Berlusconi-Theater elektrisiert die Märkte

Stand: 08.11.2011, 19:46 Uhr

Der italienische Ministerpräsident Berlusconi stand am Dienstag da, wo er sich selbst am liebsten sieht: im Mittelpunkt. Die schwungvollen Kurskurven der europäischen Aktienmärkte zeigen jedoch, dass die Investoren ihm sehnlichst den Ruhestand wünschen. Und neuesten Meldungen zufolge dürfte es bald soweit sein - höchstwahrscheinlich!

Hätten die Investoren über Silvio Berlusconis politische Zukunft abstimmen dürfen, wäre das Ergebnis vermutlich recht eindeutig ausgefallen. Solange die Investoren sich noch Hoffnungen auf ein nahes Ende der Amtszeit Silvio Berlusconis machen durften, lag der Dax mit einem Aufschlag von mehr als zwei Prozent im Plus. Wieder einmal lösten sich die Erwartungen während der Handelszeit aber in Luft auf.

Der Dax stürzte zurück unter die Marke von 6.000 Punkten, nachdem Berlusconi die Haushaltsabstimmung gewonnen, die absolute Mehrheit im Parlament jedoch verloren hatte. "Das gefällt den Märkten überhaupt nicht", sagte ein Händler.

Berlusconi: Rücktritt terminiert?
Die politischen Wirren hätten die Finanzmärkte weiter fest im Griff, kommentieren die Experten der HSH Nordbank. Der Markt reagiere nur noch auf Schlagzeilen, hat Kevin Kruszenski von KeyBanc Capital Markets beobachtet. Der Dax ging immerhin noch mit einem Aufschlag von 0,5 Prozent bei 5.961,44 Punkten aus dem Handel. Zuvor hatte der deutsche Leitindex zeitweise allerdings bei 6.087 Zählern notiert. Der Late-Dax schloss mit einem Plus von 1,4 Prozent bei 6.022,64 Punkten.

Auftrieb gab die Nachricht des Abends, dass der italienische Regierungschef zum Rücktritt bereit sei. Zunächst wolle er noch, dass das Reformgesetz mit Zusagen an die EU verabschiedet werde, meldete die Nachrichtenagentur Ansa. Der Euro reagierte mit Kursgewinnen und übersprang die Marke von 1,38 Dollar.

Starke Unternehmenszahlen
Wer sich nicht mit dem gewohnten Theater in Italien beschäftigen mochte, hatte eine ganze Reihe von Quartalsberichten zu sichten. Sie brachten Unterstützung für die Aktienmärkte: Häufig seien Unternehmensbilanzen besser als erwartet ausgefallen, sagte ein Marktteilnehmer.

Am Abend schaffte auch der Dow Jones dank der Meldungen um Berlusconi die Wende und lag ein halbes Prozent im Plus. Aus den USA wurden am Dienstag keine Konjunkturdaten gemeldet. Deutschland sprang ein. Die deutschen Exporteure schlagen sich noch immer gut. Im September setzten sie 0,9 Prozent mehr um als im Vormonat. Experten hatten mit einem weniger guten Ergebnis gerechnet.

Der Goldpreis stieg erstmals seit Mitte September wieder über die Marke von 1.800 Dollar. Zuletzt sorgten vor allem die politisch unsichere Lage in Griechenland und Italien dafür, dass die Anleger wieder vermehrt zu Gold gegriffen haben.

MüRü fällt zurück
Die Aktie der Münchener Rückversicherung gab nach. Das Unternehmen enttäuschte nach Millionenabschreibungen auf griechische Staatsanleihen die Erwartungen der Experten in puncto Gewinn. Unter dem Strich verdiente der Rückversicherer im dritten Quartal 290 Millionen. 2011 soll Anlegern dennoch eine stabile Dividende bescheren; der Konzern erwartet weiterhin ein positives Jahresergebnis.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
21,85
Differenz relativ
-3,06%

Stahlkonjunktur trübt sich ein
Der Branchenverband der Stahlkonzerne rückte von seiner Produktionsprognose für 2011 ab. "Die Stahlkonjunktur hat sich in den letzten Wochen vor allem als Folge der Staatsschuldenkrise im Euro-Raum eingetrübt", sagte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff. Die Rohstahlproduktion werde unter den vorhergesagten 45,5 Millionen Tonnen liegen. Die 43,8 Millionen Tonnen aus 2010 würden übertroffen. Die Titel von ThyssenKrupp gaben nach, Salzgitter verteidigten dagegen ein signifikantes Kursplus.

Freudentag für Aareal
Die im MDax gelisteten Papiere der Areal Bank stiegen zweistellig und führen den Index an. Der Immobilienfinanzierer hat seinen Überschuss von zehn auf 24 Millionen Euro im dritten Quartal gesteigert und damit die Erwartungen übertroffen. Sowohl die Commerzbank als auch Equinet bekräftigten ihre Kaufempfehlungen.

Leoni lässt zu wünschen übrig
Leicht enttäuschend sei die Ergebnisentwicklung beim Autozulieferer Leoni, hieß es von Marktteilnehmern zur Begründung für die deutlichen Kursverluste. Der Umsatz aber kletterte im dritten Quartal um 27 Prozent auf 913 Millionen Euro. Vor Zinsen und Steuern (Ebit) erreichte Leoni ein Ergebnis von 54,6 Millionen Euro, ein Zuwachs um 40 Prozent. Die Aktie büßt im MDax ein.

Heideldruck legt zu
Das Druckmaschinen-Unternehmen hat seinen Verlust im zweiten Geschäftsquartal von 36 auf 20 Millionen Euro reduziert, der Auftragseingang entspricht mit 668 Millionen Euro dem Wert, den Heideldruck Ende Oktober bereits genannt hatte. Der Umsatz lag bei 636 Millionen Euro. Die Aktie verliert mehr als ein Prozent.

Drillisch-Aktie macht Riesensatz
Neue Kapriolen vollzieht die Aktie des Telekom-Dienstleisters Drillisch aus dem TecDax. Nach dem Kurssturz vom Montag stieg das Papier um mehr zehn Prozent. Auch die Drillisch-Beteiligung Freenet steigt um sieben Prozent. Am Montag war bekannt geworden, dass die Telekom Anzeige wegen angeblichen Provisionsbetrugs gegen das Unternehmen gestellt hat. Drillisch weist die Vorwürfe zurück.

Jenoptik wird optimistischer
Aktien des Technologiekonzerns kletterten zeitweise um mehr als sieben Prozent, mit einem Plus von mehr als zwei Prozent ging das Papier aus dem Handel. Das Management sprach von einer sehr guten Auftrags- und Ergebnisentwicklung in den ersten zehn Monaten. Händler werteten dies positiv, zumal die neuen Prognosen über den aktuellen Analystenschätzungen lägen.

Geldregen für Comdirect
Die Online-Bank Comdirect hat ihre Prognose für den Vorsteuergewinn von 95 Millionen auf "deutlich mehr als 100 Millionen Euro" angehoben. Hauptgrund ist ein Erfolg in einem Steuerstreit, bei dem es um den Ausstieg des Unternehmens aus dem Auslandsgeschäft geht. Die Bank erwartet nun eine Erstattung in Höhe von mindestens 33 Millionen Euro.

Bei Tipp24 klingelt die Kasse
In den ersten neun Monaten verdreifachte der Lotterieanbieter den Betriebsergebnis (Ebit) fast auf 40,4 Millionen Euro. Damit verdiente das Unternehmen bis Ende September bereits so viel, wie das Management für das gesamte Jahr prognostiziert hatte.

Ergebnissprung bei Seven Principles
Der Umsatz der Unternehmensberatung verbesserte sich in den ersten drei Quartalen um 28,5 Prozent auf 73,7 Millionen Euro. Der Konzernjahresüberschuss kletterte um 44 Prozent auf 2,3 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr 2011 bestätigte das Unternehmen die Prognose.

KWG erhöht Prognose
Das Immobilienunternehmen KWG steigerte die Nettomieteinnahmen in den ersten neun Monaten um elf Prozent. Im gleichen Zeitraum erhöhten sich die Umsatzerlöse von 14,5 Millionen Euro auf 15,8 Millionen. Unter dem Strich verdiente KWG nach 0,4 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum diesmal 4,5 Millionen Euro.

Toyota mit Problemen
Die Atomkatastrophe in Japan hat dem Autokonzern das zweite Quartal verdorben. Beim Umsatz musste das Unternehmen einen Rückgang um 18,5 Prozent auf 4,57 Billionen Yen. Auch der Gewinn schrumpfte - um 18,5 Prozent auf 80,4 Milliarden Yen, umgerechnet 750 Millionen Euro.

Griechenland belastet SocGen
Die französische Großbank Société Générale präsentierte am Morgen ihr Zahlenwerk zum Quartal, das von der Griechenland-Krise in Mitleidenschaft gezogen wurde. Netto verdiente das Institut mit 622 Millionen Euro 31 Prozent weniger als im Vorjahr. Der Bestand griechischer Staatsanleihen musste um weitere 333 Millionen Euro abgewertet werden.

Vodafone-Ergebnis schwächelt
Der britische Mobilfunk-Konzern hat im ersten Geschäftshalbjahr vor allem von Datendiensten profitiert, die immer mehr Handy-Nutzer in Anspruch nehmen. Die Umsätze legten um 4,1 Prozent auf 23,5 Milliarden Pfund zu. Das bereinigte operative Ergebnis sank leicht auf 6,04 Milliarden Pfund.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr