Anleger schöpfen wieder Hoffnung

Stand: 06.06.2012, 20:12 Uhr

Die fünftägige Kurstalfahrt am deutschen Aktienmarkt ist vorerst gestoppt. Im Sog der starken Wall Street erholte sich der Dax deutlich - beflügelt von der Hoffnung auf eine baldige Lösung der spanischen Bankenkrise. Zwischenzeitlich hatte die EZB den Anlegern etwas die Stimmung verdorben.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, trübte zwischenzeitlich die gute Börsen-Stimmung. Weil er eine weitere Zinssenkung und eine neue Liquiditätsspritze für Banken ablehnte, gab der Dax zwischenzeitlich einen Großteil seiner Gewinne ab. Dank der deutlichen Kursgewinne an der Wall Street ging es im Laufe des Nachmittags wieder nach oben. Der deutsche Leitindex schloss zwei Prozent höher bei 6.094 Punkten. Im späten Parketthandel kletterte der L-Dax über die Marke von 6.100 Zählern.

Draghi schürt Spekulationen auf Zinssenkung
An den Märkten hielt sich die Hoffnung auf ein baldiges Eingreifen der Notenbanken in Europa und den USA. Zwar hielt die EZB ihr Pulver trocken und beließ die Leitzinsen auf ihrem Rekordtief von 1,0 Prozent. Präsident Draghi gab aber zu, dass mehrere EZB-Ratsmitglieder auf eine Zinssenkung gedrängt hätten. Gleichzeitig betonte Draghi die geringen Inflationsrisiken und die hohe Unsicherheit für die Konjunktur. Das schürte Spekulationen, dass die Notenbank doch bald an der Zinsschraube drehen könnte.

Forderungen nach einer weiteren Geldspritze für die Banken und dem Kauf von Anleihen strauchelnder Euro-Staaten widersetzte sich Draghi allerdings. Es sei fraglich, ob weitere Billigkredite helfen würden.

Beige Book: Fed wartet ab
Auch die US-Notenbank Fed sieht vorerst keinen Anlass für eine weitere geldpolitische Lockerung. Die Wirtschaft in den USA sei ihrer Einschätzung nach in den vergangenen beiden Monaten gewachsen, und der Arbeitsmarkt zeige
zumindest eine sehr leichte Aufwärtstendenz. Zudem gebe es kaum Inflationsdruck dank der gesunkenen Energiepreisen, hieß es im Beige Book der Fed, das nach Börsenschluss veröffentlicht wurde. Die Währungshüter schätzen den Zustand der US-Wirtschaft ähnlich ein wie im April.

Produktivität in den USA gesunken
Nach enttäuschenden Arbeitsmarktzahlen Ende der vergangenen Woche hatten neue trübe Konjunkturdaten am Mittwoch Spekulationen um ein neues Anleihekaufprogramm (QE3) der Fed angeheizt. Die Produktivität sank im ersten Quartal stärker als erwartet.

Deutsche Industrie produziert weniger
Noch düsterer sieht es in Europa aus. Im April brach in Spanien die Industrieproduktion um über acht Prozent gegenüber dem Vorjahr ein und damit deutlich stärker als befürchtet. Selbst in Deutschland war die Produktion rückläufig. Sie sank um 2,2 Prozent gegenüber dem Vormonat. Fachleute hatten nur mit einem Minus von einem Prozent gerechnet.

Hoffnung auf Lösung der spanischen Bankenkrise
An den Märkten stieg indes die Zuversicht, dass die Probleme des spanischen Bankensektors nun auf europäischer Ebene angepackt werden. Laut Presse wird darüber verhandelt, ob Geld aus dem europäischen Rettungsschirm EFSF direkt an den spanischen Bankenrettungsfonds "Frob" gezahlt werden könne. Mit Unions-Fraktionschef Volker Kauder rief erstmals ein führender deutscher Regierungspolitiker Spanien offen dazu auf, um Unterstützung des EFSF zu bitten. Um harte Reformprogramme zu umgehen, könnte Spanien alternativ unter "den kleinen Rettungsschirm" schlüpfen. Das Land will unbedingt vermeiden, dass es mit einem Hilfsantrags Schuldensünder gebrandmarkt und in denselben Topf wie Griechenland, Irland und Portugal geworfen wird.

Euro erholt sich
Der Euro stieg im Laufe des Nachmittags wieder auf über 1,25 Dollar, nachdem er kurzzeitig unter die Marke gerutscht war. Der Goldpreis zog weiter an und notierte bei 1.636 Dollar.

Kaufempfehlung für Deutsche Börse
Am meisten gefragt im Dax war HeidelCement mit einem Plus von fast fünf Prozent, dicht gefolgt von der Deutschen Börse, die 4,4 Prozent stieg. Die UBS hat ihre Bewertung für den Titel nach einem Investorentag auf "Buy" mit einem Kursziel von 58,00 Euro belassen. Grund sei unter anderem die im Vergleich zu anderen Börsenbetreibern günstige Bewertung.

Post droht neuer Ärger
Der Deutschen Post drohen noch größere Nachzahlungen für Beihilfen als bisher befürchtet. Laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" bezweifelt die Europäische Kommission, dass die Anfang Juni von der Post gezahlten 298 Millionen Euro ausreichen. Die Post-Aktie schloss dennoch leicht im Plus. Am Dienstag hatte die Post einen Steuerstreit mit den deutschen Behörden beendet und akzeptiert, fast eine halbe Milliarde Euro an den Fiskus nachzuzahlen.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Bankenwerte unter den Top-Gewinnern
Europaweit erholten sich die Finanztitel - dank der Hoffnung auf eine Bankenrettung in Spanien. Die Aktien der Deutschen Bank gewannen fast vier Prozent, die Titel der Commerzbank knapp drei Prozent. Da störte es auch nicht, dass die Ratingagentur Moody's mehrere Töchter von deutschen Banken heruntergestuft hat. Dazu gehören die New Yorker und die Pariser Töchter der Commerzbank, Commerzbank U.S. Finance Inc, die Dresdner Bank AG, deren New Yorker Tochter sowie Dresdner Finance B.V. Die Deutsche Bank und ihre Töchter sollen später bewertet werden.

Rote Laterne für MAN
Die MAN-Aktie war am Mittwoch der einzige Verlierer mit minus 1,2 Prozent. Am Dienstag hatte der Wert noch mehr als neun Prozent gewonnen, nachdem VW seinen Anteil an MAN auf über 75 Prozent aufgestockt hatte. Händler sprachen von Gewinnmitnahmen. "Letzten Endes hat sich ja nicht wirklich etwas geändert", meinte ein Händler. "Keiner glaubt, dass VW die restlichen Aktien in den nächsten Tagen aufkauft, von daher zieht eine gewisse Ernüchterung ein."

Dürr im Aufwind
Analysten-Lob der Berenberg Bank beflügelte im MDax die Aktien von Dürr. Die Aktie schoß um 11,5 Prozent nach oben und war mit Abstand größter MDax-Gewinner. Berenberg hat die Einstufung von Dürr auf "Buy" mit Kursziel von 62 Euro belassen. Der strukturelle Trend in der Zulieferer-Branche dürfe auch mittelfristig positiv bleiben. Sowohl in den USA als auch in China und Brasilien würden Investitionen in Lackieranlagen erhöht.

Unruhe bei Celesio
Verlierer gab es im MDax keine. Lediglich die Celesio-Aktie trat auf der Stelle. Kreisen zufolge ist im Vorstand ein neuer Führungsstreit ausgebrochen. Der aus der Zeit des früheren Chefs Fritz Oesterle übrig gebliebene Vorstand Wolfgang Mähr soll aus dem Unternehmen gedrängt werden. Mähr verantwortet das Brasilien-Geschäft, den größten Wachstumstreiber von Celesio. Seit Markus Pinger das Ruder beim Pharmahändler übernommen hat, tauschte er Vorstand Michael Lonsert und Finanzchef Christian Holzherr aus.

Hochtief baut Wohnungen für die Saudis
Beim Besuch von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) in Saudi-Arabien winken der deutschen Wirtschaft gute Geschäfte. Am Mittwochabend wurde eine Absichtserklärung zwischen Hochtief und einer saudischen Partnerfirma zum Bau von 18.000 Wohnungen unterzeichnet. Das autoritär regierte Königreich erlebt zurzeit einen Bauboom.

Sixt ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Sixt expandiert nach Übersee
Im SDax waren unter anderem die Aktien von Sixt gefragt. Sie stiegen um über vier Prozent. Deutschlands größter Autovermieter will verstärkt außerhalb Europas expandieren, insbesondere den USA. Der Ausbau des internationalen Geschäfts sei die wichtigste strategische Aufgabe der Zukunft, sagte Firmenchef Erich Sixt auf der Hauptversammlung. Bis 2015 will Sixt Marktführer in Europa werden. In diesem Jahr wird der Konzern allerdings nicht das Rekordniveau des vergangenen Jahres erreichen - wegen der Folgen der Schuldenkrise in Europa.

Air-Berlin-Aktie auf Sinkflug
Die Fluggesellschaft Air Berlin hat im Mai weniger Passagiere befördert. Das Minus lag bei 6,4 Prozent auf 3,09 Millionen Gäste. Da das SDax-Mitglied seine Kapazitäten noch stärker zurückfuhr, legte die Auslastung sogar leicht um 0,6 Prozentpunkte auf 76,4 Prozent zu. Die Air-Berlin-Aktie sackte um über sechs Prozent ab und war klar größter SDax-Verlierer.

Roche belohnt Morphosys
Im TecDax legte Morphosys drei Prozent zu. Das Biotech-Unternehmen hat eine so genannte Meilensteinzahlung vom Schweizer Pharmakonzern Roche in nicht genannter Höhe erhalten. Roche habe die laufende Studie des Alzheimermedikaments Gantenerumab ausgeweitet, teilte Morphosys mit.

Centrotherm doppelt bestraft
Die Verbannung aus dem TecDax drückte die Aktie von Centrotherm um ein Prozent nach unten. Am Dienstagabend hatte die Deutsche Börse beschlossen, dass Centrotherm und BB Biotech am 18. Juni ihren Platz im Technologieindex räumen müssen. Nachrücker sind Cancom und Sartorius. Die Aktien von Cancom gewannen knapp acht Prozent, die Titel von Sartorius legten knapp drei Prozent zu.

Nokia setzt auf Schwellenländer
Die Hoffnung auf Absatzerfolge in den Schwellenländern trieben die Aktie von Nokia um rund drei Prozent an. Die Finnen haben am Mittwoch drei neue speziell für Emerging Markets entwickelte Handys vorgestellt. Sie verfügen erstmals über einen kompletten Touchscreen und laufen mit dem Windows-Betriebssystem.

Ahold verdient weniger
Die jüngste Preisoffensive ist den niederländischen Einzelmittelhändler teuer zu stehen gekommen. Der Gewinn schrumpfte im ersten Quartal um mehr als drei Prozent auf 282 Millionen Euro, das operative Ergebnis sackte gar um sechs Prozent auf 416 Millionen Euro ab. Der Umsatz stieg um knapp zwei Prozent auf 9,7 Milliarden Euro. Anleger zeigten sich enttäuscht. Die Ahold-Aktien büßten gut drei Prozent ein. Wegen der Konjunkturflaute stellen sich die Niederländer auf ein schwieriges Jahr ein.

Diageo investiert in Whisky
Der weltgrößte Spirituosenhersteller Diageo investiert eine Milliarde Pfund (1,5 Milliarden Euro) in die Herstellung von schottischem Whisky. Damit will Diageo den wachsenden Durst nach teuren Whisky-Sorten in aufstrebenden Schwellenländern wie China, Brasilien und Russland stillen. Rund 40 Prozent seines Umsatzes macht Diago mittlerweile in den Emerging Markets. Die Aktie zog um vier Prozent an.

Slim steigt bei Telekom Austria ein
Der Einstieg des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim hat der Aktie der Telekom Austria am Mittwoch weiter Auftrieb gegeben. Sie legte um gut vier Prozent zu, nachdem sie gestern bereits um zehn Prozent angestiegen war. Ein Manager von Slims Mobilfunkkonzern America Mobil hatte am Dienstagabend bestätigt, dass das Unternehmen 4,1 Prozent der Telekom-Aktien hält. Slim hat in Lateinamerika ein Mobilfunkimperium aufgebaut. Nun strebt er nach Europa und hat bereits fünf Prozent der Anteile an der niederländischen KPN erworben.

Tagestermine am Freitag, 19. Oktober

Unternehmen:
Procter & Gamble: Q1-Zahlen
Villeroy&Boch: Neunmonatszahlen
Schlumberger: Q3-Zahlen
Software AG: Q3-Zahlen, 07:00 Uhr
Remy Cointreau: Q3-Zahlen, 07:30 Uhr
London Stock Exchange: Trading Update, 08:00 Uhr
State Street Corp: Q3-Zahlen, 14:30 Uhr
Honeywell: Q3-Zahlen, 14:30 Uhr

Konjunktur:
China: Industrieproduktion, September, 04:00 Uhr