Börse ringt um Orientierung

Detlev Landmesser

Stand: 07.08.2008, 20:30 Uhr

Ein Tag, der viele Marktbeobachter wieder ratlos zurückließ: Unter dem Eindruck höchst unterschiedlicher Nachrichten wechselte der Dax mehrfach sein Vorzeichen, ohne dass sich klare Signale ergaben.

Der L-Dax ging 0,1 Prozent tiefer mit 6.557,07 Punkten aus dem Handel. An der Wall Street überwogen bis zum Abend die Minuszeichen.

Am schwersten lastete die Aktie von Wal-Mart nach enttäuschenden Juli-Umsatzzahlen des weltgrößten Einzelhändlers auf dem Dow Jones. Die in diesem Jahr hervorragend gelaufene Aktie verlor in New York über fünf Prozent.

Die Citigroup war auch nicht eben gut aufgelegt. Die größte US-Bank muss von privaten und institutionellen Anlegern so genannte Auction Rate Securities im Volumen bis zu rund 20 Milliarden Dollar zurückkaufen - eine bislang beispiellose Verpflichtung. Der Markt für solche spezielle Anleihen war im Februar wegen der Finanzkrise zusammengebrochen.

Am Vormittag hatte der Dax noch 0,6 Prozent höher notiert. Die Daten zur deutschen Industrieproduktion ließen die Kurse dann wieder abbröckeln. Im zweiten Quartal ging die Produktion um 1,7 Prozent zurück. Deutsche-Bank-Chefökonom Norbert Walter geht davon aus, dass Deutschland im dritten Quartal in eine Rezession rutscht.

EZB rührt Zins nicht an

Trotz des wirtschaftlichen Abschwungs im Euro-Raum bleibt der Leitzins vorerst unverändert. Die Europäische Zentralbank (EZB) ließ diesen heute wie erwartet unangetastet bei 4,25 Prozent. Auf der nachfolgenden Pressekonferenz betonte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet besonders die Wachstumsrisiken, was den Euro weiter auf unter 1,5330 Dollar abrutschen ließ.

Auch der amerikanische Arbeitsmarkt hinterließ neue Bremsspuren. Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe stieg in der abgelaufenen Woche unerwartet um 7.000 auf 455.000, den höchsten Stand seit März 2002. Volkswirte hatten mit einem Rückgang gerechnet. Dagegen stieg die Zahl der noch nicht abgeschlossenen Hausverkäufe im Juni überraschend, was als leichtes Entspannungssignal für den US-Immobilienmarkt gewertet wurde.

Auch die Allianz rudert zurück
Beherrschendes Thema war die Gewinnwarnung des Münchener Finanzkonzerns Allianz, der wegen der Finanzkrise seine Ergebnisziele aufgegeben hat. Die Krise treffe den Konzern immer stärker, sagte Vorstandschef Michael Diekmann. "Wir erwarten auch für 2009 ein Anhalten dieser schwierigen Marktbedingungen, deshalb können wir das 2006 gesetzte Ziel einer durchschnittlichen operativen Ergebnissteigerung von zehn Prozent bis 2009 nicht aufrecht erhalten." Auch die Ergebnisse zum zweiten Quartal fielen ziemlich durchwachsen aus. Zeitweise brach das Dax-Schwergewicht um mehr als vier Prozent ein.

Die Telekom schrumpft
Die T-Aktie verlor 0,4 Prozent. Die Deutsche Telekom hat im zweiten Quartal beim bereinigten Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) einen leichten Rückgang um 1,1 Prozent auf 4,85 Milliarden Euro verbucht. Der Umsatz schrumpfte um 2,9 Prozent auf 15,13 Milliarden Euro. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt mit einem bereinigten Ebitda von 4,8 Milliarden Euro und einem Umsatz von 15,1 Milliarden Euro gerechnet.

Lufthansa in der Streik-Schleife
Die Lufthansa-Aktie litt unter dem neuerlichen Streik. Nur wenige Tage nach dem Streik-Ende beim Kabinen- und Bodenpersonal streiken nun die Piloten. Am Donnerstag fielen wegen des Arbeitskampfes bei der Regionalverkehrstochter CityLine 360 der rund 1.800 Flüge des Gesamtkonzerns aus, teilte die Lufthansa mit Die Pilotenvereinigung Cockpit (VC) hatte die 740 CityLine-Piloten zu einem 36-stündigen Ausstand bis Freitagmittag aufgerufen. Für den zweiten Streiktag rechnet die Lufthansa mit 140 weiteren Flugstreichungen.

