Bernanke elektrisiert die Börse

Detlev Landmesser

Stand: 10.01.2008, 20:32 Uhr

Was EZB-Präsident Trichet den Märkten verwehrte, lieferte am Abend Ben Bernanke: Der Fed-Chef stellte unmissverständlich eine Zinssenkung in Aussicht. An der Wall Street folgte eine Berg- und Talfahrt.

"Angesichts jüngst gestiegener Wachstumsrisiken könnte eine zusätzliche geldpolitische Lockerung gut notwendig sein", erklärte Bernanke am Abend in Washington. Bei Bedarf seien "substanzielle zusätzliche Eingriffe" nötig, um die Konjunktur zu stützen. Diese Sätze elektrisierten die US-Börsen zunächst, sind sie doch ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Fed den Leitzins am 30. Januar um mindestens 0,25 Basispunkte senken wird.

Die Freude währte indes nur kurz - bald rutschten die US-Märkte wieder ins Minus, um dann wieder ins Plus zu drehen. Viele Investoren zweifeln offensichtlich, ob die US-Notenbank ein Abgleiten der Wirtschaft in die Rezession verhindern kann. Der L-Dax schloss dementsprechend 0,26 Prozent tiefer bei 7.728,24 Punkten.

EZB bleibt hart

Noch weniger erfreut waren aber die Anleger in Europa. Schließlich klangen die Aussagen von EZB-Chef Jean-Claude Trichet eher nach einer Zinserhöhung denn nach einer Senkung. Wie erwartet, hatte der EZB-Rat den Leitzins trotz des hohen inflationären Drucks unverändert bei 4,00 Prozent belassen, um die weiteren Folgen der US-Krise abzuwarten. Nach der Sitzung bezeichnete Trichet die Fundamentaldaten der europäischen Wirtschaft als "gesund", was in der augenblicklichen Stimmungslage nicht so gut ankam. Das verhalf dem Euro wieder über 1,47 Dollar, während ihn die Bernanke-Rede sogar fast bis auf 1,48 Dollar trieb.

Unterdessen ist das Rezessionsgespenst auch am Ölmarkt angekommen. Der US-Futurepreis fiel weiter auf unter 94 Dollar pro Barrel zurück.

An der Wall Street schickte Capital One Financial seine Aktie auf Talfahrt, nachdem das Kreditkartenunternehmen zum dritten Mal innerhalb von neun Monaten seine Prognose für 2007 gesenkt hatte. Unter anderem wegen Verlusten mit Verbraucherkrediten schraubte Capital One seine Erwartungen um etwa 20 Prozent nach unten.

Dagegen hatte der freundliche Auftakt der Berichtssaison den Markt gestützt, nachdem der Aluminiumriese Alcoa am Vorabend mit den Zahlen zum vierten Quartal die Erwartungen übertroffen hatte.

Wal-Mart und Metro beruhigen
Auch von den Einzelhandelskonzernen kamen eher beruhigende Signale. Der weltgrößte Branchenvertreter Wal-Mart meldete ein unerwartet gutes Weihnachtsgeschäft. Der US-Titel gewann bis zum Abend über zwei Prozent.

Deutschlands Branchenprimus Metro legte in Reaktion auf erste Zahlen zum abgelaufenen Quartal sogar um bis zu acht Prozent zu. Die Unicredit bestätigte ihre Kaufempfehlung für die Metro-Aktie. Das Umsatzziel von mindestens neun Prozent Wachstum im Jahr 2007 sei klar übertroffen worden. Die WestLB hob ihr Anlageurteil sogar von "Add" auf "Buy" an.

Lufthansa 2007 mit Passagierrekord
Die Lufthansa-Aktie rutschte dagegen nach Vorlage der Verkehrszahlen für den Dezember ins Minus. Nach Aussage eines Analysten war der Markt über die Passagedaten leicht enttäuscht - obwohl der Carrier einen neuen Rekordwert meldete: Die Zahl der Fluggäste sei im Gesamtjahr um 5,6 Prozent auf 56,4 Millionen gestiegen. Die Auslastung der Passagiermaschinen verbesserte sich im vorigen Jahr um 1,8 Prozentpunkte auf 77,0 Prozent. Auch das Frachtgeschäft legte trotz leichter Einbußen im Dezember im Gesamtjahr um 2,6 Prozent auf 1,8 Millionen Tonnen zu.

Schwere Verluste im MDax
Im MDax büßten immerhin fünf Titel mehr als acht Prozent ein. Bei Praktiker brauchten Anleger offenbar eine Weile, um die vorgelegten Umsatzzahlen für das Schlussquartal zu analysieren. Jedenfalls startete die Aktie mit einem Plus von über fünf Prozent in den Tag, sackte dann aber um über zwölf Prozent ab. Die Baumarktkette hat im vergangenen Jahr zwar ihr selbst gestecktes Umsatzziel erreicht, die Erwartungen der Marktteilnehmer jedoch vor allem im vierten Quartal enttäuscht. "Nach den Zahlen sind alle Fonds rausgegangen und haben die Aktien massiv unter Druck gebracht", behauptete ein Händler.

Weniger Zuversicht für Südzucker
Die Aktie von Südzucker verlor ebenfalls über zehn Prozent. JP Morgan hatte das das Anlageurteil auf "Underweight" gesenkt und das Kursziel von 16,50 auf 14,00 Euro. Der zuständige Analyst verwies auf verhaltene Aussichten im Zuckergeschäft der nächsten zwei Jahre. Zudem sei es mittlerweile unwirtschaftlich für Südzucker geworden, Ethanol zu produzieren.

Fraport gefragt
Positiv fiel die Aktie von Fraport auf. Ein positiver Analystenkommentar verhalf dem MDax-Titel zu einem Plus von bis zu 8,75 Prozent. Unicredit stufte das Papier des Flughafenbetreibers von "Hold" auf "Buy" hoch und bestätigte das Kursziel bei 55,60 Euro. Händler verwiesen auch auf eine technische Erholung. Seit Jahresbeginn hatte die Aktie zehn Prozent verloren.

ProSieben-Finanzchef geht
Wenn ein Finanzvorstand den Hut nimmt, ist das selten gut für den Aktienkurs. Das bekam am Donnerstag die Aktie von ProSiebenSat.1 zu spüren. Der 59-jährige Lothar Lanz werde das Unternehmen "demnächst" verlassen, teilte der TV-Konzern mit, ohne sich zu den Gründen zu äußern.

Noch weniger IKB-Interessenten
Die IKB-Aktie trudelte zeitweise auf ein neues Rekordtief von 6,05 Euro. Die genossenschaftlichen Zentralinstitute DZ und WGZ nehmen laut der "Welt" Abstand von einer Übernahme der angeschlagenen Mittelstandsbank. "Die Ereignisse der vergangenen Monate haben die Attraktivität der Bank stark relativiert", sagte Christopher Pleister, Präsident des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), der Tageszeitung. Zuvor hatten bereits die Commerzbank und die Postbank erklärt, dass sie nicht mehr interessiert seien.

EADS punktet
Mit EADS ging es um 2,5 Prozent nach oben. Das "Handelsblatt" schrieb unter Berufung auf ihre französische Partnerzeitung "La Tribune", die Flugzeugtochter Airbus sei 2007 bei den Neubestellungen wieder knapp vor ihrem Konkurrenten Boeing gelandet. Zudem will sich der Luft- und Raumfahrtkonzern laut einem Pressebericht mit 24 Prozent an dem indischen Luftfahrtunternehmen IAV beteiligen.

Short-Attacke auf Solarwerte?
Der TecDax verlor deutliche 2,4 Prozent. Vor allem die Erneuerbare-Energien-Fraktion mit Nordex, Solarworld, Q-Cells und Ersol lastete auf dem Index. Ein Händler verwies auf eine mögliche Attacke von Leerverkäufern, die wegen der geringeren Leihgebühren und der höheren Liquidität in der Regel die großen Branchenvertreter bevorzugten. Bereits am Vorabend seien in den USA größere Short-Positionen in der Branche aufgebaut worden, die im späten Handel wieder geschlossen worden seien. Möglicherweise habe es den gleichen Versuch nun in Europa wieder gegeben.

Bijou Brigitte unter 100 Euro
Vom einstigen Börsenglanz von Bijou Brigitte ist nicht mehr viel übrig. Die Aktie des Schmuckhändlers verlor zweistellig und rutschte erstmals seit drei Jahren wieder unter die 100-Euro-Marke. "Der Umsatz lag einen Tick unter den Erwartungen und der Ergebnisausblick für 2007 klingt verhaltener als zuvor", sagte ein Händler. Das Unternehmen setzte 2007 mit 367 Millionen Euro fünf Prozent mehr um. Flächenbereinigt gingen die Erlöse allerdings um rund vier Prozent zurück. Für das Gesamtjahr rechnet Bijou Brigitte mit einem Konzernergebnis nach Steuern, das leicht unter dem Rekordniveau des Vorjahres liegt.

Azego zahlungsunfähig
Am Abend meldete der Chipbroker Azego, beim Amtsgericht München einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens eingereicht zu haben. Schon vor einem gründlich missglückten Kapitalerhöhungsversuch im Dezember war die Aktie kräftig unter Druck geraten.

Tagestermine am Donnerstag, 15. November

Unternehmen:
K+S: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Sixt: Q3-Zahlen (endg.), 07:30 Uhr
Henkel: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
Bouygues: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
Ferratum: Neunmonatszahlen, 07:30 Uhr
LPKF: Neunmonatszahlen (endg.), 08:00 Uhr
Singulus: Neunmonatszahlen (endg.), 08:15 Uhr
Walmart: Q3-Zahlen, 13:00 Uhr
Vallourec: Q3-Zahlen, 17:45 Uhr
Vivendi: Q3-Zahlen, 18:00 Uhr
Mayr-Melnhof: Q3-Zahlen
Applied Materials: Q4-Zahlen
Nvidia: Q3-Zahlen
Sonos: Q3-Zahlen
Acea: Kfz-Neuzulassungen 10/18, 08:00 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Beschäftigte Verarb. Gewerbe 09/18, 08:00 Uhr
EU: Handelsbilanz 09/18, 11:00 Uhr
USA: Empire State Index 11/18, 14:30 Uhr
USA: Im- und Exportpreise 10/18, 14:30 Uhr
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Lagerbestände 09/18, 16:00 Uhr
USA: Ölbericht (Woche) Industrieproduktion Euro-Zone im September, 11:00 Uhr