Am Tropf der Politik

Detlev Landmesser

Stand: 12.12.2008, 20:21 Uhr

Immer öfter bestimmt das Hin und Her um diese oder jene staatliche Rettungstat die Börsentendenz. Am Freitag ging es wieder um die bisher misslungene Rettung der amerikanischen Autoriesen.

In der Nacht zum Freitag waren die geplanten Notkredite für die Branche von 14 Milliarden Dollar im US-Senat gescheitert, was den Dax um bis zu 5,15 Prozent abstürzen ließ. Im Verlauf nahmen aber die Spekulationen um alternative Rettungstaten zu. Der L-Dax ging mit einem moderaten Minus von 1,4 Prozent auf 4.693,54 Punkte ins Wochenende.

Schließlich können sich die Marktteilnehmer kaum vorstellen, dass die US-Regierung die Pleite von General Motors, Ford und der Daimler-Beteiligung Chrysler zulassen kann. Politiker aller Lager warnten am Freitag vor verheerenden Folgen für die amerikanische Wirtschaft.

US-Präsident George W. Bush signalisierte denn auch seine Bereitschaft, die von den Autobauern dringend benötigten Milliardenkredite zunächst aus dem 700 Milliarden Dollar schweren Rettungstopf für die Finanzbranche zur Verfügung zu stellen. Bisher hatte das Weiße Haus das abgelehnt. Alle relevanten Parteien müssten aber erhebliche Zugeständnisse machen. Bis zum Abend gab es dazu aber keine weiteren Details.

Besonders General Motors und Chrysler droht akut die Insolvenz, nachdem die geplanten Notkredite von 14 Milliarden Dollar in der Nacht im US-Senat gescheitert waren. Beide Konzerne hatten betont, die Milliarden-Kredite noch im Dezember zu brauchen. GM kündigte zudem an, im ersten Quartal 2009 etwa 30 Prozent der Kapazitäten in den nordamerikanischen Werken stillzulegen, womit die Produktion um 250.000 Fahrzeuge sinken soll. Der Schritt erfolge "in Reaktion auf die rapide verschlechterten Marktbedingungen".

Gigantischer Betrugsfall?

Dass am Rande der Wall Street offenbar ein gigantischer Betrug aufgeflogen ist, tat dem Vertrauen in die Börseninstitutionen erneuten Abbruch. In der Nacht zum Freitag war der 70-jährige Bernard L. Madoff festgenommen worden. Der einstige Chef der Technologiebörse Nasdaq gab nach Angaben der Bundespolizei FBI zu, jahrelang Investoren mit einem "Schneeball-System" betrogen zu haben: Versprochene hohe Zinsen wurden einfach mit dem Geld neuer Kunden bezahlt, ohne dass es tatsächliche Gewinne gab. Der Betrug habe im Laufe der Jahre ein Volumen von 50 Milliarden Dollar erreicht, sagte Madoff nach Angaben des FBI. "Es war alles eine große Lüge", habe er erklärt.

US-Konjunkturdaten uneinheitlich
Die amerikanischen Konjunkturdaten des Tages brachten kaum neue Erkenntnisse. So fielen die Einzelhandelsumsätze im November mit 1,6 Prozent etwa im Rahmen der Erwartungen, während die Produzentenpreise wie erwartet um 0,1 Prozent stiegen. Das von der Universität Michigan erhobene Konsumklima hellte sich im Dezember zwar überraschend auf. Das führten Experten aber vor allem auf den Absturz der Benzinpreise zurück. Der entsprechende Index stieg von 55,3 Punkten im November auf 59,1 Punkte. Volkswirte hatten indes mit einem leichten Rückgang auf 55,0 Punkte gerechnet. Die Erwartungskomponente des Index verschlechterte sich allerdings noch weiter.

Daimler mit Chrysler-Malus
Im Dax verlor die Daimler-Aktie zeitweise bis zu 8,7 Prozent, wofür vor allem die Sorge um Chrysler verantwortlich war. Die Stuttgarter meldeten außerdem den Einstieg beim russischen Lkw-Hersteller Kamaz. Daimler zahlt für einen zehnprozentigen Anteil 250 Millionen US-Dollar. Außerdem könnte es in vier Jahren je nach Geschäftsverlauf bei Kamaz noch einen Nachschlag von bis zu 50 Millionen Dollar geben.

Passend zu dem trüben Bild meldete Volkswagen, dass der weltweite Absatz im November um 16,5 Prozent auf 447.000 Autos eingebrochen sei. "Im vierten Quartal stellen die Einbrüche auf dem Weltmarkt auch uns massiv auf die Probe, dennoch konnten wir bei rückläufigen Verkäufen unsere Marktanteile weiter ausbauen", sagte Konzernvertriebschef Detlef Wittig.

Daneben verfestigte sich im Zuge neuer Nachrichten auch für andere Branchen der Eindruck, dass die Umsätze spätestens im November regelrecht abgestürzt sind.

Leoni unter Druck
Auch die Aktien der Autozulieferer standen teilweise stark unter Druck. Besonders hart traf es die Leoni-Aktie mit einem Minus von bis zu 16,6 Prozent. "Die Anleger fürchten, dass bei einer Pleite von GM und/oder Chrysler auch den Zulieferern die Aufträge wegbrechen", sagte ein Händler.

Conti-Großaktionär in Bedrängnis
Die jüngste Aufsichtsratssitzung des Automobilzulieferers Continental hat laut dem "Handelsblatt" dramatische Erkenntnisse über den Zustand des Großaktionärs Schaeffler geliefert. Angeblich benötigt die Schaeffler-Gruppe kurzfristig Eigenkapital in Höhe von vier bis sieben Milliarden Euro. Von dem Familienunternehmen hieß es dagegen erneut, der Conti-Kauf sei nicht in Gefahr: "Die Finanzierung der Transaktion steht", sagte ein Schaeffler-Sprecher am Freitag.

Von den Banken nur Negatives
Auch aus der Bankenbranche kamen neue Krisendetails. Die britische Großbank HBOS rechnet mit deutlich höheren Belastungen durch gefährdete Kredite und andere Abschreibungen als bisher bekannt. Ende September lagen sie bei 4,8 Milliarden Pfund, Ende November waren es bereits acht Milliarden Pfund. Der Chef der US-Bank JP Morgan, Jamie Dimon, sieht seine Bank vor weiteren großen Problemen. Der November sei ein "schrecklicher" Monat im Handelsgeschäft gewesen und auch der Dezember laufe schlecht, hatte Dimon am Donnerstag erklärt. Die Bank of America will nach der Übernahme der US-Investmentbank Merrill Lynch in den kommenden drei Jahren bis zu 35.000 Stellen streichen. Unterdessen hat Sal. Oppenheim eine Verkaufsempfehlung für die Commerzbank-Aktie ausgesprochen und ein Kursziel von 2,00 Euro gesetzt.

Die Deutsche Bank-Aktie geriet am Nachmittag unter verstärkten Druck, nachdem das Gerücht aufgekommen war, die Großbank habe im Eigenhandel einen Verlust in Höhe von einer Milliarde Euro erlitten. Ein Sprecher der Bank wollte dies auf Anfrage nicht kommentieren.

Bayer-Sparte verdient "deutlich weniger"
Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer rechnet in seiner Kunststoffsparte mit einem harten Jahr 2009. Das wirtschaftliche Umfeld habe sich in den vergangenen Wochen dramatisch verschlechtert, sagte Konzernchef Werner Wenning. Die Kunststoffsparte MaterialScience habe im Oktober und verstärkt im November deutlich weniger Umsatz und Ergebnis erzielt. Nun hat Bayer die Produktion gekürzt. Immerhin bestätigte Wenning das operative Ergebnisziel für 2009.

Vivacon baut sich um
Die Vivacon-Aktie büßte über drei Prozent ein. Mit einem drastischen Sparprogramm will sich die Kölner Immobilienfirma aus dem SDax gegen die Krise stemmen. Die Zahl der aktuell rund 120 Mitarbeiter solle "deutlich" verringert werden, kündigte Vivacon an. Im Vorstand werde Finanzvorstand Michael Ries zusammen mit Frank Zweigner, bisher stellvertretendes Vorstandsmitglied, das Ruder übernehmen. Firmenchef Michael Jung scheide zum Jahresende "in gegenseitigem Einvernehmen" aus. Zudem sollen die Niederlassungen in Frankfurt, Prag und Luxemburg geschlossen und über 50 der insgesamt 260 Objektgesellschaften zusammengefasst werden. Ziel sei, jährlich fünf Millionen Euro einzusparen.

Balda für Unterschriften gefeiert
Mit einem Freudensprung reagierte die Aktie von Balda auf die Mitteilung des angeschlagenen Handyzuliefereres, dass die Verträge mit den Banken zur Neuordnung der Finanzierung nun von allen Parteien unterschrieben seien. Der bis Ende 2009 gewährte Bankkredit belaufe sich auf 76,5 Millionen Euro.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Montag, 15. Oktober

Unternehmen:
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USA: Lagerbestände, 16 Uhr