Börse auf Rezessionskurs

Detlev Landmesser

Stand: 11.01.2008, 20:28 Uhr

Die Börse scheint entschieden zu haben, ob die US-Notenbank eine Rezession noch verhindern kann oder nicht: Am Abend fielen die Kurse an der Wall Street weiter zurück.

Die US-Indizes mussten bis zum Abend ihre Kursgewinne des Vortages wieder preisgeben, die Fed-Chef Ben Bernanke mit seinem Zinssenkungsversprechen ausgelöst hatte. Während sich der Xetra-Dax noch hauchdünn im Plus halten konnte, ging der L-Dax ein halbes Prozent tiefer mit 7.689,45 Punkten ins Wochenende.

Die neueste Krisenmeldung kam von American Express. Der US-Kreditkartenanbieter äußerte sich für das gerade angelaufene Jahr vorsichtiger. Als Grund für die schwache Prognose nannte das Unternehmen sinkende Ausgaben seiner Kreditkartenkunden und befürchtete Zahlungsausfälle, die zu einem Sonderaufwand von 440 Millionen Dollar im vierten Quartal geführt hätten. Das Dow-Jones-Mitglied verlor zeitweise über zehn Prozent an Wert.

Zudem berichteten US-Medien, die von der Finanzkrise besonders hart getroffene Investmentbank Merrill Lynch müsse nochmals 15 Milliarden Dollar abschreiben - weit mehr als bisher gedacht. "Alles, was Sie sehen, deutet darauf hin, dass sich die Probleme im Finanzsektor eher verschlechtern als verbessern", kommentierte ein US-Marktteilnehmer.

Auch die Rettungsfusion zwischen der Bank of America und dem größten US-Baufinanzierer Countrywide konnte die Laune nicht bessern. Beide Titel standen in New York unter Druck - allerdings hatte die Countrywide-Aktie bereits am Donnerstag nach entsprechenden Gerüchten kräftig zugelegt. Über einen Aktientausch im Wert von etwa vier Milliarden Dollar übernimmt die Bank of America den schwer angeschlagenen Hypothekenkonzern, womit eine der größten Firmenpleiten im Zuge der Finanzkrise abgewendet werden dürfte.

Ausdruck der Krisenstimmung war erneut der Goldpreis. Im New Yorker Handel erreichte der Preis für eine Feinunze in der Spitze 900,10 Dollar, womit die runde Marke von 900 Dollar erstmals geknackt wurde.

Lufthansa krisenimmun?

Am deutschen Markt gewann die Lufthansa-Aktie fast drei Prozent. Das Papier profitierte von der bestätigten Ergebnisprognose für 2007. Danach wurde das Ziel eines operativen Ergebnisses von 1,3 Milliarden Euro erreicht. Auch für 2008 ist Europas zweitgrößte Fluggesellschaft optimistisch. Danach soll die Kapazität bei Kontinentalflügen um fünf Prozent und bei Landstreckenflügen noch stärker wachsen.

Umzug beflügelt Deutsche Börse
Aus einem kuriosen Grund stieg die Aktie der Deutschen Börse. Der Frankfurter Börsenbetreiber kehrt seiner Heimatstadt zum Teil den Rücken. Der Konzern will aus steuerlichen Gründen mit seinen Mitarbeitern von Frankfurt-Hausen nach Eschborn ziehen. Mit einem solchen Umzug werde die Gewerbesteuerbelastung signifikant sinken, ebenso wie die Gebäudekosten, teilte die Deutsche Börse mit. Sitz der Gesellschaft bleibe aber Frankfurt.

Mordaschow erhöht Tui-Anteil
Die Tui-Aktie gewann mehr als zwei Prozent. Der russische Stahlmagnat Alexej Mordaschow hat seinen Anteil an dem Reise- und Schifffahrtskonzern auf mehr auf 5,02 Prozent erhöht. Im November hatte Mordaschow eine Beteiligung von 3,02 Prozent bekanntgegeben.

Unter Druck stand die Infineon-Aktie. Der weltgrößte Speicherchiphersteller Samsung sieht eine Preiserholung für die Branche noch in einiger Ferne. Und davon wäre auch die Infineon-Tochter Qimonda betroffen.

Pfleiderer kräftig erholt
Im MDax fielen einzelne Titel mit deutlichen Erholungs-Sprüngen auf. Die Pfleiderer-Aktie gewann über sieben Prozent. Der Holzverarbeiter hat einen neuen Großaktionär. Der ebenfalls börsennotierte Möbelzulieferer Surteco hat ein Aktienpaket von gut drei Prozent an Pfleiderer gekauft.

SGL Group kontert
Noch besser setzte sich die Aktie der SGL Group nach der jüngsten Talfahrt in Szene. Der Kohlenstoffspezialist hat sein Umsatzziel angehoben. "Ich sehe keinen Grund, warum unser Umsatz in diesem Jahr nicht zweistellig um zehn bis 15 Prozent gegenüber 2007 wachsen sollte", sagte Vorstandschef Robert Koehler zu dpa-AFX. Bislang hatte das MDax-Mitglied einen Zuwachs von mehr als fünf Prozent in Aussicht gestellt.

Premiere: Entscheidung am Wochenende?
Wieder wurde die Aktie des Bezahlfernsehsenders Premiere durch Gerüchte getrieben. Angeblich will die französische Vivendi am Wochenende über ein Gebot für Premiere entscheiden, sagte ein Marktteilnehmer. Ein anderer Händler sprach von Spekulationen im Markt, News Corp wolle seinen Anteil aufstocken.

Goldman stuft Deutz auf "Sell"
Die Aktie von Deutz reihte sich in die Liste der zyklischen Papiere ein, für die Analysten zunehmend ihre Daumen senken. Goldman Sachs stufte die Papiere des Motorenherstellers von "Neutral" auf "Sell" herunter.

Vatas stockt Air-Berlin-Anteil auf
Die Aktie von Air Berlin erholte sich dagegen. Der Investor Robert Hersov hat seinen Anteil an der Billigfluggesellschaft auf 18,56 Prozent erhöht. Erst am Donnerstag hatte Air Berlin mitgeteilt, dass Hersov seinen Anteil über seine Beteiligungsgesellschaft Haarlem One auf 17,5 Prozent ausgebaut hatte. Haarlem One ist eine Tochter der Beteiligungsgesellschaft Vatas. Hinter Vatas steht wiederum der britische Investmentfonds Sapinda International, der sich im Besitz Hersovs befindet. Über die Absichten hinter dem Einstieg schwiegen sich Hersov, Sapinda, Vatas und Haarlem One aus.

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