Alles wird teurer, nur der Dax nicht

Karsten Leckebusch

Stand: 22.04.2008, 20:00 Uhr

Rekorde bei Öl und Euro, enttäuschende Konjunkturzahlen und gemischte Bilanzen. Die Wall Street verlor, und der Dax hinterher. Der Handel am Dienstag endete mit Verlusten.

Im späten Handel rutschte der Dax sogar noch fast unter 6.700-Punktemarke, macht ein Tagesminus von 94 Punkten. Bereits zuvor hatte der Leitindex seine morgendlichen Gewinne vollständig abgegeben und den elektronischen Handel mit einem Abschlag von 0,9 Prozent bei 6.728 Punkte beendet.

Auslöser für die Kursschwäche gab es einige: Zum einen belastete die Rekordjagd des Euro, am Nachmittag übersprang der Euro die Marke von 1,60 US-Dollar. Händler führten den Anstieg unter anderem auf Äußerungen von Notenbankern aus der Euro-Zone zurück, Zinserhöhungen seien wegen der hohen Inflation nicht auszuschließen.

Sorgenfalten verursachte auch der Ölpreis, der im Laufe des Tages mehr als 119 US-Dollar für ein Fass US-Leichtöl erreichte. Als Preistreiber machten Rohstoffexperten neben dem schwachen Dollar auch neuerliche Unruhen in Nigeria und den steigenden Ölbedarf Chinas aus. Die Internationale Energieagentur zeigte sich besorgt, dass der Rekordpreis beim Öl eine weltweite Rezession auslösen könne.

Hinzu kamen enttäuschende Nachrichten vom US-Immobilienmarkt. Die Zahl der Verkäufe bestehender Häuser im März fiel im März stärker als erwartet. Auf das Jahr hochgerechnet sank sie um zwei Prozent auf 4,93 Millionen. Analysten hatten mit 4,95 Millionen gerechnet.

US-Bilanzen halten nicht dagegen
Einige Bilanzen von US-Schwergewichten erreichten noch zu Handelszeiten den deutschen Anleger. Der Chemiekonzern DuPont überraschte zunächst mit einem sehr guten Quartalsgewinn, das Schnellrestaurant McDonald's meldete ebenfalls ein besser als erwartetes Ergebnis.

Der Telekomkonzern AT&T legte eine Bilanz vor, die den Erwartungsrahmen der Beobachter genau traf; aber UAL, die Konzernmutter von United Airlines, enttäuschte kräftig. Wegen höherer Treibstoffkosten meldete das Unternehmen einen Fehlbetrag von 537 Millionen Dollar, nach 152 Millionen Dollar vor einem Jahr. Je Aktie verbuchte UAL einen Verlust von 4,45 Dollar. Analysten hatten lediglich mit 3,41 Dollar gerechnet.

Auch die Geschäftsprognosen des Halbleiterherstellers Texas Instruments waren enttäuschend. TI hatte im ersten Quartal zwar gute Zahlen geliefert, bei dem Ausblick aber die Erwartungen enttäuscht. Die Aktie verliert mehr als sechs Prozent.

Diese recht unselige Mischung aus hohem Ölpreis und unerfreulichen Unternehmensprognosen verstärken in den Augen der Marktbeobachter die Sorgen um die US-Wirtschaft. Die drei großen US-Indizes verloren bei Handelsende in Frankfurt jeweils mehr als ein Prozent.

Gewinner im Dax
Die Volkswagen-Aktie stieg um 2,6 Prozent. Börsianer verwiesen auf eine Porsche-Studie von Goldman Sachs. Danach erwarten die Experten durch den Sportwagenbauer kurzfristig eine Aufstockung des VW-Anteils auf 49,9 Prozent.

Die Aktie des Chipherstellers Infineon gewann 2,2 Prozent. Die Speicherchiptochter Qimonda hatte zwar abermals einen Millionenverlust gemeldet. Anleger honorierten aber, dass Infineon Qimonda zukünftig als "nicht fortgeführtes" Geschäft führen werden. Damit sei die defizitäre Sache vom Tisch, so das Kommentar.

Hypo Real Estate-Papiere legten 2,5 Prozent zu. Gerüchte um eine mögliche Gegenofferte zum 22,50 Euro-Angebot des Finanzinvestors J.C. Flowers machten auf dem Parkett die Runde. Flowers kündigte vergangene Woche an, dass er 24,9 Prozent der Münchener Immobilienbank übernehmen wolle.

ThyssenKrupp und die Gerüchte
ThyssenKrupp-Aktien verloren 3,5 Prozent. Am Markt kursierten zunächst Gerüchte, dass ThyssenKrupp seine Prognosen für das laufende Jahr senken wolle. Der Konzern wies diese Gerüchte als falsch zurück. Dann verwiesen Händler auf Aussagen eines Wirtschaftsinstituts zur Zukunft des Stahlmarktes: Dem RWI Essen zufolge wird sich der deutsche Stahlmarkt wegen einer geringeren Nachfrage nach Investitionsgütern abschwächen.

Viel Geld für die Schotten
Die Finanztitel waren unter besonderer Beobachtung. Die Royal Bank of Scotland gab bekannt, dass sie eine Kapitalerhöhung um zwölf Milliarden Pfund durchführen werde. Zugleich meldete die zweitgrößte britische Bank, dass sie weitere 5,9 Milliarden Pfund abschreiben müsse. Bisher waren Abschreibungen in Höhe von etwa zwei Milliarden Pfund bekannt. Die Aktie der Deutschen Bank verlor 1,4 Prozent.

Einsparen statt ausgeben
Der Kosmetikhersteller Beiersdorf ist mit seinem Sparprogramm schneller vorangekommen als erwartet. Für dieses Jahr erwartet der Konzern aus der Neuausrichtung einen Ertrag in Höhe von 15 Millionen Euro. Bislang war Beiersdorf von Kosten in Höhe von 30 Millionen Euro ausgegangen. Der Vorstand begründete das bessere Abschneiden damit, dass Immobilien verschiedener Standorte zu besseren Konditionen verkauft wurden. Die Aktie stieg um 0,4 Prozent.

Kuka und Gildemeister
Die weltgrößte Industriemesse in Hannover scheint einen positiven Einfluss auf die Aktienkurse der im MDax notierten Maschinenbauer zu haben. Die Papiere des Roboterspezialisten Kuka verteuerten sich ohne Nachrichten um drei Prozent. Gildemeister-Aktien legten sogar um 4,3 Prozent zu.

Gea und Alfa
Gea-Titel verteuerten sich um drei Prozent. Sie profitierten von einer guten Zwischenbilanz des schwedischen Konkurrenten Alfa Laval. Der Anlagenbauer hatte für das erste Quartal beim Auftragseingang ein Plus von 8,5 Prozent und beim Umsatz ein Plus von knapp 24 Prozent verbucht. Der Gewinn je Aktie verdoppelte sich auf 8,26 Euro.

Tele Atlas vor Übernahme?
Im TecDax gewannen die Aktien des Herstellers von digitalen Landkarten Tele Atlas sechs Prozent. Die EU-Kommission will die Übernahme von Tele Atlas durch den niederländischen Konkurrenten TomTom offenbar ohne Auflagen genehmigen, berichteten informierte Kreise.

Software AG verfehlt Erwartungen
Einen Verlust von 6,7 Prozent verzeichnet die Aktie des Softwareunternehmens Software AG. Im ersten Quartal steigerte die Firma wie erwartet ihr Ebit um 44 Prozent auf 36 Millionen Euro. Der Lizenzumsatz stieg jedoch nur auf 55,4 Millionen Euro. Analysten hatten hier 64 Millionen Euro gerechnet.

Regeneratives
Die ebenfalls im TecDax notierte Solarfirma Solon hat ihren ersten Auftrag aus Griechenland erhalten. Solon liefert im kommenden Jahr Solarmodule an die griechische Hypervolt Renewable Energy. Solon-Aktien stiegen um ein Prozent.

Repower-Aktien stiegen um 6,4 Prozent. Die Aktie profitierte von einer guten Prognose des Branchenverbandes WindEnergie. Der Verband stellte auf der HannoverMesse fest, dass die deutschen Hersteller von Windkraftanlagen weiter kräftige Umsatzzuwächse verbuchen würden. Vor allem die Nachfrage aus dem Ausland sei sehr gut.

Pumas US-Geschäft humpelt
Der Sportausrüster Puma rechnet nicht mit einer baldigen Besserung auf dem wichtigen US-Markt. Die Geschäfte dort blieben schwierig, auch 2008 sei eine Herausforderung, sagte Vorstandschef Jochen Zeitz auf der Hauptversammlung des Konzerns. In den USA waren die Puma-Umsätze 2007 währungsbereinigt um fast zehn Prozent gefallen. Puma-Aktien verloren 0,7 Prozent.

Thielert: Minus ein Drittel
Um 35 Prozent nach unten ging es mit der Thielert-Aktie. In der Spitze verloren die SDax-Aktien des Flugzeugmotorenherstellers sogar mehr 40 Prozent. Einige Parkettteilnehmer machten "einen größeren Verkäufer" aus, andere verwiesen zur Begründung für den Kurssturz auf einen zwei Tage alten Bericht, wonach die deutsche Polizei Aufträge prüfe, die Thielert nur angeblich erhalten habe. Thielert hatte Anfang April eine Kapitalerhöhung angekündigt, um die Firmeninsolvenz abzuwenden.

Auch nicht doll: Balda
Die Aktie des Handyausrüsters Balda verlor 5,4 Prozent. Das SDax-Unternehmen hat das vergangene Jahr mit einem Verlust von 73,3 Millionen Euro beendet. 2006 lag der Verlust noch bei 42 Millionen Euro. Der Vorstand bekräftigte trotzdem seine Jahresplanung.

Comdirect kann's besser
Die ebenfalls im SDax notierte Direktbank Comdirect hat ihren Gewinn im ersten Quartal um ein Fünftel auf 20,4 Millionen Euro gesteigert. Comdirect verwies auf einen kräftigen Zuwachs beim Zinsüberschuss, der um 45 Prozent auf 41,5 Millionen Euro gestiegen war. Die Aktie legte 2,9 Prozent zu.

Dax-Chart realtime

Tagestermine am Dienstag, 16. Oktober

Unternehmen:
Merck: Kapitalmarkttag, 8.30 Uhr
Johnson & Johnson: Quartalszahlen Q3, 12.45 Uhr
Morgan Stanley: Quartalszahlen Q3, 13 Uhr
Goldman Sachs: Quartalszahlen Q3, 13.30 Uhr
Telekom Austria: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
IBM: Quartalszahlen Q3, 22 Uhr
Netflix: Quartalszahlen Q3, 19 Uhr
TomTom: Quartalszahlen Q3

Konjunktur:
China: Erzeugerpreise / Verbraucherpreise, 3.30 Uhr
EU: Handelsbilanz, 11 Uhr
Deutschland: ZEW Konjunkturerwartungen, 11 Uhr
USA: Industrieproduktion / Kapazitätsauslastung, 15.15 Uhr
USA: NAHB-Index, 16 Uhr