Achtung, Panik-Käufer!

Angela Göpfert

Stand: 30.07.2009, 20:03 Uhr

Der Dax hat binnen drei Wochen rund 17 Prozent zugelegt und am Donnerstag bei 5.396 Punkten ein neues Jahreshoch markiert. Einige Marktbeobachter halten nun sogar einen Durchmarsch bis 6.000 Punkte für möglich.

Denn mit dem heutigen Handelstag hat der Dax die Schallmauer bei 5.300 Punkten deutlich durchbrochen, an deren Überwindung er zuletzt mehrfach gescheitert war. Sollte sich der deutsche Leitindex nun in den kommenden Tagen oberhalb der Marke von 5.350 Punkten halten, dann wäre zumindest aus charttechnischer Sicht der Weg bis zu 6.000 Punkten offen. Die dazu nötige Liquidität ist dank der laxen Geldpolitik der Notenbanken jedenfalls im Übermaß vorhanden.

Nervosität mit Händen greifbar
Hinzu kommt eine wirklich bemerkenswerte Panik der Investoren, nicht dabei zu sein, wenn es nach oben geht. "Offenbar werden diejenigen, die die bisherige Rally verpasst haben, immer nervöser", kommentierte ein Händler das verrückte Treiben am Frankfurter Aktienmarkt.

Allein während der letzten beiden Handelsstunden schoss der Dax knapp 100 Punkte in die Höhe. Grund war der grandiose Auftakt der Wall Street, der Dow-Jones-Index, die Technologiebörse Nasdaq und der marktbreite S&P 500 kletterten jeweils um rund zwei Prozent in die Höhe.

Positives Zwischenfazit der Berichtssaison
In den USA hatten erneut einige Unternehmen mit ihren Quartalszahlen geglänzt. Damit fällt das Zwischenfazit der laufenden US-Berichtssaison recht positiv aus: Drei von vier Unternehmen konnten mit ihren Zahlenwerken die Erwartungen der Analysten übertreffen.

Motorola-Aktien schossen zeitweise um über elf Prozent in die Höhe. Der Handy-Hersteller hatte im abgelaufenen Quartal überraschend einen Gewinn verbucht. Der Visa-Gewinn kletterte im zweiten Quartal sogar um satte 73 Prozent, damit übertraf der Kreditkartenkonzern den Marktkonsens deutlich. Auch die Gewinnsteigerung des Konkurrenten Mastercard kam bei Anlegern gut an.

GE stützte den Markt
Ein Gewinneinbruch von 66 Prozent bei dem US-Ölgiganten Exxon Mobil hinterließ am Gesamtmarkt dagegen kaum Spuren. Stützend wirkte derweil eine Kaufempfehlung von Goldman Sachs für die General-Electric-Aktie, die über sieben Prozent zulegte.

Eine solide Nachfrage bei einer Auktion von US-Staatsanleihen im Rekordumfang von 28 MIlliarden Dollar hellte die Stimmung zusätzlich auf. Für Optimismus sorgten zudem neue Daten vom Arbeitsmarkt: Der zugrundeliegende Trend bei den Arbeitslosenhilfe-Erstanträgen war in der vergangenen Woche zum fünften Mal in Folge rückläufig, wenngleich die Zahl der Anträge etwas stärker als erwartet stieg.

Der Late-Dax notierte zu Parkettschluss bei 5.353 Punkten, den Xetra-Handel hatte der deutsche Leitindex zuvor bei 5.360 Zählern rund 1,7 Prozent im Plus beendet.

Krisensignale aus der Chemiebranche
Dabei war auch dieser Börsentag keineswegs frei von negativen Neuigkeiten - im Gegenteil: Vor allem die Krisensignale aus der Chemiebranche sollten Anleger zu denken geben, gilt diese doch als besonders konjunktursensibel. So machte etwa der US-Konzern Dow Chemical im zweiten Quartal einen Verlust je Aktie von 0,47 Dollar. Analysten hatten gerade mal mit einem Verlust pro Anteilsschein von 0,08 Dollar gerechnet.

BASF sieht keinen Aufschwung
Im Dax enttäuschte BASF mit einem massiven Gewinneinbruch um 74 Prozent auf 343 Millionen Euro. Anleger zeigten sich aber vor allem vom äußerst verhaltenen Ausblick schockiert. Ein nachhaltiger Aufschwung sei noch nicht in Sicht, warnte Finanzvorstand Kurt Bock. Nach wie vor gebe es die Gefahr eines "schmerzhaften Rückschlages". Die BASF-Aktie war mit einem Minus von 1,8 Prozent der größte Dax-Verlierer.

Auftragseingang bei MAN enttäuscht
Die MAN-Aktie verlor 0,4 Prozent. Auch der Lkw- und Maschinenbauer vermochte bislang keine Zeichen für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation auszumachen. Vielmehr seien neben dem Nutzfahrzeugbereich nun auch merklich geringere Auftragseingänge in den anderen Geschäftsbereichen zu verzeichnen. Nach sechs Monaten im laufenden Jahr haben sich die neuen Bestellungen fast halbiert.

Siemens mit Umsatzminus
Auch der Technologiekonzern Siemens ist im dritten Geschäftsquartal tiefer in den Strudel der Wirtschaftskrise geraten als befürchtet. Sowohl beim Auftragseingang als auch beim Gewinn im Kerngeschäft musste das Unternehmen empfindliche Einbußen verkraften, und auch der Umsatz ging erstmals seit Ausbruch der Krise zurück. Der Dax-Konzern stellte daraufhin seine Margenziele in Frage. Die Siemens-Aktie gewann unterdurchschnittliche 0,4 Prozent.

Thyssenkrupp: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
15,75
Differenz relativ
-2,14%

Zykliker rückten vor
Dagegen profitierten Aktien von ThyssenKrupp und Salzgitter ebenso wie Titel des weltgrößten Stahlkonzerns ArcelorMittal im EuroStoxx50 vom wieder aufgeflammten Konjunkturoptimismus der Anleger. ThyssenKrupp-Anteilsscheine gewannen knapp 5,7 Prozent und waren damit zweitstärkster Dax-Titel.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
145,76
Differenz relativ
-0,65%
Deutsche Post: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
27,93
Differenz relativ
-0,71%

VW-Stämme nach oben manipuliert?
Auffällig war heute die unterschiedliche Reaktion der VW-Vorzüge und -Stämme auf den 81-prozentigen Gewinneinbruch des Autokonzerns im zweiten Quartal: Die Vorzüge, die laut Analysten die fundamentale Situation bei VW viel besser widerspiegeln, verloren bis zu 4,5 Prozent. Dagegen legten die Stämme an der Dax-Spitze 5,7 Prozent zu.

Am Markt kursierten daher Gerüchte, dass Porsche die VW-Stammaktie gezielt nach oben manipuliere. Morgen ist nämlich Bilanz-Stichtag bei dem Sportwagenbauer, der seine VW-Beteiligung bestimmt gerne zu einem höheren Kurs bilanzieren würde.

Deutsche Post klettert weiter
Die Aktie der Deutschen Post verzeichnete ein Plus von 5,3 Prozent. Händler verwiesen zur Begründung auf die positive Charttechnik bei dem Titel, der seit Monatsbeginn über 20 Prozent zulegen konnte. Zudem wiesen die jüngsten Daten zum weltweiten Frachtaufkommen der Internationalen Luftfahrt-Organisation IATA auf eine wirtschaftliche Stabilisierung hin.

SAP

SAP: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
88,04
Differenz relativ
-1,02%
Deutsche Telekom: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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15,18
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+0,10%

Analystenliebling SAP
Die SAP-Aktie profitierte von Kurszielerhöhungen durch die Deutsche Bank und Unicredit, beide Institute behielten zudem ihre Kaufempfehlung bei. Der Dax-Titel gewann 3,5 Prozent.

T-Aktie profitierte von Konkurrenz
Weiter oben in der Dax-Gewinnerliste fand sich auch die Deutsche-Telekom-Aktie wieder. Das Papier profitierte von guten Halbjahresergebnissen der Konkurrenten BT Group, France Telecom und Telefonica. Diese hatten jeweils die Erwartungen der Analysten übertreffen können.

Lufthansa-Konkurrent schreibt rot
Dagegen waren die Zahlen des Lufthansa-Konkurrenten Air France-KLM keine rechte Freude: Europas größte Luftfahrtgesellschaft hat im abgelaufenen Quartal einen Nettoverlust von 426 Millionen Euro gemacht. Vor allem bei den lukrativen Geschäftsreisen hilten sich die Verbraucher zurück.

Dramatisches Ringen um Conti-Zukunft
Nach Xetraschluss belasteten Gerüchte über den erzwungenen Rücktritt des Continental-Chefs Karl-Thomas Neumann die Conti-Aktie. Hintergrund ist ein Streit des Conti-Chefs mit dem Großaktionär Schaffler um eine geplante Kapitalerhöhung, mit der Neumann Conti auf eine neue finanzielle Basis stellen wollte. Laut Kreisen hat Neumann seinen Plan im Aufsichtsrat des Autozulieferers nicht wie vorgesehen durchgebracht.

Zweifel an Wacker Chemie
Anteilsscheine von Wacker Chemie fielen nach einem unerwartet hoch ausgefallenen Quartalsverlust um 2,4 Prozent. Equinet bestätigte daraufhin seine Verkaufsempfehlung und gab zu bedenken: "Der weiterhin unsichere Ausblick lässt fragen, ob der starke Kursanstieg um 100 Prozent seit Anfang März durch Fundamentaldaten in der Zukunft gestützt werden kann."

Postbank schreibt wieder rot
Auch die Postbank hat im zweiten Quartal rote Zahlen geschrieben. Wie schon vor zwei Tagen bei der Deutschen Bank stößt Analysten wie Anleger hier vor allem die deutlich erhöhte Risikovorsorge auf. Mit den steigenden Ausfällen bei Krediten kommt die nächste Belastungswelle auf die Bank zu. Die Postbank-Aktie büßte 3,5 Prozent ein.

Demag plötzlich auf Klettertour
Den Spitzenplatz im MDax belegte die Aktie von Demag Cranes mit einem Plus von 10,8 Prozent. Der Titel schoss am Nachmittag in die Höhe, ohne dass Händler dafür zunächst einen Grund ausmachen konnten. Der Kranbauer legt kommende Woche Zahlen vor.

Rote Hoffnung bei Hugo Boss
Trotz einer tiefroten Quartalsbilanz legten Aktien von Hugo Boss 5,7 Prozent zu. Die Papiere des Modekonzerns markierten gar ein neues Zehn-Monats-Hoch. "Der verbesserte Cash Flow gibt Grund zum Optimismus, ebenso wie der bekräftigte Ausblick", sagte Unicredit-Analyst Volker Bosse.

Gea wagt keinen Ausblick
Die Gea-Aktie gewann 8,2 Prozent. Dabei sind die Maschinenbauer momentan in ihrer tiefsten Krise seit 60 Jahren, das kann man auch an der Gea-Bilanz ablesen: Gewinn minus 50 Prozent, Auftragseingang minus 20 Prozent. Noch dazu wagte Gea-Chef Jürg Oleas keine Aussage, ob die Bodenbildung erreicht sei und verzichtete zudem auf eine konkrete Gewinnprognose 2009.

Aixtron glaubt Talsohle hinter sich
Einen Kontrapunkt setzte der Chipanlagenbauer Aixtron: Der TecDax-Konzern hob seine Jahresziele an. Firmenchef Paul Hyland berichtete von einer spürbaren Geschäftsbelebung und erklärte die Talsohle für durchschritten. Die Aixtron-Aktie gewann 4,4 Prozent.

Smartrac von Ausblick beflügelt
Der mit Abstand größte Gewinner im TecDax war hingegen die Smartrac-Aktie mit einem Plus von 8,9 Prozent. Das Unternehmen hält trotz eines massiven Gewinneinbruchs im zweiten Quartal an den Prognosen für 2009 fest.

Apollo-Einstieg bei Infineon auf der Kippe?
Der Einstieg des US-Finanzinvestors Apollo bei Infineon steht nach Informationen der "Financial Times Deutschland" vor dem Scheitern. Grund sei, dass die Kapitalerhöhung von Infineon am Aktienmarkt bislang außerordentlich gut angenommen worden sei und deshalb der Aktienkurs während der gesamten Bezugsfrist hoch geblieben sei. Dadurch werde Apollo wohl nicht den angestrebten Anteil von 15 Prozent erreichen. Die Infineon-Aktie verlor zeitweise bis zu 9,5 Prozent.

Delticom-Aktie lief heute nicht gut
Im SDax zählten Delticom-Aktien zeitweise zu den größten Verlierern, den Xetra-Handel beendeten sie indes nur noch leicht im Minus. Dabei las sich die Quartalsbilanz eher positiv: So verzeichnete der Internet-Reifenhändler ein Umsatzplus von 14 Prozent und ist zuversichtlich, seine Jahresziele zu erreichen. Erst Anfang des Monats hatte die Firma ihre Ergebnisprognose angehoben.

Mühlbauer gefeiert
Jenseits der Auswahlindizes schoss die Mühlbauer-Aktie um bis zu 10,4 Prozent in die Höhe. Der Technologiekonzern hat mit einem Umsatzzuwachs im Kerngeschäft den Rückgang im Industriegeschäft abfedern können. Allerdings fiel das Ergebnis vor Zinsen und Steuern mit 4,1 Millionen Euro rund 45 Prozent niedriger aus als im Vorjahreszeitraum.

Tagestermine am Mittwoch, 21. November

Unternehmen:
ThyssenKrupp: Q4-Zahlen, 7.30 Uhr
Deutsche Bank: Platform Economy Summit, Berlin
CA Immo: Q3-Zahlen

Konjunktur:
Paris: Vorstellung des OECD-Wirtschaftsausblicks, 11 Uhr
USA: Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, Woche, 14:30 Uhr
USA: Uni Michigan Verbrauchervertrauen, November endgültig, 16 Uhr
USA: Frühindikatoren, Oktober, 16 Uhr

Sonstiges:
Frankfurt a.M.: Abschluss der Handelsblatt-Tagung zum Thema "European Banking Regulation" mit Deutsche-Bank-Compliance-Vorständin Matherat