Auf Rezessionskurs

Lothar Gries

Stand: 14.01.2009, 20:08 Uhr

Milliardenverluste bei der Deutschen Bank, erste Zahlen über das erschreckende Ausmaß der Rezession in Deutschland und die Konsumverweigerung der Amerikaner zu Weihnachten haben die schlimmsten Verluste seit Jahresbeginn verursacht. Besonders heftig trifft es die Bankwerte. Auch die Fed bleibt pessimistisch.

Angeführt wird die Liste der Verlierer von der Postbank, die um über 17 Prozent einbricht. Aber auch die Commerzbank und Siemens müssen zweistellige Verluste hinnehmen. Die Deutsche Bank fällt um neun Prozent zurück. Der Branchenprimus hatte am Vormittag die Anleger mit der Meldung über einen Rekordverlust von 4,8 Milliarden Euro im vierten Quartal geschockt. Analysten hatten aber nur mit 1,2 Milliarden gerechnet. Für das Gesamtjahr 2008 geht die Bank nun von einem Nettoverlust von 3,9 Milliarden Euro aus.

Kein Wunder also, dass der Dax im Tagesverlauf immer weiter beschleunigte. Zeitweise büßte er mehr als fünf Prozent ein und kratzte sogar an der Marke von 4400 Punkten, über 200 weniger als gestern. Den Xetra-Handel beendet der Leitindex schließlich mit einem Minus von 4,63% auf 4422. Im verwiegend von Privatanlegern dominierten Abendhandel gibt der Leitindex 4,42 Prozent ab auf 4431.

Der TexDax verliert 4,93 Prozent und der MDax 4,3 Prozent. Etwas besser sieht es im Kleinwertesegment. Dem Sdax aus, er schließt 2,9 Prozent niedriger als gestern.

Verstärkt wurde der Einbruch von enttäuschenden Zahlen aus den USA. Dort ist der Einzelhandelsumsatz im Dezember um 3,1 Prozent (ohne Autos) gesunken und damit deutlich stärker als erwartet. Analysten hatten mit einem Dezemberrückgang von nur 1,2 Prozent gerechnet. Diese Nachricht führte auch an der Wall Street zu massiven Kursverlusten. Bis zum Handelsschluss in Deutschland verlor der Dow Jones Index gut drei Prozent auf 8193 Zähler.

Fed schürt Pessimismus
Schlechte Nachrichten kommen auch von der US-Notenbank Fed. Sie stellt in ihrem neuesten Konjunkturbericht (Beige Book) fest, dass die wirtschaftliche Lage in nahezu allen Bereichen weiter verschlechtert hat. So sei die Produktion in den meisten Bezirken weiter gefallen. Auch bleibe der Kreditmarkt weiter eng.

Postbankdeal perfekt
Deutsche Bank und Deutsche Post haben sich auf neue Konditionen für den Verkauf der Post-Tochter Postbank geeinigt. Die Deutsche Bank muss dadurch ihr Eigenkapital nicht mehr so stark belasten, die Post kommt "schneller und mit weniger Risiko aus dem Bankgeschäft", teilten beide Konzerne mit. Der Barwert der Transaktion entspricht 4,9 Milliarden Euro. Die Post steigt zu acht Prozent bei der Deutschen Bank ein. Damit beteiligt sich indirekt auch der Staat als größter Anteilseigner der Post an Deutschlands führender Bank.

Nach dem Ende der Übernahmephantasie brechen die Titel der Postbank um über 17 Prozent ein und sind damit der größte Verlierer im Dax.

Deutsche Wirtschaft im Jammertal
Einen bisher noch nie gesehenen Rückgang verkündete der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Allein im November sind die Aufträge im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat um 30 Prozent eingebrochen.

Auch die Wirtschaft insgesamt ist im vierten Quartal schlimmer von der Wirtschafts- und Finanzkrise erfasst worden als befürchtet. Nach ersten vorläufigen Schätzungen des Statistischen Bundesamts sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im vierten Quartal 2008 um 1,5 bis 2,0 Prozent. Positiv entwickelte sich die Konjunktur im Vergleich zum Vorquartal nur in den ersten drei Monaten. Danach rutsche Deutschland immer tiefer in die Rezession. Damit ergibt sich für das Gesamtjahr nur ein BIP-Anstieg von 1,3 Prozent, eine Halbierung gegenüber 2007.

Schlechte Ausgangsbasis
Ökonomen erwarten eine rapide Verschlechterung. Nach den "verheerenden" November-Daten für die Auftragseingänge, die Produktion und die Exporte startet die deutsche Wirtschaft nach Ansicht der DekaBank 2009 mit einer schweren Hypothek. Die Bank erwartet 2009 einen BIP-Rückgang um drei Prozent. Sie geht von einem
Bremseffekt von gut 1,5 Prozentpunkten aus, den die deutsche
Wirtschaft aus 2008 mitnehme. Auch der Chefvolkswirt der Commerzbank,
Jörg Krämer, sagte: "Die Ausgangsbasis für 2009 ist sehr schlecht."

Neue Konjunkturängste dürfte es am Abend geben. Dann wird die amerikanische Notenbank Fed mit dem "Beige Book" ihre neueste Analyse vorlegen.

Wird die HRE verstaatlicht?
Der Bund will offenbar bei der angeschlagenen Immobilienbank Hypo Real Estate einsteigen. Der finanzpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Otto Bernhardt, bestätigte die Absicht zu einer Staatsbeteiligung. Die HRE-Aktie verliert 4,6 Prozent. Das Geldinstitut benötigt weitere Milliardenhilfen. Die Rede ist von bis zu zehn Milliarden Euro. Der Staat und einige Banken hatten der HRE schon im Herbst mit 50
Milliarden Euro unter die Arme gegriffen und sie vor dem Aus bewahrt, doch im vierten Quartal 2008 hat die Finanzkrise massiv negativ zu Buche geschlagen. Im Gespräch ist auch eine Komplettverstaatlichung der Bank.

Siemens enttäuscht mit Ausblick
Mit Sorge blicken die Anleger heute auch auf den Siemens-Konzern. Das Unternehmen hat im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2008/09 operativ zwar besser als im Vorjahr abgeschnitten, wie aus einer Präsentation von Finanzvorstand Joe Kaeser vor Investoren am Dienstag in New York hervorgeht. Doch der Auftragseingang bereitet offenbar zunehmend Sorgen. "Der Ausblick kam gar nicht gut an, da hatten einige Investoren auf mehr gehofft", sagte ein Händler mit Blick auf den Kurseinbruch der Siemens-Aktie um mehr als zehn Prozent.

Gea warnt
Der Maschinenbauhersteller hat seine Prognosen für das vergangene Jahr gesenkt. Gea rechnet nur noch mit einem Auftragseingang, der leicht unter dem 2007er-Niveau liegt. Bislang hatte das Unternehmen knapp fünf Prozent mehr Bestellungen erwartet. Auch beim Umsatz hat das Unternehmen offenbar mit einem Zuwachs von fünf bis zehn Prozent die Latte gerissen. Die Prognose lautete bisher auf rund zehn Prozent plus. Immerhin lag die operative Marge bei 10,0 bis 10,5 Prozent. Die Prognose lag zuvor bei plus zehn Prozent.

Südzucker überrascht positiv
Europas größter Zuckerproduzent Südzucker hat im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2008/09 das operative Ergebnis von 55,3 auf 102 Millionen Euro verbessert. Analysten hatten lediglich mit 74 Millionen Euro gerechnet. Der Umsatz stieg um 2,5 Prozent auf 1,57 Milliarden Euro. Die Aktie notiert leicht im Plus.

HeidelbergCement größter MDax-Verlierer
Die Aktie des Baustoffkonzerns HeidelbergCement verliert über 15 Prozent. Gerüchte über eine Kapitalerhöhung machen die Runde. Das MDax-Mitglied wiederum plant nach eigenen Angaben seine Schulden durch den Verkauf von Geschäftsteilen abbauen. Außerdem ist geplant, die Laufzeiten der Bankkredite zu verlängern.

Douglas bleibt auf der Stelle
Der Handelskonzern Douglas hat im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres 2008/09 seinen Umsatz um rund vier Prozent auf über 1,1 Milliarden Euro verbessert. Bereinigt um Neueröffnungen bei Filialen sanken die Erlöse allerdings um 0,4 Prozent. Das MDax-Mitglied rechnet im Gesamtjahr mit einem Wachstum von drei bis sechs Prozent und einem Ergebnis vor Steuern von 100 bis 150 Millionen Euro nach 147 Millionen Euro im Vorjahr.

Arcandor mit normalem Weihnachtsgeschäft
Der Handels- und Touristikkonzern Arcandor hat eigenen Angaben zufolge ein "völlig normales" Weihnachtsgeschäft gehabt. "Die allgemeine Erwartung eines schwachen Einzelhandels-Weihnachtsgeschäftes hat sich bei Primondo und Karstadt nicht bestätigt", sagte der scheidende Vorstandschef Thomas Middelhoff. In beiden Segmenten legen die Umsätze um 0,1 Prozent zu. Dennoch verliert die Aktie heute 7,56 Prozent.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"