Marktbericht 20:10 Uhr

Dax knackt neue Bestmarke Börsen feiern historische EZB-Entscheidung

Stand: 22.01.2015, 20:10 Uhr

Die Hoffnungen auf neue EZB-Hilfen haben sich erfüllt. Präsident Mario Draghi stellte am Donnerstag Anleihekäufe von über einer Billion Euro in Aussicht. Die Ankündigungen trieben den Dax auf ein Rekordhoch und den Euro auf ein Mehrjahres-Tief.

1.114.000.000.000 Euro - so viel Geld will die EZB in den nächsten eineinhalb Jahren in die Anleihenmärkte pumpen. Monatlich sind Bond-Käufe im Volumen von 60 Milliarden Euro geplant. Das ist mehr als erwartet. Experten hatten bestenfalls mit 50 Milliarden Euro monatlich gerechnet. "Draghi hat geliefert. was er versprochen hat- und sogar ein wenig mehr“, meinte Chefstratege Philippe Gijsels von BNP Paribas

Kräftige Kursgewinne weltweit

Dementsprechend begeistert reagierten die Aktien-Anleger. Der Dax sauste um 1,3 Prozent nach oben auf 10.435 Punkten. Mit 10.454 Zählern erreichte er im Tagesverlauf ein neues Rekordhoch. Der Kurs-Dax kletterte auf 5.386 Punkten - dem höchsten Stand seit 2000. Der EuroStoxx50 legte um 1,6 Prozent zu und notierte damit so hoch wie zuletzt im September 2008. Zusätzlichen Halt gab die Wall Street. Der Dow drehte nach verhaltenem Beginn mächtig auf und lag zwei Stunden vor Handelsschluss gut ein Prozent höher.

Euro fällt, Gold und Silber steigen

Auch an den Renten- und Devisenmärkten kam es zu heftigen Ausschlägen: Die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen Frankreichs, Spaniens und Italiens fielen auf ihren niedrigsten Stand. Französische Titel rentierten nur noch mit 0,6 Prozent. Die Renditen der zehnjährigen Bundesanleihen gaben bis auf 0,377 Prozent nach. Besonders hart traf es den Euro: er brach um gut zwei Cent ein. Am Abend rutschte die Gemeinschaftswährung gar unter die 1,14 Dollar, den tiefsten Stand seit Ende 2003. Im Gegenzug verteuerten sich die Edelmetalle. Gold stieg auf über 1300 Dollar oder 1.140 Euro je Feinunze. Silber verteuerte sich um zwei Prozent auf über 16 Euro.

Kein Kauf griechischer Staatsanleihen

Die EZB wird ausschließlich Investment-Grade-Anleihen kaufen, also keine griechischen Staatsanleihen.  Die Käufe richten sich nach dem Anteil der Euroländer am EZB-Kapital. Folglich wird die Zentralbank vor allem deutsche Bundesanleihen, französische und italienische Staatsanleihen erwerben. Gleichzeitig wird die befürchtete Vergemeinschaftung der Schulden größtenteils vermieden. Die nationalen Notenbanken sollen für 80 Prozent eventueller Verluste haften. Clemens Fuerst, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) begrüßte diese Entscheidung als "akzeptablen Kompromiss, bei dem sich die EZB auch im Rahmen ihres Mandats bewegt".

"Antibiotikum gegen Wachstumsschwäche"

Auch unter Volkswirten und Aktienstrategen fand die EZB-Entscheidung verhaltenen Beifall. "Mit ihrem heutigen Vorgehen hat die EZB ein Breitband-Antibiotikum gegen die Wachstumsschwäche und das Deflationsrisiko verabreicht", sagte Alexander Krüger vom Bankhaus Lampe. Allerdings bleibe eine große Portion Skepsis: Denn durch Papiergeld ließen sich ausbleibende Strukturreformen in den Ländern nicht ersetzen. Holger Sandte von der Bank Nordea erklärte: "Natürlich löst das nicht die Probleme des Euroraums." Aber es werde "helfen, Deflation zu vermeiden, die Schuldenlast einiger Länder tragbar zu machen und die konjunkturelle Erholung zu unterstützen".

Kritik von Ökonomen...

Einige Ökonomen halten die EZB-Aktion für relativ sinnlos. Der Kauf von Staatsanleihen "bringt nichts", kritisierte Peter Brezinschek, Chefanalyst von Raiffeisen Research, in Frankfurt. "Die Maßnahmen ändern wenig am schwachen Wachstum und an der niedrigen Inflation im Euro-Raum, sie treiben aber die Vermögenspreise“, warnte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. "Das hilft also nicht der Konjunktur, sondern über niedrige Zinsen den Finanzministern der hoch verschuldeten Euro-Ländern und deren Banken."