Altana dampft Prognose ein
Der Spezialchemiekonzern Altana hat seine Prognose für das Gesamtjahr zurückgeschraubt. Das MDax-Unternehmen rechnet nun mit einem Umsatz von 1,41 bis 1,45 Milliarden Euro nach zuvor 1,42 bis 1,47 Milliarden Euro. Das Ebitda soll 260 bis 280 Millionen Euro erreichten. Zuvor hatte der Konzern 260 bis 290 Millionen Euro angepeilt. Das Halbjahresergebnis fiel etwas schwächer als von Experten erwartet aus.

Demag Cranes zuversichtlicher
Dagegen konnte Demag Cranes in seinem dritten Geschäftsquartal die Analystenerwartungen übertreffen. Der Umsatz kletterte um 11,6 Prozent auf 308 Millionen Euro. Das bereinigte Ebit erhöhte sich um 83 Prozent auf 38,7 Millionen Euro. Der Kranhersteller rechnet damit, die Gesamtjahresprognose für das bereinigte Ebit in Höhe von 125 Millionen Euro zu übertreffen.

Douglas ziemlich gemächlich
Der Handelskonzern Douglas hat dritten Quartal des Geschäftsjahres 2007/08 seinen Umatz um 0,7 Prozent auf 667,7 Millionen Euro verbessert. Das Vorsteuerergebnis ging im Vorjahresvergleich von 2,7 auf 0,2 Millionen Euro zurück.

Fraport besser als gedacht
An die MDax-Spitze setzte sich die Aktie von Fraport. Der Flughafenbetreiber hat im ersten Halbjahr sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um 6,5 Prozent auf 179,7 Millionen Euro gesteigert und damit besser als erwartet abgeschnitten. Der Umsatz verringerte sich wegen eines Sondereffekts um sieben Prozent auf 1,04 Milliarden Euro.

Gagfahs Gewinn deutlich bescheidener
Die Immobilienunternehmen Gagfah hat im zweiten Quartal einen massiven Rückgang der Ergebnisse verbucht. Der Gewinn lag bei 38 Millionen Euro nach 578 Millionen Euro im Vorjahr. Damals hatte eine Neubewertung des Immobilienbestands den Gewinn nach oben getrieben.

Hannover Rück und AMB mit Gewinneinbruch
Der weltweit viertgrößte Rückversicherer Hannover Rück hat im zweiten Quartal einen deutlichen Gewinnrückgang von 169,4 auf 100,8 Millionen Euro hinnehmen müssen. Analysten hatten mit deutlich mehr gerechnet. "Je länger die Turbulenzen auf den Aktienmärkten anhalten, desto schwieriger wird es, unser Jahresziel von fünf Euro je Aktie zu erreichen", sagte Konzernchef Wilhelm Zeller.

Auch der Versicherungskonzern AMB Generali litt unter der Krise und meldete für das erste Halbjahr einen Gewinneinbruch von 40 Prozent auf 134 Millionen Euro. Außerdem kassierte das MDax-Mitglied seine Gewinnprognose für das laufende Jahr.

Premiere von Schwarzsehern belastet
Der Bezahl-Fernsehsender Premiere hat im zweiten Quartal trotz eines Umsatzanstiegs um 19 Prozent auf 272,4 Millionen Euro einen größeren Verlust als im Vorjahr verbucht. Das Minus lag bei 37,8 Millionen Euro. Der Gewinn sei erneut durch Sicherheitslücken in der Verschlüsselung des Programms belastet worden, teilte das Unternehmen mit.

Rhön-Klinikum auf Kurs
Der Klinikbetreiber Rhön-Klinikum hat im ersten Halbjahr sein Ebit um 6,7 Prozent auf 86,2 Millionen Euro steigern können und damit etwas schwächer als erwartet. Der Umsatz erhöhte sich um 4,3 Prozent auf 1,05 Milliarden Euro.

Salzgitter stockt bei Affi auf
Am Nachmittag sprang die Aktie der Norddeutschen Affinerie zeitweise kräftig an. Der Stahlkonzern Salzgitter hat seinen Anteil an der Kupferhütte deutlich auf 10,8 Prozent erhöht. Mitte Juli betrug die Beteiligung noch 5,8 Prozent. Die Anteile hat Salzgitter von der Hansestadt Hamburg erworben.

