Anleger wie entfesselt

Notker Blechner

Stand: 05.10.2011, 20:11 Uhr

Nach dem jüngsten Kurseinbruch fassen die Anleger wieder Hoffnung. Ermutigende US-Konjunkturdaten und die Aussicht auf eine große Hilfsaktion für Europas Banken lösten ein Kursfeuerwerk im Dax aus. Kurz vor Handelsschluss sorgte eine Bombendrohung an der Frankfurter Börse für Unruhe.

Der Dax hat seine dreitägige Talfahrt vorerst beendet. Und wie! Er sprang am Mittwoch um fünf Prozent nach oben auf 5.473 Punkte und gewann 256 Punkte. Im späten Parketthandel tat sich nicht mehr viel. Der L/E-Dax schloss bei 5.470 Zählern. Damit sind die Kursverluste von Wochenbeginn nahezu wieder wettgemacht.

Selbst eine Bombendrohung konnte die gute Stimmung nicht trüben. Der Handelsaal der Alten Frankfurter Börse musste kurz vor Xetra-Schluss für eine Stunde geräumt werden. Der Parketthandel wurde bis 18.30 Uhr ausgesetzt, der Handel über Xetra ging weiter. Nachdem die Polizei keine Bombe fand, wurde die Evakuierung aufgehoben, die Händler konnten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren.

ISM-Index vertreibt Rezessionsängste
An der Wall Street drehten die US-Börsen nach anfänglichen Verlusten ins Plus. Überraschend gute US-Konjunkturdaten gaben den nötigen Schub. Die Stimmung der Einkaufsmanager im Dienstleistungssektor hat sich im September weniger stark eingetrübt als befürchtet. Der ISM-Index sank von 53,3 Punkten im Vormonat auf 53,0 Zähler. Volkswirte hatten mit einem stärkeren Rückgang auf 52,9 Punkten gerechnet. Nach Einschätzung der Helaba haben die Daten keine Rezessionssorgen in den USA geschürt. Indexstände von über 50 Punkten signalisieren eine wirtschaftliche Belebung.

Auch die neuesten US-Arbeitsmarktdaten fielen besser aus als erwartet. Die Zahl der Jobs in der Privatwirtschaft stieg im September um 91.000. Analysten hatten lediglich einen Zuwachs von 75.000 Stellen prophezeit.

Hilfspaket für Banken?
Die Aussicht auf neue staatliche Hilfen für die notleidenden Banken versetzte die Anleger in breite Kauflaune. "Da dürfte vielen Anlegern ein Stein vom Herzen fallen", meinte ein Börsianer. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich nach einem Treffen mit EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso offen für neue Finanzspritzen. Nach Angaben von EU-Währungskommissar Olli Rehn prüfen die EU-Finanzminister derzeit Möglichkeiten einer konzertierten Aktion zur Sanierung europäischer Banken. Möglicherweise schon auf dem EU-Gipfel am 17./18. Oktober in Brüssel könnten neue Rettungspakete für die Banken geschnürt werden. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble warnte vor einer Eskalation im Bankensektor und sprach von der Gefahr einer neuen Bankenkrise.

IWF will Anleihen der Krisenländer kaufen
Zudem steht der Internationale Währungsfonds (IWF) als weitere Anti-Krisen-Feuerwehr bereit. Der Fonds will - falls nötig - als Aufkäufer von Staatsanleihen den Euro-Krisenländern zu Hilfe eilen. Um das Marktvertrauen zu stärken, könnte der Fonds neben dem Euro-Rettungsschirm EFSF Anleihen etwa von Spanien oder Italien erwerben, kündigte IWF-Europa-Chef Antonio Borges an.

Trübe Konjunkturdaten aus Europa
Die Ratingabstufung italienischer Staatsanleihen durch Moody's und ernüchternde Konjunkturdaten aus Europa traten in den Hintergrund. Im August sanken die Einzelhandelsumsätze in der Eurozone im Vergleich zum Vormonat um ein Prozent und somit stärker als gedacht. Außerdem ging der Einkaufsmanagerindex im September überraschend deutlich von 50,7 auf 49,1 Punkte zurück.

Die Landesbank Berlin warnte bereits vor einem "Lehman 2.0". "Das Vertrauen der Banken ist gravierend zerstört", sagte Vorstandsmitglied Jan Bettink am Rande der Immobilienmesse Expo Real. Die Refinanzierung sei für viele Geldinstitute teurer geworden. "Das, was wir 2009 gesehen haben, könnte sich wiederholen", prophezeite er. Nach der Lehman-Pleite standen viele Banken vor dem Kollaps und mussten mit milliardenschweren Staatshilfen gerettet werden.

Bankaktien auf Erholungstrip
Solche Warnungen verhallten am Mittwoch fast unbemerkt. Die Aussicht auf finanzielle Rückendeckung beflügelte die Kurse der Banken europaweit. Der Branchenindex legte zwei Prozent zu, nachdem er gestern um vier Prozent eingebrochen war. Die Aktien von Dexia erholten sich nach dem heftigen Absturz der letzten Tage. Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Bank zerschlagen wird. Laut Medienberichten sollen die Altlasten der Dexia in eine so genannte "Bad Bank" wandern, für die Belgien und Frankreich Garantien übernehmen.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
10,35
Differenz relativ
+7,78%

Finanzwerte treiben Dax an
Die Finanzwerte lagen auch im Dax weit vorne. Die Aktien der Deutschen Bank erholten sich von den jüngsten Kursverlusten und sprangen um 7,5 Prozent nach oben. Die Allianz-Titel legten über sieben Prozent zu. Die Aktien der Aareal Bank im MDax gewannen gar fast zwölf Prozent.

Monsanto-Dünger für K+S
Spitzenreiter waren die Aktien von K+S. Sie kletterten um über acht Prozent nach oben. Der Düngemittel-Konzern profitierte von guten Zahlen von Monsanto. Der Agrarchemiekonzern wies im vierten Quartal des Geschäftsjahrs 2010/11 einen kleineren Verlust aus als befürchtet. Das färbe auf K+S ab, sagte ein Händler.

ThyssenKrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
20,65
Differenz relativ
+0,15%

China-Fantasie bei ThyssenKrupp
Stark gefragt waren auch die Papiere von ThyssenKrupp. Sie legten 6,5 Prozent zu. Der Mischkonzern will in China stärker expandieren. Das Geschäft mit Aufzügen, Fahrzeugkomponenten und Fabrikanlagen soll kräftig ausgebaut werden. Gleichzeitig sollen die Stahl- und Edelstahlwerke mit einem Umsatz von mehr als 400 Millionen Euro in China verkauft werden. Mit dem Erlös sollen Schulden abgebaut werden. Das kündigte Alfred Wewers, China-Repräsentant von ThyssenKrupp, im "Handelsblatt" an.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
143,44
Differenz relativ
-0,39%

Autoaktien legen Zahn zu
Neben den Finanz- und Industriewerten erholten sich auch die Autowerte, allen voran die Aktien von VW. Sie stiegen um fast acht Prozent. Die Papiere der Premium-Autobauer Daimler und BMW fuhren etwas hinterher mit einem Plus von rund fünf Prozent. Offenbar spüren die deutschen Autobauer von der Schuldenkrise immer noch (fast) nichts. Im September produzierten sie vier Prozent mehr Fahrzeuge. Beim Export steuern sie laut Branchenverband VDA auf einen neuen Rekord zu. In den ersten neun Monaten wurden bereits knapp 3,4 Millionen Autos exportiert - das sind acht Prozent mehr. In Deutschland stieg im September die Zahl der Neuzulassungen um acht Prozent auf 280.800 Pkws.

Daimler allerdings schwächelte auf dem Heimatmarkt. Der Absatz von Mercedes schrumpfte im September um gut zehn Prozent. Nur dank deutlichen Zuwächsen in den Schwellenländern und den USA verkaufte Mercedes weltweit zwei Prozent mehr. Im gesamten Daimler-Konzern stieg der Absatz nur minimal um 0,7 Prozent. Trotzdem sehen sich die Schwaben weiter auf Kurs, einen Absatzrekord 2011 einzufahren.

Brüssel hat Vorbehalte gegen die Super-Börse
Nach Börsenschluss teilte die Deutsche Börse mit, Post von der EU-Kommission erhalten zu haben. In dem Schreiben hätte Brüssel Bedenken wegen der Fusion von Deutscher Börse und New Yorker Börse angemeldet. Der Brief sei jedoch eine vorläufige Position der Brüsseler Wettbewerbshüter. Die beiden Börsenbetreiber würden eng mit der EU-Kommission zusammenarbeiten und streben weiterhin an, bis Jahresende zum größten Börsenbetreiber der Welt zu fusionieren.

Chefwechsel bei Beiersdorf
Der Nivea-Hersteller Beiersdorf hat derweil einen Generationswechsel eingeläutet. Der 48-jährige Stefan Heidenreich soll im Mai 2012 neuer Vorstandschef von Beiersdorf werden. Er löst den 59-jährigen Thomas B. Quaas ab. Die Aktie weitete ihre Kursgewinne aus und schloss 4,5 Prozent höher.

Moddy's senkt Eon-Rating
Die Herabstufung der Kreditwürdigkeit von Eon durch Moody's konnte dem Aktienkurs kaum etwas anhaben. Die Eon-Aktien legten wie die RWE-Papiere gut sechs Prozent zu. Moody's senkte das Rating von Eon auf A3/Prime-2 von A2/Prime-1. Die Ratingagentur begründete dies mit den Belastungen durch den Atomausstieg, die Brennelemente-Steuer und das schwächelnde Gasgeschäft.

Burberry hilft Hugo Boss
Im MDax glänzten die Aktien von Hugo Boss mit einem Plus von über elf Prozent- dank Angela Ahrendts. Die Chefin des britischen Bekleidungsherstellers sagte gegenüber dem Sender CNBC, sie sehe kein verlangsamtes Wachstum im China-Geschäft. Davon profitiert Hugo Boss. Der deutsche Modekonzern setzt stark auf China und wächst dort rasant.

Vorsichtiger Ausblick von ProSiebenSat.1
Die Fernsehsenderkette ProSiebenSat.1 will unabhängiger vom deuztschen TV-.Werbemarkt werden. Der Konzern setzt verstärkt auf Online-Spiele, die Produktion von TV-Serien und die Expansion ins Ausland. Bis 2015 soll nur noch die Hälfte des Umsatzes aus dem deutschen TV-Geschäft kommen. Derzeit liegt der Anteil bei 70 Prozent. Von einer Konjunktureintrübung sieht Vorstandschef Thomas Ebeling derzeit nichts. Er zeigte sich mit dem dritten Quartal sehr zufrieden und bekräftigte die Jahresprognose, selbst wenn sich die Konjunktur im vierten Quartal verschlechtern sollte. Für 2012 bleibt er vorsichtig. Es werde weder ein Krisen- noch ein Boomjahr, sagte er. Die Aktie legte fünf Prozent zu.

Lob für Xing
Star des Tages im TecDax war die Xing-Aktie mit einem Plus von gut elf Prozent. Die Commerzbank hat die Bewertung des Papiers mit einer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 68 Euro neu aufgenommen. Die Aktien böten ein großes Potenzial, schrieb die zuständige Analystin. Die Xing-Papiere zählen zu den wichtigsten Titeln, mit denen Anleger von der strukturellen Umleitung des Internet-Datenverkehrs hin zu den sozialen Medien profitieren könnten.

Solarwerte heiß begehrt
Zu den TecDax-Gewinnern zählten auch Solartitel wie SMA Solar oder Solarworld, die überdurchschnittlich zulegten. Außerhalb der Indizes stiegen die Solarhybrid-Aktien um knapp sechs Prozent. Der Solar-Projektierer hat Großaufträge für zwei weitere Solarstrom-Kraftwerke in Deutschland mit einer Leistung von 38 MW erhalten. Daher hob das Unternehmen seine Prognose für das Gesamtjahr an. Solarhybrid rechnet nun mit Umsätzen von mehr als 400 Millionen Euro nach bisher rund 350 Millionen. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) soll 15 Millionen Euro erreichen.

Apples iPhone enttäuscht
Von den gestrigen Kursverlusten erholten sich die Apple-Aktien am Mittwoch etwas. Sie stiegen um gut ein Prozent. Anleger hatten am Dienstagabend enttäuscht auf das neue iPhone von Apple reagiert. Statt des iPhone5 hatte der Konzern nur eine modernere Variante des iPhone4 mit automatischer Spracherkennung präsentiert. Die Aktien von Google, Nokia und Samsung zogen an.

Microsoft schielt auf Yahoo
In der Internet-Branche könnten indes die Karten neu gemischt werden. Der Microsoft-Konzern hat angeblich ein Auge auf den Suchmaschinenbetreiber Yahoo geworfen. Wie aus Insiderquellen am späten Abend verlautete, erwägt Microsoft ein Übernahmeangebot für Yahoo.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 16. Juli

Unternehmen:
United Continental: Q2-Zahlen
America Movil: Q2-Zahlen, 22 Uhr

Konjunktur:
China: BIP Q2, 4 Uhr
China: Industrieproduktion, Juni, 4 Uhr
EU:Euro Zone-Handelsbilanz, Eurostat, Mai, 11 Uhr
USA: Empire State Index, Juli, 14:30 Uhr
USA: Einzelhandelsumsatz, Juni, 14:40 Uhr
Sonstiges:
Tokio Märkte wegen eines Feiertags geschlossen