Anlegern flattern die Nerven

Notker Blechner

Stand: 08.07.2009, 20:18 Uhr

Die Talfahrt an den Aktienmärkten geht weiter: Bereits den fünften Tag in Folge schloss der Dax am Mittwoch im Minus. Trotz kleiner Hoffnungssignale von der Konjunkturfront überwog die Angst vor der nun beginnenden US-Berichtssaison.

In den nächsten Wochen bestimmen wieder die nackten Zahlen von Unternehmen das Geschehen. Den Auftakt zum Quartalsbilanzreigen macht wie immer der US-Aluminiumkonzern Alcoa. Nach Börsenschluss veröffentlicht Alcoa seine Zahlen.

Anleger hielten sich vor Beginn der Berichtssaison merklich zurück. Expertenschätzungen zufolge dürfte der Gewinn der S&P-500-Unternehmen im zweiten Quartal um 35 Prozent zurückgegangen sein. Besonders die Ausblicke auf das dritte Quartal dürften die Anleger interessieren. Sollten sich die jüngsten Erholungssignale nicht bestätigen, könnten die Börsen wieder unter Druck geraten. "Das Sommergewitter an den Börsen ist noch nicht abgezogen", meinte Marktstratege Mirko Pillep von der Helaba.

Dax im Negativ-Sog der Wall Street

Der Dax pendelte am Mittwoch unentschlossen hin und her. Am Ende trieb die Wall Street den deutschen Leitindex aber wieder nach unten. Der Dax schloss fast 0,6 Prozent tiefer bei 4572 Punkten. Im späten Parketthandel machte der L-Dax noch vier Zähler gut. Der Dow büßte nach einem anfänglich guten Start 0,3 Prozent ein.

IWF optimistisch für 2010
Für etwas Hoffnung sorgte der Internationale Währungsfonds (IWF). Er hob die Prognose für das weltweite Wirtschaftswachstum für 2010 an. Der IWF rechnet nun mit einem Wachstum von 2,5 Prozent - statt 1,9 Prozent. Die globale Konjunktur komme langsam aus der Rezession, die Stabilisierung werde aber unstet und gedämpft verlaufen, hieß es. "Das Schlimmste der Krise ist hinter uns", erklärte IWF-Chefökonom Olivier Blanchard. Für das laufende Jahr senkte der IWF allerdings die Prognose. Die Wirtschaft werde weltweit um 1,4 Prozent schrumpfen - statt wie ursprünglich angenommen 1,3 Prozent.

Ölpreis fällt weiter
Der Ölpreis hat am Mittwoch weiter nachgegeben und fiel erstmals seit Ende Mai wieder unter 61 Dollar. Die US-Rohölbestände sanken zwar stärker als erwartet, dagegen stiegen aber die Benzin- und Destillate-Vorräte unerwartet stark. Auch Aussagen der Opec drückten den Ölpreis. Nach Ansicht der Opec wird es mehrere Jahre dauern, bis sich die weltweite Ölnachfrage vom jüngsten Einbruch wieder erholt hat.

Produktion steigt überraschend deutlich
Einen Lichtblick gab es auch von der deutschen Konjunkturfront. Im Mai hat das produzierende Gewerbe seine Produktion gegenüber April um 3,7 Prozent gesteigert. Das ist der stärkste prozentuale Anstieg seit 16 Jahren.

SAP und Metro heiß begehrt
Größter Dax-Gewinner war SAP. Die Aktien legten rund zwei Prozent zu. Grund war ein positiver Analystenkommentar. Die Analysten von Jefferies stuften das Papier des Software-Konzerns von "Hold" auf "Buy" hoch und setzten das Kursziel auf 33 Euro. Ebenfalls stark gefragt waren die Aktien von Metro. Sie gewannen 1,8 Prozent. Händler verwiesen auf die am Markt gut aufgenommene Anleihe, die Metro gestern begeben hatte. Die Anleihe mit einem Volumen von 600 Millionen Euro sei "mächtig abgegangen".

Eon trotzt EU-Strafe
Zu den größten Dax-Gewinnern gehörte ebenfalls Eon - und das trotz einer von der EU-Kommission verhängten Kartellstrafe in Höhe von einer halben Milliarde Euro gegen Eon Ruhrgas. Doch das Rekordbußgeld war erwartet worden. Der Kurs wurde stattdessen von einer positiven Studie von Goldman Sachs beflügelt.

Talsohle in der Chemiebranche erreicht?
Aus mehreren Branchen kamen am Mittwoch Hoffnungssignale. So sieht beispielsweise die deutsche Chemieindustrie die Talsohle erreicht. In den letzten Monaten habe sich die Produktion stabilisiert, meinte Ulrich Lehner, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI). In der zweiten Jahreshälfte rechnet der Verband mit einer leichten Belebung des Chemiegeschäfts. Die BASF-Aktie notierte nahezu unverändert.

Audi stoppt Talfahrt
Zuversicht verbreiteten auch die Autobauer. Zwar meldeten BMW und Daimler für Juni erneut Absatzrückgänge von sieben und 13 Prozent. Im Vergleich zu den Vormonaten hielt sich aber der Absatzschwund in Grenzen. VW und Audi konnten im Juni sogar mehr Autos verkaufen. Dennoch gehörten die Autowerte zu den Dax-Verlierern. Daimler büßte über zwei Prozent, BMW 1,7 Prozent ein. VW verlor 1,4 Prozent.

Telekom verschmilzt Festnetz- und Mobilfunkgeschäft
Die Deutsche Telekom hat angekündigt, ihr Festnetz- und Mobilfunkgeschäft in Deutschland Anfang 2010 zusammenzulegen. Die Bonner versprechen sich davon kräftige Umsatzsteigerungen, sagte der Telekom-Vorstand Niek Jan van Damme. Anfang des kommenden Jahres sollen T-Mobile und T-Home in einer neuen Gesellschaft zusammengeführt werden. Bereits im Februar hatte die Telekom den Umbau angekündigt. Die T-Aktie notierte 1,4 Prozent im Minus.

Verzögerungen bei ThyssenKrupp?
Rund ein Prozent gab die Aktie von ThyssenKrupp nach. Das Hüttenprojekt des Konzerns in Brasilien droht sich weiter zu verzögern. Laut einem Medienbericht werde sich die Fertigstellung der Kokerei wegen massiver Qualitätsprobleme verschieben. In den USA erwägt ThyssenKrupp derweil, auf Teile des neuen Edelstahlwerks in Alabama zu verzichten. Im Herbst soll die Entscheidung fallen.

HeidelCement geht's besser
Im MDax war HeidelbergCement mit Abstand Spitzenreiter. Der angeschlagene Baustoffkonzern sieht Anzeichen für eine Stabilisierung. Zwar sei der Umsatz in den ersten fünf Monaten um 19 Prozent gesunken, im April und Mai habe sich aber der Sparkurs schon positiv bemerkbar gemacht.

Gesellschafter stehen zu Hapag-Lloyd
Aufatmen bei Hapag-Lloyd: Die Tui und die Gesellschafter der Hamburger Investorengruppe haben der Reederei zugesichert, ihr neues Kapital zur Verfügung zu stellen. Das teilten die Gesellschafter am Abend nach einer Versammlung mit. Angeblich soll Hapag-Lloyd eine Kapitalspritze von 1,75 Milliarden Euro bekommen, davon 325 Millionen Euro von der Tui.

Fraport gibt Entwarnung
Beim Flughafenbetreiber Fraport scheint sich die Stimmung aufzuhellen. Die Frankfurter rechnen mit einer schnelleren Erholung des Passagiergeschäfts als ursprünglich geplant. "Die Minuszahlen werden moderater", sagte Fraport-Chef Wilhelm Bender am Mittwochabend. Für das Gesamtjahr rechnet er mit einem Passagier-Minus von schlimmstenfalls acht Prozent. Bisher war ein Rückgang von sechs bis neun Prozent prognostiziert worden.

Airbus kann von Boeing-Krise kaum profitieren
Die EADS-Tochter Airbus hat im ersten Halbjahr die Luftfahrtkrise voll zu spüren bekommen. Der Flugzeugbauer konnte nur 68 neue Maschinen verkaufen. Damit lag Airbus aber klar vor Boeing. Die Amerikaner konnten wegen der zahlreichen Abbestellungen für den Dreamliner unterm Strich nur eine Maschine (!) verkaufen. Um sein Ziel von 300 Neubestellungen zu erreichen, hat Airbus noch viel zu tun im zweiten Halbjahr. Die EADS-Aktie lag 1,4 Prozent im Minus.

ProSiebenSat.1 ohne Vertriebschef
Noch härter traf es ProSiebenSat.1. Die Aktie brach um rund neun Prozent ein. Vertriebsvorstand Klaus-Peter Schulz hat nach nicht einmal einem Jahr im Amt das Handtuch geworfen. Nun sei völlig unklar, wohin die Zielkunden-Reise bei ProSieben gehe, kritisierte ein Händler.

Koenig & Bauer plant Stellenstreichungen
Aus dem SDax meldete sich Koenig & Bauer zu Wort. Der angeschlagene Druckmaschinenhersteller will mehrere hundert Stellen an den Standorten Frankenthal, Trennfeld und Würzburg streichen. Koenig & Bauer leidet unter massiven Absatzrückgängen. Die Aktie schloss 0,7 Prozent tiefer.

Jenoptik im Puma-Fieber
Im Gegensatz zum Dax konnte sich der TecDax knapp behaupten. Top-Gewinner war die Jenoptik-Aktie, die um über neun Prozent nach oben sprang. Der Mischkonzern profitiert vom Großauftrag für den neuen Bundeswehr-Schützenpanzer Puma. Jenoptik wird Komponenten für den Panzer liefern.

Infineon macht Kasse
Ähnlich stark nach oben ging es mit der Aktie von Infineon. Der größte deutsche Halbleiterhersteller hat sein Segment Wireline Communications (WLC) für 250 Millionen verkauft. Käufer ist der US-Investor Golden State Capital. Damit hat Infineon Spielraum für anstehende Finanzierungshürden gewonnen. Weitere Spartenverkäufe sind nicht geplant.

Escada hat ein Problem weniger
Der angeschlagene Modekonzern Escada hat auch die letzten noch anhängigen Anfechtungsklagen von Kleinaktionären gegen das Sanierungskonzept per Vergleich beigelegt. Damit sei ein weiteres Problem beseitigt, das zu einer Insolvenz von Escada geführt hätte. Die von der Hauptversammlung beschlossene Herabsetzung des
Grundkapitals sowie die Schaffung eines neuen genehmigten Kapitals seien nun rechtswirksam. Die für den 24. Juli geplante außerordentliche Hauptversammlung könne abgesagt werden, teilte Escada am Abend mit. Die Escada-Aktie gewann über vier Prozent.

Positive Studie für Amgen-Hoffnungsträger
Erfreuliche Nachrichten kamen aus dem Biotech-Sektor: Weltmarktführer Amgen hat mit seinem Mittel Denosumab positive Studienergebnisse erzielt. Das Medikament zur Behandlung von Knochenkrebs und Osteoropose habe in Phase III besser angeschlagen als als Zometa vom schweizerischen Pharmakonzern Novartis. Die Amgen-Aktie machte einen Kurssprung von fünf Prozent.

Attacke von Google gegen Microsoft
Dagegen litt Microsoft unter dem Angriff von Google. Der Suchmaschinenbetreiber plant ein eigenes Betriebssystem. Microsoft-Aktien verloren fast zwei Prozent, während Google-Papiere zulegten.

Cyber-Attacke gegen Nyse
Die Aktien des Börsenbetreibers Nyse Euronext verloren drei Prozent. Angeblich soll es eine "Cyber-Attacke" auf die Internetseite der Börse Nyse.com gegeben haben. Auswirkungen auf den Handel und die Datensysteme seien nicht zu erwarten, versicherte Nyse.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr