Börse bemerkenswert robust

Detlev Landmesser

Stand: 08.05.2008, 20:28 Uhr

Das sah gar nicht so schlecht aus. Von Quartalszahlen überflutet, steckte der deutsche Aktienmarkt den jüngsten Kurseinbruch an der Wall Street hervorragend weg.

Im Abendhandel erreichte der L-Dax mit 7.077,10 Punkten sogar positives Terrain, was auch an einer moderaten Kurserholung der US-Märkte lag.

Der Ölpreis zog am Abend wieder etwas an und näherte sich seinem jüngsten Rekordstand von 123,87 Dollar pro Barrel. Das scheint aber an der Wall Street niemanden mehr zu stören, nachdem die Öl-Rally noch am Mittwoch als Grund für die größten Kursverluste seit fast einem Monat herhalten musste.

Stabilisierend wirkte unter anderem Wal-Mart. Der weltgrößte Einzelhändler verkaufte im April auf vergleichbarer Basis 3,2 Prozent mehr, was über den Erwartungen lag.

EZB bleibt hart

Wie erwartet, beließ der EZB-Rat den Leitzins bei seiner heutigen Sitzung unverändert bei 4,00 Prozent. EZB-Chef Jean-Claude Trichet machte erneut klar, dass die Währungshüter derzeit nicht an eine Zinssenkung denken. Das hievte den Euro wieder über 1,54 Dollar. Zuvor hatte die etwas besser als erwartete Zahl der Erstanträge auf US-Arbeitslosenhilfe die Gemeinschaftswährung belastet.

Telekom hält Wort
Das wichtigste Zahlenwerk in der kaum überschaubaren Datenflut von den Unternehmen kam von der Deutschen Telekom. Diese schnitt im ersten Quartal etwas besser als erwartet ab. Der Umsatz fiel von Januar bis März im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 3,1 Prozent auf 14,98 Milliarden Euro. Das bereinigte Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) blieb mit rund 4,7 Milliarden Euro stabil. Hier wirkte sich unter anderem das Sparprogramm des Konzerns aus. Positiv sei auch der bestätigte Ausblick auf das Gesamtjahr, sagten Händler.

Postbank robuster als gedacht
Noch besser erging es der Postbank, die mit 2,75 Prozent Kursplus stärkster Dax-Wert ist. Die Bank musste zwar im ersten Quartal wegen der weltweiten Kreditmarktkrise Federn lassen. Das Ergebnis vor Steuern ging daher im Vergleich zum Vorjahresquartal um gut ein Viertel auf 166 Millionen Euro zurück. Der Nettogewinn fiel um knapp 20 Prozent auf 116 Millionen Euro. Mit beiden Werten übertraf die Postbank allerdings die Markterwartungen.

Börsen- und reale Stürme bremsen MüRü
Die Quartalsbilanz der Münchener Rück kam nicht gut an, die Aktie gehörte zu den größten Dax-Verlierern. Der Rückversicherer hat wegen der Schwäche an den weltweiten Börsen und Belastungen aus Naturkatastrophen zu Jahresbeginn einen Gewinnrückgang um knapp 20 Prozent hinnehmen müssen. Der Konzerngewinn summierte sich im ersten Quartal auf 785 Millionen Euro. Die Erwartungen der Analysten wurden unter dem Strich enttäuscht. Für das Gesamtjahr strebt der Konzern jedoch weiterhin einen Überschuss von 3,0 bis 3,4 Milliarden Euro an.

Stockt Fredriksen bei Tui auf?
Schwächster Dax-Titel war Tui, was zum Teil am Dividendenabschlag lag. Der Dax-Konzern schüttete 0,25 Euro aus. Nur mäßige Unterstützung gab es durch Medienberichte, nach denen Großaktionär John Fredriksen nach seinem Scheitern bei der Abwahl von Aufsichtsratschef Jürgen Krumnow möglicherweise seinen Anteil erhöhen könnte. Damit solle die Position des Tui-Managements geschwächt werden.

Aus dem MDax
Noch viel mehr Quartalsbilanzen kamen aus dem MDax. Positiv aufgenommen wurden die Quartalsergebnisse von Demag Cranes. "Demag hat tolle Zahlen vorgelegt", sagte Marktanalyst Heino Ruland von FrankfurtFinanz. "Trotz der starken Abhängigkeit vom Dollar haben sie ihre Rentabilität verbessert." Der Kran-Hersteller hatte für das zweite Quartal einen Gewinnsprung bekannt gegeben und die Prognosen für das gesamte Geschäftsjahr 2007/08 angehoben.

Auch die Papiere von Fraport gaben nach. Vor allem der Überschuss habe enttäuscht, die restlichen Zahlen hätten keine großen Überraschungen geboten, hieß es am Markt. Die Gea-Aktie notierte angesichts eines unerwartet deutlichen Umsatz- und Gewinnsprungs im ersten Quartal etwas höher. Analysten äußerten sich zufrieden mit dem Spezialmaschinen- und Anlagenbauer.

Der 83-prozentige Gewinneinbruch bei IVG Immobilien ließ die Anleger kalt. Händler beurteilten die Zahlen als sehr positiv, der Gewinnrückgang fiel nämlich kleiner aus als befürchtet. IVG wies für das erste Quartal einen Nettogewinn von 12,1 Millionen Euro aus, Analysten hatten sechs Millionen Euro prognostiziert. Positiv wurde gewertet, dass der Immobilienbestand nicht wertberichtigt werden musste.

Die Aktie von HeidelbergCement dümpelte in negativen Gefilden. Der Umsatz habe die Erwartungen leicht verfehlt, meinte ein Händler. Das operative Ergebnis habe die Prognosen aber genauso wie der Überschuss leicht übertroffen. Nach dem starken Vortag nutzten Anleger nun die Gelegenheit, um Gewinne zu realisieren.

Die MLP-Aktie litt darunter, dass die Landesbank Berlin ihre Beteiligung auf 4,71 Prozent gesenkt hat. Die Landesbank und der neue Eigentümer S-Finanzgruppe führten die Beteiligung sukzessive immer weiter zurück, so ein Händler. Aus charttechnischer Sicht habe die Aktie am Vortag zudem ein Verkaufssignal gegeben. Noch dazu stufte Cheuvreux die Aktie herunter auf "Sell" von zuvor "Outperform".

Tognum war mit 9,3 Prozent Kursminus der schwächste Wert im MDax. Der Dieselmotorenbauer legte zwar wegen der hohen Nachfrage nach Dieselmotoren bei Umsatz und Überschuss zu, verfehlte aber bei beiden Werten die Erwartungen der Analysten. "Die Zahlen waren schlecht - ganz klar", sagte ein Händler. "Mittelfristig wird sich der Kurs aber sicher bei etwa 20 Euro einpendeln. Schließlich ist Daimler zu diesem Preis bei Tognum eingestiegen."

Am Nachmittag schob sich die Boss-Vorzugsaktie mit einem Plus von elf Prozent. Das lag an der großen Dividende, die der Modekonzern morgen auf Druck seines Mehrheitsaktionärs Permira auschütten wird. Boss zahlt eine Sonderdividende von fünf Euro pro Aktie. Die reguläre Dividende beträgt 1,46 Euro pro Vorzugsaktie und 1,45 Euro pro Stammaktie.

Aus dem TecDax
Im TecDax verwandelte die Aktie von Singulus ein anfängliches Plus in ein Minus. Der Hersteller von CD- und DVD-Produktionsanlagen hat im ersten Quartal wegen flauer Nachfrage einen Umsatzeinbruch verbucht, der Auftragseingang erholte sich jedoch spürbar und übertraf die Erwartungen der Analysten. Das Unternehmen hob zudem die Jahresprognose für den Auftragseingang an. Größter Verlierer war die Aktie von Aixtron mit Verlusten von bis zu 13 Prozent. Dabei wurden die am Morgen vorgelegten Quartalszahlen leicht positiv eingeschätzt. Doch das Unternehmen verunsicherte den Markt mit Warnungen vor einem Abschwung. "Wir sehen weiterhin Anzeichen einer sich abschwächenden Anfragetätigkeit seitens unserer Kunden, was uns zum Schluss führt, uns aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Höhepunkt des aktuellen Investitionszyklus zu befinden", sagte Vorstandschef Paul Hyland.

TecDax-Wert Drägerwerk arbeitete sich dagegen ins Plus vor. Der Medizin- und Sicherheitstechnik-Hersteller wies im ersten Quartal ein leichtes Umsatzplus und einen gesunkenen Überschuss aus. Das operative Ergebnis (Ebit) stagnierte. "Der Auftragseingang war stark, auch der Umsatz fiel leicht besser als erwartet aus, aber das Ebit nach Sonderaufwendungen ist nicht besonders inspirierend", fasste ein Händler seine Einschätzung zusammen.

Aus dem SDax
Der Agrar- und Baustoffhändler Baywa hat im ersten Quartal vom Boom in der Landwirtschaft profitiert. Der Umsatz kletterte verglichen mit dem Auftaktquartal des Vorjahres um knapp ein Drittel auf 1,9 Milliarden Euro. Der Konzernüberschuss lag bei rund 8,8 Millionen Euro. Bei ElringKlinger setzten im Verlauf Gewinnmitnahmen ein. Dabei hat der Autozulieferer im ersten Quartal Umsatz und das Ergebnis stärker als erwartet gesteigert. Der ebenfalls im SDax notierte Autozulieferer Grammer hat im vergangenen Quartal mit 267,4 Millionen Euro gut zwölf Prozent mehr umgesetzt. Dagegen sank das Ergebnis vor Steuern und Zinsen (Ebit) vor allem wegen der Kosten für den laufenden Unternehmensumbau von zuvor 10,1 auf 8,2 Millionen Euro.

Und noch mehr Zahlen!
Auch aus den hinteren Reihen hagelte es Geschäftszahlen: Der Netzwerkausrüster Adva Optical ist nach einem unerwartet geringen Verlust im Auftaktquartal wieder optimistischer für die Zukunft. "Wir werden langsam und sicher eigenständig stärker werden", sagte Adva-Chef Brian Protiva. Im vergangenen Quartal hatte der Hersteller von Elektronik, die Datennetze schneller macht, nur noch einen Umsatz von 54 Millionen Euro erzielt, im gleichen Vorjahresquartal waren es noch 68,7 Millionen.

Der Automobildienstleister Bertrandt steigerte im ersten Halbjahr den Umsatz um 26 Prozent auf 199,9 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) legte sogar um 71 Prozent auf 22 Millionen Euro zu. Der Kuvertiermaschinenbauer Böwe Systec litt im ersten Quartal unter der Dollarschwäche, der Umsatz sank um fünf Prozent auf 102,8 Millionen Euro. Das Ebit verdoppelte sich dennoch von 2,5 auf 5,1 Millionen Euro.

Die Hamburger Biotechfirma Evotec vergrößerte ihre Verluste im ersten Quartal, weil sie mehr Geld für Forschung und Entwicklung ausgab. Der operative Verlust wurde auf 14,4 Millionen Euro von 9,8 Millionen im Vorjahreszeitraum ausgeweitet.

Funkwerk steigerte den Umsatz im ersten Quartal um acht Prozent auf 61,6 Millionen Euro, das Ebit halbierte sich auf 100.000 Euro. Der Telekommunikationstechnik-Anbieter betonte, dass das erste Quartal immer "schwach ausgeprägt" sei.

Die Quartalszahlen von Höft & Wessel wurden nicht gut aufgenommen. Der Umsatz lag mit 16,3 Millionen Euro unter dem Vorjahreswert von 18 Millionen. Vor Steuern konnte der Datenspezialist aber den Verlust vor Steuern von zuvor minus 1,4 Millionen auf minus 1,3 Millionen verringern. Für das Gesamtjahr zeigte sich der Datenspezialist angesichts des hohen Auftragsbestands weiter zuversichtlich. Der Jahresumsatz soll mindestens 108 Millionen Euro erreichen und der Vorsteuergewinn weiter steigen.

Der Recycling-Konzern Interseroh setzte in den ersten drei Monaten 527 Millionen Euro um, das sind 20,5 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Vor Steuern und Zinsen verdiente der Konzern mit 19,5 Millionen Euro 9,5 Prozent mehr.

Der Technologiekonzern Jenoptik steigerte den Umsatz in den ersten drei Monaten nur ein wenig auf 129,2 Millionen Euro. Das Ebit legte ebenfalls leicht auf 9,2 Millionen Euro zu.

Marseille-Kliniken wird vorsichtiger
Marseille-Kliniken hat das Umsatzziel für das laufende Geschäftsjahr gesenkt. Nunmehr erwartet der Pflegeheimbetreiber für das Geschäftsjahr bis Ende Juni einen Umsatz von 233 Millionen Euro statt wie bisher 240 (Vorjahr: 215) Millionen Euro. Der Vorstand rechne aber weiter mit einem stabilen Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 24 (23,6) Millionen Euro. In den ersten drei Quartalen des Geschäftsjahres bis Ende März setzte Marseille-Kliniken mit 170,6 Millionen Euro 5,7 Prozent mehr um als vor Jahresfrist. Das Ebit stieg von 10,2 auf 12,6 Millionen Euro.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 24. September

Unternehmen:
Manchester United: Q4-Zahlen, 8:00 Uhr
Total: Strategie-Update, 8:00 Uhr
Roche: Business-Update, 17:00 Uhr
Nike: Q4-Zahlen, 22:15 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Großhandelspreise 8/18, 8:00 Uhr
USA: FHFA-Index 7/18, 15:00 Uhr
USA: Verbrauchervertrauen 09/18, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Hong Kong/Korea: Feiertag, Börsen geschlossen