Bange Blicke nach Madrid

Stand: 05.06.2012, 20:02 Uhr

Am deutschen Aktienmarkt herrscht weiter Tristesse. Zwar hat sich der Dax von seinen Tagestiefständen etwas gelöst, trotzdem war es der fünfte Tagesverlust in Folge.

Der deutsche Leitindex gab zum Handelsschluss leicht um 0,15 Prozent nach und schloss bei 5.969 Zählern. Im Tageshoch lag er bei 6.011, im Tief bei 5,914 Punkten. Am Nachmittag hellte sich die Stimmung wegen einer freundlicheren Tendenz an der Wall Street etwas auf und der Markt legte leicht zu. Nachbörslich setzte der Dax seinen Erholungskurs fort, der L/E-Dax stieg bis auf 5.991 Punkte.

Spanien im Blickpunkt
Am Nachmittag hatten die Finanzminister und Notenbanker der G7-Länder eine Telefonkonferenz abgehalten, nachdem Spaniens Finanzminister Cristobal Montoro erstmals offen Probleme bei der Refinanzierung seines Landes an den Kapitalmärkten eingeräumt hatte. Die Märkte werteten dies als weiteren Hinweis darauf, dass Spanien die EU um Finanzhilfe bitten wird.

Konkrete Ergebnisse wurden aber nicht bekannt. Japan erklärte im Anschluss an die Konferenz lediglich, die G7 seien sich darin einig, die Probleme in Spanien und Griechenland gemeinsam anzugehen. Die US-Regierung gab bekannt, die Fortschritte auf dem Weg zu einer Fiskalunion in Europa seien unter anderem Thema der Gespräche gewesen.

Schwache Konjunkturdaten aus Europa
Zuvor waren zudem Konjunkturdaten aus Europa schwach aufgenommen worden. Zuerst fielen am Vormittag die europäischen Einkaufsmanagerindizes auf ein ausgesprochen schwaches Niveau von 46,0 Punkten. Es war der größte Wachstumseinbruch seit Juni 2009. Auch die deutschen Industrieaufträge brachen im April um 1,9 Prozent ein, Experten hatten nur mit einem Rückgang von einem Prozent gegenüber dem Vormonat gerechnet. Dies war der stärkste Einbruch seit November 2011. Allerdings relativierten Analysten den Rückgang, da es Basiseffekte gab und der Abschwung zudem nur in ausgewählten Bereichen zu beobachten war. Trotzdem, die Konjunktur trübt sich auch in Deutschland ein, der bisherigen Wachstumslokomotive der EU.

Deutsche Telekom: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Gewinner und Verlierer
Aktien des Lastwagenbauers MAN haussierten und waren klarer Tagessieger im Dax mit einem satten Plus von neun Prozent. Die Aktie sprang an, nachdem VW seinen Anteil auf über 75 Prozent aufgestockt hat. "Das ist ein weiterer wichtiger Markstein, um auch im Nutzfahrzeuggeschäft unsere gemeinsamen Ziele im engen Schulterschluss zu erreichen", sagte VW-Chef Martin Winterkorn laut Mitteilung.

Verlierer im Dax waren HeidelbergCement, auch Deutsche Börse wurden verkauft. Zuvor hatte sich die Finanzaufsicht BaFin kritisch zum Derivategeschäft geäußert. Auch die Telekom-Aktie tendierte 1,3 Prozent schwächer und setzte ihre Talfahrt der vergangenen Tage damit ungebremst fort. Immer neue Nachrichten zur Konsolidierung des europäischen Marktes drücken auf den Kurs. So denkt Telefonica offenbar über einen teilweisen Börsengang der Tochter O2 nach, zudem will der mexikanische Milliardär Carlos Slim bei der Telekom Austria einsteigen.

Im TecDax waren Centrotherm Tagesgewinner mit einem Plus von gut acht Prozent. Dabei dürfte das Unternehmen nach Solon, Phoenix Solar, Conergy und zuletzt auch Q-Cells demnächst aus dem TecDax herausfliegen. Darüber wird jedenfalls am Abend der Arbeitskreis Aktienindizes der Börse beraten.

Im Dax und MDax werden zum Termin der Index-Anpassungen am 18. Juni hingegen keine Veränderungen erwartet. Selbst für den kleinsten Index, den SDax, der als einziger regulär von der Deutschen Börse überprüft wird, rechnen Index-Experten mit Kontinuität statt eines Austauschs.

Wall Street behauptet sich im Plus
An der New Yorker Börse notiert der Dow-Jones-Index weiter um seinen Schlussstand. Er bleibt dabei aber im Plus und steht zur Stunde bei 12.129 Punkten, ein leichtes Plus von 25 Punkten oder 0,2 Prozent. Immerhin, es gab mal wieder eine positive Konjunkturmeldung: Im Mai hatte sich die Stimmung der Einkaufsmanager im Dienstleistungssektor überraschend aufgehellt. Der ISM-Index für das Dienstleistungsgewerbe stieg um 0,2 Punkte auf 53,7 Punkte. Analysten hatten mit einem unveränderten Wert gerechnet. Recht gut sieht es beim marktbreiteren S&P-500-Index aus, der 0,8 Prozent steigt. An der Technologiebörse Nasdaq liegt der Composite-Index 0,5 Prozent im Plus.

Gesucht sind Finanzwerte, die Facebook-Aktie tendierten hingegen schwach und verlieren knapp zwei Prozent auf 26,39 Dollar. Auch Starbucks-Aktien werden an der Nasdaq verkauft, nachdem das Unternehmen für 100 Millionen Dollar einen Zukauf bekannt gegeben hat.

Deutsche Post: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Post bekräftigt Prognose
Aktie der Deutschen Post konnten ihre Gewinne vom Vormittag nicht verteidigen und verloren 0,3 Prozent. Das Unternehmen hält trotz Steuernachzahlungen von gut einer halben Milliarde Euro an den Prognosen für 2012 fest. Die Umsatzsteuernachzahlung belaufe sich auf insgesamt 516 Millionen Euro, teilte der Konzern am Dienstag nach einer Entscheidung der deutschen Finanzbehörden mit, was sich negativ auf das Ergebnis auswirken wird.

Commerzbank setzt auf Häuslebauer
Commerzbank belegten einen ungewohnten Platz in der Spitzengruppe des Index mit einem Aufschlag von 1,6 Prozent. Deutschlands zweitgrößte Bank hatte bekannt gegeben, dass das Neugeschäft in der Baufinanzierung 2011 um 20 Prozent auf 4,7 Milliarden Euro ausgeweitet wurde. "Ich sehe gute Chancen, diesen Wachstumskurs in den kommenden Jahren fortzusetzen und unseren Marktanteil deutlich auszuweiten", sagte Michael Mandel, Bereichsvorstand Privatkunden der "FAZ".

Daimler-Wachstum schwächt sich ab
Leicht abwärts ging es hingegen mit der Daimler-Aktie, die 0,3 Prozent abgab. Im Mai hat Daimler insgesamt waren das 122.600 Fahrzeuge verkauft, das waren 3,1 Prozent mehr als im Vormonat. Im April lag der Zuwachs noch bei 3,5 Prozent. Damit schwächt sich das Wachstum ab. Absolut waren die Verkäufe im Mai aber auf Rekordniveau, auch in den ersten fünf Monaten wurde mit insgesamt 577.378 verkauften Autos eine Bestmarke aufgestellt.

Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Zockerskandal bei Eon
Eon-Aktien verloren 1,2 Prozent und lagen damit deutlich schlechter als der Markt. Wie ein Unternehmenssprecher mitteilte, seien im Handelsbuch eines ehemaligen Mitarbeiters "Unregelmäßigkeiten" festgestellt worden, die voraussichtlich im unteren zweistelligen Millionenbereich liegen dürften. Es handelt sich um sogenannte Forward-Geschäfte, die noch nicht zur Auslieferung kamen. Mehr könne man erst bei der Vorlage der Zahlen im August sagen, hieß es weiter.

Qantas drückt Lufthansa
Zu den schwächsten Werten im Dax gehörten auch die Aktie der Lufthansa, die 1,7 Prozent abgaben. Grund sind offenbar schwache Zahlen der australischen Airline Qantas. Die hat wegen hoher Kerosinpreise und gesunkener Nachfrage im Geschäftsjahr 2011/12 einen Gewinneinbruch um 90 Prozent auf nur noch 39 Millionen bis 78 Millionen Euro erlitten. Die kriselnde Sparte mit internationalen Flügen soll ihren Verlust von rund 168 Millionen Euro auf mehr als 350 Millionen Euro ausweiten. Die Aktie stürzte nach der Ankündigung um 18 Prozent auf ein Rekordtief.

Zudem ist das Engagement bei der chinesischen Beteiligung Jade Cargo, an der die Kranichlinie 25 Prozent hält, endgültig beendet. Die Gesellschaft wird abgewickelt, teilte Jade am Dienstag im chinesischen Shenzhen mit. Ein Neustart mit einem neuen Besitzer war zuvor gescheitert. Die sechs Jade-Jumbos stehen bereits seit Dezember am Boden. Lufthansa hat das Abenteuer mit Jade einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag gekostet.

Evotec erreicht Meilenstein
Kräftig um über vier Prozent zugelegt hat die Aktie des im TecDax notierten Biotechunternehmens Evotec. Die Hamburger Firma hat im Rahmen ihrer Forschungsallianz mit Boehringer Ingelheim einen Meilenstein erreicht, der eine Zahlung in Höhe von vier Millionen Euro auslöst. Der Meilenstein wurde für die Auswahl eines Wirkstoffkandidaten erzielt, der in die vorklinische Entwicklung für die Behandlung von Atemwegserkrankungen gehen wird.

Jenoptik hebt den Ausblick an
Im TecDax gehörte auch Jenoptik mit einem dicken Plus von 7,9 Prozent zu den stärksten Gewinnern. Das Technologieunternehmen hatte über gute Geschäfte mit der Automobil- und Halbleiterindustrie berichtet. Das Ergebnis für das laufende Geschäftsjahr sieht Jenoptik deshalb nun in der oberen Hälfte der bisher prognostizierten Gewinnspanne. Das Ebit werde nun für 2012 zwischen 45 und 50 Millionen Euro erwartet, bisher waren es 40 bis 50 Millionen Euro.

DZ-Bank-Analyst Dirk Schlamp wertete das konkretisierte Ergebnisziel als "positive Überraschung" Der Experte betonte, die Aktie sei günstig bewertet und bekräftigte seine Kaufempfehlung und das Kursziel von 7,00 Euro.

Ex UniCredit-Chef muss vor Gericht
Alessandro Profumo, langjähriger Chef der größten italienischen Bank UniCredit, muss sich zusammen mit 19 weiteren Bankmanagern wegen Steuerbetrugs im Umfang von 245 Millionen Euro vor Gericht verantworten. Das hat eine Mailänder Untersuchungsrichterin am Dienstag bekannt gegeben. Der Prozess soll am 1. Oktober beginnen.

Profumo, der mittlerweile Chef der toskanischen Traditionsbank Monte dei Paschi ist, gilt als einer der Hauptarchitekten des europäischen Expansionskurses der UniCredit. Unter anderem wurde dabei auch die deutsche HypoVereinsbank übernommen. UniCredit-Aktien legen in Mailand 2,4 Prozent zu, Monte-Paschi-Aktien um 6,5 Prozent. Bei nur geringem Umsatz tendierte die Monte-Paschi-Aktie in Frankfurt zunächst deutlich schwächer, die Entwicklung an der Mailänder Heimatbörse ist aber aussagekräftiger.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"