...und Wirtschaftsverbänden

Heftig Kritik kam von den deutschen Sparkassen, Volksbanken und Wirtschaftsverbänden. "Die EZB ist zum Gefangenen der eigenen Ankündigungen geworden", haderte Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammern. "Wir befürchten, dass die Anleihenkäufe zu Vermögenspreisblasen führen werden", sagte Michael Kemmer vom Bundesverband Deutscher Banken.

Kampf gegen die Deflationsgefahr

Die größte Geldflut in der Geschichte der Währungsunion soll das Deflationsgespenst in Europa verscheuchen. Im Dezember waren die Verbraucherpreise auf Jahressicht erstmals seit 2009 gesunken - vor allem wegen des Ölpreis-Verfalls. Die EZB muss gegensteuern, weil sie sich einem Inflationsziel von knapp unter 2,0 Prozent verpflichtet hat.

Günstige Einstiegsgelegenheit oder Verkaufssignal?

Die französische Großbank Société Générale prophezeit nun wegen der massiven Anleihenkäufe der EZB ein sehr gutes Jahr für europäische Aktien. Die Ankündigungen Draghis, mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen, böten einen „exzellenten Einstiegspunkt“ für Anleger, meinte Anlagenexperte Alain Bokobza. Jens Klatt, Chefanaslyst von DailyFX, hingegen bleibt skeptisch. Da Griechenland vom Anleihenkaufprogramm ausgeschlossen sei, könne das Kartenhaus Dax von der Größe des Pariser Eifelturms schnell von einem Windhauch erfasst werden. Dann könne es genau so stark nach unten gehen wie es zuletzt nach oben ging

Lanxess auf der Pole Position

Im Dax gab es fast nur Gewinner. Ganz vorne thronte Lanxess mit einem Plus von fast vier Prozent, nachdem die Aktie gestern noch zu den schwächeren Titeln gezählt hatte. Am Mittag wurde bekannt, dass Blackrock die Stimmrechts-Schwelle von fünf Prozent überschritten hat.

Guter Tag für Bankaktien

Zu den Dax-Favoriten gehörten am Donnerstag die Bankaktien. Denn die EZB dürfte vor allem den Banken die Anleihen abkaufen. Die Titel der Commerzbank und Deutschen Bank stiegen um rund 2,7 Prozent. Angeblich plant die Commerzbank Einschnitte in London. 440 Jobs stehen auf der Kippe. Wie die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Intranet-Beitrag des Vorstandmitglieds Michael Reuther meldet, sollen etwa 80 Mitarbeiter des Investmentbankings von London nach Frankfurt gehen. Weitere 260 Stellen vorwiegend im IT-Bereich sollen nach Deutschland, Mittel- und Osteuropa und Singapur verlagert werden.

Autoaktien geben Gas

Auch die Autowerte waren gefragt. Sie profitierten laut Händlern von der Hoffnung auf eine Konsumbelebung im Euroraum. BMW und Daimler gewannen über drei Prozent, VW knapp zwei Prozent. Auftrieb kam auch von Analysten-Seite: Goldman Sachs hat die Daimler-Aktie auf ihrer "Conviction Buy List" belassen. Die Commerzbank bestätigte derweil ihre Kaufempfehlung für die VW-Titel mit einem Kursziel von 235 Euro. Die mögliche Holding-Lösung für die Lkw-Sparte könnte zu einer höheren Bewertung führen.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
47,37
Differenz relativ
-0,36%
BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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74,27
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+0,12%
Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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147,72
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-1,32%

Übernahmeangebot für DMG Mori Seki

Der MDax erreichte mit 18.322 Punkten ebenfalls ein neues Rekordhoch. Star des Tages war die Aktie von DMG Mori Seiki, die um fast 13 Prozent nach oben schoss. Der Werkzeugmaschinenbauer DMG Mori Seiki und sein gleichnamiger Partner aus Japan wollen fusionieren. Die asiatische Firma plane ein freiwilliges Übernahmeangebot und strebe eine Beteiligung an der früheren Gildemeister von mehr als 50 Prozent an, teilte DMG mit. Allen Aktionären werden demnach 27,50 Euro je Anteilsschein des MDax-Konzerns geboten, was einem Aufschlag von 7,5 Prozent im Vergleich zum Schlusskurs am Mittwoch entspricht. Einige Börsianer setzen auf eine Aufstockung der Offerte.

Analysten bewegen Kurse von Wacker Chemie und Krones

Ansonsten bewegten vor allem Analystenkommentare die Kurse in der zweiten Reihe. So stufte die Deutsche Bank die Titel von Wacker Chemie von "Hold" auf "Buy" hoch - bei einem Kursziel von 105 Euro. In diesem Jahr dürften die durchschnittlichen Verkaufspreise für Polysilizium stabil bleiben und die Nachfrage steigen. Die Wacker-Aktie zog um 5,6 Prozent an. Dagegen drückte die DZ Bank die Aktie von Krones ans MDax-Ende mit einem Minus von fünf Prozent. "Verkaufen, wenn es am schönsten ist", empfahl Analyst Markus Turnwald von der DZ Bank in seiner aktuellen Studie. Nach einem Kursanstieg von 30 Prozent seit Mitte Oktober hält er die Aktie des Herstellers von Getränkeabfüllanlagen nun für "sehr ambitioniert bewertet".

Deag kooperiert mit BMG

Die Deag Deutsche Entertainment AG hat einen Rahmenvertrag mit der Bertelsmann-Tochter BMG zur Vermarktung von Künstlern geschlossen. Die Firmen bündeln ihre Kompetenzen und bieten künftig die Planung, Finanzierung, Produktion und Promotion von Veröffentlichungen aus einer Hand an. Die Deag-Aktie legte leicht zu. Seit einem Jahr hat der Titel des Konzertveranstalters gut 50 Prozent zugelegt.

Xing kauft Internet-Jobportal

Xing: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
242,00
Differenz relativ
-1,22%

Am Abend nach Xetra-Schluss gab Xing den Kauf von Intelligence Competence Center für 6,3 Millionen Euro bekannt. Das Unternehmen betreibt die größte Job-Suchmaschine im deutschsprachigen Raum, Jobboerse.com. Xing schloss fast unverändert.

Gründer-Sohn soll Gerry Weber führen

Beim Modekonzern Gerry Weber übernimmt nun doch der Sohn von Foirmengründer Gerhard Weber das Ruder. Ralf Weber soll ab Ende Februar den Vorstandsvorsitz übernehmen, teilte der MDax-Konzern mit. David Frink gibt seinen Posten als Vorstandssprecher wieder ab. Die Aktie büßte knapp zwei Prozent ein.

Suzlon wird Senvion los

Der indische Windkraftanlagenkonzern Suzlon trennt sich von seiner deutschen Tochter Senvion. Für eine Milliarden Euro in bar soll die Investmentfirma Centerbridge Partners den Zuschlag für den ehemals unter dem Namen Repower bekannten Windanlagenbauer erhalten, wie Suzlon mitteilte. Die Inder sind wegen dem Nachfragerückgang bei Windturbinen und ihres Schuldenbergs unter Druck geraten. Die Suzlon-Aktien brachen um 20 Prozent ein.

Rémy Cointreau kommt langsam aus der Krise

Der Spirituosen-Hersteller Rémy Cointreau hat wegen anhaltender Probleme in China weniger umgesetzt. Die Erlöse fielen im abgelaufenen Quartal auf vergleichbarer Basis um ein Prozent auf gut 269 Millionen Euro. Damit schnitt der Cognac- und Rum-Anbieter aber deutlich besser als von Analysten erwartet ab.

Paypal gibt Ebay Auftrieb

An der Wall Street wurde am Donnerstag Ebay gefeiert. Die Aktie stieg um über sechs Prozent. Der Online-Händler hat dank des Bezahldiensts Paypal den Überschuss im vierten Quartal auf 936 Millionen Dollar gesteigert. Die Umsätze kletterten auf 4,92 Milliarden Dollar von 4,53 Milliarden Dollar. Paypal soll als eigenständiges Unternehmen in der zweiten Jahreshälfte 2015 an die Börse gebracht werden. Ebay will vor der Abspaltung 2.400 Stellen streichen.

Verizon und Amex enttäuschen

Auf der Verliererseite notierten dagegen Verizon und American Express. Der Telefonkonzern Verizon litt unter dem harten Preiskampf auf dem US-Mobilfunkmarfkt. Unterm Strich gabÄs einen Verlust von 2,23 Milliarden Dollar, was auch an einer Neubewertung von Pensionslasten lag. Um Sonderefekte bereinigt stieg der Gewinn weniger stark als erwartet. Auch American Express verdiente im vierten Quartal weniger als erhofft. Laut US-Medienberichten will der Kreditkarten-Anbieter mehr als 4.000 Jobs in diesem Jahr streichen.

Einmal Tele Columbus für zehn Euro

Am Freitag geht Tele Columbus als erstes Unternehmen in diesem Jahr an die Frankfurter Börse. Der drittgrößte deutsche Kabelnetzbetreiber hat seinen Ausgabepreis in der Mitte der Preisspanne von acht bis zwölf Euro je Aktie festgelegt. Mit zehn Euro je Papier sei das Angebot deutlich überzeichnet gewesen, teilte Tele Columbus mit.

nb

Tagestermine am Montag, 17. Dezember

Unternehmen:
Hennes & Mauritz: Q4-Umsatz, 08:00 Uhr

Konjunktur:
EU: Handelsbilanz 10/18, 10:00 Uhr
EU: Verbraucherpreise 11/18 (vorl.), 11:00 Uhr
USA: Empire-State-Index 12/18, 14:30 Uhr
USA: NAHB-Index 12/18, 16:00 Uhr