Anleger hin- und hergerissen

Notker Blechner

Stand: 27.07.2010, 20:06 Uhr

Auftakt nach Maß in die deutsche Berichtssaison: Gute Zahlen der Deutschen Bank hievten den Dax weiter nach oben. Es war der fünfte Gewinntag in Folge. Einen noch größeren Kursanstieg verhinderten Daimler, SAP und die Wall Street.

Selbst als der Dow Jones am späten Nachmittag ins Minus drehte, zeigte sich der Dax erstaunlich robust. Er schloss im Xetra-Handel 0,2 Prozent höher bei 6.207 Punkten. Im späten Parketthandel ging es noch weiter nach oben. Der L-Dax legte vier Pünktchen zu und beendete den Handel bei 6.211 Punkten. Der Dow Jones rappelte sich wieder in die Pluszone. Der S&P500 und die Nasdaq lagen dagegen im Minus.

US-Konsumklima trübt sich ein

Für Ernüchterung sorgte das eingetrübte US-Konsumklima. Wie das Forschungsinstitut Conference Board mitteilte, sank der Index für das Verbrauchervertrauen von revidiert 54,3 Punkten im Juni auf 50,4 Zähler im Juli. Analysten hatten lediglich einen Rückgang auf 51,0 Punkte vorausgesagt. In Deutschland herrscht indes prima Klima: Die Stimmung der deutschen Verbraucher hat sich im Juli aufgehellt - dank des erfolgreichen Abschneidens der "Jogi-Jungs" bei der Fußball-WM und des hochsommerlichen Wetters, heißt es. Das Konsumklima-Barometer der GfK prognostiziert für August einen Anstieg auf 3,9 Zähler - nach 3,6 Punkten im Juli. Der Euro kletterte zeitweise auf über 1,30 Dollar, fiel dann aber wieder unter die Marke.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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10,54
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+1,60%

Deutsche Bank gefällt den Anlegern
Im Rampenlicht standen am Dienstag aber die Unternehmensbilanzen. Die Deutsche Bank, Daimler und SAP haben die deutsche Quartalszahlen-Saison eingeläutet. Allerdings konnte nur die Deutsche Bank die Anleger überzeugen. Die Aktien der Deutschen Bank stiegen um 4,5 Prozent. Zwar hat die Deutsche Bank im Investmentbanking einen dramatischen Ergebniseinbruch erlitten, konnte dies aber teilweise durch bessere Geschäfte im Privatkundenbereich kompensieren. Das Ergebnis vor Steuern legte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 200 Millionen Euro auf 1,5 Milliarden Euro, der Überschuss um 100 Millionen auf rund 1,2 Milliarden Euro zu. Analysten lobten besonders die deutlich niedrigere Risikovorsorge.

UBS verblüffend stark
Mehr Gewinn machte der Konkurrent UBS. Die Schweizer Großbank verdiente im zweiten Quartal umgerechnet 1,5 Milliarden Euro. Das war deutlich mehr als erwartet. Gegen den Trend erwirtschafteten die Eidgenossen im Investmentbanking zehn Prozent mehr Bruttogewinn als im ersten Quartal dieses Jahres. Auch der Abwanderungsstrom der Kunden nahm ab. Die UBS-Aktie schoss fast zehn Prozent in die Höhe.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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9,60
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Aareal Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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37,03
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Basel III wird weichgespült
Die übrigen Bankenwerte waren ebenfalls stark gefragt. Die Commerzbank-Aktien legten über vier Prozent im Dax zu, im MDax führten die Aareal Bank mit einem Plus von über fünf Prozent und die Postbank mit einem Plus von 3,5 Prozent die Kursgewinnerliste an. Denn die neuen Spielregeln für die Banken fallen offenbar nicht so scharf aus wie befürchtet. Der Baseler Ausschuss der wichtigsten Aufseher hat die geplanten "Basel III"-Vorschriften verwässert. Den Banken soll außerdem mehr Zeit eingeräumt werden, um die Reform umzusetzen und mehr Eigenkapital aufzubauen. Das neue Regelwerk soll erst Ende 2012 eingeführt werden.

Reform des US-Dialysemarkts beflügelt FMC
Ein Titel stahl den Bankenwerten ein bisschen die Show: Fresenius Medical Care. Die Aktie war mit einem Plus von fast fünf Prozent größter Gewinner im Dax. Das Unternehmen profitiert von der Reform des US-Dialysemarkts. Die staatliche US-Krankenversicherung Medicare wird eine Pauschalvergütung einführen statt der bisher üblichen Einzelrechnungen. FMC könnte so pro Patient höhere Einnahmen verbuchen als bislang gedacht.

