Atemberaubende Abwärtsdynamik

Angela Göpfert

Stand: 07.07.2009, 20:04 Uhr

Binnen vier Handelstagen hat der Dax gleich vier Hundertermarken gerissen, am Dienstag rutschte er gar unter 4.600 Punkte. Technisch stehen mittlerweile alle Signale auf "Verkaufen". Und die Zeitbombe US-Berichtssaison tickt immer lauter.

Die Nervosität vor Beginn des Zahlenreigens am Mittwochabend war an den Märkten mit den Händen greifbar. Daten von Thomson Reuters zufolge werden die im marktbreiten S&P 500 notierten US-Firmen für das zweite Quartal im Schnitt einen Gewinnrückgang von 36 Prozent ausweisen.

In dieses Bild passen Äußerungen einer Beraterin von US-Präsident Barack Obama, wonach ein neues staatliches Konjunkturpaket nötig werden könnte. US-Marktstrategen sprachen von einem "echten Vertrauenskiller". "Das würde bedeuten, dass wir eine Billion Dollar zusätzliche Schulden haben, ohne dass wir dafür etwas vorweisen könnten", rauften sich Händler die Haare.

Öl-Titel schmieren ab
Die erneut aufkeimenden Sorgen um die US-Konjunktur drückten die Wall Street tief ins Minus. Der weiter fallende Ölpreis - WTI verbilligte sich auf unter 63 Dollar je Fass - lastete schwer auf den Aktien der im Dow-Jones-Index notierten Ölkonzerne Chevron und Exxon Mobil.

Auch Aktien des Kreditkartenanbieters American Express gerieten unter die Räder. Nach Angaben des US-Bankenverbandes ABA sind die Kreditkartenausfälle im ersten Quartal auf ein Rekordhoch gestiegen.

Überwältigende Verkaufssignale
Im Gefolge der schwachen Wall Street kassierte auch der Dax seine zwischenzeitigen Kursgewinne wieder komplett ein und ging schließlich bei 4.598 Punkten aus dem Xetra-Handel - dem niedrigsten Stand seit Ende April. Im späten Parketthandel konnte er sich ganz leicht erholen auf 4.608 Zähler.

Die technischen Verkaufssignale für den Dax werden dennoch immer überwältigender: Der deutsche Leitindex hat mit dem jüngsten Kurssturz nicht nur die 200-Tage-Linie nach unten durchbrochen, sondern auch die bei 4.670 Punkten verlaufende Nacken-Linie einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation. Auch die seit Anfang Juli extrem gestiegene Volatilität verheißt nichts Gutes.

Investoren verkaufen Hannover Rück, VW und Eon
Die rote Laterne im Dax übernahm heute die Hannover-Rück-Aktie mit einem Abschlag von 3,6 Prozent - ohne dass Händler dafür irgendwelche Gründe ausmachen konnten. Abgegeben wurden zudem Papiere der Index-Schwergewichte Volkswagen und Eon, die jeweils rund drei Prozent einbüßten.

Vortages-Verlierer auf Gewinnerseite
Behaupten konnten sich dagegen Bank- und Stahlaktien, Händler sprachen von einer technischen Gegenreaktion auf die herben Vortagesverluste: Aktien der Stahlkonzerne Thyssenkrupp und Salzgitter legten 1,6 respektive 1,2 Prozent zu.

Für Papiere der Commerzbank ging es ein Prozent nach oben, Deutsche-Bank-Aktien haussierten an der Dax-Spitze mit einem Aufschlag von zwei Prozent. Sie profitierten auch von Medienberichten über eine geplante Neuregelung der Eigenkapitalberechnung.

Kapitalerhöhungen vergraulen die Anleger
Dagegen stießen die Kapitalerhöhungen der im MDax notierten Firmen Deutsche Euroshop und Rheinmetall bei Anlegern auf wenig Gegenliebe, die Aktien verbuchten deutliche Abschläge.

Analysten sahen die Kapitalmaßnahmen nicht ganz so negativ: So sprach Equinet-Analyst Jochen Rothenbacher mit Blick auf die Deutsche Euroshop von einem "klar positiven Schritt". Die UBS behielt ihre Kaufempfehlung für Rheinmetall bei.

Abschläge bei Tui und Gerresheimer
Tui-Aktien büßten nach einer Herabstufung durch Sal. Oppenheim 4,0 Prozent ein. Auch Gerresheimer-Aktien wurden von einem negativen Analystenkommentar ins Minus gedrückt. DZ-Bank-Analyst Michael Blissinger warnte, "das Risiko einer Reduzierung der Guidance 2009 mit Vorlage der Quartalszahlen" sei zuletzt gestiegen.

Morphosys herabgestuft
Auch im TecDax bewegte eine Analystenstudie die Kurse: Die Morphosys-Aktie war nach einer Herabstufung durch die WestLB mit einem Kursminus von 4,6 Prozent zweitschwächster Wert.

Freenet-Aktionäre haben Ruhe weg
Dagegen reagierten Anleger auf die gesenkte Ergebnisprognose des Telekom-Konzerns Freenet erstaunlich gelassen: Der Freenet-Vorstand rechnet nunmehr nur noch mit einem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von 405 Millionen Euro.

Kursgewinne bei Biotest, Comdirect und Air Berlin
Im SDax reagierte die Biotest-Aktie mit einem Plus von 4,4 Prozent auf Studienfortschritte bei einem Antikörper gegen Arthritis.

Auch die Comdirect-Aktie verzeichnete Kursgewinne. Dabei hatte die Onlinebank im Juni weniger Wertpapieraufträge erhalten als im Vormonat. Laut Analyst Werner Eisenmann von der DZ Bank konnte sich die Comdirect damit jedoch besser behaupten als der Markt.

Aktien von Air Berlin gewannen 1,2 Prozent. Der Erlös pro Sitzplatzkilometer, ein Maßstab für die Rentabilität des Flugbetriebs, war im Juni um deutliche 14 Prozent gestiegen.

DEAG mit Sony-Bonus
Außerhalb der großen Indizes schossen die Aktien von DEAG Deutsche Entertainment nach der Beteiligung des Musikgiganten Sony am Klassikgeschäft des Berliner Unternehmens um ein Drittel nach oben. Sony zahlt für die Beteiligung nach DEAG-Angaben einen "zweistelligen Millionenbetrag".

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 24. September

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Deutsche Börse: Regeländerungen für die Indizes MDax, TecDax und SDax sowie die Indexänderungen werden wirksam

Konjunktur:
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