Auf dem Rückzug

Lothar Gries

Stand: 16.01.2008, 20:05 Uhr

Die Angst vor einer Ausweitung der Kreditkrise hat auch am Mittwoch die Anleger verschreckt. Der Ausverkauf betraf erneut die Finanz- und Technologieaktien.

Trotz einer leichten Erholung der amerikanischen Standardwerte hat der Dax auch am Abend seine Verlustserie fortgesetzt. Der deutsche Leitindex beendete den Handel mit einem Verlust von 89 Punkten bei 7485 Zählern. Zu den Verlierern zählten erneut Finanzwerte, allen voran die Titel der Deutschen Börse, dicht gefolgt von der Postbank. Auch die Aktien der Commerzbank standen am Mittwoch auf der Verkaufsliste. Die unerwarteten Abschreibungen der Hypo Real Estate hätten die Glaubwürdigkeit des gesamten Bankensektors beschädigt, urteilte ein Händler Die Aktie des Immobilienfinanzierers konnte sich nach ihrem gestrigen Absturz etwas erholen und gewinnt 2,6 Prozent.

Bei den Technologiewerten sind die Kursverluste erneut heftiger, der TecDax verliert mehr als vier Prozent. Grund ist erneut das Gemetzel der Solarwerte, die zweistellige Einbußen erleiden. Auch im MDax kam es zu heftigen Abschlägen, besonders bei Gildemeister und erstmals seit langem auch bei K+S

Deutsche Bank streicht Stellen
Deutschlands größtes Bankhaus will wegen der Kreditmarktkrise bis zu 300 Arbeitsplätze abbauen. Ein Banksprecher bestätigte einen Bericht des "Handelsblatts" (Donnerstagausgabe) weitgehend. Die Stellenstreichungen im Wertpapierhandel (Global Markets) seien Teil der angekündigten Konzentration auf wachstumsträchtige Bereiche. Weltweit beschäftigt die Deutsche Bank im Investmentbanking rund 13.000 Mitarbeiter. In Bankkreisen hieß es, der Schwerpunkt des Abbaus liege in London und New York.

JPMorgan Chase steckt Kreditkrise besser weg als Konkurrenz
Die drittgrößte US-Bank JPMorgan Chase hat wegen Milliardenabschreibungen und einem schwachen Investmentbanking im vierten Quartal einen deutlichen Gewinnrückgang verbucht. Dabei allerdings weniger stark gelitten als die Konkurrenz. Der Gewinn fiel im vierten Quartal 2007 um mehr als ein Drittel auf 2,97 Milliarden Dollar (2,0 Mrd Euro). Unter Berücksichtigung von Veränderungen durch Zu- und Verkäufe fiel der Gewinn um knapp ein Viertel. Wegen der Kreditkrise musste JPMorgan Chase unter dem Strich 1,3 Milliarden Dollar abschreibenFür das neue Jahr ist Konzernchef Jamie Dimon äußerst skeptisch: «Wir bleiben zum Start ins Jahr 2008 extrem vorsichtig», sagte er am Mittwoch in New York.

Gerüchte um Kaufinteresse an Gea
Der Spezialmaschinen- und Anlagenbauer GEA hat Gerüchte über ein mögliches Übernahmeangebot einer Private-Equity-Gesellschaft nicht kommentiert. "Marktgerüchte kommentieren wir generell nicht", sagte ein Konzernsprecher. Der Aktienkurs des Unternehmens war am Nachmittag um bis zu vier Prozent auf 19,52 Euro gestiegen und gehörte damit zu den fünf stärksten Werten im MDax. Händler führten dies auf Spekulationen zurück, dass ein Übernahmeangebot vorbereitet werde.

Erneut Gerüchte um Premiere
Premiere sind am Mittwoch deutlich ins Plus gesprungen, nachdem erneut Spekulationen um einen möglichen Einstieg von Vivendi aufgekommen waren. Demnach hätten die Franzosen knapp 15 Prozent an dem Bezahlsender erworben. Börsianer betonten, dass sich derzeit sehr, sehr viele Gerüchte um Premiere und deren Zukunft rankten. Dabei spielten Vivendi und Murdochs News Corp die Hauptrolle. Das Unternehmen wollte zu den Gerüchten nicht Stellung nehmen.

Münchener Rück bestätigt Gewinnprognose für 2007
Der Rückversicherer rechnet weiter damit, im vergangenen Jahr einen Nettogewinn von 3,5 bis 3,8 Milliarden Euro eingefahren zu haben. Das geht aus einer Präsentation des weltweit zweitgrößten Rückversicherers hervor, die Finanzchef Jörg Schneider am Mittwoch in New York halten will. Danach liegt das Engagement der Münchener Rück in Wertpapieren weiter bei nur 0,2 Prozent aller Investments. Insgesamt hat das Unternehmen weltweit rund 180
Milliarden Euro angelegt.

Adidas verliert nach Herabstufung
Belastet von einem negativen Analystenkommentar gehören die Aktien von adidas am Mittwoch zu den größten Verlierern im Dax. Händler verwiesen insbesondere auf die Abstufung von Goldman Sachs. Die Analysten senkten die Titel des Sportartikelherstellers von "Neutral" auf "Sell" und nahmen sie auf ihre "Conviction Sell List". Die Bewertung der Aktie sei mit Blick auf die jüngste Schwäche im Einzelhandel überzogen. Es gebe auch aufgrund der hohen Abhängigkeit vom US-Konsum.

Intel-Minus bei Infineon
Die Aktie des Chipherstellers Infineon verliert gut drei Prozent. Hier belastet die Quartalsbilanz des weltgrößten Chipkonzerns Intel. Unter dem Strich verdiente der US-Konzern rund 2,3 Milliarden Dollar, 50 Prozent mehr als vor einem Jahr. Analysten hatten jedoch mehr erwartet, die Aktie stürzte nachbörslich um rund 15 Prozent ab.

Autoabsatz in Europa legte 2007 zu
Trotz des schwachen deutschen Marktes ist der Autoabsatz in Europa im vergangenen Jahr leicht gestiegen. In der EU ohne Zypern und Malta seien 2007 1,1 Prozent mehr Pkw zugelassen worden als 2006, teilte der Herstellerverband ACEA mit. Die Marke Volkswagen blieb europaweit Marktführer, musste aber einen Absatzminus von 1,1 Prozent verbuchen. Deutlich legte der Absatz von BMW (6,7 Prozent) zu. Daimler verzeichnete einen unveränderten Marktanteil. Die Dax-Autowerte notieren allesamt etwas schwächer.

SAP hat Business Objects sicher
Der Software-Konzern SAP hat sich die Mehrheit am französischen Wettbewerber Business Objects gesichert. Dem Walldorfer Softwarehersteller seien 87,18 Prozent des Kapitals angeboten worden, teilte die französische Börsenaufsicht mit. SAP hatte die Übernahme zuvor unter die Bedingung gestellt, die absolute Mehrheit an Business Objects zu erlangen. Die Kartellbehörden hatten dem Kauf bereits zugestimmt. SAP legen zu.

Razzia bei Gildemeister
Die Bielefelder Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen den Werkzeugmaschinenbauer Gildemeister aufgenommen. Vorstandschef Kapitza würden Untreue, Bestechlichkeit, Bestechung und Steuerhinterziehung vorgeworfen, sagte der für Wirtschaftsstraftaten zuständige Staatsanwalt Klaus Pollmann. Räume des Konzerns wie auch die Privaträume Kapitzas seien durchsucht und umfangreiche Unterlagen sichergestellt worden. Der Konzern bestätigte am Morgen noch seine Jahresprognose für 2007, wonach der Vorjahresgewinn um über 60 Prozent übertroffen werden soll. Die Gildemeister-Aktie bricht ein.

Solarwerte weiten Verluste aus
Die Aktien der Solarbranche stehen heute kräftig unter Druck. Händler verwiesen auf die hohe Unsicherheit am Markt, die die ohnehin sehr volatilen Solarwerte erfasse. Zusätzlich dazu hat die Société Générale die Aktie von Q-Cells auf "Sell" abgestuft. Die Wachstumsaussichten in dem Sektor würden der Studie zufolge überbewertet, die Aktie verliert bis zu zehn Prozent. Auch Solarworld-Papiere (minus acht Prozent) und Roth und Rau-Aktien (minus 15 Prozent) verlieren überdurchschnittlich.

Pfleiderer gewinnt deutlich
Der holzverarbeitende Konzern Pfleiderer will offenbar Finanzinvestoren zum Einstieg bei dem MDax-Konzern bewegen. Gestern habe sich der Konzern daher mit Vertretern von Allianz Capital Partners und One Equity Partners getroffen, berichtet die Financial Times Deutschland. Ebenfalls gestern hatte das Unternehmen gemeldet, dass Finanzvorstand Derrick Noe fristlos entlassen werde. Pfleiderer gab dafür keine Begründung, angeblich, das berichten Kreise, habe Noe aber praktisch hinter dem Rücken von Aufsichtsrat und Vorstand mit Finanzinvestoren verhandelt. Die Aktie gewinnt zeitweise bis zu 20 Prozent.

Apples Airbook hilft der Aktie nicht
Unbeeindruckt zeigten sich amerikanische Börsianer von den gestern vorgestellten Neuigkeiten des Elektronikkonzerns Apple. Die Firma präsentierte das nach eigenen Angaben flachste Notebook der Welt, und berichtete, dass sie mittlerweile vier Millionen iPhones verkauft habe. Die Aktie verlor trotzdem fünf Prozent. Analysten führten den Kursverlust darauf zurück, dass die neuen Entwicklungen bereits erwartet worden waren. Im SDax verliert die Aktie von Balda mehr als zehn Prozent. Balda stellt für Apples iPhone den berührungsempfindlichen Bildschirm her.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)