Börse wird staatsgläubig

Detlev Landmesser

Stand: 08.12.2008, 20:25 Uhr

Mit dem fünftgrößten Tagesgewinn seiner Geschichte machte der Dax die Verluste der Vorwoche wieder wett. Wieder gab die Hoffnung auf staatliche Hilfen den Ausschlag.

Der L-Dax beendete den Tag bei 4.672,86 Punkten, nachdem der Xetra-Dax 7,6 Prozent über dem Vortag bei 4.715,88 Punkten geschlossen hatte. Vier der fünf größten Tagesgewinne erzielte der Dax übrigens in diesem Jahr. "Wir kennen hier nur noch Extreme", kommentierte ein Händler.

Haupttreiber ist die Hoffnung auf eine Rettung der taumelnden US-Autoindustrie, die bei den Schwergewichten General Motors und Ford zu zweistelligen Aufschlägen führte.

Entsprechend rückten die US-Börsen am Montag weiter vor, woran auch die Gewinnwarnung des Mischkonzerns 3M nichts änderte. Erfreut wurde der Umsatzsprung von McDonald's von 7,7 Prozent im November aufgenommen, was der Fast-Food-Konzern damit begründete, dass Konsumenten wegen der Wirtschaftskrise eher in billige Restaurants gingen. Bei der McDonald's-Aktie, die sich in den vergangenen Monaten hervorragend schlug, setzten allerdings Gewinnmitnahmen ein.

Warten auf das US-Autopaket

Die US-Autobauer sollen unter strengen Auflagen eine staatliche Überbrückungs-Hilfe von 15 Milliarden Dollar erhalten. Das zeichnet sich bei den Verhandlungen zwischen dem Weißen Haus und dem Kongress ab. Ein Durchbruch sei noch im Laufe des Tages möglich, hieß es aus dem US-Präsidialamt. Deswegen legten auch in Europa die Autotitel kräftig zu. Daimler-Papiere verteuerten sich um fast zehn, BMW-Aktien um 5,6 Prozent. Ende des Jahres will BMW in Deutschland trotz der Absatzkrise annähernd so viele Autos verkauft haben wie 2007.

"Die Erleichterung ist groß, dass die US-Autobauer zumindest kurzfristig doch nicht Pleite gehen werden", sagte ein Händler. "Aber trauen kann man den Kursanstiegen nicht, die Probleme der Autobauer sind ja nicht gelöst".

Kräftig erholt zeigt sich auch die Allianz-Aktie, die mit ihrem Plus 12,6 Prozent dem Dax alleine 42 Indexpunkte bescherte.

Deutsche Produktion schrumpft
Dabei kamen auch von der deutschen Konjunktur neue Rezessionssignale. Die Erzeugung im produzierenden Gewerbe hat sich im Oktober erneut deutlich abgeschwächt. Mit minus 2,1 Prozent zum Vormonat fiel die Produktion stärker als erwartet. Volkswirte hatten lediglich einen Produktionsrückgang um 1,5 Prozent prognostiziert.

Postbank dementiert Gerüchte
Gegen den Trend stand die Aktie der Postbank unter Druck. Händler verwiesen auf Gerüchte, dass die Bank wegen Immobiliengeschäften den staatlichen Rettungsschirm mit 30 bis 35 Milliarden Euro in Anspruch nehmen könnte. Die Postbank sah sich am Vormittag genötigt, diese Gerüchte zu dementieren, worauf die Aktie ihre Kursverluste leicht abbaute.

Infineon setzt Talfahrt fort
Völlig unberührt von der Rally zeigte sich auch die Infineon-Aktie, die nach negativen Analystenkommentaren um bis zu elf Prozent auf ein neues Rekordtief von 0,84 Euro abstürzte. Seit Jahresbeginn hat der Dax-Titel 89 Prozent oder 5,4 Milliarden Euro an Börsenwert eingebüßt.

Börse hat neuen Oberaufseher
Am Abend gab die Deutsche Börse das Ergebnis ihrer Aufsichtsratssitzung bekannt. Neuer Chef des Gremiums wird der ehemalige DaimlerChrysler-Finanzchef Manfred Gentz. Der 66-Jährige werde das Amt bis zur Hauptversammlung am 20. Mai 2009 übernehmen, teilte die Börse mit. Die Wahl war notwendig geworden, nachdem der derzeitige Vorsitzende Kurt Viermetz im Oktober auf Druck von zwei Großaktionären seinen vorzeitigen Rücktritt angekündigt hatte. Wenig später teilte der Börsenbetreiber zudem mit, dass er 2009 mit sinkenden Gesamtkosten rechne. Das Kostenziel für das kommende Jahr betrage 1,280 Milliarden Euro, nach 1,315 Milliarden für 2008.

BASF kauft norwegische Ölgesellschaft
Die BASF-Aktie legte um zehn Prozent zu. Die Öl-und Gastochter Wintershall kann die norwegische Ölfirma Revus Energy übernehmen. Zum Ende der Annahmefrist seien BASF mehr als 95 Prozent der Revus-Aktien angedient worden, teilte der Dax-Konzern mit. Wintershall will Revus für umgerechnet 650 Millionen Euro übernehmen und sein Ölfördergeschäft in der Nordsee ausbauen.

Hoffnung für Bayer
Auch die Bayer-Aktie lag gut im Rennen. Der Pharmakonzern hat nach eigenen Angaben weitere Fortschritte mit seinem Gerinnungshemmer Xarelto erzielt. Das Mittel habe in mittlerweile vier großen klinischen Studien mit mehr als 12.500 Patienten positive Resultate ergeben. Demnach verhindere Xarelto Thrombosen deutlich effektiver als heutige Standardmedikamente. Xarelto ist neben dem Krebsmittel Nexavar Bayers größter Hoffnungsträger.

Post will Dividende stabil halten
Die Deutsche Post will in diesem Jahr trotz der Milliardenverluste im US-Geschäft ihre Dividende unverändert lassen. "Ich sehe derzeit keinen Grund, warum wir das nicht wieder so machen könnten", sagte Post- Finanzvorstand John Allan in einem Zeitungsinterview. Er sagte aber auch, dass die Post massiv sparen müsse. Entlassungen werde es in Deutschland nicht geben, so Allen. Man müsse aber nicht jede Stelle neu besetzen.

Was hat Murdoch mit Premiere vor?
Die Premiere-Aktie stand zeitweise stark unter Druck. Der Großaktionär Rupert Murdoch will dem Bezahlsender laut dem "Spiegel" über eine Kapitalerhöhung frisches Geld zukommen lassen. Zugleich aber wolle sich Murdoch von der Verpflichtung befreien lassen, ein Angebot für Premiere vorzulegen. Nach deutschem Aktienrecht wäre ein solches Pflichtangebot notwendig, wenn der Anteil Murdochs an Premiere 30 Prozent erreichen würde.

Solar und Wind wieder gefragt
Im TecDax gehörten die Aktien der Hersteller von Solar- und Windkraftanlagen zu den größten Gewinnern. Die Aktien von Q-Cells, Solarworld, Nordex und Co. waren in der vergangenen Woche kräftig verkauft worden, heute vermuteten die Anleger hier Schnäppchen. Q-Cells-Papiere beispielsweise legten um mehr als zwölf Prozent zu.

Colonia konzentriert sich
Die meisten Immobilientitel im SDax zeigten sich erholt. Am stärksten ging es mit Colonia Real Estate nach oben. Die tief in die Verlustzone geratene Immobilienfirma hat sich im Zuge ihres Sparprogramms von weiteren Randgeschäften getrennt. Die 56-Prozent-Beteiligung an Colonia Fonds Management und der 20-Prozent-Anteil an der SolarRe AG gingen an deren Management. Zudem wurden sieben Tochtergesellschaften verschmolzen, teilte Colonia am Vormittag mit. Jährlich könnten so gut 1,2 Millionen Euro gespart werden. Der Vorstand rechnet für 2008 mit einem Verlust von 55 bis 60 Millionen Euro.

Air Berlin hält sich gut
Die Aktie von Air Berlin gewann 6,3 Prozent. Die Fluggesellschaft aus dem SDax hat im November zwar weniger Passagiere befördert. Die Passagierzahl ging um 5,5 Prozent auf 1,94 Millionen zurück. Allerdings stieg die Auslastung leicht auf 72,6 Prozent. In den ersten elf Monaten des Jahres verzeichnete Air Berlin noch eine leichte Zunahme des Passagieraufkommens von 1,5 Prozent auf 26,75 Millionen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 18. Juli

Unternehmen:
NovartisVW: Q2-Zahlen, 6:45 Uhr
Cassiopea: Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Software: Q2-Zahlen, 7 Uhr
ASML: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Akzo Nobel: Q2-Zahlen, 7:30 Uhr
Ericsson: Q2-Zahlen, 8 Uhr
Easyjet: Q3-Zahlen, 8 Uhr
Morgan Stanley: Q2-Zahlen, 13 Uhr
Abott Laboratories: Q2-Zahlen, 13:45 Uhr
American Express: Q2-Zahlen, 22 Uhr
Alcoa: Q2-Zahlen, 22:05 Uhr
Ebay: Q2-Zahlen, 22:15 Uhr
IBM: Q2-Zahlen, 22:30 Uhr

Konjunktur:
EU: Verbraucherpreise (endgültig), 06/18, 11 Uhr
USA: Baubeginne- und genehmigungen 06/18, 14:30 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung im Juni, 15:15 Uhr
USA: NAHB-Index Juli, 16:00 Uhr
USA: Rede von Fed-Chef Powell vor dem Bankenausschuss des Senats, 16:00 Uhr