Anleger fassen wieder Mut

Notker Blechner

Stand: 22.07.2010, 20:05 Uhr

Eine Flut starker Unternehmenszahlen aus den USA hat den Dax am Donnerstag wieder deutlich nach oben getrieben. Der Leitindex übersprang mühelos die 6000er-Marke. Nun warten die Anleger gespannt auf den Banken-Stresstest.

Zunächst hatte es nach einem schlechten Tag ausgesehen, der Dax lag am Morgen 0,5 Prozent im Minus. Doch dank guter europäischer Konjunkturdaten und Spekulationen um einen guten Ausgang des Stresstests brachten die Wende. Am Mittag sorgten dann positive Überraschungen in der US-Berichtssaison für den entscheidenden zusätzlichen Schub. Der Dax beendete den Xetra-Handel 2,5 Prozent höher bei 6.142 Punkten. Im späten Parketthandel bröckelten die Gewinne etwas, der L-Dax schloss bei rund 6.131 Zählern. Auch an der Wall Street ging es kräftig nach oben. Der Dow legte rund zwei Prozent zu, die Nasdaq gar um 2,5 Prozent.

Somit könnte die Börsenwoche doch noch erfolgreich enden. Die Kursverluste sind inzwischen wieder aufgeholt. Der Dax notiert da, wo er in etwa vor einer Woche stand.

US-Konzerne stocken Prognose auf

Vor allem die Unternehmenszahlen stimmten die Anleger optimistisch. Gleich reihenweise hoben mehrere wichtige Dow-Unternehmen ihre Jahresprognose an. Der weltgrößte Baumaschinenhersteller Caterpillar stellte einen Umsatz von 39 bis 42 Milliarden Dollar in Aussicht, das Ergebnis je Aktie soll auf 3,15 bis 3,85 Dollar steigen. Im vergangenen Jahr waren Umsatz und Überschuss stark eingebrochen. Der Mischkonzern 3M rechnet für das Gesamtjahr mit einem Anstieg des Umsatzes von 13 bis 15 Prozent. Bisher war ein Plus von zehn bis zwölf Prozent angepeilt worden. Der Pharmakonzern Eli Lilly hob seine Gewinnprognose um zehn Cent auf 4,50 bis 4,65 Dollar je Aktie an. Das Unternehmen profitierte von höheren Preisen für sein Schizophrenie-Medikament Zyprexa und dem Antidepressivum Cymbalta. Und last but not least stockte auch noch der weltgrößte Paketdienstleister UPS seine Gesamtjahresprognose an.

Weitere positive Überraschungen

Besser als erwartet schnitten außerdem Qualcomm, AT&T, Xerox und Continental Airlines ab. Der weltgrößte Handy-Chip-Hersteller Qualcomm steigerte dank des Smartphone-Booms den Gewinn leicht auf 767 Millionen Dollar und übertraf die Analystenerwartungen. Die Aktie sauste um acht Prozent nach oben. AT&T konnte trotz stagnierender Umsätze seinen Gewinn deutlich um 26 Prozent auf über vier Milliarden Dollar erhöhen. Der Computerzubehör-Hersteller Xerox überraschte positiv mit einem Gewinnsprung von 50 Prozent auf 227 Millionen Dollar. Der Xerox-Kurs legte um acht Prozent zu. Schließlich gab's noch Erfreuliches von Continental Airlines: Die Fluggesellschaft schaffte im zweiten Quartal die Wende und kehrte zurück in die schwarzen Zahlen. Unterm Strich stand ein Gewinn von 233 Millionen Dollar.

US-Wirtschaft wächst langsamer
Kein Störfeuer kam diesmal von der Konjunkturseite. Die neuen Immobiliendaten fielen besser aus als befürchtet. Zwar wurden im Juni hochgerechnet aufs Jahr fünf Prozent weniger bestehende Eigenheime verkauft. Analysten hatten mit einem noch deutlicheren Rückgang gerechnet. Auch die Frühindikatoren waren besser als erwartet. Der Index aus zehn wichtigen Wirtschaftsindikatoren fiel um 0,2 Prozent. Analysten hatten ein Minus von 0,3 Prozent prognostiziert. Der Index deutet aber auf ein langsameres Wachstum in der US-Wirtschaft hin.

Sorgen machen die neuesten US-Arbeitsmarktdaten. In der vergangenen Woche stieg die Zahl der Arbeitslosenhilfen-Erstanträge überraschend deutlich um 37.000 auf 464.000. Volkswirte hatten lediglich mit einem Anstieg auf 455.000 Anträge gerechnet.

Stimmungswandel am Devisenmarkt
Dagegen gab es starke Konjunkturdaten aus Europa: Der Einkaufsmanagerindex und die Auftragseingänge der Industrie stiegen überraschend. "Die Daten signalisieren eine anhaltend robuste Konjunkturerholung in der Eurozone und vor allem in Deutschland", erklärte Devisenexperte Rainer Satoris von HSBC Trinkaus. Der Euro kletterte zeitweise auf über 1,29 Dollar, nachdem er gestern noch unter Druck gestanden war. An den Märkten habe ein Stimmungswandel stattgefunden, meinte Sartoris.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Autowerte geben Gas
Groß in Fahrt waren am Donnerstag die Auto- und Nutzfahrzeugwerte. MAN machte im Dax das Rennen mit einem Plus von knapp 4,5 Prozent, dicht gefolgt von VW. BMW und Daimler gewannen rund drei Prozent. Verantwortlich war der "Volvo-Effekt": Der schwedische LKW-Hersteller holte im zweiten Quartal deutlich mehr Bestellungen rein und schrieb unter dem Strich wieder tiefschwarze Zahlen.

Zudem rücken MAN und die VW-Tochter Scania näher zusammen. Beide Firmen wollen mit Hilfe einer Machbarkeitsstudie prüfen, wie sie bei Hinterachsen und Schaltgetrieben zusammenarbeiten können. Seit Monaten wird über eine Dreier-Allianz zwischen MAN, Scania und VW spekuliert. VW- und MAN-Aufsichtsratschef träumt angeblich von einer Lastwagensparte mit MAN und Scania unter dem Dach von VW.

WM beflügelt Adidas
Überraschend preschte am Abend nach Xetra-Schluss Adidas mit Quartalszahlen vor. Und die konnten sich sehen lassen. Dank guter Geschäfte mit der Fußball-WM in Südafrika stieg der Gewinn um das Fünfzehnfache auf 126 Millionen Euro, der Umsatz kletterte um 19 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. Dabei halfen auch Währungseffekte. Im späten Parketthandel baute Adidas die Kursgewinne aus.

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Stresstest - Ende gut, alles gut?
Bankenwerte stiegen angesichts von Spekulationen, dass der Stresstest der europäischen Banken gut ausfallen wird. Außer der am staatlichen Tropf hängenden Hypo Real Estate dürften alle deutschen Geldinstitute den Stress bestehen, hieß es. Dass die Stresstest-Ergebnisse möglicherweise am Freitag früher veröffentlicht werden, dementierte die EU-Kommission.Deutsche Bank-Aktien gewannen rund vier Prozent, Commerzbank-Papiere stiegen um fast drei Prozent.

Deutsche Post: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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UPS hilft Post
Die Zahlen des US-Konkurrenten UPS gaben der Deutschen Post einen zusätzlichen Schub. Die Titel kletterten in der Spitze um drei Prozent nach oben. Am Ende gingen sie mit einem Plus von 2,4 Prozent aus dem Xetra-Handel. UPS hat seine Jahresprognose angehoben. Das bereinigte Ergebnis je Aktie soll um 45 bis 50 Prozent steigen. Im zweiten Quartal kletterte der Gewinn je Aktie um 71 Prozent auf 0,84 Dollar, der Umsatz legte um 13 Prozent zu. Die Analysten hatten deutlich weniger erwartet. Die UPS-Aktien schossen um sechs Prozent nach oben.

ProSiebenSat.1 wird hochgelobt
Größter Gewinner im MDax war die ProSiebenSat.1-Aktie, die um über fünf Prozent nach oben sprang. Grund: Goldman Sachs hat den Medientitel von "Neutral" auf "Conviction Buy" hochgestuft und das Kursziel kräftig von 14,70 auf 18,10 Euro angehoben. Am Donnerstagabend gab ProSieben-Geschäftsführer Thilo Proff ehrgeizige Ziele aus. Mit einer neuen Spaß-Show "17 Meter", einer Comedy "Bius in die Puppen" und neuen Folgen von Stefan Raabs Show "Schlag den Star" will der Sender 2011 in der wichtigen Zielgruppe 14-bis 49-Jährigen einen Marktanteil von zwölf Prozent schaffen. Zuletzt lag der Anteil bei 11,6 Prozent und damit deutlich hinter Marktführer RTL. Sat.1 setzt weiter auf Oliver Pocher und Johannes B. Kerner - und plant eine neue tägliche Serie, die "Eine wie Keine" ersetzen soll.

Auftragsschub für Airbus
Knapp hinter ProSiebenSat.1 folgte EADS unter den größten Kursgewinnern. Auf der Luftfahrt-Messe im britischen Farnborough hat die EADS-Tochter Airbus einen Auftragsschub bekannt gegeben und das Ende der Krise verkündet. Airbus-Chef Tom Enders rechnet in diesem Jahr mit 400 Bestellungen. Ursprünglich war er von 300 Orders ausgegangen.

Praktiker leidet unter schlechtem Frühling
Nur knapp behauptet präsentierte sich die Aktie von Praktiker. Die Baumarktkette hat von April bis Juni unter dem schlechten Wetter gelitten. Der Umsatz ging um sechs Prozent auf 1,04 Milliarden Euro zurück. Der Gewinn sank um rund ein Viertel auf 25,8 Millionen Euro. Außerdem senkte das im MDax gelistete Unternehmen seine Umsatzprognose. Statt eines Wachstums befürchtet Praktiker nun einen Rückgang im einstelligen Prozentbereich.

Grammer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Grammer erhöht Prognose
Vor Zuversicht strotz hingegen der Autozulieferer Grammer. Nach der Rückkehr in die schwarzen Zahlen im ersten Halbjahr blickt Grammer optimistisch auf das Gesamtjahr. Der Zulieferer erhöhte seine Prognose: Die Erlöse sollen um zehn Prozent steigen, die Ebit-Rendite soll bei rund drei Prozent liegen. Das entspräche einem operativen Ergebnis von 24 Millionen Euro. Die Anleger waren entzückt: die Aktie sauste um 7,5 Prozent nach oben und war hinter Tipp24 größter SDax-Gewinner.

Medion verdient vor allem mit Notebooks
Ordentliche Zahlen hat ebenfalls Medion verkündet. Das SDax-Unternehmen hat im zweiten Quartal Erlöse von 345 Millionen Euro verbucht. Das waren 37 Prozent mehr als vor Jahresfrist. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) stieg von 0,5 auf 3,0 Millionen Euro. Medion berichtete von einer hohen Nachfrage nach Notebooks. Die Medion-Aktie stieg um zwei Prozent.

Bescheidener Ausblick von Comdirect
Zu den größten Verlierern im SDax zählten die Papiere von Comdirect. Die Online-Bank hat im zweiten Quartal einen Rückgang beim Vorsteuerergebnis von 23,7 auf 20,5 Millionen Euro verbucht. Der sinkende Zinsüberschuss machte Comdirect zu schaffen. Im Gesamtjahr rechnet die Online-Bank nun nur noch mit einem Vorsteuerergebnis von 80 Millionen Euro nach bisher 100 Millionen Euro.

Manz warnt
Im TecDax war wieder mal Aixctron größter Gewinner. Auf der Verliererseite ganz hinten stand die Solarfirma Manz mit einem Minus von zwei Prozent. Vorstandschef Dieter Manz berichtete von einem verhaltenen Geschäft im ersten Halbjahr und warnte vor zu hohen Erwartungen an das zweite Quartal. "Die Margen sind noch nicht da, wo wir sie haben wollen." Dennoch bekräftigte er die Prognose, wieder profitabel zu sein.

Augusta überrascht
Bei den kleinen Werten fiel die Aktie der Augusta Technologie AG auf. Sie legte um rund fünf Prozent zu. Die Holdinggesellschaft hat ihren Umsatz im zweiten Quartal um knapp die Hälfte auf 32 Millionen Euro verbessert. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) stieg um 58 Prozent auf 5,1 Millionen Euro.

Nokia bläst zur Attacke auf Apple
Aus dem europäischen Ausland meldete sich am Mittag Nokia mit Zahlen zu Wort. Sie waren etwas schwächer als erwartet. Doch Anleger zeigten sich erleichtert, dass die große negative Überraschung ausgeblieben war. Die Aktien drehten nach anfänglichen Verlusten ins Plus. Nokia verdiente im zweiten Quartal 40 Prozent weniger - nämlich nur noch 227 Millionen Euro. Der Umsatz konnte dagegen stabil gehalten werden. Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo sagte Apple in Sachen Smartphones den Kampf an. "Mit unseren neuern Modellen werden wir per Kickstart zurückschlagen", verkündete er. Gleichzeitig erteilte er allen Spekulationen über seinen vorzeitigen Rücktritt eine Absage.

Credit Suisse leidet im Investmentbanking
Die Schweizer Großbank Credit Suisse konnte nur dank einer starken Entwicklung in der Vermögensverwaltung seinen Quartalsgewinn stabil bei 1,59 Milliarden Schweizer Franken halten. Das Investmentbanking verzeichnete dagegen starke Einbußen, die Einnahmen im Anleihehandel brachen weg. Konzernchef Brady Dougan sprach dennoch von einem "guten Ergebnis". Die Aktie gab um zeitweise drei Prozent nach, erholte sich dann etwas.

Syngenta kappt Jahresprognose
Noch enttäuschender waren die Zahlen des Schweizer Syngenta-Konzerns. Der weltgrößte Agrarchemiekonzern verdiente im ersten Halbjahr elf Prozent weniger und verfehlte klar die Analysten-Erwartungen. Wegen höherer Finanzierungskosten und Steuern schraubte Syngenta seine Ergebnisziele für das Gesamtjahr zurück. Der BASF-Konkurrent geht nur noch von einem operativen Ergebnis auf Vorjahrshöhe aus. Bisher war ein Wachstum angepeilt worden. Die Aktie sackte um fünf Prozent ab.

Roche auf Kurs
Dagegen stiegen die Aktien von Roche leicht. Der Schweizer Pharmagigant hat im ersten Halbjahr seinen Gewinn um 37 Prozent auf 5,57 Milliarden Franken verbessert. Grund waren niedrigere Kosten für die Eingliederung des übernommenen Biotech-Konzerns Genentech. Der Umsatz legte nur um moderate drei Prozent auf 24,6 Milliarden Franken zu. Außerdem bestätigte Roche seine Prognose fürs Gesamtjahr.

Bei Pernod Ricard knallen die Champagnerkorken
In Champagnerlaune befindet sich derweil der Spirituosen-Hersteller Pernod Ricard. Zum zweiten Mal innerhalb von knapp zwei Monaten hob der Hersteller von Piper-Heidsieck-Champagner und Absolut Wodka die Gewinnprognose für das laufende Jahr an. Pernod plant für das Geschäftsjahr 2009/10 eine Ergebnisverbesserung von drei bis vier Prozent. Im Juni hatten die Franzosen noch ein Plus von drei Prozent als Ziel genannt. Im zweiten Quartal stieg der Umsatz der Champagner und Spirituosen von Pernod um drei Prozent. Die Pernod-Ricard-Aktien zogen leicht an.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 19. Juli

Unternehmen:
Volvo Car: Halbjahreszahlen, 6:00 Uhr
Volvo AB: Q2-Zahlen, 7:20 Uhr
Kuehne & Nagel: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
Givaudan: Halbjahreszahlen, 6:45 Uhr
ABB: Q2-Zahlen, 6:50 Uhr
Adva Optical: Q2-Zahlen, 7 Uhr
SAP: Q2-Zahlen, 7 Uhr
Amadeus Fire: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Villeroy & Boch: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Unilever: Halbjahreszahlen, 8 Uhr
Südzucker: HV, 10 Uhr
Bank of New York: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Blackstone: Q2-Zahlen
Microsoft: Q4-Zahlen, 22:09 Uhr

Konjunktur:
USA: Erstanträge Arbeitslosenhilfe (Woche), 14:30 Uhr
USA: Philly Fed Index 07/18, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren, 06/18, 16 Uhr