Aktienmärkte im Sog der US-Kreditkrise

von von Notker Blechner

Stand: 09.08.2007, 20:17 Uhr

An der Börse regiert wieder das Nervenflattern. Nach drei freundlichen Tagen sorgten neuerliche Befürchtungen um eine Ausweitung der US-Hypothekenkredit-Krise für Verunsicherung. Starke Firmen-Quartalszahlen verhinderten Schlimmeres. Für Furore sorgte auch die EZB.

Das Subprime-Schreckgespenst ist zurückgekehrt. Die Verwerfungen auf dem US-Immobilienmarkt rückten am Donnerstag wieder in den Blickpunkt der Anleger. Zunächst weckte die französische Großbank BNP Paribas mit der Schließung von drei Fonds neue Ängste, dass sich die Krise ausweiten könnte. "Die Leute sind sehr ängstlich", meinte ein Händler. "Viele fürchten, dass die Krise weitere Kreise zieht." Ähnlich drückte sich auch Analyst Heino Ruland vom Brokerhaus Steubing aus. "Es gibt Befürchtungen, dass weitere Risiken aus der US-Hypothekenkrise bei deutschen Banken schlummern und dass manche stärker betroffen sind als erwartet", sagte er. So gab es Gerüchte, dass die WestLB von der Krise betroffen sei. Die Bank wies die Spekulationen zurück.

EZB greift ein

Überraschend griff am Donnerstag sogar die Europäische Zentralbank (EZB) in den Geldmarkt ein. Die EZB pumpte fast 95 Milliarden Euro in den Markt, um einem scharfen Anstieg der Tagesgeldzinsen zu begegnen und um den Banken zusätzliches Geld zu verschaffen. Angesichts der Ungewissheit über das Ausmaß der US-Immobilienkrise decken sich diese mit Geld ein, um über genügendflüssige Mittel zu verfügen. Die erste Intervention der EZB seit den Anschlägen von New York macht klar, dass die US-Kreditkrise den Geldmarkt im Euroraum erreicht hat. Von einer Liquiditätskrise will die EZB aber nichts wissen. Die EZB-Intervention sorgte zwar für Beruhigung an den Geldmärkten, der Euro blieb jedoch unter Druck. Er rutschte unter die Marke von 1,37 Dollar. Am Donnerstagmorgen hatte er noch bei über 1,38 Dollar gelegen.

Bush beschwichtigt
Wie am Abend bekannt wurde, pumpte auch die US-Notenbank 24 Milliarden Dollar Reserven in das System. Selbst US-Präsident George W. Bush mischte sich ein und sagte: "Man hat mir erzählt, dass im System genügend Liquidität vorhanden ist, um eine Marktkorrektur zu ermöglichen."

Dax fällt unter 7500 Punkte
Die neuerlichen Hiobsbotschaften im Zusammenhang mit der US-Kreditkrise beendeten jäh die Erholungstour des Dax. Er büßte rund zwei Prozent ein und fiel auf 7453 Punkte. Im späten Parketthandel ging es noch weiter nach unten. Der LDax schloss bei 7422 Zählern. Von den US-Börsen kam keine Unterstützung. Der Dow Jones verlor bis zum Abend rund 1,5 Prozent.

Commerzbank größter Verlierer
Vor allem die Finanzwerte standen auf der Verkaufsliste. Die Commerzbank war mit einem Minus von über vier Prozent größter Verlierer, die Deutsche Bank büßte fast vier Prozent. Bei der Commerzbank spielte sicher die Enttäuschung über die Ertragslage im zweiten Quartal eine Rolle. Doch insgesamt halten Analysten das Zahlenwerk für solide. Positiv stimmte zudem, dass die Bank den Ausblick auf die Risikovorsorge für 2007 leicht verbessert hat. Die sehr große Derivate-Handelsabteilung legt bei Fachleuten die Vermutung nahe, dass die Commerzbank verstärkt im Subprime-Geschäft aktiv war. Die Commerzbank selbst sieht sich von den Turbulenzen am US-Subprime-Markt nicht besonders beeinträchtigt.

