Am Tropf der Wall Street

Detlev Landmesser

Stand: 28.07.2008, 20:31 Uhr

An der Wall Street ist derzeit von Optimismus nichts mehr zu spüren. Der konsequente Abverkauf in Amerika drückte am Abend den deutschen Markt weiter nach unten.

Der L-Dax schloss 1,5 Prozent tiefer bei 6.323,09 Punkten. Nach ordentlichem Start hatten sich in New York wieder die Krisensorgen durchgesetzt. Zur Stunde notieren die großen Indizes um bis zu 1,6 Prozent tiefer. Schließlich waren am Wochenende zwei weitere US-Banken infolge der Immobilienkrise zusammengebrochen. Mit der First National Bank of Nevada und ihrem kalifornischen Ableger First Heritage Bank sind in diesem Jahr bereits sieben Banken in den USA pleite gegangen.

Im MDax machten zwei spektakuläre Kurseinbrüche Furore. Während die Stada-Aktie um 27,1 Prozent abstürzte, büßte Bilfinger Berger 15 Prozent an Wert ein. Beide Konzerne hatten am frühen Nachmittag Gewinnwarnungen ausgesprochen. Der Arzneimittelhersteller Stada erklärte, es sei noch offen, ob die Wachstumsrate 2008 wieder prozentual zweistellig ausfallen werde. Zudem werde das bereinigte Ergebnis des Vorjahres wohl nicht erreicht. Da die Analysten bisher einen Gewinnsprung erwartet hatten, brach die Aktie um bis zu 27,8 Prozent ein - was Händler als Nachweis heranzogen, wie nervös die Anleger derzeit sind.

Ähnlich heftig erwischte es kurz darauf Bilfinger Berger. Wegen Verlusten bei einem Bauprojekt in Norwegen werde die Sparte Ingenieurbau wider Erwarten ein deutlich schlechteres Ergebnis als im Vorjahr abliefern, teilte der Mannheimer Konzern mit. Das reichte, um den MDax-Titel um bis zu 20,8 Prozent abrutschen zu lassen.

Zunächst war die Wall Street vom größten US-Lebensmittelhersteller Kraft Foods gestützt worden, der überraschend seinen Quartalsgewinn und seine Geschäftsprognosen erhöhte. Auch der US-Telekomkonzern Verizon lag dank seines starken Mobilfunk-Geschäfts mit dem Quartalsergebnis über den Erwartungen.

Postbank-Fantasie entweicht

Die Postbank-Aktie wurde zusätzlich zu den Branchensorgen noch von einem "Focus"-Bericht gedrückt. Das Magazin schrieb, die Deutsche Bank neige dazu, auf ein Kaufangebot für die Postbank zu verzichten. Angeblich wehrten sich die Investmentbanker gegen eine Übernahme der Post-Tochter. Sie befürchteten Druck auf die Renditen und auf den Aktienkurs der Deutschen Bank, heißt es.

Deutsches Konsumklima noch trüber
Die neuesten Konjunkturdaten aus Deutschland waren ebenfalls nicht gerade ein Kurstreiber. Neue Höchstwerte bei den Energiepreisen, zunehmende Rezessionssorgen sowie das Wiederaufflammen der Finanzmarktkrise haben die Konsumentenstimmung in Deutschland auf den tiefsten Stand seit Juni 2003 gedrückt. Der vom Marktforschungsinstitut GfK monatlich ermittelte Konsumklimaindex sank von 3,6 auf 2,1 Punkte.

Börsenaktie leidet unter der Konkurrenz
Schwächster Dax-Titel war die Deutsche Börse. Die Analysten der Credit Suisse senkten ihr Kursziel von 135 auf 115 Euro. Außerdem verwiesen Händler auf den nahenden Start der konkurrierenden Handelsplattform Turquoise. "Spekulationen um alternative Plattformen und ihren möglichen Einfluss auf die Marktanteile der Börse belasten heute wieder einmal", sagte ein Marktteilnehmer.