Fresenius stockt Prognose auf
Am Abend erhöhte die FMC-Mutter Fresenius zudem die Gewinnprognose für das laufende Jahr. Das Ergebnis soll währungsbereinigt um zehn bis 15 Prozent steigen. Bisher war ein Plus von acht bis zehn Prozent anvisiert gewesen. Im ersten Halbjahr kletterte der Gewinn um 26 Prozent auf 302 Millionen Euro. Im späten Parketthandel bauten die Fresenius-Aktien ihre Kursgewinne aus und lagen am Abend 6,5 Prozent höher bei fast 56 Euro.

Deutsche Börse trotzt hohen Kosten
Nach Börsenschluss veröffentlichte die Deutsche Börse ihre Quartalszahlen - und überraschte mit einem gestiegenen operativen Ergebnis (Ebit) um drei Prozent auf 257,4 Millionen Euro. Und das trotz hoher Aufwendungen für die Restrukturierung des Börsenbetreibers. Analysten hatten mit einem Ergebnisrückgang gerechnet. Unterm Strich verdiente die Börse vier Millionen Euro weniger. Der Umsatz legte dank einer wieder erstarkten Handelsaktivität um neun Prozent auf 564,4 Millionen Euro zu. Nachbörslich zogen die Aktien der Deutschen Börse an.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Daimler peilt sechs Milliarden Euro an
Erfreuliches hatte auch Daimler zu vermelden: Der Autobauer hat im zweiten Quartal einen Gewinn von 1,3 Milliarden Euro eingefahren und die Jahresprognose angehoben. Die Schwaben peilen ein operatives Ergebnis von sechs Milliarden Euro an. Anleger hatten sich aber offenbar noch mehr versprochen und nehmen Gewinne mit. "Sell on good news" kommentierte ein Marktteilnehmer die Verluste. Die höhere Prognose sei bereits im Kurs eingepreist. Die Aktie war mit vier Prozent im Minus Dax-Schlusslicht. Die anderen Autowerte gaben ebenfalls deutlich nach.

SAP

SAP: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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SAP-Ausblick zu konservativ
Nicht viel besser erging es der SAP-Aktie. Sie schloss rund zwei Prozent tiefer. Zwar überzeugte Europas größter Softwarehersteller mit seinen Quartalszahlen. Die Erlöse für Software und Wartung stiegen im zweiten Quartal um 16 Prozent auf 2,25 Milliarden Euro. Damit übertraf SAP die Erwartungen des Marktes. Allerdings bereitet das schrumpfende Europageschäft Sorge. Auch hätte die Börse beim Jahresausblick gern optimistischere Töne gehört. Während der Markt von einem Wachstum von 9,6 Prozent ausgeht, erwartet SAP nur zwischen sechs und acht Prozent.

Deutsche Telekom: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Deutsche Telekom kauft Aktien zurück
Einen großen Aktienrückkauf hat die Deutsche Telekom am Abend angekündigt. Die Bonner wollen vom 10. August an bis Ende des Jahres für bis zu 400 Millionen Euro eigene Aktien erwerben. Dadurch erhöht sich der Gewinn je Aktie. Für die Telekom-Aktionäre bedeutet das aber auch, dass die Dividende in diesem Jahr wohl sinken wird. Mindestens 70 Cent je Aktie sollen ausgeschüttet werden. 2009 gab's 78 Cent für die T-Aktionäre.

MTU hebt Ausblick an
Ebenfalls Quartalszahlen präsentierte MTU Aero Engines. Vor allem der Ausblick war gut. Der Triebwerkshersteller hat die Jahresprognose angehoben. Im Gesamtjahr erwartet das Münchener Unternehmen nun ein Umsatzplus auf 2,75 Milliarden Euro und einen Zuwachs des bereinigten operativen Ergebnisses (Ebit) auf 310 Millionen Euro. Die Aktie sackte dennoch um fast fünf Prozent ab und war MDax-Schlusslicht - wegen Gewinnmitnahmen.

Constantin mit Nachholbedarf
In die andere Richtung nach oben ging es mit der Aktie des Medienunternehmens Constantin. Sie stiegen um fast fünf Prozent und zählten zu den größten SDax-Siegern. Händler führten das auf das Nachholpotenzial gegenüber den Titeln des TV-Konzerns ProSiebenSat.1 zurück, die am Montag dank starker Quartalszahlen mehr als zwölf Prozent gewonnen hatten.

Jungheinrich gut erholt
Das SDax-Unternehmen Jungheinrich glänzte mit einem deutlich gestiegenen Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) auf 25,7 Millionen Euro. Die Aktien gehörten mit einem Plus von 3,5 Prozent zu den Top-SDax-Gewinnern.

AirBerlin fliegt in der Allianz
Die Aktien von AirBerlin kletterten um fast drei Prozent nach oben nach der Bekanntgabe des Beitritts zur "Oneworld"-Allianz. Experten sehen den Beitritt als strategischen Schritt, der die Wettbewerbsposition der Fluggesellschaft stärke und auch Kostensenkungen ermöglichen werde. Die Lufthansa müsse sich jetzt noch mehr anstrengen, um ihre Marktposition im deutschsprachigen Raum zu verteidigen, meinte ein Analyst der Commerzbank.

Curasan-Aktie im Aufwind
Um fast sieben Prozent kletterten die Aktien von Curasan nach oben. Die Medizintechnik-Firma hat die weltweiten Vertriebsrechte für das synthetische Knochenaufbaumaterial Cerasorb BoneOptimizer AG für den Dentalmarkt an die Riemser Arzneimittel auslizenziert. In den letzten zehn Tagen hat der Titel rund 20 Prozent zugelegt und notiert wieder auf dem Niveau des Jahresbeginns.

Milliardenverlust bei BP
Aus dem Ausland gab es auch reichlich Zahlen. Die spektakulärsten stammen von BP. Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat tiefe Spuren in der Bilanz des britischen Energiekonzerns hinterlassen. Wegen der Kosten für die Ölpest verbuchte BP im zweiten Quartal einen Verlust von 17,1 Milliarden Dollar. Darin enthalten sind 32,2 Milliarden Dollar für die Kosten der Ölpest. Zudem bestätigte BP, der wegen seines Krisenmanagements in die Kritik geratene Konzernchef Hayward werde zum 1. Oktober aufhören. Nachfolger wird wie erwartet der Amerikaner Bob Dudley, der derzeit für BP den Einsatz im Golf von Mexiko leitet. Die Anleger bleiben skeptisch: die Aktie schloss zwei Prozent tiefer.

E-Plus-Mutter KPN macht Milliardengewinn
Der niederländische Telekomkonzern KPN steht dagegen recht gut da. Im zweiten Quartal belief sich das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) auf 1,386 Milliarden Euro und der Umsatz auf 3,35 Milliarden Euro. Damit traf die Mutter des deutschen Mobilfunkanbieters E-Plus die Analystenerwartungen von 1,36 Milliarden beim Ergebnis und 3,34 Milliarden Euro beim Umsatz. Die Aktie schloss knapp behauptet.

Danone-Ausblick reicht nicht
Auch Danone ist in den ersten sechs Monaten kräftig gewachsen und hat den Umsatz um 11,2 Prozent auf 8,364 Milliarden Euro gesteigert. Der Lebensmittelkonzern hob außerdem seine Umsatzprognose an, nun wird das Wachstum von mindestens sechs Prozent statt fünf Prozent erwartet. Anleger sind jedoch enttäuscht, dass Danone nicht auch noch seine Ertragsprognose angehoben hat. Die operative Marge im ersten Halbjahr fiel außerdem schlechter aus als erwartet. Die Aktie gab deutlich nach.

Bei LVMH macht's "bling-bling"

Mit Champagner, Juwelen und edlen Uhren hat LVMH im ersten Halbjahr gut verdient. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) kletterte um ein Drittel auf 1,8 Milliarden Euro. Die Analysten hatten nur 1,68 Milliarden Euro erwartet. Der Umsatz stieg ebenfalls zweistellig um 16 Prozent auf 9,1 Milliarden Euro.

Aschewolke bremst Air France
Vielversprechend sehen auch die Zahlen eines weiteren französischen Konzerns aus: Die Fluggesellschaft Air France KLM ist im ersten Quartal 2010/11 wieder in die Gewinnzone zurückgeflogen. Sie schaffte einen Überschuss von 736 Millionen Euro - allerdings nur dank des Börsengangs von Amadeus, an dem Air France KLM beteiligt ist. Operativ verbuchte das Unternehmen einen Verlust von 132 Millionen Euro. Die Aschewolke, die den Flugverkehr lahmlegte, verhinderte ein positives Ergebnis. Der Umsatz stieg um fast elf Prozent.

Dax-Chart realtime

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