Anleger reagieren geschockt

Detlev Landmesser

Stand: 15.01.2008, 20:30 Uhr

Am Dienstag mussten die Anleger den zweitgrößten Kurssturz eines Dax-Titels aller Zeiten erleben. Die Finanzkrise hat die Hypo Real Estate nun doch erreicht. Auch die Wall Street litt weiter unter der Krise.

Der L-Dax ging 1,97 Prozent tiefer bei 7.575,36 Punkten aus dem Handel. Bis zum Abend war auch an der Wall Street keine Besserung in Sicht. Die großen US-Indizes notierten gegen 20:30 Uhr zwischen 1,8 und 2,3 Prozent im Minus.

Binnen Minuten brach die HRE-Aktie um rund 30 Prozent ein - ein seltenes Schauspiel. Den Tiefstkurs erreichte der Dax-Titel gegen 16:45 Uhr bei 20,57 Euro - ein Minus von 38,4 Prozent. Auch demonstrative Käufe des Managements konnten den Verlust kaum eindämmen. Zum Xetra-Schluss notierte das Papier 35,2 Prozent tiefer bei 21,64 Euro. Erst am Abend erholte sich der Kurs ein wenig bis auf 23,57 Euro.

Nur die damals im Dax notierte MLP-Aktie hat bisher im August 2002 mit über 48 Prozent einen einen größeren Absturz im deutschen Leitindex erlebt.

Der Immobilienfinanzierer hatte um 13:08 Uhr mitgeteilt, dass Risiken aus einem US-Wertpapierportfolio von 390 Millionen Euro "abgeschirmt" werden mussten. 295 Millionen Euro davon schlügen sich im Ergebnis nieder. Weitere Abschreibungen seien nicht auszuschließen. Einschließlich der Einmaleffekte belaufe sich das Ergebnis der Gruppe vor Steuern auf 890 Millionen Euro, erklärte die Bank. "Die bisher kommunizierte Eigenkapitalrendite nach Steuern von zwölf Prozent wird voraussichtlich nicht erreicht werden", hieß es.

Allzu verheerend klang das eigentlich nicht - Marktteilnehmer zeigten sich nur maßlos enttäuscht, dass die Hypo Real Estate von der internationalen Kreditkrise nun doch viel stärker betroffen ist als bisher kommuniziert. "Es gab lange Zeit, den Markt auf so etwas vorzubereiten, das hat die Hypo Real Estate verpasst. Das ist sehr unglücklich", beklagte ein Händler.

Citigroup tiefrot

Die Citigroup hatte zuvor einen Quartalsverlust von 9,83 Milliarden Dollar ausgewiesen - den ersten seit ihrer Gründung 1998. Darin seien 18,1 Milliarden Dollar Abschreibungen enthalten, teilte die größte US-Bank mit. Das wurde zunächst erleichtert aufgenommen: Schließlich war zuletzt ein Abschreibungsbedarf von bis zu 24 Milliarden Dollar durch die Medien gegeistert. In New York geriet die Citigroup-Aktie dann doch unter Druck, was auch an den schwachen US-Konjunkturdaten des Tages lag.

US-Einzelhandelsdaten belasten
Vor allem die enttäuschenden Einzelhandelsumsätze im Dezember, die zum Vormonat überraschend um 0,4 Prozent zurückgingen, setzen der Wall Street zu. Schließlich ist der private Konsum Dreh- und Angelpunkt der US-Konjunktur.

Der deutsche Markt hatte schon zuvor unter dem ZEW-Konjunkturindex gelitten, der mit minus 41,6 Punkten schlechter als erwartet ausfiel. Das ZEW-Institut verwies auf die mögliche Rezession in den USA als Gefahr für die deutsche Wirtschaft. Hoffnungsträger seien aber der private Konsum im Inland sowie die Erholung am Arbeitsmarkt.

Gemetzel bei den Bankaktien
Im Sog der Hypo Real Estate standen vor allem die Bankentitel unter Druck. Die Commerzbank verlor im Xetra-Handel 8,3 Prozent, die Postbank 4,5 Prozent, obwohl beide Institute ihre Jahresprognosen bestätigten.

Im MDax brach die Aareal Bank um bis zu 15,8 Prozent ein. Hier half aber die Beteuerung des Instituts, weder direkt noch indirekt im US-Subprime-Markt investiert zu sein, der Aktie wieder etwas nach oben. Die angeschlagene IKB gab indessen weitere 10,9 Prozent ab. Im SDax verlor die Aktie der Comdirect Bank 6,7 Prozent.

Anklage gegen Tui-Vorstand
Auch die Tui-Aktie war nicht gut in Form. Die Pleite des Oberhausener Mischkonzerns Babcock Borsig hat für den Tui-Finanzvorstand Rainer Feuerhake ein gerichtliches Nachspiel. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf hat Anklage unter dem Vorwurf der schweren Untreue erhoben. Neben Feuerhake muss sich auch der ehemalige Babcock-Chef Klaus Lederer verantworten. Die Wirtschaftsstrafkammer in Duisburg muss nun entscheiden, ob sie die Klage zulässt. Aus Sicht von Tui hat sich Feuerhake nichts zu Schulden kommen lassen. Rechtsgutachten zweier renommierter Strafrechtler hätten den Vorwurf eines Untreuetatbestandes zum Nachteil von HDW klar widerlegt, bekräftigte Tui am Dienstag.

Nur Versorgertitel im Plus
Einzig die beiden Versorger im Dax, RWE und Eon, konnten sich bis zum Xetra-Schluss im Plus halten. Die Analysten der Citigroup hatten die Kursziele beider Dax-Titel erhöht. Auch die T-Aktie hielt sich gut. Die Deutsche Telekom hatte am Montagabend ihre Geschäftsprognosen für 2007 bestätigt.

SAP sichert sich Business Objects
SAP ist bei der Übernahme des französischen Wettbewerbers Business Objects am Ziel: Den Deutschen seien 87,18 Prozent des Kapitals angedient worden, teilte die französische Börsenaufsicht AMF am Dienstag mit. SAP hatte die Übernahme unter die Bedingung gestellt, die absolute Mehrheit an Business Objects zu erlangen. Die Kartellbehörden hatten dem Kauf bereits zugestimmt.

Beiersdorf kommt voran
Aus dem MDax gab es zwei Quartalsausweise. Der Hamburger Kosmetikhersteller Beiersdorf hat im vergangenen Jahr Umsatz und operatives Ergebnis gesteigert. Das Ergebnis vor Steuern und Zinsen kletterte um fast ein Drittel auf 613 Millionen Euro, der Umsatz verbesserte sich um acht Prozent auf 5,5 Milliarden Euro. Der Konsumtitel stieg zunächst, musste dann aber der allgemeinen Tendenz Tribut zollen.

Südzucker schreibt rot
Enttäuschend war hingegen die Bilanz von Südzucker. Der Zuckerhersteller verbuchte im dritten Geschäftsquartal einen Nettoverlust von 36,4 Millionen Euro, gerechnet hatten Beobachter mit einem Gewinn von vier Millionen Euro. Der MDax-Konzern machte für das schlechte Ergebnis die EU-Zuckermarktreform und hohe Rohstoffkosten verantwortlich.

Neuer Investor bei Air Berlin
Im SDax konnte Air Berlin rund 1,9 Prozent zulegen. Die Fluglinie ist um einen Investor aus Saudi Arabien reicher. Kamal Abdullah S. Bahamdan habe etwas mehr als drei Prozent an Air Berlin erworben, teilte die zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft mit. Die Investmentfirma Vatas bekomme nun langsam Konkurrenz, sagte ein Händler.

Nur Rot im TecDax
Zum Ende des Computerhandels befand sich kein Titel im TecDax mehr im Plus. Zuvor hatten die Solaraktien nach optimistischen Äußerungen von Solarworld-Chef Frank Asbeck deutlich angezogen.

EOP verliert über ein Fünftel
Ohne neue Nachrichten brach die Aktie des Biodieselherstellers EOP Biodiesel um mehr als 20 Prozent ein. Die Aktien aller Biodieselhersteller leiden vor allem unter dem Abbau der Steuerförderung für Biodiesel. Nur zwei Wochen nach der Steuererhöhung um sechs auf 15 Cent sei der Markt für diesen reinen Kraftstoff als Alternative zum fossilen Sprit "tot", erklärte der Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie vergangene Woche. Die EOP-Aktie hat sich binnen Jahresfrist von zwölf auf unter vier Euro verbilligt.

Hü und Hott bei Azego
Die Aktie von Azego schaffte das Kunststück, sich im Wert mehr als zu verdoppeln. Der schwer angeschlagene Chiphändler meldete am Abend, den erst am vergangenen Donnerstag eingereichten Insolvenzantrag zurückgenommen zu haben. "Verschiedene Mitbewerber" hätten ernsthaftes Interesse an einer Zusammenarbeit oder an einem finanziellen Engagement gezeigt. "Die Gesellschaft geht davon aus, dass im Erfolgsfall die Zahlungsunfähigkeit beseitigt werden kann, weist aber darauf hin, dass andernfalls eine erneute Stellung eines nsolvenzantrages erforderlich sein kann", teilte Azego weiter mit.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 20. September

Unternehmen:
Rocket Internet: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Schaeffler: Kapitalmarkttag
Nfon: Q2-Zahlen
Ryanair: HV in Dublin
GlaxoSmithKline: HV
Micron Technology: Q4-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
Deutschland: Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Schweiz: Zinsentscheid und geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), 09:30 Uhr
USA: Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: Industrie-Index Philly Fed für September, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren für August, 16:00 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser für August, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen Euro-Zone, September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Salzburg: Informeller EU-Gipfel
Hannover: Eröffnung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September), mit Bundesverkehrsminister Scheuer
Frankfurt: 4. Konferenz für Finanztechnologie "Fintech-Revolution"