Phoenix meldet Ergebnissprung
Am Nachmittag veröffentlichte Phoenix Solar erfreuliche Quartalszahlen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern sprang von 0,9 Millionen im Vorjahr auf 11,2 Millionen Euro, was über den Analystenerwartungen lag. Zudem schloss das TecDax-Unternehmen ein Übertreffen der bisherigen Jahresziele nicht aus.

Aixtron wieder gefragt
Um 4,2 Prozent rückte die Aktie von Aixtron vor. Der Halbleitermaschinenbauer hat im zweiten Quartal ein Umsatzplus von 45 Prozent auf 65,6 Millionen Euro verbucht. Das Ebit schnellte gar um 178 Prozent auf 8,9 Millionen Euro nach oben. Von Reuters befragte Analysten hatten mit einem Umsatz von 68 Millionen Euro und einem Ebit von acht Millionen Euro gerechnet.

Drägerwerk besser als gedacht
Der Medizin- und Sicherheitstechnik-Hersteller Drägerwerk hat im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres sein Ebit vor Sonderaufwendungen von 50,9 auf 58,9 verbessert. Damit schnitt das Unternehmen etwas besser als erwartet ab.

Freenet reißt die Latte
Der Mobilfunk- und DSL-Provider Freenet hat einen Rückgang beim Ebitda von 70,5 auf 53,7 Millionen Euro hinnehmen müssen. Der Umsatz sackte von 467 auf 435 Millionen Euro ab. Analysten hatten mit deutlich mehr gerechnet. Allerdings hatte Freenet bereits über den schwachen Geschäftsverlauf im April und Mai berichtet. Mit der morgigen Hauptversammlung will Freenet-Chef Eckard Spoerr das Kriegsbeil mit seinen Widersachern begraben: "Ich hoffe, dass wir einen Friedensschluss mit United Internet und auch Drillisch erreichen", sagte er zu Reuters.

Baywa wächst kräftig
Europas größter Agrarhandelskonzern Baywa hat von den weltweit gestiegenen Lebensmittelpreisen profitiert und seinen Gewinn im ersten Halbjahr verdoppelt. In den ersten sechs Monaten kletterte der Konzernüberschuss von 31,9 auf 62,1 Millionen Euro. Der Umsatz lag mit 4,38 Milliarden Euro mehr als ein Viertel über dem Vorjahreswert von 3,41 Milliarden Euro.

ElringKlinger vorsichtig
Der Autozulieferer ElringKlinger konnte im ersten Halbjahr einen Umsatzzuwachs um 13 Prozent auf 350,2 Millionen Euro verbuchen. Das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) wuchs um 2,9 Prozent auf 59,1 Millionen Euro. Der Gesamtjahresprognose liege die Annahme zugrunde, dass sich die derzeit bereits schwache Fahrzeugkonjunktur nicht noch weiter deutlich eintrübt und Neuanläufe in der zweiten Jahreshälfte planmäßig erfolgen, teilte das SDax-Mitglied mit.

Dürr schafft die Wende
Der Stuttgarter Anlagenbauer Dürr will bis zum Jahresende schuldenfrei sein. Rückenwind bekam Dürr von einem starken zweiten Quartal. Der Hersteller von Lackieranlagen und Förderbändern setzte von April bis Juni 396,5 Millionen Euro um, 15 Prozent mehr als vor einem Jahr. Der Nettogewinn verdreifachte sich auf 6,3 Millionen Euro.

Online-Orders im Juli erholt
Die Comdirect Bank meldete für den Juli 10,9 Prozent mehr Orders als im Juni. Allerdings waren an allen deutschen Börsen im Juli 15 Prozent mehr Aufträge als im Vormonat ausgeführt worden. Der wesentlich kleinere Broker Sino meldete ein Orderplus auf Monatsbasis von 28,2 Prozent.

10Tacle insolvent
Die Aktie von 10Tacle brach um rund drei Viertel ein. Die Computerspielfirma musste die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragen.

Ärger bei Schnigge
Die Wertpapierhandelsbank Schnigge muss einen massiven Verlust in ihrem Eigenhandel verkraften. Im Juli sei durch den Handel mit Derivaten ein Fehlbetrag von 2,25 Millionen Euro entstanden, teilte die Düsseldorfer Bank mit. Ein Mitarbeiter habe seine Kompetenzen "völlig überschritten", sagte ein Sprecher. Die Bank habe den Händler unverzüglich entlassen. Der Handel mit Derivaten sei bis auf weiteres eingestellt.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr