Bilanzsaison wirft dunkle Schatten voraus

Detlev Landmesser

Stand: 07.01.2009, 20:25 Uhr

Wie viel Krise steckt schon in den Kursen drin? Diese simple Frage stellte sich zur Wochenmitte angesichts einer Reihe schlechter Nachrichten erneut. Der Dax musste dabei die Marke von 5.000 Punkten wieder preisgeben.

Der L-Dax beendete den Abendhandel 2,3 Prozent tiefer bei 4.924,87 Punkten. Mehrere US-Konzerne boten am Mittwoch einen bitteren Vorgeschmack auf die bevorstehende Bilanzsaison für das abgelaufene Jahr.

Demgegenüber stehen die Hoffnungen auf Erfolge der staatlichen Konjunkturprogramme sowie niedriger Zinsen und Energiekosten, die in den vergangenen fünf Handelstagen die Kurse beflügelt hatten. Doch die massiven Staatseingriffe kosten unermesslich viel Geld. Nach einer Schätzung des US-Kongresses wird das amerikanische Haushaltsdefizit 2009 bei einem Rekordwert von 1,186 Billionen Dollar liegen, mehr als doppelt so hoch wie im vergangenen Jahr.

Die Kursverluste am deutschen Markt weiteten sich ab 14:15 Uhr aus, als die private US-Arbeitsagentur ADP ihre Stellenstatistik für den Dezember veröffentlichte. Der Stellenabbau in der Privatwirtschaft von 693.000 Stellen war der größte Aderlass am Arbeitsmarkt seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2001. Analysten hatten im Schnitt mit einem Verlust von 473.000 Stellen gerechnet.

Der richtungsweisende US-Ölpreis gab indessen bis zum Abend um über fünf Dollar auf 42,70 Dollar pro Barrel nach, nachdem das US-Energieministerium unerwartet starke Anstiege der Lagerbestände an Rohöl, Benzin und Destillaten in der vergangenen Woche gemeldet hatte.

Intel-Umsatzeinbruch schlimmer als erwartet

Auch in New York verloren die Aktienmärkte bis zum Abend deutlich. Auch Intel drückte die Kurse. Der US-Chipgigant hat nach vorläufigen Zahlen im vierten Quartal einen Umsatzrückgang von 23 Prozent auf 8,2 Milliarden Dollar verbucht. Analysten hatten bislang mit einem Umsatz von 8,78 Milliarden Dollar gerechnet. Im November hatte der weltgrößte Chipkonzern seine Umsatzerwartungen für das vierte Quartal auf rund neun Milliarden Dollar gesenkt und damit Anleger und Analysten geschockt.

Warner warnt
Die Stimmung wurde nicht eben besser, als Time Warner rote Zahlen für das abgelaufene Jahr ankündigte. Für das Kabelgeschäft, den Verlagsbereich und die Internettochter AOL seien Firmenwertberichtigungen von 25 Milliarden Dollar angefallen, warnte der US-Medienkonzern. Unter dem Strich stehe daher für 2008 ein Verlust. Bislang war Time Warner für das vergangene Jahr von einem deutlichen Gewinn ausgegangen. Genauere Zahlen soll es Anfang Februar geben.

Thyssen und Salzgitter im Sog von Alcoa
Auch bei dem amerikanischen Aluminiumriesen Alcoa laufen die Geschäfte schlecht, was die Kurse von ThyssenKrupp und Salzgitter drückte. Alcoa muss wegen der wirtschaftlichen Talfahrt seine Produktion zurückfahren und streicht tausende Arbeitsplätze. Beide deutschen Stahlhersteller zeigen sich indessen vorsichtig optimistisch, dass sich die Stahlnachfrage noch im Frühjahr wieder beleben wird.

Monsanto trotzt der Krise
Ein positives Detail lieferte dagegen Monsanto: Der weltgrößte Agrarkonzern hat seine Gewinnprognose für das laufende Geschäftsjahr erhöht. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2008/09 (bis Ende August) konnte der US-Konzern den Überschuss mit 556 Millionen Dollar weit mehr als verdoppeln. Der Umsatz stieg um fast 30 Prozent auf 2,6 Milliarden Dollar. Zu den Wachstumstreibern zählten Pflanzenschutzmittel sowie Soja- und Mais-Saatgut. Monsanto ist auch Marktführer bei genetisch verändertem Saatgut.

Am deutschen Markt konnten weder der Monsanto-Konkurrent Bayer noch BASF, das mit Monsanto gemeinsam neue Genpflanzen entwickelt, von der Meldung profitieren.

