Börse spielt Jo-Jo

Detlev Landmesser

Stand: 13.12.2007, 20:17 Uhr

Allzu ernst darf man die Börsentendenz derzeit nicht nehmen. Je nachdem, ob Saisonalität und Zinshoffnungen oder Krisensorgen überwiegen, schaukeln die Kurse nach oben oder unten. Am Donnerstag überwogen wieder die Sorgen.

Nachdem der Dax in mehreren Anläufen an der gerade verlorenen 8.000er-Marke gescheitert war, resignierten die Anleger am Nachmittag und verkauften. Der L-Dax ging 1,55 Prozent tiefer bei 7.929,55 Punkten aus dem Handel. Damit vollzog er die Kapriolen an der Wall Street nach, wo die Kurse im Verlauf abbröckelten.

Die Freude über die Liquiditätshilfen der führenden Notenbanken war damit schnell verpufft. "Mit dem Maßnahmenpaket werden nur die Symptome, aber nicht das eigentliche Problem gelöst", kommentierte Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank. "Das eigentliche Problem ist die Vertrauenskrise, und die löst man nocht durch Liquidität."

Dazu kommen die Sorgen um die aufflammende Inflation, die weitere geldpolitische Lockerungen schwieriger macht. Diese Sorge wurde von US-Erzeugerpreisen für November bestärkt: Mit 3,2 Prozent stiegen sie gegenüber dem Oktober deutlich stärker als von Volkswirten erwartet, die nur mit einer Monatsrate von 1,5 Prozent gerechnet hatten.

Gleichzeitig ist aber der US-Einzelhandel überraschend gut ins Weihnachtsgeschäft gestartet. Im November stieg der Einzelhandelsumsatz im Vergleich zum Oktober um unerwartet deutliche 1,2 Prozent. Analysten hatten im Schnitt nur einen halb so starken Anstieg erwartet.

Auch die Zahlen von Lehman Brothers wirkten eher beruhigend. Die US-Investmentbank hat im vierten Quartal die Belastungen aus der Subprime-Krise begrenzt und dank eines starken Investmentbankings einen geringeren Gewinnrückgang verbucht als erwartet.

Murdoch bei Dow Jones am Ziel

Unterdessen ist die Milliardenübernahme des US-Medienkonzerns Dow Jones durch den Print- und TV-Mogul Rupert Murdoch ist perfekt. Die Dow Jones-Aktionäre segneten den Kauf für mehr als fünf Milliarden Dollar am Donnerstag in New York mit deutlicher Mehrheit ab.

BASF setzt auf Asien-Geschäft
Zwar lag die BASF-Aktie nur 0,39 Prozent im Plus, schaffte es damit aber ganz oben aufs Treppchen der Dax-Gewinner. Der weltgrößte Chemiekonzern bleibt trotz der zu erwartenden Wachstumsabschwächung in den USA optimistisch für das kommende Jahr. Die Entwicklung in Asien sei so stark, dass die Abschwächung in den USA aufgefangen werde, sagte Konzernchef Jürgen Hambrecht.

Ein guter Tag für Merck
Neben BASF hielt sich im Dax allein die Aktie von Merck im Plus. Der Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzern kommt bei der Entwicklung von Atacicept voran, das zur Behandlung von Nierenentzündungen eingesetzt werden soll. Gemeinsam mit dem US-Partner ZymoGenetics startete Merck die klinische Studie der Phase II/III. Analyst Carsten Kunold von Merck Finck & Co. sagte dazu allerdings: "Die Patientenbasis ist recht gering und wir sehen nur wenig Umsatzpotenzial hier."

Am Abend gab zudem die US-Gesundheitsbehörde FDA bekannt, sie habe das Stoffwechsel-Medikament Kuvan der Merck KGaA für den US-Markt zugelassen. Es sei das erste zugelassene Mittel für Patienten, die unter der schweren erblichen Stoffwechselstörung Phenylketonurie (PKU) litten, teilte die FDA weiter mit. Merck hat Kuvan zusammen mit dem US-Partner Biomarin Pharmaceutical entwickelt.

Tui Travel erwartet Gewinnplus
Die Tui-Aktie bewegte sich etwa im Gleichklang mit dem Dax. Der deutsch-britische Reisekonzern Tui Travel, an dem Tui zu 51 Prozent beteiligt ist, pries bei Vorlage seiner Bilanz 2006/07 das am 1. Oktober angelaufene Geschäftsjahr. Wegen der guten Buchungszuwächse sei für 2007/08 mit einer deutlichen Gewinnsteigerung zu rechnen. Die an der Londoner Börse notierte Aktie steigt übrigens zum 24. Dezember in den Leitindex FTSE 100 auf.

Spekulationen um Premiere flammen auf
Neue Übernahmespekulationen spülten die Aktie von Premiere am Nachmittag an die MDax-Spitze. Es gebe erneut Spekulationen, Axel Springer wolle bei Premiere einsteigen, sagte ein Händler. Ein anderer verwies auf das ebenfalls schon etwas ältere Gerücht, dass Vivendi an einer Übernahme des Bezahlsenders interessiert sei.

Fraport in Frankfurt ganz fidel
Zu den MDax-Gewinnern gehörte auch Fraport. Die Verkehrszahlen für November deuten darauf hin, dass der Flughafenbetreiber in diesem Jahr voraussichtlich deutlicher wachsen wird als erwartet. Seit Jahresbeginn zählte Fraport am Frankfurter Flughafen bereits gut 50 Millionen Passagiere, 2,5 Prozent über der Vorjahreszahl und damit mehr als zu Jahresanfang erwartet. Im Oktober hatte das Unternehmen die Jahresprognose für seinen Heimatstandort bereits auf rund zwei Prozent Wachstum angehoben von einem Rekordjahr für den Frankfurter Flughafen gesprochen.

