Anleger sind skeptisch und nervös

Stand: 20.10.2008, 20:15 Uhr

Ein bewegter Tag für den Dax: Von 3 Prozent Plus ging es ins Minus. Am Ende erarbeitete sich der Index doch wieder ein Plus von 1 Prozent. Das Minus bei der VW-Aktie von 22 Prozent lastete schwer auf dem Index, dafür trieben Siemens, Eon und RWE.

Der Deutsche Aktienindex ging beim Stand von 4.835 aus dem Xetrahandel, der L-Dax gewann noch einmal 50 Punkte hinzu bis auf 4.884 Zähler. Die Hoffnung auf weitere staatliche Hilfen für die Konjunktur hat den Aktienmarkt gestützt. Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte in Aussicht, einigen Branchen wie Automobilbau und Handwerk gezielt unter die Arme greifen zu wollen. Auch die nun bereit liegenden Banken-Hilfspakete nahm etwas Druck von den Finanzmärkten. Die Grundstimmung sei aber weiterhin skeptisch und nervös, sagten Händler. Die Anleger hielten sich mit Blick auf die kommenden Quartalsberichte erst einmal zurück. Die Umsätze waren dünn.

Sentix: Tiefpunkt noch nicht erreicht
Abwärtssignale sehen die Experten von Sentix, die durch Umfragen Anlegererwartungen und Börsenstimmungen ermitteln. Demnach ist der Tiefpunkt an den Aktienmärkten noch nicht erreicht. Kurzfristig könnten diese zwar noch etwas konsolidieren, aber "auch wenn wir es derzeit nicht gerne sagen und noch weniger hören möchten: Es fehlt nach wie vor das letzte, entscheidende Puzzlestück, um ein - zumindest für mehrere Wochen - tragfähiges Low ausrufen zu können", schreibt Analyst Manfred Hübner in einer aktuellen Studie.

Bernanke fordert neues Konjunkturpaket
Beistand bekam der Dax, der am Nachmittag kurz vor Eröffnung der US-Börsen ins Minus gedreht war, durch die Kursgewinne an der Wall Street. Der Dow Jones notiert zur Stunde rund 2,5 Prozent im Plus. Die Rede des US-Notenbankchefs Ben Bernanke vor dem Haushaltsausschuss des Repräsentantenhauses gab zusätzlich Impulse und schob den US-Leitindex zeitweise sogar 2,8 Prozent ins Plus. Der oberste Währungshüters sprach sich für ein weiteres Konjunkturpaket aus. US-Präsident George W. Bush signalisierte Offenheit für solche Maßnahmen.

Für positive Stimmung sorgten auch Anzeichen, dass der wichtige Interbankenmarkt wieder in Gang kommt. Außerdem war der Sammelindex der Frühindikatoren im September überraschend gestiegen.

Bernanke schickt Euro auf Talfahrt
Der Euro hat begab sich heute auf Talfahrt. Die Gemeinschaftswährung, die am Vormittag noch bei 1,35 Dollar notiert hatte, fiel zeitweise bis auf 1,3287 - er notiert damit nur noch knapp über dem am 10. Oktober markierten 16-Monats-Tief von 1,3260 Dollar. Die Äußerungen Bernankes belasteten. Das vom Notenbankchef angesprochene Konjunkturprogramm wird positiv für den Dollar ausgelegt, da es zeigt, dass die US-Regierung sich nicht nur gegen die Finanzkrise, sondern auch gegen eine mögliche Rezession stemmt, erläuterte Commerzbank-Analysten Antje Praefcke.

VW-Aktie rauscht abwärts
Der Dax wurde vor allem durch die deutlichen Kursverluste der Volkswagen-Aktie gehemmt. Die Papiere gingen mit 23 Prozent Kursminus bei 277,09 Euro aus dem Handel. Analyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler sagte, dass der aktuelle Kursrückgang "mehr als gerechtfertigt" sei. "Die Aktie hat sich den Fundamentaldaten längst entzogen und die Kursentwicklung war in den vergangenen Wochen unberechenbar." Dass die Übernahme des VW-Konzerns durch Porsche sich verzögern könnte, wie die Zeitschrift "auto, motor und sport" schrieb, sei zwar eine Belastung, aber nicht der Hauptgrund für die Verluste, hieß es zudem am Markt.

Wer braucht Geld aus dem Hilfspaket?
Das 500-Milliarden-Euro-Rettungspaket der Bundesregierung wurde nur bedingt positiv gesehen. Das liegt an den Auflagen, die an die Hilfen geknüpft sind. Unternehmen, die Hilfe in Anspruch nehmen, dürfen vorübergehend keine Dividende zahlen. Manager dürfen nicht mehr als 500.000 Euro im Jahr verdienen. "Wer sich so stark vom Staat reinreden lässt, bei dem muss die Not schon sehr groß sein", sagte ein Börsianer zu den Anforderungen. Entsprechend erleichtert reagierten die Anleger auf Aussagen von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der das Rettungspaket für seine Bank ablehnt. Commerzbank-Chef Martin Blessing prüft dagegen, ob die Bank staatliche Hilfen in Anspruch nimmt. Die Aktie war der zweitgrößte Verlierer im Dax mit rund 4 Prozent Kursminus.

Versorger mit Unterstützung aus den USA
Die größten Dax-Gewinner waren die Papiere der Energiekonzerne Eon und RWE. Das lag an der guten Entwicklung der US-Wettbewerber am vergangenen Freitag. Eon-Papiere konnten sogar 10 Prozent steigen - trotz eines negativen Analystenkommentar der Deutschen Bank. RWE legten 7 Prozent zu, die Aktien waren zudem von der Bank auf die "Top Pick-Liste" genommen worden.

Ein positiver Kommentar von Goldman Sachs verhalf der Bayer-Aktie zu 6 Prozent Plus. Daimler stieg nach einer Hochstufung durch die UBS um 3 Prozent. Lufthansa-Aktien litten unter dem wieder gestiegenen Ölpreis sowie unter Berichten über drohende Konkurrenz im Kampf um Austrian Airlines. Das könnte nämlich den Kaufpreis treiben. Zudem befürchten, die Lufthansa könnte doch bei Alitalia einsteigen. Obendrein muss die Lufthansa wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise angeblich schon bald einige Flugzeuge vorübergehend stilllegen. Metro hat Probleme im deutschen Großhandels-Geschäft eingeräumt. Die Ergebnisentwicklung sei nicht zufriedenstellend. Allerdings dementierte Metro einen "Handelsblatt"-Bericht über Probleme beim Konzernumbau und einen angeblichen Abbruch der Käufersuche für die Tochter Kaufhof.

Analysten mögen Wacker
Im MDax setzen sich Wacker Chemie an die Indexspitze, die Aktie schaffte 13 Prozent Plus. Sowohl die Commerzbank als auch Merrill Lynch haben eine Kaufempfehlung ausgesprochen. Die Preisschätzungen für Polysilikon seien zu niedrig angesetzt, hieß es bei Merrill zur Begründung.

Deutsche Euroshop schaltet Gang zurück
Die auf Beteiligungen an Einkaufszentren spezialisierte Deutsche Euroshop will sich wegen der Finanzkrise mit neuen Investments zurückhalten. Es könnte sinnvoll sein, auf Schnäppchenpreise zu warten. Finanzchef Olaf Borkers gab sich aber zuversichtlich, die Ziele für 2008 zu erreichen. Die im MDax notierte Aktie legte heute rund 2 Prozent zu.

Die Finanzkrise zwingt den Duisburger Stahlhändler Klöckner & Co zu einem Schwenk in der Strategie. Der Konzern werde vorerst auf weitere Zukäufe verzichten, weil sich Finanzierungskonditionen nachhaltig verschärften, sagt Klöckner-Chef Thomas Ludwig dem "Handelsblatt". Priorität habe nun die Entschuldung. "Die Zeit des billigen Geldes ist vorbei", sagte Ludwig. "Die Banken müssen wieder mehr Kredite auf die eigene Bilanz nehmen und dies wird die Refinanzierungsmöglichkeiten der Unternehmen einschränken."

Verkauf von Freenet DSL schleppend
Der Verkauf der Breitband-Internetsparte von Freenet kommt Branchenkreisen zufolge nur schleppend voran. "Es laufen Gespräche, aber die stehen noch lange nicht vor dem Abschluss", sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters am Montag. Kreisen zufolge steht das zum Verkauf stehende DSL-Geschäft wegen des starken Preiskampfes in der Branche unter Druck. Zudem sei das Marktumfeld wegen der weltweiten Finanzkrise für einen Verkauf derzeit ungünstig, sagte ein anderer Insider. Eine Freenet-Sprecherin sagte dazu: "Der Verkaufsprozess läuft". Freenet-Chef Eckhard Spoerr habe das Thema noch für dieses Jahr auf der Agenda.

Aus dem SDax
Im SDax gehörte Patrizia zu den Top-Gewinnern mit 7 Prozent Kursplus. Die Immobiliengesellschaft sieht sich auf gutem Wege, ihr Gewinnziel 2008 zu erreichen. Auch die Papiere von Dürr legten zu. Der Anlagenbauer hofft, die Turbulenzen an den Finanzmärkten ohne tiefe Kratzer zu überstehen. Dürr bestätigte die Jahresprognose. Die Aktie der Deutsche Wohnen sprang nach Aussagen von Finanzchef Helmut Ullrich ins Plus. In diesem Jahr sei das Gewinnziel problemlos zu erreichen - und damit wohl sogar zu übertreffen. Auf der SDax-Verliererseite dümpelten dagegen die Papiere von ElringKlinger. Die Aktie verlor 6 Prozent, nachdem der Autozulieferer am Wochenende seine Jahresziele gekappt hatte.

Colonia Real Estate stellt Ziele erneut in Frage
Die Immobiliengesellschaft Colonia Real Estate stellt angesichts der Finanzkrise das Erreichen ihrer Ziele für 2008 in Frage. "Das hängt vor allem von den Verkaufsaktivitäten ab", sagte Vorstandschef Stephan Rind der Nachrichtenagentur Reuters. Momentan sei völlig offen, ob es bis zum Jahresende noch Transaktionen gebe. "Wir sind aber gut unterwegs, was unser Kerngeschäft angeht", fügte er mit Blick auf das Vermietungsgeschäft hinzu. Bereits im August hatte Colonia mit Verweis auf das unsichere Marktumfeld seine Prognose deutlich gesenkt.

Arques stürzt ab
Nach Xetra-Börsenschluss rauscht die Arques-Aktie 9 Prozent in den Keller. Die Beteiligungsgesellschaft hatte am Abend bekannt gegeben, dass eine Tochter des zu Arques gehörenden Autozulieferers Eurostyle wegen der angespannten Geschäftslage Gläubigerschutz beantragt hat.

Gewinnwarnung von buch.de
Deutschlands zweitgrößter Internetbuchhändler buch.de hat am Abend eine Gewinnwarnung herausgegeben. Das Ergebnisziel für 2008 wird nicht erreicht. Die Aktie verlor in Frankfurt 12 Prozent.

Die Aktie von Loewe legte 7 Prozent zu - die Reaktion auf die Zwischenbilanz des TV-Geräteherstellers, der in den ersten neun Monaten sein Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um 58 Prozent nach oben geschraubt hat. Die Ebit-Prognose für das Gesamtjahr wurde zudem von 24 auf rund 28 Millionen Euro angehoben. Die Medigene-Aktie schoss ebenfalls 7 Prozent in die Höhe. Das Biotech-Unternehmen gab gute Studienergebnisse zum Medikament Endotag bekannt, mit dem Bauchspeicheldrüsenkrebs behandelt werden soll.

Die Papiere von CTS Eventim gewannen 3 Prozent. Der Ticketvermarkter verstärkt die Kooperation mit KölnTicket und verspricht sich davon einen Absatzschub. Die Aktie von Realtech legte 2 Prozent zu. Die Quartalszahlen gaben offenbar Auftrieb, wenngleich Umsatz und Gewinn im dritten Quartal nicht mehr so stark wuchsen wie im ersten Halbjahr.

NRG schießt durch die Decke
Aktien des US-Versorgers NRG Energy sind am Montag im New Yorker Handel um 21 in die Höhe geschossen. Der bereits zu den Branchenriesen zählende Exelon-Konzern will den kleineren Wettbewerber übernehmen und bietet insgesamt 6,2 Milliarden US-Dollar in eigenen Aktien. "Das passt sehr gut für beide Unternehmen", kommentierte ein Analyst. Im derzeitigen Marktumfeld sei es für ein Unternehmen wie NRG sehr schwierig, Kapital aufzunehmen, um seine Kraftwerte zu unterhalten oder neue zu bauen. Aktien von Exelon gaben unterdessen 4 Prozent nach.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Mittwoch, 15. August

Unternehmen:

Zur Rose Group: Halbjahreszahlen, 7:00 Uhr
Stratec: Halbjahreszahlen, 7:00 Uhr
ADO Properties: Q2-Zahlen, 7:00 Uhr
Leoni: Q2-Zahlen, 7:00 Uhr
LPKF: Halbjahreszahlen, 8:00 Uhr
Cisco Systems: Q4-Zahlen, 22:05 Uhr
MVV Energie: Q3-Zahlen
Vestas: Q2-Zahlen

Konjunktur
Großbritannien: Verbraucherpreise 07/18, 10:30 Uhr
USA: Produktivität Q2, 14:30 Uhr
USA: Empire State Index 08/18
USA: Einzelhandelsumsatz 07/18, 14:30 Uhr
USA: Industrieproduktion 07/18, 15:15 Uhr
USA: Kapazitätsauslastung 07/18, 15:15 Uhr
USA: Lagerbestände 06/18, 16:00 Uhr
USA: NAHB-Index 08/18, 16:00 Uhr
USA: Energieministerium Ölpreise (wöchentl.), 16:30 Uhr

Sonstiges:
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