Gasstreit belastet Versorger
Die Verluste von Eon und RWE wurden mit dem weiter verschärften Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine begründet. Russland hat die Gaslieferung über die Ukraine nach Westeuropa komplett eingestellt. Zwar dürfte sich die Auseinandersetzung nicht unmittelbar auf die Geschäfte der Versorger auswirken, sagte ein Händler, "aber es ist ein Problem für die Stimmung."

Die vier größten Erdgas-Versorger Eon Ruhrgas, RWE, Wingas und VNG beruhigten indes ihre Kunden und verwiesen auf ihre Ausweichmöglichkeiten auf Lieferungen aus anderen Ländern sowie auf die großen Vorräte in Erdgasspeichern.

VW tanzt wieder aus der Reihe
An der Dax-Spitze lag erneut die VW-Aktie mit einem Plus von 3,5 Prozent. Schon am Dienstag war der Titel bereits um knapp zwölf Prozent teurer geworden, nachdem Porsche den Erwerb der Mehrheit an Volkswagen gemeldet hatte.

Hoffnungsschimmer für Infineon
Die Infineon-Aktie legte ebenfalls zu - aus Taiwan schwappt die Hoffnung herüber, dass sich der krisengeschüttelte Markt erholen könnte. Hoffnungsstifter ist der Chiphersteller Nanya, der Preiserhöhungen angekündigt hat. Unterdessen berichtete das "Handelsblatt", dass die angeschlagene Chiptochter des Halbleiter-Konzerns Qimonda bald finanzielle Hilfe vom Staat Sachsen erhalten könnte. Die Krisenmeldung von Intel bremste den Kursanstieg ein wenig.

Merckle-Gruppe wird zerschlagen
Im MDax profitierte die Aktie von HeidelbergCement von der Einigung des Bankenkonsortiums mit der Unternehmensgruppe des am Montag verstorbenen Pharma-Milliardärs Adolf Merckle. Um die Finanzsituation der Gruppe langfristig zu stabilisieren, haben sich die Familie Merckle und die Banken auf den Verkauf des Arzneimittelherstellers Ratiopharm geeinigt, teilte die Merckle-Firmenholding VEM am Nachmittag mit. Das Bankenkonsortium habe im Gegenzug einen dringend benötigten Überbrückungskredit bewilligt.

Fraport darf Flughafenausbau angehen
Auch die Aktie von Fraport trotzte dem Trend. Der Flughafenbetreiber ist dem Ausbau seines Heimatstandorts Frankfurt einen Schritt näher gekommen. Der Verwaltungsgerichtshof in Kassel lehnte einen Eilantrag der Naturschutzorganisation BUND gegen den sofortigen Baubeginn ab. Theoretisch dürfte Fraport damit sofort mit den Arbeiten zum Bau einer weiteren Landebahn im Nordwesten des Flughafens beginnen.

Arcandor-Aktie bricht ein
Es war wohl vor allem die Hoffnung auf ein erfreuliches Weihnachtsgeschäft, welche die Aktie des Kaufhauskonzerns Arcandor in den vergangenen Wochen getrieben hatte. Am Mittwoch erlitt der MDax-Titel ohne neue Nachrichten eine scharfte Korrektur und brach um 17,2 Prozent auf 2,60 Euro ein.

Air Berlin verbessert Auslastung
Im SDax rutschte die Aktie von Air Berlin nach positivem Start deutlich ab. Die Verkehrszahlen der Fluggesellschaft für den Dezember kamen nicht gut an. "Die Zahlen sehen nicht gerade gut aus, wobei allerdings keine Schätzungen verfügbar sind", sagte ein Händler. Wegen erheblicher Kapazitätseinschränkungen konnte Air Berlin die Auslastung aber verbessern, während die Zahl der Passagiere sank. Konkurrent Easyjet steht besser da. Der britische Billigflieger steigerte im Dezember seine Auslastung und die Passagierzahl.

MPC streicht jede sechste Stelle
Fast vier Prozent büßte die Aktie von MPC Capital ein. Das Emissionshaus reagiert mit der Streichung jeder sechsten Stelle auf die zuletzt miserablen Geschäfte und die anhaltend düsteren Aussichten. Die Mitarbeiterzahl werde um 55 auf 300 reduziert, teilte der Hamburger Anbieter von Schiffs-und Immobilienfonds mit. Mit einem Sanierungsprogramm wolle MPC die Kosten 2009 um rund zehn Millionen Euro senken. Auch Gesellschafter und Finanzierungspartner sollen einen erheblichen Beitrag zur Gesundung der Firma leisten.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr