Als wäre die Krise vorbei

Detlev Landmesser

Stand: 26.03.2009, 21:10 Uhr

Langsam wird es unheimlich: Wieder stiegen die Aktienkurse in den USA kräftig. Den amerikanischen Politikern gelang es erneut, den Eindruck proaktiver Krisenbewältigung zu erwecken.

So kündigte US-Präsident Barack Obama weitere Hilfen für die am Boden liegenden US-Autobauer an - allerdings nur, wenn die Konzerne zu einer grundlegenden Sanierung in Kooperation mit der Regierung bereit seien. Obamas Einschränkung bremste die Euphorie nicht: Die Aktie von General Motors zum Beispiel schnellte um bis zu 20 Prozent nach oben.

Die amerikanischen Indizes stiegen daraufhin kräftig, was auch dem L-Dax weiteren Schub verlieh. Der Index für den deutschen Abendhandel schloss 2,7 Prozent höher bei 4.271,62 Punkten. Zum Handelsschluss in New York um 21:00 Uhr erreichte die Technologiebörse Nasdaq sogar ein Jahreshoch.

Neues US-Aufsichtssystem geplant

Die Pläne von Finanzminister Timothy Geithner zur massiven Regulierung von Hedge-Fonds, Private-Equity-Firmen und Risiko-Kapitalgesellschaften wurden ebenfalls eher beifällig aufgenommen. Diese Investoren sollen künftig ab einer bestimmten Größe bei der Aufsicht registriert werden - und ihre Bücher öffnen. Auch hochriskante Finanzinstrumente wie CDS, die die Krise erheblich verschärft hatten, sollen erstmals reguliert werden. Geithner plädierte dafür, die staatliche Aufsicht in einer einzigen Kontrollbehörde zu bündeln.

Der Aktien- und Rentenmärkte reagierten auch erleichtert, dass die heutige Auktion siebenjähriger US-Staatsanleihen ohne Probleme über die Bühne ging. Zuletzt war die Sorge um einen ausreichenden Kapitalnachschub für die schwindelerregenden amerikanischen Staatsausgaben aufgekommen.

US-Wirtschaftseinbruch geringer als befürchtet
Dazu kaum ein mäßig erfreuliches US-Konjunkturdatum. Das amerikanische Bruttoinlandsprodukt ist im vierten Quartal 2008 nach der dritten Schätzung zwar um drastische 6,3 Prozent eingebrochen. Experten hatten allerdings mit einer noch schlimmeren Kontraktion von 6,5 Prozent gerechnet.

VW fällt wieder auf
Mit einem weiteren Kurszuwachs von 7,6 Prozent setzte sich die VW-Aktie an die Dax-Spitze. Gestern hatte sich der Großaktionär Porsche eine neue Kreditlinie im Volumen von zehn Milliarden Euro gesichert, was die Spekulationen beflügelte, dass die Stuttgarter ihren Anteil an VW schon bald weiter aufstocken werden. Vielleicht wurden zudem einige Marktteilnehmer, die den Dax-Titel leerverkauft hatten, durch den Anstieg zu Eindeckungskäufen gezwungen.

UBS schickt ThyssenKrupp ans Dax-Ende
Die Aktie von ThyssenKrupp wurde nach einer Verkaufsempfehlung der UBS ans Dax-Ende durchgereicht. Auch Branchenkollege Salzgitter stand nach einer auf der Bilanzpressekonferenz angekündigten Dividendenkürzung zeitweise stärker unter Druck.

Rational verfehlt eigene Ziele
Die meisten Nachrichten kamen aus der Riege der MDax-Konzerne. Die Rational-Aktie konnte ihre Tagesverluste am Ende egalisieren, obwohl der Großküchenausrüster seine eigenen Ziele 2008 deutlich verfehlt hat. Wegen der schwachen Entwicklung wird die Dividende von 4,50 Euro auf 1,00 Euro je Aktie eingestampft. Eine Prognose für 2009 wollte Rational nicht abgeben.

Umsatzschwund bei Tognum
Konkreter wurde Tognum. Der Hersteller von Antriebssystemen und Energieanlagen schaut recht pessimistisch auf das laufende Jahr. "Wir rechnen beim Umsatz 2009 mit minus 10 bis minus 20 Prozent im Vergleich zu 2008", teilte Tognum mit. Außerdem werde der Gewinn sinken. Die Tognum-Aktie war der größte Verlierer im MDax.

Celesio in der Verlustzone
Die Celesio-Aktie litt unter den wenig schmeichelhaften Ergebnissen des Pharmahändlers. Unter dem Strich stand 2008 ein Verlust von 18,5 Millionen Euro nach einem Vorjahresgewinn von 435 Millionen Euro. Für das laufende Jahr zeigte sich das Unternehmen "relativ optimistisch".

KBA verliert Geld und Chef
Von Koenig & Bauer (KBA) kamen am Nachmittag dramatische Neuigkeiten. KBA-Chef Albrecht Bolza-Schünemann habe seinen sofortigen Rücktritt erklärt, teilte der Druckmaschinenhersteller gemeinsam mit den vorläufigen Jahreszahlen mit. Vor Steuern belief sich der Verlust des SDax-Unternehmens auf mehr als 85 Millionen Euro. Nachfolger von Bolza-Schünemann soll Finanzchef Helge Hansen werden.

Heideldruck verdoppelt Stellenabbau
Wie schlecht es der Druckmaschinen-Branche geht, zeigte auch Marktführer Heidelberger Druck. Angesichts der schlechtesten Auftragslage seit mehr als zehn Jahren streicht der MDax-Konzern weitere 2.500 Stellen. Damit sollen 5.000 der einst 20.000 Mitarbeiter bis Jahresende das Unternehmen verlassen.

Vossloh sieht sich auf Kurs
Ganz andere Töne kamen von Vossloh. Der Bahntechnikkonzern hat im vierten Quartal besser abgeschnitten als erwartet. Der Umsatz kletterte um 5,4 Prozent auf 309,6 Millionen Euro. Der Überschuss sank um 5,5 Prozent auf 24,1 Millionen Euro, lag aber dennoch fast fünf Millionen Euro über dem Marktkonsens. Für die kommenden Jahre hält das Unternehmen an seinen bisherigen Zielen fest.

Solarworld schlägt sich gut
Erst nach optimistisch stimmenden Äußerungen von Solarworld-Chef Frank Asbeck drehte der TecDax-Titel ins Plus. Zwar verabschiedete sich Asbeck von den hohen Zuwachsraten der Vergangenheit, will aber auch in der Krise weiter wachsen. Obwohl die übrige Branche unter Überkapazitäten leidet, soll die Produktion planmäßig um 20 bis 30 Prozent gesteigert werden. Der Start ins neue Jahr verlief für Solarworld offenbar gut. Im ersten Quartal liege der Umsatz über dem Vorjahreswert von 167,5 Millionen Euro, sagte Asbeck. Die Aussagen beflügelten die ganze Branche - allen voran die Q-Cells-Aktie.

Ausnahmefall Conergy
Eine Ausnahme war die Conergy-Aktie, die nach ihrer jüngsten Rally Federn lassen musste. Aus gutem Grund: Das Solarunternehmen verschiebt seinen Jahresabschluss. Grund sind die noch laufenden Verhandlungen mit einem wichtigen Lieferanten.

Freenet kommt UI und Drillisch teuer zu stehen
Die Beteiligungen an Freenet, Drillisch und Versatel kamen United Internet im vergangenen Jahr teuer zu stehen. UI berichtigte seine Beteiligungswerte um 275 Millionen Euro und schrieb 2008 einen Verlust von 122 Millionen Euro. "Im Nachhinein gesehen hätten wir uns das ein oder andere Investment besser verkniffen", räumte UI-Chef Ralph Dommermuth ein.

Auch Drillisch litt unter Abschreibungen auf seine Freenet-Beteiligung. Dadurch gab es 2008 einen Verlust von 184 Millionen Euro nach einem Vorjahresgewinn von 24,3 Millionen Euro.

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Tagestermine am Mittwoch, 26. September

Unternehmen:
Deutsche Bank: Rede von Bank-Chef Sewing bei der Schmalenbach-Gesellschaft
Nestlé: Rede von Vorstandschef Schneider zum Thema "Nestle - current growth strategies in the food and beverage industry", 18:00 Uhr

Konjunktur:
USA: Zinsentscheid der Fed, 20 Uhr, Pk ab 20:30 Uhr
Deutschland: DIW-Konjunkturbarometer
USA Eigenheimabsatz, August, 16 Uhr

Sonstiges:
Hannover: Fortsetzung der IAA Nutzfahrzeuge 2018 (bis 27. September)