent auf 252,7 Millionen US-Dollar, Qiagen übertraf damit die Markterwartungen. Der Umsatz verbesserte sich um 37 Prozent auf 893 Millionen Dollar.

Singulus rudert zurück
Die Aktie von Singulus büßte 4,6 Prozent ein. Der Hersteller von DVD- und BluRay-Produktionsmaschinen hat sich angesichts der schleppenden BluRay-Nachfrage von seinem Umsatzziel von 320 Millionen Euro im Jahr 2010 verabschiedet. Das Jahr 2008 beendete das TecDax-Unternehmen im Rahmen der eigenen Prognosen. Die Erlöse gingen von knapp 230 auf "rund" 213 Millionen Euro zurück, das Ebit vor Sonderaufwendungen war nach Angaben von Singulus "positiv". Beim Auftragseingang legte der Konzern um elf Prozent auf 226,4 Millionen Euro zu, was aber hinter den Markterwartungen zurückblieb.

Tagestermine am Freitag, 19. Oktober

Unternehmen:
Procter & Gamble: Q1-Zahlen
Villeroy&Boch: Neunmonatszahlen
Schlumberger: Q3-Zahlen
Software AG: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Remy Cointreau: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
London Stock Exchange: Trading Update, 08:00 Uhr
State Street Corp: Q3-Zahlen, 14:30 Uhr
Honeywell: Q3-Zahlen, 14:30 Uhr

Konjunktur:
China: Industrieproduktion, September, 04:00 Uhr