Börse bemerkenswert robust

Detlev Landmesser

Stand: 25.07.2008, 20:33 Uhr

Die Optimisten haben noch nicht die Segel gestrichen. Bis zum Handelsschluss machte der Dax ein Minus von 1,7 Prozent wieder wett. Einer Gewinnwarnung der MüRü standen ordentliche US-Konjunkturdaten gegenüber.

Alle drei Daten des Tages beruhigten die Gemüter: Die Auftragseingänge für langlebige US-Güter im Juni kletterten überraschend um 0,8 Prozent, während Analysten im Schnitt mit einem Rückgang um 0,4 Prozent gerechnet hatten. Zudem fiel die endgültige Berechnung des Verbrauchervertrauensindex der Uni Michigan deutlich besser aus als erwartet. Der Index legte von 56,4 auf 61,2 Punkte zu und erholte sich damit von seinem 28-Jahres-Tief. Schließlich fiel auch der Rückgang beim Absatz neuer US-Eigenheime fiel im Juni geringer aus als befürchtet.

Die Wall Street zeigte sich daraufhin von ihren Vortagesverlusten erholt, wenn sich auch bis zum Abend keine überzeugend positive Tendenz durchsetzen konnte. Die leichten Gewinne aber reichten für eine beeindruckende Kurswende am deutschen Markt. Der L-Dax ging nur ein Pünktchen tiefer als am Vorabend mit 6.417,30 Punkten ins Wochenende.

MüRü macht Furore

Ganz ähnlich wie Daimler am Donnerstag brach die Aktie der Münchener Rück zeitweise um bis zu 12,8 Prozent ein. Der weltweit zweitgrößte Rückversicherer rechnet im Gesamtjahr nur noch mit einem Gewinn von "deutlich" mehr als zwei Milliarden Euro. Bisher hatte die MüRü 3,0 bis 3,4 Milliarden angestrebt. Der Konzern begründete die Gewinnwarnung mit den Turbulenzen auf den Kapitalmärkten. Auch die Aktie des Erstversicherers Allianz litt kräftig mit. Der Finanzkonzern wollte keinen Kommentar zum Verlauf des zweiten Quartals abgeben.

Kurz nach der Hiobsbotschaft der MüRü meldete sich auch die Hannover Rück zu Wort. Der zweitgrößte deutsche Rückversicherer hält es für schwierig, die Jahresziele zu erreichen, sollten sich die Kapitalmärkte nicht beruhigen. Der MDax-Titel brach daraufhin um dramatische 21 Prozent ein, erholte sich dann aber wieder deutlich.

Deutsche Börse auf Partnersuche
Die Aktie der Deutsche Börsen verlor deutliche 3,3 Prozent. Der Börsenbetreiber sucht offenbar einen Partner für eine Zusammenarbeit in der Wertpapierabwicklung. Geprüft werde unter anderem eine Überkreuzbeteiligung der luxemburgischen Tochter Clearstream und einem anderen Abwicklungshaus, sagten "mit der Situation vertraute Personen" der Nachrichtenagentur Reuters. Die Gespräche seien aber noch in einem sehr frühen Stadium.

Scania über Erwartungen
Ein positiver Impuls kam von Scania. Der von Volkswagen übernommene Lastwagenbauer hat seinen Gewinn im ersten Halbjahr stärker als erwartet gesteigert. Die Scania-Aktie legte nach Bekanntgabe der Zahlen um mehr als fünf Prozent zu. Volkswagen hatte Anfang März die Mehrheit an Scania übernommen.

Conti stärkt sein Abwehrteam
Continental erweitert seine Beratermannschaft zur Abwehr des Übernahmeversuchs der Schaeffler-Gruppe. Neben den US-Investmentbanken Goldman Sachs und JP Morgan soll nun auch die Deutsche Bank die Verteidigungsstrategie des Konzerns vorantreiben, sagte ein Conti-Sprecher. Die Deutsche Bank galt zunächst als einer der möglichen Kreditgeber von Schaeffler, hat sich aber letztlich nicht an der Milliardenfinanzierung der geplanten Übernahme beteiligt. Conti ist indessen auch zu Gesprächen mit Schaeffler bereit, wenn das Familienunternehmen sein Angebot von bisher gut 11,3 Milliarden Euro erhöht.

Daimler will Russland-Position stärken
Die Daimler-Aktie erholte sich etwas von ihrem gestrigen Einbruch. Der Autokonzern will sich am russischen Nutzfahrzeughersteller Kamaz beteiligen und verhandelt dazu mit der Investmentgesellschaft Troika Dialog. Insgesamt ist Daimler an 42 Prozent der Kamaz-Anteile interessiert.

Infineon-Aktie unerwartet stark
Größter Dax-Gewinner war die Infineon-Aktie. Die Kursreaktion konnten sich Marktbeobachter noch am ehesten mit einem "Short Squeeze" erklären: Anleger, die zuvor auf weiter fallende Kurse gesetzt hätten, müssten ihre Positionen nun mit Käufen wieder eindecken. Der größte deutsche Chipkonzern hat im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2007/08 erneut einen beachtlichen Verlust von 592 Millionen Euro angehäuft, was vor allem an erneuten Abschreibungen auf die Speicherchiptochter Qimonda lag. Immerhin lag das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) bei 71 Millionen Euro und damit höher als erwartet. Der Umsatz sank um zwei Prozent auf 1,03 Milliarden Euro. Im Zuge seines Sparprogramms will Infineon 3.000 Stellen streichen.

Qimonda hatte bereits am Donnerstagabend seinen Quartalsbericht vorgelegt. Dabei kam heraus, dass der Verlust im vergangenen Vierteljahr erneut höher war als der Umsatz.

Fortschritt für Bayer
Die Bayer-Aktie gewann 3,6 Prozent. Der Pharmakonzern steht kurz vor der Zulassung seines neuen Thrombosemittels Xarelto in Europa. Der Medikamentenausschuss der europäischen Arzneimittelbehörde EMEA hat das Medikament zur Zulassung empfohlen.

Lufthansa schmiedet Notplan
Die Lufthansa-Aktie wurde von dem drohenden Arbeitskampf belastet. Bei der Fluggesellschaft streikt ab Montag 0:00 Uhr das Kabinen- und Bodenpersonal unbefristet. Die Lufthansa bereitet sich mit einem detaillierten Notfallplan auf einen mehrwöchigen Streik vor, berichtet die "Rheinische Post". Der Plan solle selbst bei der aggressivsten Streikvariante bis zu 75 Prozent der Flüge sicherstellen. Zur Abmilderung der Streikfolgen will die Lufthansa auch Techniker beim Konkurrenten Air Berlin ausleihen.

Metro macht tabula rasa
Die Metro-Aktie büßte 1,4 Prozent ein. Der Handelsriese schließt weitere 27 Real-Supermärkte und schreibt seine Bekleidungskette Adler vor dem geplanten Verkauf komplett ab. Das schlägt im zweiten Quartal mit Sonderbelastungen von rund 600 Millionen Euro zu Buche. An der Gewinnprognose für 2008, die Sonderfaktoren ohnehin außer Acht lässt, hielt der Dax-Konzern fest.

Atoss noch zuversichtlicher
Das Softwareunternehmen Atoss hat im ersten Halbjahr seinen Umsatz um 14 Prozent auf 13,3 Millionen Euro verbessert. Das operative Ergebnis stieg um 45 Prozent auf 2,7 Millionen Euro. "Bisher wurde ein operatives Ergebnis von über vier Millionen Euro für das Geschäftsjahr erwartet, nunmehr soll dieses Ziel deutlich übertroffen werden", teilte Atoss mit.

Tagestermine am Montag, 22. Oktober

Unternehmen:
Philips Quartalszahlen Q3, 7 Uhr
Ryanair Halbjahreszahlen, 7 Uhr
Halliburton Quartalszahlen Q3, 12.45 Uhr
Munich Re Rückversicherertreffen Baden-Baden, 9.30 Uhr
Hannover Rück Rückversicherertreffen Baden-Baden, 12 Uhr
Hasbro Quartalszahlen Q3

Konjunktur:
Deutschland Monatsbericht Bundesfinanzministerium 0.01 Uhr
Deutschland Monatsbericht Bundesbank 10 Uhr

Sonstiges:
Bundesverband öffentlicher Banken Pressegespräch zu bevorstehendem Banken-Stresstest
Stahlgipfel u.a. mit Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier