Beispiellose Kursstürze

Detlev Landmesser

Stand: 17.09.2008, 20:41 Uhr

Zu oft haben Experten schon erklärt, die Krise sei bald vorbei - am Mittwoch ließ sich die Angst vor weiteren Pleiten nicht mehr eindämmen. An der Wall Steet brachen einige Finanztitel dramatisch ein.

Der L-Dax schloss 2,8 Prozent tiefer bei 5.815 Punkten. Zeitweise lagen die großen US-Indizes schon über vier Prozent im Minus, wobei einige Finanztitel ins Bodenlose zu stürzen drohten. Neben der Citigroup, die auf den tiefsten Stand seit 1996 fiel, verloren auch Goldman Sachs und vor allem Morgan Stanley trotz unerwartet robuster Quartalszahlen dramatisch an Wert. In New York verlor die zweitgrößte US-Investmentbank bis zum Abend fast 40 Prozent an Wert. Grund dafür waren diffuse Ängste, dass die Kreditkrise die verbliebenen Investmentbanken dennoch auf die eine oder andere Weise zur Strecke bringt.

Branchenkollege Lehman Brothers wird derweil bereits filetiert. Die britische Barclays Bank übernimmt für 1,75 Milliarden Dollar das Investmentbanking- und Kapitalmarktgeschäft der insolventen US-Bank.

Die AIG-Aktie stürzte sogar um mehr als 40 Prozent ab- obwohl die US-Notenbank Fed dem angeschlagenen Versicherungsgiganten am Dienstagabend einen dringend benötigten Riesenkredit von 85 Milliarden Dollar zugesagt hatte. Der Konzern will das Geld durch den Verkauf von Vermögenswerten zurückzahlen.

Die US-Aufsichtsbehörde SEC reagierte auf die beispiellosen Kursstürze, indem sie ihr Verbot ungedeckter Leerverkäufe, Naked Short Selling genannt, ab Donnerstag auf alle gehandelten Aktien ausweitete. An der russischen RTS-Börse wurde der Handel nach Kurseinbrüchen kurzerhand gestoppt.

Euro und Gold feiern Comeback

Auch der Devisenmarkt zeigte sich hochnervös: Offenbar wegen der Repatriierung von US-Kapital stand der Euro trotz der Schockwellen aus Amerika zeitweise unter Druck, schoss am Abend aber aus dem Stand um mehr als zwei US-Cent nach oben. Gold und Silber wurden ebenfalls endlich ihrem Ruf als Krisenwährungen gerecht. Der Goldpreis sprang bis zum Abend um rund 80 Dollar auf 860 Dollar pro Feinunze.

Die Konjunkturdaten des Tages unterstrichen das trübe Bild der US-Wirtschaft. Das Leistungsbilanzdefizit weitete sich im zweiten Quartal auf 183,1 Milliarden Dollar aus. Volkswirte hatten nur mit 180 Milliarden gerechnet. Die Zahl der Baubeginne fiel im August um 6,2 Prozent auf 895.000, was deutlich unter dem durchschnittlich erwarteten Wert von 950.000 Einheiten lag.

HBOS will sich zu Lloyds retten
Eine spektakuläre Achterbahnfahrt erlebte die Aktie der HBOS. Zunächst ließen neue Gerüchte um Liquiditätsprobleme bei der größten britischen Hypothekenbank den Titel um mehr als 50 Prozent einbrechen. Die Bank betonte daraufhin ihre finanzielle Stärke. Nachrichten über Fusionsgespräche zwischen HBOS und Lloyds TSB sorgten dann für eine rasante Kurserholung. Die HBOS-Aktie schnellte um mehr als zehn Prozent ins Plus, um dann wieder abzurutschen.

VW-Aktie kennt anscheinend keine Krise
Die auffallende Stärke der VW-Aktie ging weniger auf fundamentale, als auf markttechnische Gründe zurück. Gerüchteweise wurden am Markt Short-Positionen von VW-Aktien, die Lehman Brothers aufgebaut hatte, durch Aktienkäufe ausgeglichen. Zeitweise lag der Dax-Titel 9,8 Prozent im Plus. Am Dienstag hatte Porsche mitgeteilt, inzwischen über 35 Prozent an VW zu halten und den Anteil auf über 50 Prozent aufstocken zu wollen.

BASF weiter unter Druck
Sehr schwach präsentierte sich dagegen erneut die BASF-Aktie. Neben das schwache charttechnische Bild trat der vorsichtigere Ausblick des VCI. Der Branchenverband der chemischen Industrie schraubte wegen der Finanzmarktkrise und der nachlassenden Dynamik der europäischen Industriekonjunktur die Prognosen für das laufende Jahr zurück. Außerdem belaste weiter die als teuer eingeschätzte Übernahme des Schweizer Konkurrenten Ciba, fügte ein Händler hinzu.

Lob für Centrotherm
Im TecDax profitierte die Aktie des Solarunternehmens Centrotherm von einer guten Analysteneinschätzung. Die DZ Bank änderte ihr Anlageurteil von "Sell" auf "Buy", der Solartitel gewann 8,9 Prozent.

Radikaler Schnitt bei Singulus
Die Singulus-Aktie verlor nach einer Kursaussetzung vier Prozent. Der Spezialanlagenbauer teilte mit, sich künftig auf Blu-ray-Maschinen und Solartechnik konzentrieren zu wollen. Durch die Trennung von einem Teil des CD- und DVD-Maschinenbaus sowie den Randbereichen strebe das Unternehmen bis 2010 wieder eine Marge vor Steuern und Zinsen von zehn Prozent an, sagte Firmenchef Stefan Baustert. Der Halbleiterzulieferer HamaTech APE stehe zum Verkauf. Auch für die Beschichtungstochter Opticus werde ein Verkauf geprüft.

United-Internet-Chef kauft zu
Die Aktie von United Internet zollte nach einem Ausflug ins Plus der allgemeinen Markttendenz Tribut. Zuvor hatte Vorstandschef Ralph Dommermuth eine Million Aktien des Internetdienstleisters im Wert von knapp acht Millionen Euro gekauft. Ein Börsianer sagte, Dommermuth zeige damit ein hohes Maß an Vertrauen in sein Unternehmen, dies stimme positiv.

Lehman-Effekt bei Curanum
Im SDax fiel die Aktie von Curanum mit einem Minus von 15,6 Prozent auf. "Lehman hält da rund acht Prozent, die müssen bestimmt verkaufen", sagte ein Händler. Auch andere Marktteilnehmer verwiesen auf die Beteiligung der insolventen US-Investmentbank.

Sunline verdoppelt Ergebnis
Das Solarunternehmen Sunline hat im ersten Halbjahr sowohl Umsatz als auch Ergebnis kräftig gesteigert. Das Ebit verdoppelte sich auf 0,9 Millionen Euro, der Umsatz verbesserte sich um 142 Prozent auf 49,8 Millionen Euro. Man profitiere von der verstärkten Nachfrage für fertig konfigurierte Solarsysteme, teilte Sunline mit.

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