Am Tropf der Wall Street

von Lothar Gries

Stand: 20.08.2008, 20:03 Uhr

Die Krise an den Kreditmärkten und die rasante Talfahrt der Konjuktur haben die Anleger fest im Griff. Nach dem Massaker gestern kann sich der Dax heute gut behaupten, verliert aber im Schleppptau der US-Börsen den Kampf um die Marke von 6300 Punkten.

Am Ende reicht es nur noch für ein leichtes Plus von knapp neun Punkten auf 6298 Zähler. Im Xetra-Handel hatte der Leitindex noch um 0,6 Prozent auf 6317 Zähler zugelegt. Doch nachdem die Wall Street am Abend an Schwung verlor, müsste auch der Dax einen Großteil seiner Gewinne wieder ein.

"Es ist schwer nachvollziehbar, was momentan am Markt passiert. Deswegen investieren viele nicht - und die niedrigen Umsätze sorgen dann erst recht für unverständliche Kursbewegungen", sagte ein Börsianer.

Angeführt wird der Index von ThyssenKrupp, der Postbank und der Deutschen Börse, die in einer technischen Reaktion nach dem Einbruch von gestern einen Teil der Verluste wettmachen können. Größter Verlierer sind die Papiere von Tui. Grund ist die Aussage von Wirtschaftsminister Glos, dass die Bundesregierung im Kampf gegen eine mögliche Übernahme der TUI-Tochter Hapag-Lloyd durch die Reederei NOL aus Singapur nicht helfen könne.

Sorge bereitet auch der weltweite Rückgang der Konjunktur. Der Index des Ifo-Instituts für die Weltwirtschaft ist im dritten Quartal auf 73,4 Zähler von 81,4 Punkten im Frühjahr gesunken. Die Aussichten für die kommenden sechs Monate schätzten die gut 1.000 befragten Experten sogar so schlecht ein wie seit Ende 1990 nicht mehr. Lediglich die Ölförderländer seien davon ausgenommen.

Ölpreis gibt nach Lagerdaten nach
Unterstützung erhält der Aktienmarkt vom Ölpreis. Der hat seine Kursgewinne am Nachmittag nach den wöchentlichen US-Lagerdaten abgebaut. Der Preis für ein Fass US-Leichtöl sank um 0,8 Prozent auf 113,59 Dollar. Auch Brent drehte ins Minus und lag mit 112,75 Dollar 0,4 Prozent schwächer. Vor den Daten hatte der Ölpreis noch rund zwei Prozent höher notiert.

Fannie und Freddie vor Verstaatlichung
Die Furcht der Anleger vor einer Verstaatlichung der US-Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac hat deren Aktien heute auf den tiefsten Stand seit 1991 gedrückt. Die Papiere setzten ihre rasante Talfahrt fort und fielen noch einmal um jeweils rund 15 Prozent. Für Unruhe sorgte ein unbestätigter Bericht des "Wall Street Journal" über ein Treffen von Freddie Mac mit Vertretern des Finanzministeriums. Das Ministerium erklärte lediglich, in regelmäßigem Kontakt mit den beiden Instituten zu stehen.

IKB-Verkauf weiter offen
Ein Verkauf der angeschlagenen Mittelstandsbank IKB ist noch nicht perfekt. Eine endgültige Entscheidung werde vom KfW-Verwaltungsrat bei seiner nächsten Sitzung im September erwartet, sagte ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums in Berlin. Am Abend wollte der Präsidialausschuss des KfW-Verwaltungsrates beraten und möglicherweise auch eine Vorentscheidung treffen.

Siemens glaubt nicht an baldigen Vergleich
Die US-Börsenaufsicht SEC wird Unternehmenskreisen zufolge noch nicht so schnell über die Strafe für den Technologiekonzern Siemens für den Korruptionsskandal entscheiden. "Spekulationen jeder Art über einen nahe bevorstehenden Vergleich entbehren jeder Grundlage", hieß es am Nachmittag aus Mittwoch in Konzernkreisen. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" hatte berichtet, das Unternehmen und die US-Behörde stünden kurz vor einer Einigung über die kommenden Sanktionen.

K+S profitiert von Konkurrenz
Im MDax fällt die Aktie von K+S mit einem überdurchschnittlichen Kursgewinn auf. Händler verwiesen auf Medienberichte, laut denen Streiks in Kanada beim Wettbewerber Potash Corporation of Saskatchewan die Gewinnung industrieller Pottasche unterbrochen hätten. Das sorge für Fantasie hinsichtlich noch deutlicher steigender Pottasche-Preise, so ein Marktbeobachter.

Das Papier des Spezialchemiekonzerns Wacker profitiert von einer positiven Einschätzung der Citigroup. "Wir glauben, der Aktienkurs spiegelt das Wachstumspotenzial von Wacker nicht wider", hieß es zur Begründung für die Kaufempfehlung und das Kursziel von 220 Euro.

Beim Baukonzern Hochtief verwiesen Händler auf gestiegene Chancen für einen Kauf des englischen Flughafens Gatwick. Die britische Wettbewerbsbehörde hat dem Flughafenbetreiber BAA empfohlen, zwei seiner drei Flughäfen in London zu verkaufen.

Wirecard erhöht Prognose
Der umstrittene Zahlungsabwickler Wirecard hat seine Prognose für das Gesamtjahr angehoben. Das TecDax-Mitglied rechnet nun damit, dass das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) um 45 bis 60 Prozent klettert. Bisher hatte man mit einem Zuwachs von 45 Prozent gerechnet. Die positive Entwicklung des operativen Geschäfts werde sich auch im zweiten Halbjahr fortsetzen, begründete der Vorstand die höhere Prognose. Die Wirecard-Aktie notiert mit weitem Abstand an der TecDax-Spitze.

Arcandor größter Verlierer im MDax
Die Reise- und Einzelhandelskonzern Arcandor muss das europäische Börsenbarometer Stoxx-600 verlassen. Auch drücken Konjunktursorgen und die rückgängigen Umsätze der Kaufhäuser den Wert um mehr als sieben Prozent.

Zu den Gewinnern im MDax zählt die Kupferhütte Norddeutsche Affinerie . Sie wird in den Stoxx 600-Index aufgenommen.

S.A.G. Solarstrom mit strammer Expansion
Die S.A.G. Solarstrom AG hat im ersten Halbjahr ihren Umsatz im Vorjahresvergleich auf 40,2 Millionen Euro mehr als verdreifachen können. Das Ebit konnte von minus 1,3 auf plus eine Million Euro verbessert werden. Außerdem bestätigte das Unternehmen seine Gesamtjahresprognose. Danach soll der Umsatz 70 bis 75 Millionen Euro und das Ebit 1,5 bis zwei Millionen Euro erreichen.

Bertrandt wächst
Der Entwicklungsdienstleister Bertrandt ist in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2007/2008 weiter deutlich gewachsen. Der Umsatz legte um 28 Prozent auf 316 Millionen Euro zu. Das Ebit expandierte sogar um 65 Prozent auf 35,4 Millionen Euro.

Rohwedder stürzen ab
Die Aktien des Maschinen- und Anlagenbauers Rohwedder sind heute in der Spitze um 38 Prozent eingebrochen. Das Unternehmen hatte eine überraschende Gewinnwarnung veröffentlicht und wird im laufenden Jahr im operativen Geschäft ins Minus rutschten. Ursprünglich hatte Rohwedder ein Ebit von rund vier Millionen Euro anvisiert.

Tagestermine am Montag, 10. Dezember

Unternehmen:
Keine Termine absehbar

Konjunktur:
Japan: BIP Q3, zweite Schätzung, 00:50 Uhr
Deutschland: Außenhandel im Oktober, 08:00 Uhr
Italien: Industrieproduktion, Oktober, 11:00 Uhr
Deutschland: Sentix Konjunkturindex, Dezember, 10:30 Uhr
Großbritannien:Industrieproduktion, Oktober, 10:30 Uhr