Anleger werden zittrig

Karsten Leckebusch

Stand: 30.10.2007, 20:01 Uhr

Vor der Zinsentscheidund der amerikanischen Notenbank bekommen viele Anleger das Muffensausen. Anders ist es nicht zu erklären, dass der deutsche Aktienmarkt trotz eigentlich guter Unternehmensnachrichten recht eindeutig im Minus geschlossen hat.

Ob die amerikanische Notenbank nun die Zinsen senkt oder nicht, das wissen die Anleger erst am Mittwoch Abend. Diese offenbar unerträgliche Ungewissheit verführte viele Aktieninhaber am Dienstag dazu, selbst bei guten Nachrichten ihre Papiere zu verkaufen.

Der Dax beendete den Dienstagshandel daher nach einem schwachen Verlauf mit einem Minus von 0,4 Prozent bei 7.977 Punkten. Die Wall Street tendierte ebenfalls schwächer, erholte sich am Abend aber zusehends, wodurch der LDax noch um mehr als zehn Punkte auf 7.989 Zähler zulegen konnte.

Die große Zinsfrage überstrahlte am Dienstag sogar die Bekanntgabe recht schwacher US-Konjunkturzahlen. Obwohl das monatlich festgestellte Verbrauchervertrauen im Oktober unerwartet kräftig auf 95 Punkte fiel, belastete dies die Märkte nur kurzfristig überdurchschnittlich. Denn: Schlechte Wirtschaftsdaten sind weitere Argumente für eine Zinssenkung.

Vier (oder fünf?) Bilanzen
Zu den vier aktuellen Dax-Bilanzen gesellte sich am Abend eine weitere. Die Börsenzeitung will vorzeitig erfahren haben, dass der Dialysegerätehersteller Fresenius Medical Care im dritten Quartal seinen Umsatz auf 2,43 Milliarden Dollar und sein Ebit auf 397 Millionen Dollar gesteigert hat. Außerdem soll FMC nun einen Jahresgewinn am oberen Ende der Spanne von 750 Millionen Dollar erwarten. FMC und Mutterkonzern Fresenius geben ihre Bilanzen offziell erst am Mittwoch bekannt, der Konzern lehnte eine Stellungnahme zu dem Zeitungsbericht ab.

Offiziell sind hingegen die Bilanzen von Linde, Continental, Metro und BASF. Linde verdiente zwar mehr und übertraf die Erwartungen leicht, aber es gab keine Prognoseanhebung des Gasekonzerns. Das hatten die optimistischen Anleger aber erwartet, die Aktie verlor deshalb 2,5 Prozent.

Auch Continental-Papiere verloren 1,9 Prozent. Zunächst gab es die erst für Mittwoch erwartete Bilanz, dann kündigte der Konzern ebenso überraschend an, dass er eine Kapitalerhöhung um knapp zehn Prozent des Grundkapitals plane, um die Übernahme von Siemens-VDO zu finanzieren. Am Abend teilte der Konzern dann mit, dass er seine Kapitalerhöhung komplett patziert habe und bei einem Preis von 101 Euro je Aktie 1,48 Milliarden Euro eingenommen habe.

Die Metro-Aktie legte leicht um 0,2 Prozent zu. Der Handelskonzern hat im dritten Quartal seinen Umsatz um 10,8 und sein Ebit um 14,8 Prozent gesteigert. Der Konzern hob zudem die Umsatzprognose für 2007 leicht an.

BASF profitierte im vergangenen Jahr von der allgemein höheren Nachfrage nach Chemieprodukten und verbesserte das Konzernergebnis um sechs Prozent auf 1,7 Milliarden Euro. BASF stellte zugleich ein besseres Jahresergebnis in Aussicht, die Aktie verlor trotzdem 2,5 Prozent.

Bankaktien
Bank-Aktien schlugen sich sehr gut, die Aktie der Postbank legte 2,7 Prozent zu und notierte damit an der Dax-Spitze. Börsianer begründeten die neue Lust auf Bankaktien mit einem gewissen Nachholbedarf der Branche. Am Morgen hatte die Schweizer Großbank UBS ihre Bilanz vorgelegt und wie erwartet wegen der Finanzmarktkrise einen hohen dreistelligen Millionenverlust verbucht. Für das vierte Quartal erwartet die UBS jedoch wieder schwarze Zahlen.

Am Nachmittag gab Merrill Lynch-Chef Stan O'Neal seinen sofortigen Rücktritt bekannt. O'Neal sah sich zuvor heftiger Kritik ausgesetzt, weil er die Auswirkungen der US-Hypothekenkrise auf seine Bank unterschätzt hatte. Merrill Lynch hatte deshalb einen Milliardenverlust bekannt geben müssen. O'Neals Rücktritt war deshalb allgemein erwartet worden.

Wyser-Pratte macht noch mehr Druck
Tui verteuerte sich um 0,2 Prozent. Das Handelsblatt berichtete, dass Großaktionär Guy Wyser-Pratte den Tui-Aufsichtsratsvorsitzenden Jürgen Krumnow aufgefordert habe, mit der Suche nach einem neuen Vorstandsvorsitzenden zu beginnen. Dies habe die Spekulationen um eine Ablösung von Tui-Chef Michael Frenzel neu angefacht, kommentierten Börsianer.

Noch mehr Bilanzen
Der Eisenbahntechnikkonzern Vossloh hat im dritten Quartal seinen Umsatz stärker als erwartet gesteigert. Überschuss und operatives Ergebnis blieben hinter den Erwartungen zurück, trotzdem hob das MDax-Unternehmen die Prognose für 2007 und 2007 an. Die Aktie kletterte daher um 5,7 Prozent.

Aus dem SDax meldete sich der Büromöbelversender Takkt zu Wort. Die Bilanz war besser als von Experten erwartet, außerdem stellte Takkt eine besser als bisher erwartete operative Marge in Aussicht. Die Aktie zog um genau vier Prozent an.

Eine Gewinnwarnung des Medizintechnik- und Sicherheitstechnikanbieters Drägerwerk schickt die TecDax-Aktie auf Talfahrt. Das Ebit lag im dritten Quartal um sechs Prozent unter dem Vorjahreswert, Drägerwerk rechnet jetzt nicht mehr damit, das Vorjahresniveau von 148 Millionen Euro beim Ebit zu erreichen. Die Aktie verlor 17 Prozent.

0,5 Prozent gewann hingegen Index-Kollege Wirecard. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen stieg um 90 Prozent auf 9,3 Millionen Euro, der Umsatz des Anbieters für Zahlungsabwicklungen legte um etwa 75 Prozent auf 37,4 Millionen Euro zu. Auch der Mobilfunkdienstleister Drillisch konnte Umsatz und Ebit im dritten Quartal verbessern, die Aktie stieg um 7,4 Prozent.

Kleinere Bilanzen
Aus den hinteren Reihen legte eine ganze Reihe von Unternehmen ihre Geschäftsberichte vor. Die Nemetschek-Aktie legte nach guten Zahlen um 2,3 Prozent zu, EOP Biodiesel enttäuschte die vorgewarnten Anleger und will ins Ausland expandieren, die Aktie kletterte um 2,4 Prozent. Branchenkollege Schmack Biogas zog nachrichtenlos um sieben Prozent an. 5,8 Prozent gewannen die Aktien von Design Hotels nach Vorlage einer überzeugenden Bilanz.

Deutliche Kursverluste verzeichnen indes der Spezialmaschinen- und Softwareanbieter Mühlbauer und Böwe Systec, die beide bei ihren Quartalsberichten nicht überzeugten. Böwe-Aktien verloren 8,3, Mühlbauer verbilligte sich um 3,6 Prozent.

Solarnews
Die Aktie der Solarfirma Conergy verlor weitere 11,5 Prozent. Der Konzern hatte am Freitag eine Gewinn- und Umsatzwarnung ausgegeben und daraufhin dreißig Prozent an Kurswert verloren. Die Citigroup reduzierte am Dienstag ihre Empfehlung von "Buy" auf "Hold" und nahm das Kursziel von 70 Euro auf 40 Euro zurück. Conergy sei nach der Gewinnwarnung auf "etliche Quartale totes Kapital", hieß es.

Aktien des Solarzellenherstellers Q-Cells verloren leichte 0,2 Prozent. Am Morgen hatte das Papier wegen der Hoffnung auf eine Erhöhung der Jahresprognose noch deutlich zugelegt, am frühen Nachmittag dann bestätigte der Konzern seine gültige Prognose. Das enttäuschte die Anleger offenbar.

Fantasie raus aus Tipp24
Aktien des Lottovermittlers Tipp24 verloren 6,2 Prozent. Das Unternehmen gab am Mittag bekannt, dass das private Lottounternehmen Günther Holding 11,4 Prozent an Tipp24 gekauft habe und nun plane, diesen Anteil weiter auszubauen. Eine Komplettübernahme sei aber, wie seit einigen Tagen spekuliert wurde, nicht geplant. Das enttäuschte die Anleger.

Syzygy mit besseren Konzernkennzahlen
Der Internetdienstleister mit dem seltsamen Namen Syzygy hat im dritten Quartal sein Ebit um 177 Prozent auf etwa eine Million Euro steigen können. Der Umsatz des kleinen Unternehmens stieg um 44 Prozent auf 7,5 Millionen Euro. Dank eines guten Auftragseingangs erwartet Syzygy, die Prognose einer Verdoppelung des operativen Ergebnisses in 2007 sogar übertreffen zu können. Die Aktie legte im späten Handel um 6,6 Prozent zu.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat