Börse außer Rand und Band

Detlev Landmesser

Stand: 10.03.2009, 20:25 Uhr

Wer so lange gelitten hat, darf auch mal feiern. Am Dienstag hing der Himmel für die Anleger voller Geigen - wegen einer kaum glaublichen Nachricht aus Amerika.

Der L-Dax ging 5,3 Prozent höher bei 3.866,16 Punkten aus dem Handel. Ähnlich wie am Montag Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann verbreitete nun Citigroup-Chef Vikram Pandit Optimismus. Bisher verlaufe das Geschäft in den ersten drei Monaten so gut wie seit dem dritten Quartal 2007 nicht mehr, und die Bank sei in den ersten beiden Monaten profitabel gewesen, hieß es in einer Mitteilung des Top-Managers an die Citigroup-Beschäftigten.

Die Aktie der teilverstaatlichten Krisenbank sprang daraufhin um bis zu 38,1 Prozent nach oben, und beflügelte den ganzen US-Markt. Der marktbreite S&P-500-Index gewann bis zum Abend rekordverdächtige 5,9 Prozent.

Die Pharmatitel profitierten zudem von weiteren Spekulationen, dass sich Johnson & Johnson in die von Merck & Co. geplante Übernahme von Schering-Plough einmischen könnte.

Werden US-Bilanzregeln gelockert?

Die jüngsten Aussagen von US-Notenbankchef Ben Bernanke schadeten ebenfalls nicht. Die Welt erleide die schlimmste Finanzkrise seit den 30er Jahren, sagte Bernanke. Möglicherweise müssten prozyklisch wirkende Bilanzierungsvorschriften angepasst werden. Der Kongressabgeordnete Barney Frank von den regierenden Demokraten wurde konkreter: Er forderte die flexiblere Auslegung der Bilanzierungsmethode "Mark To Market", die die Finanzkonzerne im Zuge der Krise zu Milliardenabschreibungen gezwungen hat. Die US-Börsenaufsicht will aber offenbar an der Bilanzierungsvorschrift festhalten, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters.

Banktitel außer Rand und Band
Die Spekulation um die Lockerungen beflügelte die Bankaktien zusätzlich. Die Deutsche Bank gewann satte 16,5 Prozent, die Commerzbank 14,5 Prozent an Wert. Das Postbank-Papier legte um 9,5 Prozent zu.

Euro prallt an 1,28 ab
Im Gefolge der starken Aktienmärkte überwand der Euro zeitweise die Marke von 1,28 Dollar. Am Nachmittag geriet aber wieder unter Druck. Die schwache deutsche Exportstatistik stützte die Gemeinschaftswährung bestimmt nicht: Die Ausfuhren schrumpften im Januar um 4,4 Prozent, im Jahresvergleich sogar um 20,7 Prozent, was der stärkste Rückgang seit 16 Jahren war. Der Goldpreis fiel unterdessen erstmals seit Anfang Februar wieder unter die Marke von 900 Dollar pro Feinunze.

Eon-Aktie rutscht unter 20 Euro
Erhebliche Kursverluste von Eon bremsten die Dax-Erholung um immerhin 17 Indexpunkte. Die Aktie des Energiekonzerns stand nach der heutigen Zahlenvorlage mit bis zu 10,2 Prozent unter Wasser. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) fiel mit 9,88 Milliarden Euro etwas schwächer aus als erwartet, aber es war vor allem der Ausblick, der die Anleger verunsicherte. Die Prognose für 2009 sei mit "deutlich höheren Unsicherheiten" behaftet. Das Ergebnis soll etwa das Niveau von 2008 erreichen, 2010 soll das Ebit statt der bisher erwarteten 12,4 Milliarden nur 11,0 Milliarden erreichen.

Kann die Post ihr Monopol verlängern?
Kräftig im Plus notierte dagegen die "Aktie Gelb". Die Deutsche Post drängt die Politik, den noch bestehenden Rest ihres Briefmonopols in dieser Legislaturperiode nicht zu beenden. Wegen der unsicheren Lage in der EU-Rechtssprechung sei es unrealistisch, das Steuerprivileg wie geplant am 1. Januar 2010 zu beenden, zitiert "Die Welt" aus einem Brief des Konzerns an Mitglieder des Bundestages. Am frühen Nachmittag bestätigte die Post, dass der derzeitige Finanzchef von FMC, Lawrence Rosen, neuer Finanzvorstand des Konzerns wird. Der Amerikaner ersetzt John Allan, der Ende Juni ausscheidet. Das setzte wiederum die FMC-Aktie unter Druck. Mit einem Minus von 6,2 Prozent rutschte sie ans Dax-Ende.

Lufthansa wendet Streik ab
Die Lufthansa-Aktie steckte die aktuellen Verkehrszahlen gut weg. Im Februar verbuchte die größte deutsche Fluggesellschaft im Vergleich zum Vorjahr einen Passagierrückgang von 9,3 Prozent auf 4,68 Millionen. Die Auslastung der Maschinen ging weiter zurück, obwohl die Airline ihr Angebot bereits deutlich zurückgeschraubt hatte. Im Frachtgeschäft schrumpfte die Nachfrage um knapp ein Viertel auf 109.000 Tonnen. Am frühen Abend teilte die Lufthansa mit, dass in letzter Minute ein Streik des Kabinenpersonals abgewendet werden konnte. Die Tarifpartner hätten sich geeinigt.

Stabile Dividende von EADS
Die EADS-Aktie robbte sich im Verlauf ins Plus. Wegen der schwierigen Lage in der Luftfahrtbranche sowie Problemen beim Militärtransporter A400M erwartet der Luftfahrt- und Rüstungskonzern in diesem Jahr weniger Gewinn. 2008 war jedoch noch ein gutes Jahr für EADS. Das Ebit erreichte 2,83 Milliarden Euro, der Umsatz kletterte um elf Prozent auf 43,3 Milliarden Euro. Der MDax-Konzern will die Dividende leicht anheben.

Vertrauensbeweise für Kuka
Die ebenfalls im MDax notierte Kuka-Aktie stieg um 8,9 Prozent. Der Maschinenbauer Grenzebach hat seinen Anteil an dem Roboter- und Anlagenspezialisten auf knapp über zehn Prozent verdoppelt. Außerdem habe man sich weitere neun Prozent gesichert, die Grenzebach demnächst erwerben wolle. Längerfristig strebt die Firma einen Anteil von 25,1 Prozent der Kuka-Anteile an. Der US-Investor Guy Wyser-Pratte will indessen an seinem Kuka-Engagement von 9,9 Prozent festhalten. "Ich habe nicht die Absicht, Kuka zu verlassen. Das ist meine Lieblingsfirma", sagte Wyser-Pratte der Nachrichtenagentur Reuters.

Gewinnmitnahmen bei Phoenix Solar
Die Ankündigung einer Dividendenerhöhung um 50 Prozent half der Aktie von Phoenix Solar wenig. Das Management will der Hauptversammlung für 2008 eine Dividende von 0,30 Euro pro Aktie nach 0,20 Euro im Vorjahr vorschlagen. Der TecDax-Titel fand sich dennoch am Indexende wieder. Allerdings hatte die Aktie am Montag wegen einer Anteilsaufstockung von M.M. Warburg-LuxInvest haussiert. Die Fondgesellschaft hatte ihren Anteil auf 5,16 Prozent erhöht.

DIC Asset schafft gesenkte Prognose
Die Immobilientitel im SDax erlebten einen guten Tag, darunter auch DIC Asset. Der auf Gewerbeimmobilien spezialisierte Konzern hat 2008 seine im vergangenen Sommer gesenkte Gewinnprognose erreicht. Der Überschuss fiel von 36,1 auf 25,2 Millionen Euro, der Umsatz ging von 236,2 auf 208,2 Millionen Euro zurück. Für 2009 erwartet DIC Asset keine deutliche Besserung des Geschäftsumfeldes und gab deshalb auch keine Prognose ab.

Cewe verspricht "ordentliche" Dividende
Europas größter Fotoentwickler Cewe Color rechnet trotz der Krise nicht mit größeren Geschäftseinbußen. "Ich gehe davon aus, dass wir ganz ordentlich durch das Jahr 2009 hindurch kommen", sagte Firmenchef Rolf Hollander zu Reuters. Verbraucher sparten weniger an Fotos, Fotobüchern oder Fotokalendern. Das Jahr 2008 hatte Cewe mit einem Gewinnanstieg um ein Fünftel auf sieben Millionen Euro abgeschlossen. "Wir werden eine ordentliche Dividende zahlen", kündigte Hollander an. Für 2007 hatte das bald wieder im SDax notierende Unternehmen 1,20 Euro pro Aktie ausgeschüttet.

Adva besser als befürchtet
Die Aktie des ehemaligen TecDax-Unternehmens Adva Optical erholte sich deutlich. Der Netzwerkausrüster hat das Jahr 2008 mit einem Betriebsergebnis von 1,5 Millionen Euro abgeschlossen. Die Erlöse schrumpften im Jahresvergleich um 34 Millionen auf 217,7 Millionen Euro.

Technotrans macht wenig Hoffnung
Das Papier von Technotrans verlor 6,8 Prozent. Der Druck-Zulieferer hat im vergangenen Jahr 2,9 Millionen Euro Verlust gemacht und bereitet sich auf weitere Krisenmonate vor. 2007 hatte Technotrans noch einen Überschuss von 9,1 Millionen Euro erzielt. Der Umsatz 2008 sank im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent auf 141,7 Millionen Euro. In diesem Jahr erwartet das Unternehmen einen weiteren Erlösrückgang.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat