Börse im "Hoffnungslauf"

von Detlev Landmesser

Stand: 14.08.2008, 20:34 Uhr

An der Wall Street regierte am Donnerstagabend die Hoffnung, womit auch der Dax seinen zwischenzeitlichen Einbruch wieder wettmachte. Von einem soliden Kursfundament mag dabei aber noch niemand sprechen.

In New York werden vielmehr die "Aufräumarbeiten" der tiefgehenden Krise gefeiert. Besonders auffällig war bis zum Abend die Aktie von General Motors, die sich mit einem Plus von zwischenzeitlich über 15 Prozent an die Spitze des Dow Jones setzte. Der Autoriese komme mit seinem Restrukturierungsprogramm offenbar besser und schneller voran als geplant, hieß es nach einer Analystenkonferenz. Damit schwinde die Angst vor einem Zusammenbruch, sagte ein Händler.

Auch die Finanztitel wurden wieder gekauft, nachdem sich nun auch JP Morgan und Morgan Stanley mit den Behörden über die so genannten "Auction Rate Securities" (ARS) geeinigt haben. Die beiden US-Banken müssen für insgesamt sieben Milliarden Dollar solche Papiere von Anlegern zurückkaufen.

Erfreut wurde an der Wall Street auch die Quartalsbilanz von Wal-Mart aufgenommen. Der weltgrößte Einzelhändler hatte Umsatz und Gewinn im zweiten Quartal trotz Konjunkturabschwungs deutlich gesteigert und seine Prognose für das Gesamtjahr angehoben.

Stagflation allerorten

Der L-Dax schloss 0,3 Prozent höher bei 6.463,95 Punkten. Um 14.30 Uhr hatten noch schwache US-Konjunkturdaten den deutschen Leitindex ins Minus gezerrt. Mit 450.000 lag die wöchentliche Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe um 10.000 über den Erwartungen. Noch weniger kam der Markt mit dem weiterhin starken Preisauftrieb in den USA zurecht. Im Jahresvergleich stiegen die Verbraucherpreise im Juli um 5,6 Prozent, womit die US-Inflationsrate auf dem höchsten Stand seit Januar 1991 liegt.

Auch in Deutschland ist die Diskussion um eine Stagflation im vollen Gange. Während die Inflation auf 3,3 Prozent verharrte, fiel das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal um 0,5 Prozent im Vergleich zum ersten Vierteljahr. Das war das erste Minus seit Sommer 2004. Zu Jahresbeginn hatte es noch zu einem Plus von revidiert 1,3 Prozent gereicht.

RWE-Zahlen durchwachsen
Rund 0,6 Prozent verlor die RWE-Aktie. Der Energiekonzern legte zwar beim Umsatz im ersten Halbjahr um 13 Prozent auf 24,7 Milliarden Euro deutlicher zu als erwartet. Der Nettogewinn brach aber um 56 Prozent auf 1,15 Milliarden Euro ein, stärker als von Experten prognostiziert.

ThyssenKrupp im Glück
Die ThyssenKrupp-Aktie konnte ihre frühen Gewinne nicht ganz halten. Am Morgen hatte der Mischkonzern eine glänzende Bilanz für sein drittes Geschäftsquartal vorgelegt. Das Unternehmen schlug mit einem Vorsteuerergebnis von 909 Millionen Euro die Analystenerwartungen deutlich. Der Umsatz kletterte von 13,2 auf 13,4 Millionen Euro. Die Gesamtjahresprognose für das Ergebnis hob ThyssenKrupp an.

Tui meldet Quartalsverlust
Die Tui-Aktie büßte 1,8 Prozent ein. Wegen Sonderbelastungen bei der Fluggesellschaft Tuifly ist der Konzern im zweiten Quartal tief in die roten Zahlen gerutscht. Das Ergebnis nach Anteilen Dritter brach auf minus 55,6 Millionen Euro ein nach einem Gewinn von 58,9 Millionen Euro vor Jahresfrist. Der Umsatz legte dagegen um 20 Prozent auf 6,2 Milliarden Euro zu.

AWD und MLP im Umbruch
Ein spektakulärer Coup bahnt sich bei den Finanzdienstleistern AWD und MLP an. AWD-Großaktionär Swiss Life steigt beim Finanzdienstleister MLP ein und kauft AWD-Chef Carsten Maschmeyer dessen restliche AWD-Aktien ab. Maschmeyer habe sich insgesamt 26,74 Prozent der MLP-Papiere gesichert, die er nun an Swiss Life weitergebe, so AWD am Morgen. MLP rutschte im MDax deutlich ab. Die AWD-Aktie sprang dagegen um mehr als 30 Prozent nach oben. Sie reagierte damit auf die Meldung, dass Swiss Life einen Squeeze-out plant.

Salzgitter erhöht Gewinnprognose
Wie der Branchenprimus ThyssenKrupp hat auch der zweitgrößte deutsche Stahlkonzern am Donnerstag seine Jahresprognose angehoben. Vor Steuern will der Konzern 2008 über eine Milliarde Euro verdienen. Im ersten Halbjahr verbuchte Salzgitter einen Rückgang des Vorsteuergewinns von 664 auf 646 Millionen Euro. Der Überschuss lag aber mit 437 Millionen Euro über dem Vorjahresniveau.

Hochtief erstaunt den Markt
2,7 Prozent gewann die Aktie von Hochtief. Der Baukonzern präsentierte ein überraschend gutes Ergebnis und erhöhte seine Jahresprognose. Vor Zinsen und Steuern (Ebit) verdiente Hochtief im zweiten Quartal 188,9 Millionen Euro nach 115,9 Millionen Euro im Vorjahr. Volle Auftragsbücher sorgen dafür, dass das Unternehmen nun ein neues Rekordergebnis 2008 anpeilen kann. Der Auftragseingang stieg sprunghaft von 5,2 auf 7,1 Milliarden Euro.

Gewinneinbruch bei IVG
Die IVG-Aktie wurde über vier Prozent tiefer gehandelt. Der Immobilienkonzern hat nach einem Gewinneinbruch im ersten Halbjahr seine Jahresziele gesenkt. Für 2008 erwartet das Unternehmen nunmehr ein bereinigtes operatives Ergebnis (Ebit) von 265 bis 290 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr brach das Ebit um 53 Prozent auf 150,2 Millionen Euro ein. Der Nettogewinn sank auf 51,1 (Vorjahr: 184,9) Millionen Euro.

Starke Zuwächse für HHLA
Der MDax-Neuling HHLA wartete mit guten Halbjahreszahlen auf. Trotz nachlassenden Wirtschaftswachstums hat der Hamburger Hafenbetreiber seinen Umsatz um 18 Prozent auf 660 Millionen Euro gesteigert. Netto verdiente HHLA mit 122,5 Millionen Euro rund die Hälfte mehr als im Vorjahr.

Versatel zurück im grünen Bereich
An die TecDax-Spitze setzte sich die Aktie von Versatel. Der Telekommunikationsanbieter ist im zweiten Quartal in die Gewinnzone zurückgekehrt. Versatel hob zudem seine Jahresziele an und will 2008 einen Umsatz zwischen 760 bis 770 Millionen Euro erwirtschaften anstatt der bislang erwarteten bis zu 740 Millionen Euro. Außerdem will das Unternehmen dieses Jahr den Verlust halbieren; dieser betrug im vergangenen Jahr 89 Millionen Euro.

Bechtle glänzt
Der IT-Dienstleister Bechtle hat im zweiten Quartal allen Konjunktursorgen getrotzt und ist auf dem Weg zu einem neuen Rekordjahr. "Von einer konjunkturellen Eintrübung haben wir noch nichts gespürt", sagte Vorstandschef Ralf Klenk. "Wir liegen erneut über den Wachstumsraten des gesamten IT-Markts." Der Quartalsumsatz stieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um acht Prozent auf 345 Millionen Euro. Das Nachsteuerergebnis legte um 46 Prozent auf 8,4 Millionen Euro zu.

Tag der Solarbranche
Die Unternehmen aus der Solarbranche warteten am Donnerstag zumeist mit deutlichen Umsatz- und Gewinnsteigerungen auf. Besonders belohnt wurde die Aktie von Phoenix Solar. Auch Ersol, Solarworld und Centrosolar wachsen weiterhin dynamisch, deren Aktien reagierten allerdings nur verhalten.

Zahlenflut aus dem SDax
Aus dem SDax legte eine ganze Reihe von Unternehmen Quartalszahlen vor. Das Pharma- und Diagnostikunternehmen Biotest konnte mit zweistelligen Zuwächsen die Erwartungen erfüllen. Auch die Maschinenbauer Bauer und Homag meldeten kräftige Zuwächse bei Umsatz und Ergebnis. SKW Metallurgie erhöhte nach erfreulichen Halbjahreszahlen seine Jahresprognose. Der Autovermieter Sixt kassierte dagegen nach einem rückläufigen Halbjahresergebnis die Prognose für den Vorsteuergewinn. Auch der Druckmaschinenhersteller Koenig & Bauer musste im ersten Halbjahr einen Umsatz- und Gewinneinbruch verkraften. Der Spezialchemiekonzern H&R Wasag verdiente im zweiten Quartal weniger, bestätigte aber seine Jahresprognose.

Schwerer Einbruch bei Schmack
Die Aktie von Schmack Biogas wurde um über 20 Prozent nach unten geprügelt. Das Unternehmen hat im zweiten Quartal vor Zinsen und Steuern (Ebit) einen Verlust von 25,8 Millionen Euro eingefahren. Im Vorjahreszeitraum lag der Fehlbetrag bei 10,7 Millionen Euro. Der Umsatz brach von 55,8 auf 29,8 Millionen Euro ein.

Kampa baut auf die Zukunft
Kampa blickt trotz Millionenverlusten im ersten Halbjahr optimistisch in die Zukunft. "Wir liegen im Plan", erklärte Kampa-Chef Markus Schreyögg. In den ersten sechs Monaten 2008 weitete sich der Verlust auf 11,8 Millionen Euro aus, nach minus 7,2 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Als Grund für den Verlust gab der Fertighausbauer Belastungen aus den Schließungen dreier Werke an. Der Halbjahresumsatz sank von 60,3 auf 53,6 Millionen Euro. Der Auftragseingang stieg dagegen um rund zehn Prozent auf 92,2 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr bestätigte Schreyögg die Umsatzprognose von 180 Millionen Euro. Zudem sei ein ausgeglichenes Ergebnis möglich.

Beate Uhse unter Druck
Neuen Abgabedruck gab es auf die Aktie von Beate Uhse. Der Sexartikel-Versender kommt bei seinem Konzernumbau nicht recht voran: Für das erste Halbjahr wies das Unternehmen unter anderem wegen der Schließung unrentabler Filialen einen Umsatzrückgang von knapp sechs Prozent auf 121,4 Millionen Euro aus. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) sank um sieben Prozent auf 6,8 Millionen Euro. Dank der Versicherungsleistung für einen Wasserschaden konnte das Unternehmen immerhin den Vorsteuergewinn erhöhen: Er stieg von 5,7 auf 6,1 Millionen Euro.

Arques verkauft Schöps wieder
Das zuletzt glücklose Starnberger Beteiligungsunternehmen Arques hat seine Mehrheit an der österreichischen Textilhandelskette Schöps "zu einem symbolischen Preis" wieder verkauft. Käufer sei die österreichische Unternehmerfamilie Al-Wazzan, teilte Arques am Abend mit. Der Käufer habe sich zu "signifikanten Investitionen" verpflichtet.

Tagestermine am Montag, 17. Dezember

Unternehmen:
Hennes & Mauritz: Q4-Umsatz, 08:00 Uhr

Konjunktur:
EU: Handelsbilanz 10/18, 10:00 Uhr
EU: Verbraucherpreise 11/18 (vorl.), 11:00 Uhr
USA: Empire-State-Index 12/18, 14:30 Uhr
USA: NAHB-Index 12/18, 16:00 Uhr