Anschub von der Wall Street

Notker Blechner

Stand: 19.08.2009, 20:07 Uhr

Späte Erholung am deutschen Aktienmarkt: Die freundliche Wall Street hat den Dax im Parketthandel aus der Verlustzone geführt. Als größte Bremse erwies sich VW. Die Stammaktien stürzten regelrecht ab.

Ein Kursrutsch an den chinesischen Börsen hatte am Mittwoch zunächst die Anleger verunsichert. Der Dax ging auf Talfahrt und sackte zeitweise auf unter 5.200 Punkte. Doch am Abend kam die Wende aus den USA: Der Dow Jones drehte ins Plus. Der S&P 500 nahm Kurs auf die psychologisch wichtige Marke von 1.000 Punkten. Das gab dem Dax im späten Parketthandel Auftrieb: Der L-Dax schloss mit fast 5.263 Punkten etwas höher als am Vortag. Den Xetra-Handel hatte der Dax noch leicht im Minus bei knapp 5.232 Zählern beendet.

Energietitel beflügelten die Wall Street. Sie profitierten vom wieder anziehenden Ölpreis nach den neuesten US-Lagerdaten. Denn überraschend gingen die US-Rohölbestände in der vergangenen Woche um 8,4 Millionen Barrel zurück. Der Preis für ein Barrel der US-Sorte WTI verteuerte sich um vier Prozent auf über 71 Dollar.

VW-Stämme und -Vorzüge nähern sich an
Im Blickpunkt standen mal wieder die VW-Aktien. Die Stammaktien des Autobauers fielen den sechsten Tag in Folge und brachen um 14 Prozent auf 146 Euro ein, dem tiefsten Stand seit über zwei Jahren. In den Medien sickerten Gerüchte durch, wonach das Emirat Katar Porsche rund 80 Euro je VW-Stammaktie für den Erwerb der Optionen zahle. Das ist deutlich weniger als vom Markt erwartet worden war. Überraschend sollen die Scheichs auch Optionen auf 50 Prozent der VW-Vorzugsaktien erworben haben - zu 63 Euro je Aktie. Die nicht im Dax notierten VW-Vorzüge stiegen um knapp 15 Prozent auf über 68 Euro. Börsianer halten diese Kursreaktion für logisch: Da Katar nur ein bisschen mehr für die Stämme zahlt, dürften sich die Kurse der Stämme und Vorzüge bald annähern.

Stahl- und Bankenaktien auf der Verkaufsliste
In Ungnade fielen die in den vergangenen Wochen stark gelaufenen zyklischen Titel wie Stahl- und Bankenaktien. Salzgitter und ThyssenKrupp gaben fast 1,5 Prozent nach, die Deutsche Bank büßte 1,3 Prozent ein. Bei Salzgitter und ThyssenKrupp belastete nach Angaben von Händlern der Halbjahresverlust des chinesischen Stahlkonzerns Maanshan. Bei den Bankenwerten verwiesen Händler auf Gewinnmitnahmen. Der Sektor sei zuletzt gut gelaufen. Seit Jahresbeginn hat der europäische Bankenindex knapp 50 Prozent gewonnen

Defensive Titel gesucht
Größter Dax-Gewinner war K+S, gefolgt vom Dax-Abstiegskandidat Hannover Rück. Auch defensive Titel waren gefragt, besonders die Energieversorger Eon und RWE sowie die Papiere der Fresenius-Familie.

Bayer verstärkt sich in den USA und verliert in Indien
Der Bayer-Konzern baut sein Pflanzenschutzgeschäft aus. Die Leverkusener wollen die Biotech-Firma Athenix aus den USA übernehmen. Ein Kaufpreis wurde nicht genannt. Athenix arbeitet an neuen Pflanzeneigenschaften für Mais und Sojabohnen. Dagegen hat Bayer in einem wegweisenden Rechtsstreit um günstigere Generika einen Rückschlag in Indien erlitten. Das Oberste Gericht in Neu Delhi schmetterte eine Klage von Bayer ab, mit der die Deutschen die Zulassung einer Nachahmerversion ihres patentgeschützten Krebsmittels Nexavar verhindern wollen.

Übernahmefantasie bei Stada
An die MDax-Spitze schob sich am Mittwoch die Aktie von Stada. Händler sprachen von wieder aufflammenden Übernahmefantasien. Ein Börsenbrief hob den Generikahersteller erneut als potenziellen Übernahmekandidaten hervor.

Großaufträge für Bilfinger und Gea
Einen Auftragsschub gab es für zwei MDax-Unternehmen: Der Maschinenbauer Gea hat aus China eine 15 Millionen-Euro-Order für die Sparte Pharmatechnik erhalten. Die Bochumer liefern sieben Gefriertrocknungssysteme an ein Pharma-Unternehmen. Die Gea-Aktie gab leicht nach. Der Baukonzern Hochtief hat derweil Aufträge aus den USA und Australien an Land gezogen. In Florida wird Hochtief ein 158 Millionen Euro teures Gerichtsgebäude bauen, teilte der Konzern mit. In Georgia steht die Erweiterung zweier Gefängnisse für 37 Millionen Euro an. In Australien erhielt die Hochtief-Tochter Leighton einen 76 Millionen Euro schweren Auftrag zur Modernisierung der Wasserversorgung der Stadt Melbourne. Die Aktie von Hochtief gewann zwei Prozent.

Lanxess und Sky abgestuft
Unter den größten Verlierern rangierten die Aktien von Lanxess und Sky mit einem Minus von drei Prozent. Schuld daran waren negative Analysteneinstufungen. Bei Lanxess änderte die Credit Suisse ihre Einschätzung von "Outperform" auf "Neutral" wegen fehlender Aufwärtsimpulse. Sky-Aktien stuften die Credit-Suisse-Experten von "Outperform" auf "Neutral" herab.

Wirecard gefragt
Zum Spitzenreiter im TecDax schwang sich die Aktie von Wirecard auf. Das Papier gewann fast sechs Prozent. Der Zahlungsabwickler hat seine vorläufigen Zahlen bestätigt und das operative Ergebnis und den Umsatz um rund 15 Prozent gesteigert. Die Firma will in diesem Jahr wie geplant ihr Ergebnis vor Zinsen und Steuern um 10 bis 25 Prozent erhöhen. Die DZ-Bank bestätigte nach den Zahlen ihre Kaufempfehlung für Wirecard-Aktien.

Bertrandt im Krisen-Sog
Der Autozulieferer Bertrandt leidet unter der Krise. Der Gewinn nach Steuern schrumpfte in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahrs von 25 auf 19,9 Millionen Euro. Das Betriebsergebnis fiel noch stärker - von 35,5 auf 25,8 Millionen Euro. Auch der Umsatz war rückläufig. Die Aktionäre sind nicht begeistert, die Aktie verlor fast sechs Prozent.

Solar Millennium auf rasantem Wachstumskurs
Von Krise ist dagegen bei Solar Millennium nichts zu spüren. Der Betreibver von solarthermischen Kraftwerken konnte in den ersten acht Monaten des Geschäftsjahres den Umsatz auf 42,5 Millionen Euro verdreifachen und das Ergebnis mehr als verfünffachen auf 5,9 Millionen Euro. Das liegt freilich daran, dass mehrere für das vergangene Jahr erwartete Projekte in diesem Jahr verbucht wurden. Die Aktie legte eine Berg- und Talfahrt hin und schloss am Ende nahezu unverändert.

Yoc verdient deutlich weniger
Um fünf Prozent rauschte derweil die Aktie von Yoc nach unten. Das auf so genanntes "Mobile Marketing" spezialisierte Unternehmen hat zwar im ersten Halbjahr den Umsatz um fünf Prozent auf 12,2 Millionen Euro erhöht. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sank dagegen um 42 Prozent auf 0,7 Millionen Euro. Unterm Strich verblieb nur ein Gewinn von 142.000 Euro.

Escada-Chef verkauft seine Aktien
Einen erneuten Kurseinbruch gab es bei Escada. Die Aktie stürzte um acht Prozent auf 86 Cents. Vorstandschef Bruno Sälzer hat seine Anteile an dem insolventen Damenmodehersteller komplett abgestoßen. Er wolle einem Interessenkonflikt bei der Investorensuche vorbeugen. Ein Händler wertete jedoch den Aktienverkauf als negatives Signal.

UBS beendet Steuerstreit mit USA
Im Ausland sorgte vor allem UBS für Schlagzeilen. Die Schweiz hat sich im monatelangen Steuerstreit um Bankkonten der UBS mit den USA geeinigt. Die Schweizer Großbank soll demnach die Namen von rund 4.500 amerikanischen UBS-Kontoinhabern im Rahmen eines Amtshilfeverfahrens offenlegen. Ein offener Bruch des löchrig gewordenen Schweizer Bankgeheimnisses wurde so vermieden. Im Gegenzug muss die krisengeschüttelte UBS keine Geldbuße bezahlen.

Telekom Austria besser als befürchtet
Der Telekomkonzern Telekom Austria hat am Mittwoch bei den Anlegern für Erleichterung gesorgt. Die befürchtete Gewinnwarnung blieb aus. Österreichs Branchenprimus peilt für das Gesamtjahr ein operatives Ergebnis (Ebitda) von 1,9 Milliarden Euro an. Im zweiten Quartal schrumpfte das Ebitda weniger stark als erwartet. Die TA-Aktie kletterte um über fünf Prozent nach oben.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"