Marktbericht 20:02 Uhr

Angst vor Eskalation im Ukraine-Konflikt Anleger auf der Flucht

Stand: 25.07.2014, 20:02 Uhr

Der Freitag hatte eigentlich verheißungsvoll begonnen, mit weiter steigenden Kursen. Doch die Freude währte nur kurz. Enttäuschende Konjunkturdaten und die stärker werdende Furcht vor einer Ausweitung der Krise in der Ukraine drückten den Dax tief ins Minus.

Zeitweise verliert der deutsche Leitindex am Freitag mehr als 170 Punkte oder 1,7 Prozent und fällt auf ein Tagestief von 9.620 Punkten. Von diesem Absturz kann er sich bis zum Handelsschluss kaum erholen und schließt bei 9.644 Zählern, 150 Punkte oder 1,53 Prozent schwächer als am Vortag. Damit ergibt sich auf Wochensicht ein Minus von 0,78 Prozent.

Außer der Commerzbank notieren alle restlichen 29 Dax-Werte im Minus. Händler verweisen auf Medienberichte, wonach ukrainische Streitkräfte angeblich russisches Territorium beschossen hätten. Entsprechend steige die Nervosität der Investoren und die Sorge vor einer weiteren Eskalation des Konfliktes in der Ostukraine.

"Angesichts der weiter schwelenden Ukraine-Krise bringen viele Anleger vor dem Wochenende ihre Schäfchen ins Trockene, zumal auch die jüngsten Unternehmensbilanzen eher durchwachsen waren", sagte Anlagestratege Robert Halver von der Baader Bank.

Auch an der Wall Street reagieren die Anleger nervös. Der Dow Jones-Index weitet seine Verluste bis auf 0,98 Prozent aus. Bei Börsenschluss in Frankfurt notiert der amerikanische Leitindex bei 16.943 Punkten, 0,82 Prozent oder 140 Punkte unter dem Schluss vom Donnerstag.

Gefahr einer Korrektur

Nach Ansicht von Fondsmanager Stefan Riße birgt der Ukraine-Konflikt das Potenzial für starke Verunsicherung und damit für eine deutlichere Korrektur. Zwar seien die meisten Anleger immer noch überzeugt, dass die Ukraine-Krise und die dazugehörenden Sanktionen gegen Russland nicht zum Weltuntergang führen werden, weil der Westen nicht militärisch eingreifen werde. Doch die Angst vor einer Eskalation des Konflikts und damit auch vor den negativen Auswirkungen immer neuer Sanktionen werde größer.

Geschwächt wurde der Dax auch von der erneuten Eintrübung der Stimmung in der deutschen Wirtschaft im Juli - den dritten Monat in Folge. Das Ifo-Geschäftsklima fiel auf den tiefsten Stand seit vergangenen Oktober. Der erneute Rückgang enttäusche, werde aber durch die am Vortag veröffentlichten Stimmungsdaten aus der deutschen Wirtschaft etwas relativiert, sagte Analyst Ralf Umlauf von der Landesbank Helaba.

Euro fällt zurück

Der Euro ist am Freitag weiter unter Druck geraten. Im Tief fiel die Gemeinschaftswährung auf 1,3428 Dollar. Das ist der niedrigste Stand seit November 2013. Bis zum Xetra-Schluss kann sich der Euro nicht nennenswert erholen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs gegen Mittag auf 1,3440 (Donnerstag: 1,3472) Dollar festgesetzt.

Deutsche Bank will noch mehr sparen

Einziger Gewinner im Dax ist die in den Vortagen arg gebeutelte Commerzbank. Etwas besser als der Gesamtmarkt kann sich auch die Aktie der Deutschen Bank behaupten. Einem Bericht des "Handelsblatts" zufolge will Deutschlands größte Bank ihren Sparkurs verschärfen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Die beiden Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen wollten zusätzlich bis zu 2,5 Milliarden Euro einsparen. Das laufende Programm, mit dem die Bank bis Ende 2015 rund 4,5 Milliarden Euro einsparen wolle, solle ausgedehnt werden - bis 2018 sollten die Kosten dann um insgesamt sechs bis sieben Milliarden Euro gesenkt werden.

Infineon am Dax-Ende

Angeführt wird die Liste der Verlierer vom Chiphersteller Infineon, der mehr als 3,5 Prozent einbüßt. Händler sprechen von Gewinnmitnahmen, nachdem die Aktie in den letzten Tagen deutlich zugelegt hatte. Auch Conti und Henkel gehören mit Verlusten von jeweils 2,6 Prozent zu den schwächsten Werten im Leitindex.

Sky Deutschland wechselt den Besitzer

Im MDax steht der Bezahlsender Sky Deutschland im Fokus. Dessen Besitzer, Rupert Murdoch, plant in den USA eine 80-Milliarden-Dollar-Übernahme von Time Warner und bündelt deshalb seine Pay-TV-Aktivitäten unter dem Dach des britischen Medien- und Telekommunikationskonzerns BSkyB. Der bezahlt für beide Sender 4,9 Milliarden Pfund (rund 6,2 Milliarden Euro) in bar, wie das Unternehmen am Freitag in London mitteilte.

LVMH drückt Hugo Boss

Enttäuschende Zahlen des weltgrößten Luxusgüter-Konzerns LVMH drücken auf den Kurs von Hugo Boss. Die Aktien des Metzinger Unternehmens verbilligen sich um bis zu zwei Prozent. Wegen eines schwächelnden China-Geschäfts wuchs der Umsatz bei LVMH im abgelaufenen Quartal um lediglich drei Prozent. Analysten hatten mit etwa dem Doppelten gerechnet. Der China-Umsatz der Hauptmarke Louis Vuitton ging sogar zurück. Die LVMH-Titel fielen daraufhin an der Pariser Börse um bis zu 7,2 Prozent auf ein Vier-Monats-Tief von 131,10 Euro.

SHW erhöht die Prognose

Einen noch größeren Sprung macht die Aktie des Autozulieferers SHW. Verzögerungen in der Produktion und Logistikkosten hätten zuletzt deutliche Spuren im Ergebnis hinterlassen. Im zweiten Quartal sank das Ergebnis vor Zinsen und Steuern um fast 18 Prozent auf 5,7 Millionen Euro. Insgesamt ist der Produzent von Kfz-Pumpen, Motorkomponenten und Bremsscheiben aber zuversichtlich, einen höheren Umsatz und Gewinn als bisher angenommen erzielen zu können. Das Unternehmen hob seine Umsatzprognose für 2014 um zehn bis 15 Millionen Euro auf 390 bis 415 Millionen Euro an. Zehn Prozent davon wollen die Schwaben an operativem Ergebnis (Ebitda) einstreichen.

Grenke überzeugt

Einer der stärksten Werte im SDax ist die Aktie von Grenke Leasing. Im ersten Halbjahr legte das operative Ergebnis um 34,7 Prozent auf 42,0 Millionen Euro kräftig zu. Netto ging es sogar um 39,5 Prozent auf 31,2 Millionen Euro bergauf. Im Ausblick wird das Unternehmen aus Baden-Baden konkreter und peilt beim Ergebnis jetzt mit 56 Millionen Euro das obere Ende der bisherigen Bandbreite zwischen 52 und 56 Millionen Euro an.

Weniger Appetit auf Danone

Der weltgrößte Joghurthersteller Danone hat im ersten Halbjahr weniger Geld verdient. Das Betriebsergebnis der Franzosen sank um zehn Prozent auf 1,18 Milliarden Euro und lag damit knapp unter den Erwartungen. Vor allem in Europa war die Nachfrage nach Milchprodukten rückläufig gewesen. Danone hält aber an seiner Prognose für das laufenden Jahr aber fest.

Rosneft verdient prächtig

Der größte russische Ölkonzern Rosneft hat dank des stärkeren Rubels seinen Gewinn fast verfünffacht. Unter dem Strich verdiente das Staatsunternehmen im abgelaufenen Quartal 172 Milliarden Rubel (3,65 Milliarden Euro). Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt mit 161 Milliarden Rubel gerechnet. Ohne die Auswirkungen der Wechselkurse lag die Steigerung bei 88 Prozent, wie das Unternehmen am Freitag mitteilte. An ihm ist die britische BP mit 19,75 Prozent beteiligt.

Und sonst in Europa?

Auch der französische Zementhersteller Lafarge, der vor der Fusion mit dem Schweizer Konkurrenten Holcim steht, berichtet im zweiten Quartal über einen Umsatzrückgang von fünf Prozent und einen Gewinnrückgang beim Ebitda von zwei Prozent. Vor allem negative Währungseffekte machten sich bemerkbar. Von den britischen Banken hat überraschend die teilverstaatlichte Royal Bank of Scotland ihre Halbjahreszahlen vorgezogen. Grund: Mit einem Ergebnis von einer Milliarde Pfund (1,26 Milliarden Euro) fielen sie deutlich besser aus als vom Markt erwartet. Die Aktie zieht deutlich an. Derweil hat die Großbank Lloyds bestätigt, dass man wegen des Vorwurfs der Marktmanipulation des Interbankensatzes Libor mit den Behörden kurz vor einer Einigung stehe.

Visa rudert ein Stück zurück

Einbußen von mehr als sechs Prozent muss am Freitag die Aktie des Kreditkartenabieters Visa hinnehmen. Der hat zwar im zweiten Quartal erneut Milliarden verdient, sogar mehr als von Analysten erwartet. Doch der Konzern leidet unter der anhaltenden Dollar-Stärke - und hat deshalb seine Umsatzprognose leicht zurückgenommen. Dass die Anleger derart heftig reagieren, halten viele Marktexperten allerdings für übertrieben.

Amazon-Aktie stürzt ab

Einen noch heftigeren Rückschlag erleidet die Amazon-Aktie. Sie stürzte am Abend im nachbörslichen New Yorker Handel um zehn Prozent ab, nachdem der Versandhändler für das zweite Quartal wegen hoher Investitionskosten einen Nettoverlust von 126 Millionen Dollar geschrieben hat. Auch die Aussichten für die nächsten Monate sind wenig rosig.

Starbucks weiter auf Wachstumskurs

Die Kaffekette wächst und wächst. Im gesamten Geschäftsjahr per Ende September werden 1.550 neue Standorte hinzukommen, erklärte das Unternehmen aus Seattle. Der Umsatz stieg im dritten Geschäftsquartal um elf, das Ergebnis sogar um 23 Prozent. Die Aktie, die während der regulären Handelszeiten gestiegen war, gab die Gewinne nach Börsenschluss aber wieder ab.

lg

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 23. Juli

Unternehmen:
Daimler: Weltpremiere des ersten Elektroautos der neuen Marke EQ in Stockholm
Ryanair: Q1-Zahlen, 07:00 Uhr
Philips: Q2-Zahlen, 07:00 Uhr
Julius Bär: Halbjahreszahlen, 07:00 Uhr
Hasbro: Q2-Zahlen, 12:30 Uhr
Halliburton: Q2-Zahlen, 12:45 Uhr
Kering: Q2-Zahlen, 16:00 Uhr
Michelin: Q2-Zahlen, 17:45 Uhr
Luxxotica: Halbjahreszahlen, 17:45 Uhr
Alphabet (Google): Q2-Zahlen, nach US-Börsenschluss
Amgen: Q2-Zahlen
AMD: Q2-Zahlen

Konjunktur:
Deutschland: Bundesbank-Monatsbericht Juli, 12:00 Uhr
USA: CFNA-Index für Juni, 14:30 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser im Juni, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen in der Euro-Zone im Juli, 16:00 Uhr