MAN fällt unter 100 Euro
Unter Druck befand sich auch die MAN-Aktie, die über vier Prozent auf 98,40 Euro nachgab. Händler begründeten dies mit der Charttechnik. Das Papier habe bei 99,85 Euro eine Unterstützungsmarke unterschritten.

Passagier-Rekord der Lufthansa
Ebenfalls zu den größten Dax-Verlierern gehörte die Lufthansa. Da nützte es auch nichts, dass die Fluggesellschaft im Juli einen neuen Passagier-Rekord aufstellte. Die Zahl der Passagiere kletterte um über fünf Prozent auf 5,2 Millionen.

T-Aktie knapp behauptet
Dem Negativ-Strudel entziehen konnte sich die T-Aktie, die auf 13,18 Euro zulegte. Zwar musste die Telekom bekennen, dass der Kundenschwund im Inland weitergeht. Aber das hatten Experten ohnehin nicht anders erwartet. Dafür lagen die Eckdaten - abgesehen vom Nachsteuergewinn - alle über den Erwartungen, so ein Börsianer. Dank Zuwächsen im Ausland gelang dem Konzern anders als von Analysten erwartet sogar ein operativer Ergebnisanstieg. Dass die Telekom am Nachmittag die Fortsetzung ihres Radsponsoring-Engagements bis 2010 bekannt gab, hatte keine Auswirkungen auf den Kurs.

Dubai greift nach Stockholms Börse
Nur sechs Dax-Werte notierten im Plus. Zu ihnen zählte auch die Deutsche Börse. Sie profitierte von der Bieterschlacht um die schwedische Börsenbetreiber OMX. Angeblich will die Börse Dubai OMX übernehmen und die Nasdaq ausstrechen. Die US-Technologiebörse hatte im Mai eine Offerte von 3,7 Milliarden Dollar vorgelegt.

MüRü will Inder versichern
Die Münchener Rück will derweil in Indien expandieren. Die Erstversicherungstochter Ergo sucht nach Partnern für Joint-Ventures. Es gebe derzeit aussichtsreiche Gespräche, sagte Konzernchef Nikolaus von Bomhard. In Mumbai eröffnete vor kurzem Ergo eine Niederlassung. Die Müru-Aktie lag dennoch deutlich im Minus.

Flut von Quartalszahlen
Ein regelrechtes Quartalszahlen-Gewitter von Firmen aus der zweiten Reihe prasselte über die Anleger hernieder. Allein im MDax meldete sich ein halbes Dutzend Firmen mit ihrer Bilanz.
Starke Quartalszahlen hievten die Aktie von Bilfinger Berger am Vormittag deutlich ins Plus, am Nachmittag drehte das Papier jedoch wieder ins Minus. Deutschlands zweitgrößter Baukonzern übertraf mit Umsatz sowie dem operativen Ergebnis und dem Nachsteuergewinn die Schätzungen der Analysten. Für 2007 kündigten die Mannheimer ein zweistelliges Gewinnwachstum an.

Salzgitter zu konservativ?
Den Anlegern nicht recht machen konnte es Salzgitter. Der Stahlkonzern hob zwar den Ausblick an, doch selbst das war keine Überraschung mehr. Es kam zu Gewinnmitnahmen. Die Salzgitter-Aktie verlor fast acht Prozent.

Celesio trotzt Apotheker-Boykott
Auch Celesio war nicht gut genug. Zwar fielen die Zahlen besser aus als erwartet, die Aktie büßte dennoch über zwei Prozent ein. Dank der übernommenen DocMorris und zahlreicher Apotheken in Großbritannien erhöhte sich der Umsatz um fünf Prozent auf 11,2 Milliarden Euro. Selbst in Deutschland stiegen die Erlöse, obwohl mehrere Apotheker wegen des Doc-Morris-Kaufs Celesio boykottierten. Der Gesamt-Gewinn kletterte um fast sechs Prozent auf 308 Millionen Euro.

Foot Locker verdirbt Puma das Geschäft
Zu den wenigen Aktien, die dem schwachen Trend trotzen konnten, zählte Puma. Die Aktie notierte fast unverändert. Und das obwohl der Sportartikelhersteller im zweiten Quartal wegen der Schwäche der US-Sportschuhkette Foot Locker weniger umgesetzt und verdient hat als im Jahr zuvor. Die Jahresprognose bestätigte der vom französischen Luxusgüterkonzern PPR übernommene Puma-Konzern zwar, doch Vorstandschef Jochen Zeitz bezeichnete das laufende Jahr weiter als herausfordernd.

EADS will sich von Augsburger Werk trennen
Der europäische Flugzeug- und Rüstungskonzern überlegt offenbar, sein Werk in Augsburg abzustoßen. Das Werk könnte in einem Verbund mit den anderen zum Verkauf stehenden Komponentenwerken eingebracht werden. Die EADS-Aktie schloss rund ein Prozent im Minus.

Vossloh auf dem Abstellgleis
Die rote Laterne im MDax hielt Vossloh. Das Papier des Schientechnik-Herstellers brach um fast 13 Prozent ein. Am Nachmittag kam es zu einem überraschenden Führungswechsel bei Vossloh. Gerhard Eschenröder hat sich wie sein Vorgänger Klaus Schuchmann mit dem Aufsichtsrat zerstritten. Nun soll Finanzvorstand Werner Andree Vossloh wieder nach vorne bringen.

Rational-Aktie ohne Dampf
Auch im SDax überwogen am Donnerstag die Verlierer. Selbst dem soliden Großküchen-Hersteller Rational fehlte es an Dampf. Die Aktie verlor über sechs Prozent. Die bayerischen Küchen-Profis konnten das operative Ergebnis um zwölf Prozent auf 21 Millionen Euro steigern. Nur der starke Euro verhinderte ein noch besseres Ergebnis. Für das Gesamtjahr zeigte sich Rational optimistisch. Das angepeilte Umsatz-Plus von 15 Prozent werde wohl übertroffen, hieß es. Für neuen Schub soll ein Gargerät sorgen, das auch frittieren kann.

Elring Klinger und Dürr behaupten sich
Dem schwachen SDax-Trend konnten die Autozulieferer Elring Klinger und Dürr trotzen. Die Aktien verloren lediglich rund ein Prozent. Der Lackieranlagenbauer Dürr ist im ersten Halbjahr in die Gewinnzone zurückgekehrt. Die Stuttgarter verdienten 45.000 Euro. Deutlich profitabler ist Elring Klinger. Die Schwaben verdienten vor Zinsen und Steuern 35,1 Millionen Euro - das sind 52 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Trotz schwieriger Auto-Konjunktur in Europa und den USA stieg der Umsatz des Autozulieferers um 18 Prozent auf 157 Millionen Euro.

Baywa freut sich über steigende Getreidepreise
Von den steigenden Getreidepreisen profitierte der Agrar- und Baustoffhandelskonzern Baywa. Der bereinigte Gewinn vor Steuern kletterte um mehr als die Hälfte auf 34,8 Millionen Euro. Die Preisexplosion sei noch lange nicht zu Ende, meinte Vorstandschef Wolfgang Deml. Wegen Beteiligungsverkäufen ging allerdings der Nettogewinn auf 31,9 Millionen Euro zurück. Die Baywa-Aktie stieg leicht.

Curanum beruhigt
Ganz vorne im SDax war der Senioren- und Pflegeheimbetreiber Curanum. Die Aktie legte um fast acht Prozent auf 6 Euro zu. Nachdem am Montag die Prognose für das Gesamtjahr gesenkt worden war, gab Curanum am Donnerstag neue Ziele aus. Demnach soll der Gewinn 2007 nur bei 8,1 Millionen Euro liegen - vier Millionen Euro weniger als ursprünglich angepeilt. Der Durchhänger im zweiten Quartal solle rasch überwunden werden, versprach der Curanum-Vorstand. Curanum leidet unter hohen Personalkosten und unter geringeren Pflegesatzerhöhungen. Das Unternehmen behandelte zuletzt weniger harte Pflegefälle.

Drägerwerk überzeugt Händler
Im TecDax war vor allem die Aktie von Drägerwerk gefragt. Mit einem Plus von über drei Prozent führte das norddeutsche Unternehmen den TecDax an. Der Medizin- und Sicherheitstechnikanbieter hat im ersten Halbjahr zwar operativ weniger verdient als vor Jahresfrist, Händler bewerteten die Zahlen jedoch positiv. Analysten zeigten sich jedoch enttäuscht, denn in der Medizintechnik habe Drägerwerk schwächer abgeschnitten als erwartet.

United Internet übertrifft Prognosen
Am Abend nach Börsenschluss legte United Internet noch Zahlen vor. Und die konnten sich sehen lassen. Der Vorsteuergewinn erhöhte sich um rund 50 Prozent auf 71,8 Millionen Euro. Der Umsatz kletterte um 25 Prozent auf 361,1 Millionen Euro. Die Analysten-Prognosen wurden übertroffen. Einziger Wermutstropfen war das DSL-Neugeschäft. Hier blieb das TecDax-Unternehmen hinter den Erwartungen zurück.

Zahlen von Data Modul, Fluxx und Böwe
Auch aus der dritten Reihe meldeten sich zahlreiche Unternehmen mit Quartalszahlen. Besonders positiv überraschen konnte der Display-Hersteller Data Modul. Nach dem Ausstieg aus dem Geschäft mit Flachbildschirm-Fernsehern konnte er den Überschuss im ersten Halbjahr um rund die Hälfte auf 2,1 Millionen Euro steigern. Die Aktie sprang um über zehn Prozent nach oben.
Um zwei Prozent zulegen konnte die Aktie von Fluxx. Der Glücksspielanbieter steigerte den Umsatz um ein Drittel auf 31 Millionen Euro dank einer verstärkten Expansion ins Ausland. Wegen der hohen Investitionen stieg aber der operative Verlust auf knapp 2,2 Millionen Euro. Wegen des Streits mit staatlichen Lotterien zieht sich Fluxx zunehmend aus dem Deutschland-Geschäft zurück.
Der Kuvertiermaschinenhersteller Böwe Systec litt unter der Dollarschwäche. Der Umsatz sank im ersten Halbjahr um fünf Prozent auf 214,7 Millionen Euro, die Auftragseingänge gingen um sieben Prozent zurück. Der Nettoverlust wurde leicht auf 2,5 Millionen Euro ausgeweitet. Die Aktie notierte fast unverändert.

Neuer Chef für Amitelo
Am Abend gab Amitelo eine Neuausrichtung des Managements bekannt. Auf einer außerordentlichen Generalversammlung wurde Jan Malkus zum neuen Vorstandschef (CEO) gewählt. Er löst Khaled Alkid ab, der aus eigenem Wunsch ausscheidet. Außerdem wurde eine Kapitalerhöhung beschlossen. "Die neuen Aktien sollen ausschließlich dem Erhalt der strategischen Reaktionsfähigkeit dienen", hieß es. Amitelo hatte jüngst mehrfach für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Ende Juli hatte die Voice-Over-IP-Firma eine exklusive Service-Partnerschaft mit Nokia in Burkina Fasino bekannt gegeben worden, was Nokia dementierte. Die Aktie legte am Donnerstag um fast sechs Prozent zu und notierte bei 22 Cents.

Tagestermine am Montag, 17. Dezember

Unternehmen:
Hennes & Mauritz: Q4-Umsatz, 08:00 Uhr

Konjunktur:
EU: Handelsbilanz 10/18, 10:00 Uhr
EU: Verbraucherpreise 11/18 (vorl.), 11:00 Uhr
USA: Empire-State-Index 12/18, 14:30 Uhr
USA: NAHB-Index 12/18, 16:00 Uhr