Schwächezeichen bei Metro?
Die Metro-Aktie konnte ihre Verluste im Tagesverlauf eindämmen. Nach Darstellung der "Welt am Sonntag" bereiten Konzernchef Eckhard Cordes "mehr Sparten Probleme, als ihm lieb sein kann". Der Zeitung vorliegende interne Zahlen belegten, wie schlecht sich wichtige Sparten wie der Großhandel in Deutschland und Großbritannien sowie Saturn in Frankreich entwickelten, hieß es in dem Bericht.

Lufthansa mit Streik-Malus
Knapp drei Prozent verlor die Lufthansa-Aktie. Händler machten dafür den Streik des Boden- und Kabinenpersonals - der erste unbefristete Ausstand seit 13 Jahren - sowie einen Gewinneinbruch bei Ryanair verantwortlich. Europas größter Billigflieger hatte im vergangenen Quartal 85 Prozent weniger Gewinn als noch ein Jahr zuvor eingeflogen. Damit sei ein Verlust im Gesamtjahr fast unausweichlich, räumte die irische Fluggesellschaft ein. Die Aktie von Ryanair sackte um über 16 Prozent ab.

Aufwärts ging es dagegen mit der Aktie der Austrian Airlines (AUA). Die angeschlagene österreichische Fluglinie hat im ersten Halbjahr rund 49 Millionen Euro Verlust gemacht und ist nun offiziell auf Partnersuche. Schon seit längerem wird über eine Partnerschaft mit der Lufthansa spekuliert.

Air Berlin weist Spekulationen von sich
Die Fluggesellschaft Air Berlin hat unterdessen Spekulationen über eine mögliche Insolvenz zurückgewiesen. "Weder steht Air Berlin vor der Pleite, noch ist unsere Lage brenzlig", sagte Firmenchef Joachim Hunold der "Bild"-Zeitung. "Diese Gerüchte gehen auf einen einzigen merkwürdigen Analystenbericht zurück, der auch noch von einer Nachrichtenagentur missverstanden wurde." Außerdem will das SDax-Mitglied die Preise anheben, um 2008 nicht in die Verlustzone abzurutschen.

Daimler hält Sperrminorität an Tognum
Daimler hält nun wieder über 25 Prozent an Tognum. Die Beteiligung des Autokonzernshabe die Schwelle von 25 Prozent überschritten, teilte Tognum am Montag mit. Daimler war Ende April überraschend mit 22,3 Prozent wieder bei Tognum eingestiegen, nachdem der Autobauer Ende 2005 die damalige MTU an den schwedischen Finanzinvestor EQT verkauft hatte.

Licht und Schatten bei EADS
Die EADS-Aktie ging 4,5 Prozent tiefer aus dem Computerhandel. Mit großem Tamtam hat die EADS-Tochter Airbus heute den ersten A380 an Emirates ausgeliefert. Außerdem gab die arabische Fluggesellschaft eine Absichtserklärung über den Kauf von 60 zusätzlichen Airbus-Maschinen ab. Die Produktionsprobleme bei dem Riesenflieger A380 sind allerdings noch nicht ganz aus der Welt. "Ausgestanden sind sie erst, wenn wir eine stabile Serienproduktion erreicht haben", sagte Airbus-Chef Tom Enders dem "Hamburger Abendblatt".

Kontron kommt voran
Im TecDax gab die Kontron-Aktie 7,3 Prozent ab. Dabei konnte der Minicomputer-Hersteller seinen Umsatz im zweiten Quartal von 111,7 auf 126,7 Millionen steigern. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) legte von 10,4 auf 12,8 Millionen Euro zu.

Großauftrag für Centrotherm
Centrotherm gehörte zu den wenigen TecDax-Gewinnern. Das Solartechnologieunternehmen hat einen Großauftrag aus der Ukraine erhalten, mit dem der Auftragsbestand auf 978 Millionen Euro steigt.

Grenkeleasing besser als erwartet
Einer der stärksten Titel im SDax war Grenkeleasing. Insbesondere mit dem operativen Ergebnis im ersten Halbjahr habe der IT-Vermieter die Markterwartungen übertroffen, sagte ein Händler. Das Nachsteuerergebnis liege ebenfalls leicht über den Schätzungen. Der Konzerngewinn nach Steuern wuchs um fünf Prozent auf 16,3 Millionen Euro.

Kursexplosion bei Utimaco
Kein schlechter Tag für Aktionäre von Utimaco: Der Hersteller von Sicherheitssoftware hat ein ziemlich großzügiges Übernahmeangebot erhalten. Die britische Sophos bietet 14,75 Euro je Utimaco-Aktie. Das entspricht einem Aufschlag von fast 100 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom Freitag.

Funkwerk mit neuem Auftrag aus Algerien
Auch Funkwerk verbuchte hübsche Kursgewinne. Der Telekommunikationstechnik-Hersteller hat einen Großauftrag einer Öl- und Gasgesellschaft in Algerien für Sicherheitstrechnik erhalten. Das Auftragsvolumen liegt bei 30 Millionen Euro.

Noch ein Tiefschlag für GPC
Die Aktie von GPC Biotech verlor zeitweise über 18 Prozent an Wert. Das Biotechunternehmen ist auch in Europa mit seinem Zulassungsantrag für das Krebsmittel Satraplatin gescheitert. Die europäische Zulassungsbehörde EMEA habe klar gemacht, dass derzeit nicht mit einer Zulassung zu rechnen sei, hatte GPC am späten Freitagabend mitgeteilt.

Aurelius meldet weiteren Zukauf
Aurelius übernimmt den RTL Shop von der Mediengruppe RTL Deutschland, teilte die Beteiligungsgesellschaft mit, ohne einen Kaufpreis zu nennen. Der RTL Shop mit Sitz in Hannover vermarktet und vertreibt Elektronikartikel, Haushaltswaren, Kosmetikprodukte sowie Mode. Das Unternehmen kam 2007 mit 170 Mitarbeitern auf einen Umsatz von 83 Millionen Euro. Erst vergangene Woche hatte Aurelius den Apfelkorn-Hersteller Berentzen übernommen.

Klöckner-Werke gebremst
Die zum Salzgitter-Konzern gehörende Kloeckner-Werke AG hat im ersten Halbjahr 2008 bei einem um 58,9 Millionen auf 519,3 Millionen Euro gesunkenen Umsatz einen Überschuss von 8,0 Millionen Euro (nach 13,1 Millionen) erzielt. Der Anlagenbauer teilte am Abend mit, unter anderem hätte die Bilanzierung latenter Steuern den Gewinn belastet.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Donnerstag, 20. September

Unternehmen:
Rocket Internet: Q2-Zahlen, 08:00 Uhr
Schaeffler: Kapitalmarkttag
Nfon: Q2-Zahlen
Ryanair: HV in Dublin
GlaxoSmithKline: HV
Micron Technology: Q4-Zahlen, nach US-Börsenschluss

Konjunktur:
Deutschland: Monatsbericht des Bundesfinanzministeriums, 08:00 Uhr
Schweiz: Zinsentscheid und geldpolitische Lagebeurteilung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), 09:30 Uhr
USA: Wöchentliche Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, 14:30 Uhr
USA: Industrie-Index Philly Fed für September, 14:30 Uhr
USA: Frühindikatoren für August, 16:00 Uhr
USA: Wiederverkäufe Häuser für August, 16:00 Uhr
EU: Verbrauchervertrauen Euro-Zone, September, 16:00 Uhr

Sonstiges:
Salzburg: Informeller EU-Gipfel
Hannover: Eröffnung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September), mit Bundesverkehrsminister Scheuer
Frankfurt: 4. Konferenz für Finanztechnologie "Fintech-Revolution"