Ausverkaufsstimmung am Aktienmarkt

Stand: 04.10.2011, 20:04 Uhr

An der Börse macht sich zunehmend Krisenangst breit. Weil Banken wie die belgisch-französische Dexia in den Sog des griechischen Schuldensumpfs geraten, befürchten Anleger eine neue Finanzkrise. Der Dax setzt seine Talfahrt fort. Nur aus den USA kommt ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Von wegen goldener Oktober. Der Dax hat den Monat so begonnen, wie er den September beendet hatte: mit deutlichen Verlusten. Nach dem Einbruch am Tag der Deutschen Einheit ging es am Dienstag erneut drei Prozent nach unten. Der Dax purzelte auf 5.216 Punkte. Der L/E-Dax schloss im späten Parketthandel 20 Pünktchen höher bei 5.236 Zählern. Zeitweise hatte es noch düsterer ausgesehen. In der Spitze verlor der deutsche Leitindex über vier Prozent.

Bernanke zum Handeln bereit
Erst die Wall Street und Notenbank-Chef Ben Bernanke konnten den Kursrutsch bremsen. Nach den Aussagen Bernankes reduzierte der Dow sein Minus etwas. Am Abend notierte er 1,5 Prozent tiefer bei 10.500 Punkten. Der Fed-Chef stellte erneute Stützungsmaßnahmen in Aussicht. "Sofern erforderlich wird die Notenbank ihre maßnahmen ausweiten", sagte Bernanke in einer Anhörung vor Vertretern des US-Repräsentantenhauses. Die Hoffnungen einiger Börsianer auf die Ankündigung eines neuen Programms zum Ankauf von Staatsanleihen erfüllten sich jedoch nicht.

Gleichzeitig zeichnete Bernanke ein düsteres Bild der US-Konjunktur. "Die Erholung von der Krise war weitaus weniger robust als wir gehofft hatten", sagte er. Die US-Wirtschaft könnte gar wieder in die Rezession abgleiten. Neue Daten belegen, auf welch schwachen Füßen der Aufschwung steht. Im August sind die Aufträge der US-Industrie überraschend um 0,2 Prozent zurückgegangen. Analysten hatten mit einer Stagnation gerechnet. Im Juli waren die Orders noch um über zwei Prozent gestiegen.

Auszahlung für Griechenland verzögert sich
Die Finanzmärkte blicken derzeit aber mehr mit Sorge auf Europa. Zumal sich die Krise in Griechenland weiter zuspitzt. Weil der Bericht der Troika nicht rechtzeitig fertig sei, verzögert sich die Auszahlung der nächsten Hilfstranche aus dem Rettungspaket um einen Monat auf November. Das erklärte Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker. Finanzminister Evangelos Venizelos beteuerte zwar, dass sein Land bis Mitte November auf die Auszahlung der nächsten Tranche warten könne, ohne pleite zu gehen. Anleger zeigen sich skeptischer. Sie spielen schon Szenarien durch, was nach einem Zahlungsausfall Griechenlands passiert.

Dexia droht Zerschlagung
In den Strudel der griechischen und südeuropäischen Schuldenkrise drohen immer mehr europäische Banken zu geraten. Erstes Opfer könnte das belgisch-französische Geldinstitut Dexia werden. Die Bank hält griechische Staatsanleihen im Volumen von 3,8 Milliarden Euro und ist einer der größten Gläubiger des Schuldenstaats. Möglicherweise müssen Frankreich und Belgien den Kommunalfinanzierer erneut stützen. Bereits in der Finanzkrise 2008 hatten sie ihn mit einer Sechs-Milliarden-Euro-Spitze vor der Pleite gerettet. Die Aktie stürzte am Dienstag um 22 Prozent ab. Nun steht die Bank vor einer Zerschlagung. Die riskanten Teile von Dexia sollen in einer "Bad Bank" ausgelagert werden.

Dexia schürte die Angst vor einer "Finanzkrise 2.0". Für viele Anleger sei das Schicksal und der Kursabsturz von Dexia "ein schlechtes Omen", meinte ein Händler. "Sie fürchten, dass es einigen europäischen Finanzinstituten ähnlich ergehen könnte." "Die Politiker müssen hinter den Banken stehen und das System am Leben halten, sonst droht uns eine neue Finanzkrise", warnte Analyst Justin Urquhart Stewart von Seven Investment Management. Die Finanzminister der Euro-Länder diskutierten die Lage im Bankensekttor auf ihrem Treffen in Luxemburg. Nach dem Treffen sprach Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) von der Gefahr einer Bankenkrise.

Deutsche Bank gibt Gewinnziel auf
Schlechte Nachrichten kamen auch von der Deutschen Bank. Der Branchenprimus hat sein Ergebnisziel für das dritte Quartal und das Gesamtjahr einkassiert. Bisher hatte die Bank 2011 ein Ergebnis von zehn Milliarden Euro vor Steuern angepeilt. Der Konzern will weitere 250 Millionen Euro auf griechische Staatsanleihen abschreiben und 500 Stellen im Investmentbanking streichen. Die Aktie büßte über vier Prozent ein.

UBS verkraftet Zockerverlust
Schlechter, aber nicht ganz so schlecht wie befürchtet sieht es bei der Schweizer Großbank UBS aus. Die in jüngster Zeit arg gebeutelte UBS rechnet für das abgelaufene Quartal mit einem kleinen Gewinn - trotz der jüngsten Milliardenverluste eines Händlers der Bank. Als Grund nannte das Geldhaus die Neubewertung eigener Verbindlichkeiten sowie den Verkauf eigener Anlagen. Die UBS-Aktien legten daraufhin fünf Prozent zu.

Selbst Gold- und Ölpreise fallen
Das Griechen-Drama und die Sorgen um den europäischen Finanzsektor belasteten auch den Euro. Die Gemeinschaftswährung fiel zeitweise auf unter 1,32 Dollar, erholte sich bis zum Abend aber wieder etwas. Der Ölpreis rutschte weiter ab. Ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent kostete zeitweise weniger als 100 Dollar.

Im Sog der fallenden Aktienmärkte verbilligte sich auch der Goldpreis. Das Edelmetall kostete am Nachmittag nur noch 1.624 Dollar je Feinunze - zwei Prozent weniger als am Vortag. "Die Attraktivität des Goldes als sicherer Hafen wird angesichts der Kursentwicklung des vergangenen Monats infrage gestellt", sagte Rohstoff-Experte Ole Hansen von der Saxo Bank.

Schlechter Tag für HeidelbergCement
Im Dax gab es keinen einzigen Gewinner. Schlusslicht war HeidelbergCement. Deren Aktien fielen fast um neun Prozent - im Sog des Kurseinbruchs beim mexikanischen Konkurrenten Cemex. Dessen Papiere litten unter Sorgen um die finanzielle Situation des Unternehmens.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
52,92
Differenz relativ
+0,06%
Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
144,42
Differenz relativ
+3,04%

Autoaktien fahren hinterher
Zu den größten Dax-Verlierern zählten neben HeidelCement die Autowerte. Die Papiere von VW sackten um sieben Prozent, die Titel von Daimler um fast sechs Prozent, die Aktien von BMW über vier Prozent ab - wegen der Sorgen um einen Abschwung der Weltwirtschaft. Dabei haben die deutschen Autobauer auf dem US-Markt zweistellige Absatzzuwächse verzeichnet. Allein VW verkaufte im September fast 36 Prozent mehr Autos als im Vorjahresmonat.

Brüssel hat Bendenken gegen Super-Börse
Zeitweise stärker unter Druck gerieten die Aktien der Deutschen Börse. Aus Insiderquellen sickerte am Dienstag durch, dass Brüssel im Lauf der Woche der Fusion von Deutscher Börse und New Yorker Börse widersprechen werde. Händler fanden das allerdings nicht allzu dramatisch. Ein Marktteilnehmer ging davon aus, dass die EU lediglich weitere Bedingungen an die Fusion knüpfen wird. So kritisiert EU-Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia seit Wochen den zu großen Einfluss im Derivatehandel. Die Nyse Euronext erklärte am Dienstag, sie wäre nicht überrascht, wenn die EU Bedenken äußern würde. Brüssel hatte die Prüfung um vier Monate bis Mitte Dezember verlängert. Die Deutsche Börse hofft, die Fusion bis zum Jahresende unter Dach und Fach zu bringen.

Infineon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
18,12
Differenz relativ
-0,11%

Infineon rudert zurück
Die Infineon-Aktie verlor über drei Prozent. Der Halbleiterhersteller hat angedeutet, möglicherweise weniger als bisher geplant investieren zu wollen. "Bei den Kapazitätsinvestitionen könnten wir, je nach Konjunktur- und Marktlage, Vorhaben verschieben", sagte Infineon-Chef Peter Bauer der "FAZ". "Wir können doch die Augen vor der gesamtwirtschaftlichen Lage nicht verschließen", sagte er. "Zu viele Leerkapazitäten wären einfach nicht gut." Ein Händler sagte, der Konzern habe zuletzt betont, keine Auswirkungen der aktuellen Krise zu bemerken. Daher dürften die nun zurückhaltenderen Aussagen die Stimmung für den Wert belasten.

Pleitegerüchte in der Luftfahrtbranche
Lufthansa-Aktien gaben um über vier Prozent nach. Am Montag hatten an der Wall Street Gerüchte um eine Insolvenz des US-Konkurrenten AMR die Runde gemacht. AMR ist der Mutterkonzern von American Airlines. Außerdem erklärte der Dachverband IATA in einem Bericht, der Branche stehe angesichts der schwächelnden Wirtschaft eine schwere Zeit bevor.

Muss Sky umdenken?
Noch stärker als der Dax rutschte der MDax ab. Er büßte fast fünf Prozent ein und fiel auf den tiefsten Stand seit Juni 2010. Die Titel von Sky rauschten um acht Prozent nach unten. Grund: Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs könnte das Geschäftsmodell der Pay-TV-Anbieter ins Wanken bringen. Die Richter entschieden, dass Fans Fußballspiele auch über ausländische Abos gucken dürften. Ausländische Decoderkarten, die oft billiger sind, dürften nicht verboten werden. Ein Sprecher von Sky Deutschland sah keine unmittelbaren Auswirkungen auf das Geschäft des Unternehmens. Das Urteil müsse erst noch in nationales Recht umgesetzt werden.

Aragon setzt auf Vermögensberatung
Einen neuen Zukauf gab der Finanzdienstleister Aragon am Dienstag bekannt. Die Wiesbadener übernehmen den Vermögensberater SRQ FinanzPartner von der DAB Bank. Das Berliner Unternehmen zählt 10.500 Kunden, die den Bankberatern 1,4 Milliarden Euro anvertraut haben. Aragon will mit SRQ die Vermögensberatung von Privatkunden zu seinem dritten Geschäftsfeld ausbauen. Die Aragon-Aktie gab vier Prozent nach, die Titel der DAB Bank verloren nur leicht.

Apples iPhone enttäuscht
Für Ernüchterung sorgte am Abend die Präsentation des neuen iPhone von Apple. Der Hightech-Konzern enthüllte nicht das erhoffte iPhone 5, sondern lediglich eine aufgemotzte Variante des iPhone 4 - mit persönlichem Assistenten. Die Apple-Aktien rutschten um vier Prozent ab.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 16. Oktober

Unternehmen:
Meck: Kapitalmarkttag, 8.30 Uhr
Johnson & Johnson: Quartalszahlen Q3, 12.45 Uhr
Morgan Stanley: Quartalszahlen Q3, 13 Uhr
Goldman Sachs: Quartalszahlen Q3, 13.30 Uhr
Telekom Austria: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
IBM: Quartalszahlen Q3, 22 Uhr
Netflix: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
TomTom: Quartalszahlen Q3

Konjunktur:
China: Erzeugerpreise / Verbraucherpreise, 3.30 Uhr
EU: Handelsbilanz, 11 Uhr
Deutschland: ZEW Konjunkturerwartungen, 11 Uhr
USA: Industrieproduktion / Kapazitätsauslastung, 15.15 Uhr
USA: NAHB-Index, 16 Uhr