Bloß nicht übermütig werden...

Detlev Landmesser

Stand: 21.10.2008, 20:31 Uhr

Am Dienstag endete die Erholungstour des Dax erst einmal. Hiobsbotschaften von den Finanzkonzernen sind seltener geworden, dafür bereiten die Industrieunternehmen zunehmend Sorgen.

Schließlich ist die Berichtssaison zum dritten Quartal in den USA bereits in voller Fahrt. Nicht alle Zahlen des Tages fielen schlecht aus, doch häuften sich die verhaltenen Ausblicke auf das weitere Geschäft.

So hat etwa der Chemiekonzern DuPont trotz etwas besser als erwarteter Quartalszahlen seine Jahresziele gesenkt. Auch der Mischkonzern 3M revidierte sein Gewinnziel nach unten. Auf der Habenseite stand unter anderem der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer, der die Gewinnerwartung im dritten Quartal übertroffen und den Ausblick für 2008 präzisiert hat. Auch die Aktie von American Express legte in New York zu, weil der Kreditkartenkonzern weniger Verlust einfuhr als befürchtet.

Die Ford-Aktie rutschte dagegen weiter ab. Nur ein halbes Jahr nach seinem Einstieg bei dem angeschlagenen US-Autobauer steigt der streitbare Investor Kirk Kerkorian wieder aus. Seine Holding Tracinda gab den Verkauf eines ersten Ford-Aktienpakets von 7,3 Millionen Stück bekannt. Der Anteil von zuletzt gut sechs Prozent solle je nach Marktlage schrittweise reduziert werden bis hin zu einem möglichen Komplettausstieg. Angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation wolle sich die Holding auf andere Branchen konzentrieren, begründete Tracinda den Kurswechsel.

Vom Konkurrenten General Motors kam ein nicht weniger beunruhigendes Signal. Die amerikanische Muttergesellschaft von Opel erwäge, in den letzten beiden Novemberwochen in allen europäischen Werken die Fertigung ruhen zu lassen, sagte der Bochumer Betriebsratschef der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (Mittwochausgabe). Eine weitere Zwangspause solle es dann vom 15. Dezember bis ins neue Jahr geben.

Insgesamt herrschten bis zum Abend an der Wall Street moderate Verluste vor. Der L-Dax schloss bei 4.739,05 Punkten.

Öl und Euro auf dem Rückzug

Angesichts der Konjunktursorgen brach auch der Ölpreis wieder ein. Am Abend kostete US-Öl der Sorte WTI rund 71,50 Dollar. Der Euro rutschte am Abend sogar erstmals seit dem Frühjahr 2007 unter die Marke von 1,31 Dollar. Vielleicht trugen dazu auch die Verstaatlichungspläne des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy bei.

BayernLB zapft Rettungspaket an
Während sich die Privatbanken noch zieren, nimmt die Bayerische Landesbank 5,4 Milliarden Euro aus dem Rettungspaket des Bundes in Anspruck nehmen, teilte der bayerische Finanzminister Erwin Huber am Abend mit. Damit solle das Eigenkapital gestärkt werden. Die BayernLB Landesbank war durch Fehlspekulationen auf dem US-Immobilienmarkt in Schwierigkeiten geraten - und zu allem Überfluss noch milliardenschwer in Island engagiert.

Spekulationen um Deutsche Börse
Einer der besten Dax-Titel war die Aktie der Deutschen Börse - und das aus einem von dem Börsenbetreiber eher unerwünschten Grund. Nach Aussage der Börse wollen die Hedge-Fonds TCI und Atticus, die zusammen rund 19 Prozent der Anteile halten, das Unternehmen aufspalten und Geschäftsfelder verkaufen.

Weitere Luft entweicht aus VW
Die zuletzt hoffnungslos überbewertete VW-Aktie setzte ihren Abstieg fort. Ein Händler kommentierte die bereits seit drei Tagen andauernden Kursverluste von insgesamt nun rund 40 Prozent als eine "Bewegung zurück in Richtung Normalität", denn fundamental sei die Aktie "eher bei etwa 70 Euro fair bewertet". Dabei verwies er auf den Verfall der Terminmarktkontrakte am vergangenen Freitag. "Mit dem Verfall ist die Aktie massiv zurückgekommen. Zwar weiß niemand etwas Sicheres, aber da ist zuvor bestimmt eine riesige Zockerei gelaufen."

Henkel will nur noch starke Marken
Der Konsumgüterkonzern Henkel will sich zunehmend auf seine Kernmarken konzentrieren. "Unsere stärksten Marken wachsen überproportional zum Rest. Daher werden wir sie in Zukunft stärker ausbauen", sagte Henkel-Chef Kasper Rorsted der "Financial Times Deutschland". Die zehn wichtigsten Marken leisteten bei Weitem den größten Beitrag zum Konzernumsatz. Deshalb soll die Markenvielfalt in den nächsten Jahren verringert werden. Einzelheiten dazu will Rorsted Anfang November bekannt geben.

Gericht fordert Tacheles von SAP und Oracle
Die SAP-Aktie hielt sich besser als der Markt. Ein kalifornisches Gericht fordert von SAPs erbittertem Rivalen Oracle, bis zum 13. Februar nächsten Jahres eine konkrete Geldforderung an SAP zu stellen. Die Walldorfer haben dann bis zum 18. Februar Zeit, eine Gegenofferte abzugeben. Zwei Tage später sollen die beiden Kontrahenten eine gemeinsame Stellungnahme an das Gericht schicken. Für den 23. Februar setzte das Gericht eine Einigungskonferenz an. Vergangene Woche hatte Europas größter Softwarehersteller beantragt, den Rechtsstreit mit Oracle einzudämmen.

