Börse wird wieder unruhiger

Detlev Landmesser

Stand: 22.10.2008, 20:22 Uhr

Von Bodenbildung keine Spur: Am Mittwoch gingen die Weltbörsen wieder in den Sinkflug über. Wieder machten schwere Rezessionssorgen den Märkten zu schaffen.

Das Unheil hatte in Asien begonnen, wo der japanische Nikkei-Index um 6,8 Prozent auf 8.674 Punkte eingebrochen war. Der Autokonzern Toyota rechnet nach Medienberichten für dieses Jahr mit dem ersten Absatzrückgang seit etwa einem Jahrzehnt.

Im Verlauf bröckelten die Kurse fast kontinuierlich ab. Den Tiefststand erreichte der Xetra-Dax bei 4.535 Punkten. Der L-Dax schloss noch tiefer bei 4.527,45 Punkten.

An der Wall Street regierten im Zuge der Berichtssaison die üblichen Sorgen um die Unternehmensgewinne. So übertraf der Quartalsgewinn von Merck & Co zwar die Erwartungen, doch will das Pharma-Schwergewicht angesichts der trüben Aussichten 7.200 Stellen streichen. Noch schlechter ergeht der Aktie der vor ihrer rettenden Übernahme stehenden US-Großbank Wachovia. Diese hat im dritten Quartal einen Rekordverlust von fast 24 Milliarden Dollar erlitten. Die einst viertgrößte US-Bank wird von dem Wettbewerber Wells Fargo übernommen. Auch Boeing verfehlte die Erwartungen.

Dagegen kamen die Zahlen von McDonald's gut an. Die weltgrößte Schnellrestaurantkette hat im dritten Quartal einen kräftigen Gewinn- und Umsatzschub erzielt. Je Aktie ergab sich ein Gewinn von 1,05 Dollar, was über den Erwartungen lag. Auch der Quartalsausweis des Telefonriesen AT&T wurde vergleichsweise wohlwollend aufgenommen.

Euro und Ölpreis schwach

Die Flucht in den Dollar hielt unterdessen an. Der Euro verlor gegenüber der US-Währung weiter an Boden und kostete zeitweise weniger als 1,28 Dollar. Das war der tiefste Stand seit fast drei Jahren. Grund für den Euro-Verfall sei, dass viele US-Investoren ihr Geld repatriierten, sagte Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter. Zudem seien viele Investoren überrascht, dass sich das Wachstum in der Eurozone so schnell abkühle. Die Konjunkturerwartungen beschleunigten auch die Talfahrt des Ölpreises. Mit rund 67,50 Dollar kostete US-Leichtöl der Sorte WTI am Abend so wenig wie seit Juni 2007 nicht mehr.

Der starke Verfall der Europawährung hat für die taumelnden Unternehmen aber ein Gutes. Er macht die Exporte aus der Eurozone wettbewerbsfähiger und bremst so den Abschwung.

Rettungspaket nur von Landesbanken genutzt?
Schwächster Dax-Titel war die Krisenbank Hypo Real Estate, gefolgt vom Einzelhandelsriesen Metro. Nach der BayernLB, die weiter um ein Überlebenskonzept ringt, hat nun auch die WestLB ein Interesse an den staatlichen Milliarden angemeldet. Unterdessen forderte Hans-Werner Sinn, der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, die Privatisierung der öffentlich-rechtlichen Banken: "Die Zeit der Landesbanken hat sich überlebt, sie sollten privatisiert werden." Seit dem Wegfall der staatlichen Gewährträgerhaftung hätten die Landesbanken kein funktionsfähiges Geschäftsmodell mehr. Sie seien kein Hort der Stabilität.

VW-Aktie wieder eigensinnig
Die VW-Aktie führte einmal mehr ein Eigenleben und stieg gegen den Markttrend - trotz negativer Unternehmensaussagen. "Bereits am Dienstag hat sich die Marke von 240 Euro als stark erwiesen und hier kam wieder ein größerer Käufer in den Markt", sagte ein Marktbeobachter. Nach Medienberichten rechnet Volkswagen-Chef Martin Winterkorn 2009 mit einem "extrem schwierigen" Automarkt. Dies sei ganz klar eine Gewinnwarnung oder zumindest ein Hinweis darauf, sagte ein Händler.

Tuifly und Germanwings bleiben getrennt
Einen Tag nach einem entsprechenden Zeitungsbericht kommt die Bestätigung: Der Der Tui-Konzern arbeitet nicht mehr an einem Zusammenschluss zwischen seiner Fluggesellschaft Tuifly und der Lufthansa-Tochter Germanwings. "Wir führen keine Gespräche mehr", sagte ein Tui-Sprecher. Der Konzern arbeite aber weiter an Alternativen für Tuifly. Gespräche über eine Fusion mit Air Berlin wollte der Sprecher nicht bestätigen.

Aua, AUA!
Für die Hängepartie um den Verkauf des 42,75-prozentigen österreichischen Staatsanteils an der Austrian Airlines (AUA) gibt es ebenfalls noch keine Lösung. Von den drei verbliebenen Bietern dürfte laut Angaben aus mit der Transaktion vertrauten Kreisen aber nur die Deutsche Lufthansa ein der Ausschreibung konformes Angebot vorgelegt haben. Air France-KLM hatte gestern die Reißleine gezogen. Die Unsicherheit ließ die AUA-Aktie in Wien zeitweise um mehr als 38 Prozent abstürzen.

Kein Tag für erneuerbare Energien
Im TecDax hatte die Aktie von Nordex am schwersten zu leiden. Deren Kurs brach um 16,5 Prozent ein, nachdem der Konkurrent Gamesa einen Produktionsstopp angekündigt hatte. Außerdem habe der spanische Windanlagenbauer konkrete strategische Ziele vermissen lassen, sagten Händler. Zudem lasse der schwache Ölpreis den Ausbau regenerativer Energien weniger lukrativ erscheinen. Auch Solartitel wie Centrotherm und Roth & Rau verloren im TecDax überdurchschnittlich. Der Schweizer Hightech-Konzern OC Oerlikon hat im dritten Quartal die Erwartungen der Analystenerwartungen verfehlt und rechnet zudem mit einem Verlust im laufenden Jahr. Das wirke sich nun auch auf die deutschen Branchenkollegen aus, sagte ein Marktteilnehmer.

Hiobsbotschaft von Süss
Um fast ein Drittel brach die Aktie von Süss MicroTec ein. Der Chipausrüster meldete für das dritte Quartal Sonderbelastungen in Höhe von 18,3 Millionen Euro. Die Jahresprognose ist daher hinfällig. Außerdem hat ein Bankenkonsortium eine Kreditlinie für Süss nicht verlängert. Dennoch bleibt das Unternehmen optimistisch: "Die derzeitige Liquiditätsausstattung des Unternehmens ist in jedem Fall geeignet, alle operativen Erfordernisse vollumfänglich abzudecken", teilte Süss mit.

Rückschlag für Tipp24
Der Internet-Lottoanbieter Tipp24 ist mit einem Vorstoß gegen das deutsche Glücksspielrecht beim Bundesverfassungsgericht gescheitert. Das Gericht habe eine Verfassungsbeschwerde von Tipp24 nicht angenommen, teilte das Unternehmen am Nachmittag mit. Die Beschwerde hatte sich unter anderem gegen das Verbot der Vermittlung von Lotterien im Internet ab Januar 2009 gerichtet.

Tagestermine am Dienstag, 20. November

Unternehmen:
Dermapharm: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Westwing: Q3-Zahlen, 7.30 Uhr
Easyjet: Jahreszahlen, 8 Uhr
Porsche Automobil Holding: Q3-Zahlen
The Gap: Q3-Zahlen
BASF: Pressekonferenz zu aktuellen Entwicklungen

Konjunktur:
Deutschland: Erzeugerpreise gewerbliche Produkte, 8 Uhr
Deutschland: Baugenehmigungen, 8 Uhr
USA: Baubeginne, -genehmigungen, 14.30 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"