Lehman wirbelt Immobilientitel durch
Viel Bewegung gab es bei den gebeutelten Immobilienaktien. Im MDax fiel die Aktie von Gagfah auf, die sich zunächst an die Indexspitze setzte, dann aber deutlich zurückfiel. Das Unternehmen kam in einer Studie von Lehman Brothers zu deutschen Immobilienwerten gut weg. Die Analysten bewerten Gagfah mit "Overweight". Für IVG Immobilien hatte Lehman nur ein "Equal weight" übrig - die Aktie verlor über vier Prozent. Auch den Kurs des auf Einkaufszentren spezialisierten Unternehmens Deutsche Euroshop schickte Lehman Brothers abwärts. Das Anlageurteil lautete hier "Underweight". Im SDax verloren zudem Patrizia, Colonia Real Estate und Vivacon deutlich.

Freenet-Übernahme, Kapitel 377
Am Nachmittag kam wieder Bewegung in den unendlichen Übernahme-Poker um Freenet. Die beiden Interessenten Drillisch und United Internet meldeten, dass das von beiden zu gleichen Teilen gehaltene Gemeinschaftsunternehmen MSP inzwischen über 20,05 Prozent des Grundkapitals von Freenet verfüge. Davor hatte MSP zehn Prozent von Freenet kontrolliert, Drillisch besaß weitere gut vier Prozent, die nun ebenfalls in das Gemeinschaftsunternehmen eingebracht wurden. Drillisch sei dabei ein außerordentlicher Ertrag von rund 13,8 Millionen Euro entstanden.

Damit liefern sich Drillisch und United Internet ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der Beteiligungsgesellschaft Vatas, die ihren Freenet-Anteil bereits Ende November auf 22,1 Prozent aufgestockt hatte. Drillisch hatte zuletzt erklärt, keinen Gebrauch von seiner Option zu machen, die Freenet-Anteile von Vatas zu erwerben.

Biogen lastet auf Biotechs
Der schwere Rücksetzer bei Biogen Idec zog auch die im TecDax notierten Biotech-Titel in Mitleidenschaft - unter anderem BB Biotech, das an dem US-Biotech-Riesen direkt beteiligt ist. Biogen hatte am Mittwochabend gemeldet, keine Gebote für seinen geplanten Selbstverkauf erhalten zu haben. Das auf 25 bis 30 Milliarden Dollar taxierte Unternehmen brach daraufhin um rund 30 Prozent ein. Offenbar hatte der in den vergangenen Wochen kräftig gestiegene Aktienkurs potenzielle Kaufinteressenten abgeschreckt.

Conergy weiter im Abseits
Am TecDax-Ende fand sich erneut die Conergy-Aktie - obwohl sich Großaktionär Otto Happel überzeugt gab, dass das angeschlagene Solarunternehmen bereits im nächsten Jahr die Ertragswende erreichen werde. An der Börse wurde allerdings über eine nötige neue Kapitalspritze für Conergy spekuliert. Darüber hinaus senkte die Citigroup ihr Kursziel für die Aktie von 28 auf 18 Euro. Die Commerzbank stellte das Kursziel und die Gewinnschätzungen für Conergy unter Beobachtung, die Titel werden ebenfalls mit "Sell" bewertet.

Auch andere Solarunternehmen machten von sich Reden. Aleo Solar meldete für 2008 feste Aufträge in Deutschland über mehr als 25 Millionen Euro. Bei der Aktie zeigte sich allerdings wenig Reaktion. Auch bei Solar Millennium half die Bilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr 2006/07 der Aktie wenig. Dabei setzte das Unternehmen mit rund 31,1 Millionen Euro etwa 75 Prozent mehr um als im Vorjahr. Der Konzerngewinn legte um 17 Prozent auf rund 11,8 Millionen Euro zu.

Niederländer halten ein Viertel von Thielert
Die niederländische Fondsgesellschaft Global Opportunities hat ihre Beteiligung an dem Flugzeugmotorenhersteller Thielert auf eine Sperrminorität erhöht. Der in Amsterdam ansässige Fonds halte inzwischen 25,32 Prozent, teilte das SDax-Unternehmen mit. Bislang hatte deren Anteil bei knapp 21 Prozent gelegen. Knapp 14 Prozent der Thielert-Anteile liegen weiterhin im Besitz von Vorstandschef Frank Thielert. Der Rest der Aktien ist breit gestreut.

Wilex kräftig erholt
Um mehr als ein Drittel erholte sich die Aktie von Wilex. Das Biotechunternehmen meldete einen positives Zwischenergebnis der Phase-III-Studie für den Krebsmittelkandidaten Rencarex. Die Studie werde "wahrscheinlich ein signifikantes Ergebnis liefern".

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Freitag, 20. Juli

Unternehmen:
Faurecia: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Hermès: Q2 Umsatz, 07:00 Uhr
Rémy Cointreau: Q4-Zahlen
Thales: Q1 Umsatz, 07:30 Uhr
Stanley Black & Decker: Q2-Zahlen, 12:00 Uhr
General Electric: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Schlumberger: Q2-Zahlen, 13:00 Uhr
Honeywell: Q2-Zahlen, 14:30 Uhr

Konjunktur:
Japan: Verbraucherpreise für Juni, 01:30 Uhr
Deutschland: Juli-Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Deutschland: Erzeugerpreise im Juni, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Euro-Zone im Mai, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Farnborough: Fortsetzung der Internationalen Messe für die Luft- und Raumfahrt (bis 22. Juli)