Anleger wieder in Kauflust

Stand: 19.05.2011, 20:05 Uhr

Der furiose Börsenstart des Online-Netzwerks LinkendIn und das nahende Mega-IPO des Rohstoff-Giganten Glencore haben am Donnerstag die Kurse beflügelt. Nur enttäuschende Konjunkturdaten aus den USA trübten die Stimmung.

Der Dax schloss den zweiten Tag hintereinander im Plus. Mit 7.358 Punkten ging der deutsche Leitindex aus dem Xetra-Handel. Im späten Parketthandel ging es weiter nach oben. Der L-Dax beendete den Tag bei 7.378 Zählern. Für Rückenwind sorgte am Abend die Wende an der Wall Street. Die US-Börsen drehten ins Plus.

Philly-Fed bricht ein
Zeitweise war der Dax sogar auf über 7.400 Punkten geklettert und hatte die Kursverluste von Anfang der Woche wieder wettgemacht. Dann aber ließen ernüchternde US-Konjunkturdaten die Kursgewinne wieder zusammenschmelzen. So trübte sich überraschend deutlich das Geschäftsklima in der Region Philadelphia im Mai ein. Der viel beachtete Philly-Fed-Index brach von 18,5 Punkten im April auf 3,9 Punkte im Mai ein. Erwartet worden war ein Anstieg auf 20,0 Zähler. Der Index der Frühindikatoren sank ebenfalls unerwartet um 0,3 Prozent. Volkswirte hatten mit einem kleinen Plus von 0,1 Prozent gerechnet.

Hiobsbotschaften gab es ebenfalls von der Immobilienfront. Im April wurden entgegen den Prognosen weniger bestehende Eigenheime verkauft. Ihre Zahl sank um 0,8 Prozent auf 5,05 Millionen. Analysten hatten einen Anstieg der Verkäufe auf 5,2 Millionen Eigenheimer vorhergesagt. Einzig vom US-Arbeitsmarkt kamen hoffnungsvolle Signale. Die wöchentlichen Erstanträge für Arbeitslosenhilfe sanken auf 409.000. Analysten hatten mit 11.000 Anträgen mehr gerechnet.

Neuer Markt reloaded?
Für Gesprächsstoff sorgte in den USA aber vor allem ein Internet-Unternehmen: LinkedIn. Das weltgrößte berufliche Online-Netzwerks schaffte ein fulminantes Börsen-Debüt, das selbst das einstige IPO von Google in den Schatten stellte. Ausgabegen zum Preis von 45 Dollar sprangen die Aktien sprangen am ersten Handelstag um fast das Dreifache nach oben auf 120 Dollar. Erinnerungen an den Neuen Markt werden da wach. Manch einer wittert bereits eine neue Internet-Blase.

Glencore stößt auf großes Interesse
Vielversprechend liefen auch die Vorbereitungen zum drittgrößten Börsengang Europas an: das IPO des weltgrößten Rohstoffhändler Glencore. Im Graumarktgeschäft notierte die Glencore-Aktie in London bereits acht Pence über dem Ausgabepreis von 530 Pence. Am 24. Mai geht Glencore in London an die Börse, einen Tag später erfolgt das Listing in Hongkong. Das Glencore-IPO weckt Vorfreude. "Börsengänge sind generell immer ein positives Zeichen, weil sie die robuste Verfassung des Kapitalmarkts widerspiegeln", meinte ein Händler.

EZB warnt Griechenland
Die Griechenland-Krise ließ am Donnerstag die Börsianer dagegen relativ kalt. Da konnte Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB) noch so viel warnen. Die EZB werde im Falle einer Umschuldung Griechenlands keine Staatsanleihen des Landes als Sicherheit bei Refinanzierungsgeschäften akzeptieren, erklärte er. Auch ein Verlassen der Euro-Zone sei für das Land an der Ägais keine Lösung, meinte der niederländische Finanzminister Jan Kees de Jager. Falls Griechenland aus der Euro-Zone austrete, drohe ein Domino-Effekt.

Im Sog der Diskussion um eine Umschuldung Griechenlands verteuerten sich fünfjährige Kreditausfallversicherungen (CDS) auf griechische Staatsanleihen um 28 Basispunkte auf 1.330 Zähler. Der Euro legte eine Berg- und Talfahrt hin. Die schwachen US-Konjunkturdaten trieben die Gemeinschaftswährung auf über 1,43 Dollar.

Commerzbank-Aktien auf Erholungstrip
Größter Dax-Gewinner war die Commerzbank mit einem Plus von über drei Prozent. Händler sprachen von einer normalen Gegenbewegung nach den herben Kursverlusten in den vergangenen Tagen. Seit Anfang Mai haben die Titel fast 12 Prozent an Wert verloren. Am Markt kursierten außerdem Spekulationen, die Commerzbank könnte in Kürze ihre Kapitalerhöhung durchziehen. Diese soll angeblich mit einem Abschlag von 45 Prozent zum aktuellen Schlusskurs kommen. Am Abend gab die Commerzbank eine Verkleinerung des Vorstands bekannt. Der Osteuropa-Chef Achim Kassow wird das Geldinstitut verlassen und zur Oldenburgischen Landesbank gehen. Kassow stand zuletzt in der Kritik.

Siemens auf Brautschau
Neben der Commerzbank waren Industrie-, Stahl- und Autowerte gefragt. HeidelbergCement legte fast drei Prozent, die Siemens-Aktie gut zwei Prozent zu. Siemens- Finanzchef Joe Kaeser fachte die Übernahmefantasie an. Er erklärte am Donnerstag, der Konzern sei für größere Übernahmen gewappnet.

Rote Laterne für Merck
Größter Dax-Verlierer war die Aktie des Darmstädter Pharma- und Spezialchemiekonzerns Merck. Schuld daran war eine Herabstufung der Aktie. JPMorgan setzte den Wert von "Neutral" auf "Underweight" herunter, das Kursziel wurde allerdings von 63 auf 67 Euro angehoben. Das sind aber immer noch acht Euro weniger als der aktuelle Kurs. Die Analysten sehen zunehmend Konkurrenz für die gewinnträchtigen Medikamente Erbitux und Rebif. Die Markterwartungen für die Ergebnisentwicklung seien daher viel zu hoch.

Franzosen schielen auf Hochtief-Sparte
Im MDax befanden sich die Aktien von Hochtief unter den Gewinnern. Denn die Franzosen haben ein Auge auf einen Teil des Baukonzerns geworfen. Der Chef des weltgrößten Baukonzerns Vinci, Xavier Huillard, sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", er sei am Konzessionsgeschäft von Hochtief interessiert. Zudem hat Hochtief Großaufträge in Australien und Hongkong hereingeholt.

Stada buhlt um Schweizer Generika
Die Aktien von Stada legten rund ein Prozent zu. Das Bad Vilbeler Unternehmen will in der Schweiz zukaufen und das Generika-Geschäft von Spirig Pharma übernehmen. Deren Portfolio umfasst Produkte mit einem Jahresumsatz von rund 45 Millionen Schweizer Franken. Der Vorstand von Stada beschloss, Verhandlungen mit den Schweizern aufzunehmen. Eine Entscheidung soll innerhalb der nächsten drei Monate fallen.

Dividendenabschläge im Blick
Aktien von Symrise, Wacker Chemie und Lanxess notierten vermeintlich im Minus. Dabei haben die Unternehmen nach den gestrigen Hauptversammlungen ihre Jahresdividende ausgeschüttet. Symrise zahlte 0,60 Euro je Anteilsschein, Wacker machte 3,20 Euro locker, und Lanxess überweist 0,70 Euro je Aktie an seine Anteilseigner.

KKR bietet Versatel-Aktionären wenig
Die Aktie des Telekommunikationsunternehmens Versatel stand heftig unter Druck und brach um 15 Prozent ein. Der US-Finanzinvestor KKR hat ein Übernahmeangebot für die Versatel-Aktien abgegeben. KKR bietet den letzten übriggebliebenen freien Aktionären 6,70 Euro je Aktie. Am Mittwoch hatte die Versatel-Aktie bei 7,95 Euro geschlossen. KKR kontrolliert bereits 97 Prozent der Versatel-Anteile.

Wieder Schatten über Solar-Aktien
Aktien von Branchenschwergewichten wie SMA Solar und Solarworld litten ebenfalls - wenn auch nicht so heftig wie Versatel. Sie zählten zu den wenigen TecDax-Verlierern. Schuld daran war ein negativer Analysten-Kommentar. Die Analysten der DZ Bank erwarten ein Überangebotsszenario und einen deutlichem Preisdruck im Photovoltaik-Weltmarkt.

VTG-Aktien unter Druck
Quartalszahlen gab es am Donnerstag nur aus dem SDax. Zum Beispiel von VTG. Das Waggonvermiet- und Schienenlogistikunternehmen hat im ersten Quartal von einer höheren Auslastung der Waggonflotte und Zukäufen profitiert. Der Umsatz kletterte um 20 Prozent auf 186,4 Millionen Euro, das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) um knapp elf Prozent auf 41,2 Millionen Euro. Das SDax-Unternehmen bestätigte zudem seinen Ausblick für das Gesamtjahr. Trotzdem gab die Aktie 3,5 Prozent nach. Sie war allerdings zuletzt auch schon stark gelaufen.

Ströer verdient weniger
Ebenfalls deutliche Kursverluste musste die Aktie von Ströer hinnehmen. Das Außenwerbeunternehmen Ströer hat im ersten Quartal 2011 zwar seinen Umsatz um 17 Prozent auf 122,9 Millionen Euro verbessert, aber weniger verdient. Das Ebitda sank wegen Projekt-Anlaufkosten um gut drei Prozent auf 16,2 Millionen Euro. Händler nannten die Zahlen wenig inspirierend.

ItN Nanovation schreibt Verluste
Weiter in den roten Zahlen steckt derweil die Nano-Firma ItN Nanovation. Im ersten Quartal machte sie einen Verlust von 1,59 Millionen Euro - bei stagnierenden Umsätzen. Im Gesamtjahr soll der Umsatz deutlich auf 6,3 Millionen Euro gesteigert und der operative Break-Even erreicht werden. Großes Potenzial sieht ITN Nanovation, an der Nanostart beteiligt ist, in keramischen Flachfiltermembranen im Wassergeschäft. Die Aktien legen leicht zu. Seit Monaten pendeln freilich die ItN-Titel um die vier Euro.

Richemont glänzt nicht genug
Aus dem Ausland meldete Richemont seine Quartalszahlen. Der Luxusgüterkonzern verdiente mit 1,08 Milliarden Euro fast 80 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Analysten hatten aber noch etwas mehr versprochen. Die Richemont-Aktie sackte an der Schweizer Börse zeitweise um über vier Prozent ab und zog auch andere Luxus-Aktien nach unten.

Tagestermine am Montag, 19. November

Unternehmen:
Grand City Properties: Q3-Zahlen
VW: Conference Call für Analysten, 14 Uhr

Konjunktur:
Deutschland: Auftragsbestand des verarbeitenden Gewerbes 10/18, 08:00 Uhr
EU: Leistungsbilanz Eurozone 09/18, 10:00 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Finanzminister Scholz spricht auf der Tagung "European Banking Regulation"