Börse spielt "heile Welt"

Detlev Landmesser

Stand: 24.04.2009, 20:32 Uhr

Mit einem blitzsauberen Kursanstieg machte der Dax am Freitag die Verluste vom Wochenbeginn vollends wieder wett. Der Konjunkturabschwung bremst ab, so die herrschende Meinung.

Der L-Dax ging mit 4.669,80 Punkten ins Wochenende. Einen wichtigen Impuls lieferte der Ifo-Geschäftsklimaindex, der mit 83,7 Punkten unerwartet deutlich stieg. Ihre aktuelle Lage beurteilten die befragten Manager erstmals seit Oktober 2008 wieder besser. Die Erwartungskomponente des Indikators verbesserte sich dagegen zum vierten Mal in Folge. "Erwartungen sind berechtigt, dass die wirtschaftliche Talsohle allmählich erreicht wird", folgerten die Experten der Helaba. "Von einer Trendwende kann allerdings erst dann gesprochen werden, wenn der Gesamtindex drei Mal in Folge gestiegen ist".

Ähnliche Zuversicht lösten die US-Daten des Tages aus. Der Auftragseingang langlebiger Wirtschaftsgüter im März deutet mit einem Minus von 0,8 Prozent zwar nicht auf ein Ende des Abschwungs hin, lag aber oberhalb der erwarteten minus 1,5 Prozent. Mit 356.000 lag zudem die Zahl der Verkäufe neuer Häuser im März deutlich höher als erwartet.

Öl und Gold über runden Marken

Die neuen Konjunkturhoffnungen trieben den richtungsweisenden US-Ölpreis wieder knapp über die Marke von 50 Dollar pro Barrel. Bereits am Donnerstag hatte auch der Goldpreis mit 900 Dollar pro Feinunze eine runde Marke genommen. Am Freitag überraschte die chinesische Devisenbehörde die Märkte mit der Mitteilung, dass ihre Goldbestände seit 2003 von 600 auf über 1.000 Tonnen angewachsen seien. Das entspricht einem Marktwert von rund 31 Milliarden Dollar. Damit wäre China der fünftgrößte Goldbesitzer der Welt.

Gigantischer Ford-Verlust wird - gefeiert!
Die Wall Street feierte zudem die Quartalszahlen von Ford und anderen Großkonzernen. Mit 1,43 Milliarden Dollar machte der Ford im ersten Quartal deutlich weniger Verlust als befürchtet, was die Aktie um über 16 Prozent steigen ließ.

Auch der Kreditkartenriese American Express sowie der Softwareprimus Microsoft verbuchten weniger dramatische Gewinneinbrüche als befürchtet, während Amazon.com zum Jahresauftakt sogar Gewinn und Umsatz steigern konnte.

Chrysler bald am Ende?
Aus der Autobranche kamen aber auch krisenhafte Neuigkeiten. So lieferte der schwedische Lkw-Bauer Volvo äußerst enttäuschende Quartalszahlen. Von Chrysler berichteten US-Medien, dass der Autoriese nächste Woche in die Insolvenz gehen wird. Zwar hält Daimler noch knapp 20 Prozent an dem einstigen Konzernpartner, hat die Beteiligung aber bereits gänzlich abgeschrieben. Und während in Deutschland die Spekulationen über die Zukunft von Opel ins Kraut schießen, legt Mutterkonzern General Motors in den USA vorübergehend 13 Werke still. Die US-Regierung hat GM derweil weitere zwei von insgesamt zugesagten fünf Milliarden Dollar zugesteckt.

Hat auch die BaFin einen "Stresstest" gemacht?
Wenn man der "Süddeutschen Zeitung" glaubt, trifft die Finanzkrise die deutschen Banken noch deutlich stärker als bisher bekannt. Laut einer internen Aufstellung der Finanzaufsicht BaFin summierten sich die faulen Kredite und Wertpapiere auf 812 Milliarden Euro. Am stärksten betroffen sei neben der Hypo Real Estate und mehreren Landesbanken auch die Commerzbank, deren problematische Assets 101 Milliarden Euro betrügen. Der Vorabbericht der Zeitung aus ihrer Samstagausgabe hatte allerdings wenig Folgen am Markt. Die 17 aufgeführten Banken hätten die Zahlen überwiegend als irreführend zurückgewiesen, so die Zeitung,

Eon plötzlich wieder gefragt
Den Dax führte die Eon-Aktie mit einem für Versorgertitel außergewöhnlichen Plus von 6,3 Prozent an. "Die Versorger haben einigen Nachholbedarf", meinte ein Händler. "Vor allem britische Adressen sind hier engagiert." Das Papier hatte seit Jahresbeginn rund 21 Prozent und damit etwa vier Mal so viel wie der Dax eingebüßt. Unterstützung kam von den Quartalszahlen des italienischen Konkurrenten Eni.

Lufthansa will operativ im Plus bleiben
Gegen den Trend verlor die Lufthansa-Aktie leicht. Auf der Hauptversammlung des Dax-Konzerns schlug Konzernchef Wolfgang Mayrhuber vorsichtige Töne an. Der Nachfrageeinbruch im Passagier- und Frachtgeschäft werde 2009 erheblich auf den Gewinn drücken. Dennoch wolle die größte deutsche Fluggesellschaft "ganz klar ein deutlich positives operatives Ergebnis abliefern", sagte der Manager.

Staat schnappt sich HRE per Kapitalerhöhung
Um sich die erstrebten 90 Prozent an der schwer angeschlagenen Immobilienbank Hypo Real Estate zu sichern, zieht die Bundesregierung alle Register. Neben dem laufenden Übernahmeangebot von 1,39 Euro pro Aktie ist nun auch eine Kapitalerhöhung geplant. Der HRE sollen dadurch weitere 5,64 Milliarden Euro zufließen. Bisher belaufen sich die finanziellen Hilfen auf 102 Milliarden Euro.

Conti obenauf
Die Continental-Aktie setzte ihre Rally an der MDax-Spitze fort. Auch am Freitag wurde über eine Neuaufstellung der Conti-Schaeffler-Gruppe unter Führung des Reifenherstellers spekuliert.

Staatsbürgschaft für Heideldruck?
Zu den vielen starken Gewinnern im MDax gehörte auch Heidelberger Druck. Der Branchenführer wollte Berichte über einen Bürgschaftsantrag nicht kommentieren. Der "Mannheimer Morgen" hatte berichtet, Heidelberger Druck habe eine staatliche Bürgschaft über 500 Millionen Euro aus dem Konjunkturprogramm II des Bundes beantragt.

UBS mag SMA
Im TecDax tat sich SMA Solar mit einem Plus von zehn Prozent hervor. Die Analysten der UBS den Solartitel mit einem Kursziel von 48 Euro zum Kauf.

Comdirect-Gewinn fast halbiert
Der im SDax notierte Onlinebroker Comdirect hat das erste Quartal mit einem Gewinnrückgang beendet. Die Commerzbank-Tochter meldete ein Vorsteuerergebnis von 15,7 Millionen Euro, nach 27,5 Millionen vor einem Jahr. Dennoch bezeichnete Vorstandschef Michael Mende den Jahresauftakt als gelungen. Während das Kundenvermögen "marktbedingt" um neun Prozent zurückging, erhöhte sich die Kundenzahl leicht auf etwa 1,37 Millionen.

Glückt die Escada-Rettung?
Die Escada-Aktie erholte sich deutlich. Der angeschlagene Modekonzern hat ein neues Rettungskonzept auf den Weg gebracht. 20 Millionen Euro sollen die Escada-Großaktionäre Wolfgang und Michael Herz zuschießen. Außerdem sollen Gläubiger auf einen "signifikanten" Teil ihrer Gelder verzichten.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"