Hannover Rück leidet unter Kursverfall
Die Hannover Rück hat wegen der Kapitalmarktkrise ihr Gewinnziel für das laufende Jahr gekippt. Die Eigenkapitalrendite von mehr als 15 Prozent sei nicht mehr erreichbar, teilte der weltweit viertgrößte Rückversicherer am Morgen überraschend mit. In den ersten neun Monaten stehe unter dem Strich ein Verlust von 140 Millionen Euro. Als Ursachen führte der MDax-Konzern eine unerwartet hohe Großschadenbelastung und ein infolge von Abschreibungen stark gesunkenes Kapitalanlageergebnis an. Die Aktie wurde zunächst vom Handel ausgesetzt und brach danach um mehr als 13 Prozent ein.

Buchgewinn für Bilfinger
Die Aktie von Bilfinger Berger war der größte Gewinner im MDax. Der Baukonzern hatte am Montagabend mitgeteilt, er erwarte einen Anstieg des Konzernergebnisses 2008 über die bisherige Prognose von 140 Millionen Euro hinaus auf eine Größenordnung von 185 Millionen Euro. Hintergrund ist der Verkauf der französischen Ingenieurbaugesellschaft Razel an die französische Fayat.

Hochtief kauft sich selbst
Branchen- und MDax-Kollege Hochtief sprach am Abend ebenfalls von einer "weiterhin sehr positiven Geschäftsentwicklung" bekräftigte seine Rekordziele für 2008. Zudem beschloss der Vorstand ein Aktienrückkaufprogramm für bis zu knapp 3,5 Millionen Aktien im Gegenwert von bis zu knapp 140 Millionen Euro. Mitte Oktober war der russische Großinvestor Oleg Deripaska bei den Essenern ausgestiegen. Deripaska hielt knapp zehn Prozent der Hochtief-Aktien.

Beiersdorf setzt auf Kosmetik
Zu den MDax-Gewinnern zählte auch Beiersdorf. Der Vertrag über den Verkauf der Tochter Bode Chemie an die Paul Hartmann AG sei gestern unterschrieben worden, teilten beide Unternehmen mit. Über den Verkaufspreis wurde Stillschweigen vereinbart. Händler äußerten sich positiv. "Beiersdorf hatte bereits seit Juli vor, die Tochter zu verkaufen, um sich auf das Kosmetikgeschäft zu konzentrieren", sagte ein Börsianer. Laut früheren Berichten könnte der Verkaufspreis bei 100 Millionen Euro liegen.

Arques unter Druck
Im SDax büßte die Arques-Aktie zweistellig ein. Die Arques-Beteiligung Eurostyle hat für ihre französischen Töchter Gläubigerschutz beantragt. Im Rahmen des Gläubigerschutz-Verfahrens "Redressement Judiciaire" wird der Geschäftsbetrieb des Unternehmens weitergeführt und die Restrukturierung fortgesetzt.

Dialog haussiert
Dagegen konnte das Papier von Dialog Semiconductor kräftig zulegen. Der Chip-Entwickler hat das vierte Quartal in Folge schwarze Zahlen geschrieben. Unter dem Strich sei im dritten Quartal ein Gewinn von 1,9 Millionen Dollar geblieben, nach einem Verlust von 5,5 Millionen Dollar im gleichen Quartal des Vorjahres, teilte das Unternehmen aus Kirchheim/Teck mit. Der Umsatz legte um 78 Prozent auf 44 Millionen Dollar zu. Zum Wachstum habe vor allem das Geschäft mit Mobiltelefon-Chips beigetragen. Im Gesamtjahr sollen die Umsätze "nachhaltig" steigen, hieß es.

Syzygy wächst zweistellig
Kurz vor Xetra-Schluss baute die Aktie von Syzygy ihren Tagesgewinn aus. Das Softwareunternehmen meldete für die ersten neun Monate ein Umsatzplus von 18 Prozent auf 23,2 Millionen Euro. Das operative Ergebnis (Ebit) sprang um 65 Prozent auf 3,8 Millionen Euro. Der Auftragsbestand für das vierte Quartal 2008 liege über dem Niveau des Vorjahres, teilte Syzygy weiter mit. Für das Gesamtjahr prognostizierte das Unternehmen ein deutlich zweistelliges Wachstum und bestätigte die Gewinnprognose von 0,28 Euro pro Aktie.

R. Stahl bestätigt Jahresprognose
Vergleichsweise gut aufgelegt war auch die Aktie von R. Stahl. Das auf Explosionsschutz fokussierte Unternehmen steigerte seinen Umsatz in den ersten neun Monaten um 9,6 Prozent auf 168,3 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Steuern kletterte von 17,8 auf 18,1 Millionen Euro. Mit 166,4 Millionen Euro lag der Auftragseingang in den ersten drei Quartalen etwa auf Vorjahresniveau. Man sei deshalb zuversichtlich, das angepeilte Jahresergebnis zu erzielen.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
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Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
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Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
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Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
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Konjunktur:
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USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr