Börsen außer Rand und Band

Stand: 30.11.2011, 20:01 Uhr

Die Feuerwehr der Kapitalmärkte ist am Mittwoch ausgerückt. Die weltgrößten Notenbanken fluteten das Interbanken-System mit Geld und sorgten an den Börsen für ein Kursfeuerwerk. Der Dax sprang auf über 6.000 Punkte.

Es war ein echter Überraschungscoup, den die Notenbanken zur Mittagszeit präsentierten. Die US-Notenbank Fed, die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank of Canada, die Bank of England, die Bank of Japan und die Schweizer Nationalbank kündigten an, das globale Interbanken-System mit zusätzlicher Liquidität zu versorgen, um die Spannungen an den Märkten zu reduzieren.

Dollars für Europas Banken
Der Zinssatz für Dollar-Swaps werde ab dem 5. Dezember von 100 auf 50 Basispunkte gesenkt, teilten die Notenbanken mit. Damit soll ein möglicher Engpass bei den europäischen Banken verhindert werden. Zuletzt waren die Geldinstitute nur noch mit Mühe an Geld gekommen, wegen der großen Verunsicherung über die Schuldenkrise trauten sie sich kaum noch untereinander. Vor allem Dollars wurden für viele europäische Banken knapp.

Experten begrüßten den Schritt. "Der Markt mag Liquidität", meinte ein Händler. Die Maßnahme zeige, dass alle Beteiligten den Ernst der Lage erkannt hätten, sagte Helaba-Analyst Ralf Umlauf. "Die Geldpolitik greift der Weltkonjunktur unter die Arme." Allerdings müsse man abwarten, ob sich die Lage am angespannten Interbanken-Markt nun entspanne, relativierte ein Händler. "Dies ist nur ein Herumlaborieren am Symptom, fundamental ändert sich nichts", sagte er.

Dax überspringt 6.000 Punkte
Nachdem der Dax am Morgen noch wegen der enttäuschenden Ergebnisse auf dem EU-Finanzminister-Treffen auf Talfahrt war, sauste er am Nachmittag kräftig nach oben. Im Xetra-Handel schloss er fast fünf Prozent höher bei 6.088 Punkten und erreichte den höchsten Stand seit Mitte November. Im späten Parketthandel tat sich nicht mehr viel. Der L/E-Dax beendete den Tag beim Stand von 6.067 Punkten.

Rückenwind gab's von der Wall Street. Dow Jones zog um gut 3,5 Prozent an und näherte sich der Schwelle von 12.000 Punkten. Die Nasdaq stieg um drei Prozent auf knapp 2.600 Zähler.

Mehr neue Jobs in den USA
Positive Nachrichten kamen von der US-Konjunktur. Dort stieg die Zahl der Beschäftigten im Privatsektor deutlich stärker als erwartet - um 206.000. Volkswirte hatten lediglich mit einem Zuwachs von 130.000 gerechnet. Dagegen legte die US-Produktivität im dritten Quartal weniger stark zu als erhofft. Die Produktion je Arbeitsstunde stieg um 2,3 Prozent aufs Jahr hochgerechnet. Zuvor hatte das Arbeitsministerium die Wachstumsrate noch auf 3,1 Prozent geschätzt. Volkswirte hatten ein Plus von 2,6 Prozent vorhergesagt.

Beige Book: US-Wirtschaft auf Wachstumskurs
Die US-Wirtschaft sei zuletzt (von Oktober bis Mitte November) mit einem langsamen bis moderaten Tempo gewachsen, teilte die US-Notenbank Fed in ihrem am Abend veröffentlichten Beige Book mit. Die Lage am Arbeitsmarkt habe sich nicht grundlegend gebessert. Die Neueinstellungen erfolgten nur verhalten. Der private Konsum habe dagegen etwas zugelegt, hieß es im Beige Book. Der Konjunkturbericht der Fed bewegte die Wall Street kaum.

China lockert die Geldpolitik
Für Beruhigung hatte bereits am Vormittag China gesorgt. Das Reich der Mitte hatte überraschend eine geldpolitische Lockerung angekündigt. Als Reaktion auf die sich abzeichnende Konjunktureintrübung senkt die Notenbank erstmals seit drei Jahren den wichtigen Mindestreserve-Satz um 0,5 Punkte auf 21 Prozent.

Nur Gewinner im Dax
Im Dax legten alle Aktien zu, es gab keine Verlierer. Vor allem Industriewerte waren begehrt. Die Aktien von ThyssenKrupp kletterten um 7,5 Prozent nach oben und waren Dax-Spitzenreiter. Ähnlich stark legten die Papiere von HeidelbergCement, BASF und Bayer zu. Die Auto-Aktien stiegen um fünf bis sechs Prozent.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,35
Differenz relativ
+1,83%
Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
8,53
Differenz relativ
-0,35%

Finanzwerte erholen sich
Die Aktion der Notenbanken hievte die Bankenwerte nach oben. Die Papiere der Deutschen Bank schlossen sechs Prozent höher, die Aktien der Commerzbank stiegen den sechsten Tag in Folge und gewannen vier Prozent. Nach Einschätzung der Helaba haben die Währungshüter mit ihrer Aktion einer drohenden Bankenkrise vorgebeugt. Am Vormittag hatte die Ratingagentur S&P mit einer Reihe von Abstufungen die Bankenwerte belastet.

Telekom muss zittern
Selbst die T-Aktie konnte sich erholen und schloss vier Prozent höher. Dabei droht der Verkauf von T-Mobile USA zu platzen. Der US-Regulierer hat noch größere Bedenken gegen einen Verkauf der Telekom-Tochter T-Mobile USA an AT&T geäußert als bislang bekannt. So kamen die Experten der Telekommunikationsbehörde FCC zu dem Schluss, dass der Milliarden-Deal in so gut wie allen wichtigen US-Regionen den Wettbewerb verringern und damit höhere Preise für Verbraucher bedeuten könnte.

Beiersdorf verschärft Sparkurs
Um über drei Prozent ging es mit den Aktien von Beiersdorf nach oben. Der Nivea-Konzern streicht weltweit 1.000 von insgesamt 18.000 Jobs, davon 230 in Deutschland. 2012 sollen 25 Millionen Euro, 2013 gut 75 Millionen Euro und ab 2014 dann 90 Millionen Euro jährlich eingespart werden. Zunächst fallen jedoch Sonderkosten von 125 Millionen Euro sowie eine Abschreibungen von 140 Millionen Euro auf das Haarpflege-Geschäft in China an.

Salzgitter spart Steuern
Der zweitgrößte deutsche Stahlhersteller kündigte am Abend nach Xetra-Schluss eine Neuordnung seiner Konzernstruktur an. Durch Steuereinsparungen werde sich der Gewinn in diesem Jahr voraussichtlich um rund 100 Millionen Euro erhöhen. An der Prognose für das Vorsteuerergebnis (200 Millionen Euro) ändert sich nichts. Die im MDax notierten Salzgitter-Aktien schlossen sechs Prozent im Plus.

GSW-Aktionären winkt Dividende
Gut fünf Prozent legte die Aktie des Berliner Immobilienunternehmens GSW zu. Der Börsenneuling hat in den ersten neun Monaten sein Ergebnis auf 54,8 Millionen Euro mehr als verdoppelt. Die wichtige Kenngröße FFI I erreichte 40 Millionen Euro. Dank steigender Mieten und sinkender Leerstände ist GSW zuversichtlich, die angestrebte Spanne zwischen 54 und 59 Millionen Euro im Gesamtjahr zu erreichen. Auch das Dividendenversprechen soll eingelöst werden. Geplant ist die Zahlung einer Dividende von 90 Cent je Aktie. Nach dem Kauf von 4.800 Wohnungen in Berlin plant GSW vorerst keine weiteren Zukäufe und so auch keine Kapitalerhöhung.

Goldman stuft Wacker Chemie ab
Einziger MDax-Verlierer waren die Aktien von Wacker Chemie. Sie gaben 0,5 Prozent nach. Grund: Goldman Sachs hat die Titel um gleich mehrere Stufen von "Buy" auf "Conviction Sell" herabgestuft. Das Kursziel wurde drastisch von 100 auf 44 Euro gesenkt. Die Analysten von Goldman rechnen mit negativen Impulsen aus der Solarbranche und einem Rutsch der Silizium-Preise auf unter 20 Dollar je Kilogramm.

IVG-Kapitalerhöhung verstimmt Anleger
Zu den größten Kursverlierern des Tages gehörte die IVG Immobilien. Sie stürzte um über elf Prozent ab. Das Bonner Unternehmen will sein Grundkapital kräftig erhöhen. Deshalb plant das Bonner Unternehmen die Ausgabe von gut 69 Millionen neuen Inhaberaktien. Die neuen Aktien werden den bestehenden Aktionären durch ein mittelbares Bezugsrecht im Bezugsverhältnis von 2:1 angeboten, das heißt, dass zwei bestehende Aktien den Aktionär zum Bezug einer neuen Aktie berechtigen. Der Bezugspreis ist 2,10 Euro. Insgesamt will IVG damit 145 Millionen Euro einnehmen.

Große Nachfrage für Demag-Kräne
Demag Cranes hat sein Geschäftsjahr 2010/2011 (Ende September) mit einem kräftigen Auftrags- und Umsatzplus abgeschlossen. Die Bestellungen stiegen um mehr als ein Fünftel auf 1,12 Milliarden Euro, während der Umsatz um 14 Prozent auf 1,06 Milliarden Euro zulegte. Auch operativ (Ebit) verdiente der vom US-Baumaschinenkonzern Terex übernommene Kranbauer mit 75,7 Millionen Euro deutlich mehr als noch vor einem Jahr. Wegen Aufwendungen im Zusammenhang mit der Übernahme ging das Konzernergebnis allerdings um 75 Prozent auf 6,5 Millionen Euro zurück. Die Aktie schloss nahezu unverändert.

Solarfirmen droht neue Kürzungsrunde
Der TecDax legte knapp drei Prozent zu und überschritt die Marke von 700 Punkten. Zu den wenigen Verlierern zählte Q-Cells mit einem Minus von fast acht Prozent. Auch andere Solarwerte standen zeitweise kräftig unter Druck, erholten sich dann aber wieder. Möglicherweise droht eine weitere Kürzung der Solarförderung. In einem gemeinsamen Schreiben forderten die Fraktionschefs von CDU, CSU und FDP Umweltminister Norbert Röttgen auf, bis Januar Vorschläge für eine Reduzierung vorzulegen. Sollten die geforderten Einschnitte umgesetzt werden, fiele die deutsche Solarförderung um mehr als 70 Prozent, sagte ein Händler.

Ergebnisschub für G2 Energy
Die 2G Energy profitiert von der Energiewende in Deutschland. Dank der starken Nachfrage nach Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen stieg der Umsatz in den ersten neun Monaten um 69 Prozent auf 55,7 Millionen Euro. Das operative Ergebnis kletterte um über 90 Prozent auf 4,2 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr rechnet G2 Energy mit einer Steigerung des Umsatzes auf 155 Millionen Euro und des Ebit auf 9,2 Millionen Euro. Die Aktie schloss leichthöher. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs verdoppelt.

Gewinndelle bei Strabag
Die Aktien des österreichischen Baukonzerns zählten zeitweise zu den großen Verlierern im österreichischen Leitindex ATX, drehten dann aber ins Plus. In den Tagen zuvor hatten sie gut sechs Prozent zugelegt. Bei den vorgelegten Quartalszahlen fiel das operative Ergebnis enttäuschend aus. Das Ebit schrumpfte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um sechs Prozent auf 191 Millionen Euro. Analysten hatten deutlich mehr erwartet.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr