Fünf Jahre Lehman-Pleite

Gefahr noch nicht gebannt Lehman 2.0: Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich

Stand: 13.09.2013, 10:35 Uhr

Die gute Nachricht zuerst: Einen Bankenkollaps wie den von Lehman Brothers vor fünf Jahren erwartet derzeit niemand. Dennoch wäre ein "Lehman 2.0" theoretisch immer noch möglich - warnt zumindest die Bundesbank.

Die Skyline von Frankfurt am Main

Banken Skyline Frankfurt am Main. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Praktisch wird wohl kein Politiker und kein Notenbanker es noch einmal riskieren, eine wichtige, sprich systemrelevante Bank, Pleite gehen zu lassen und damit auf den Finanzmärkten einen Flächenbrand zu riskieren - zu gewaltig waren die vom Untergang der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 ausgelösten Schockwellen.

Dennoch gibt es aus Sicht der Bundesbank keinen Grund zur Entwarnung. "Wenn es also morgen ein 'Lehman 2.0' geben würde, was ich nicht sehe, hätten wir die Instrumente, die wir konzeptionell entwickelt haben, noch nicht in den Händen, um Banken weltweit wirkungsvoll abzuwickeln", sagte kürzlich Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret der Nachrichtenagentur Reuters. Nach wie vor müssten große Geldhäuser vom Staat gerettet werden, um eine globale Kettenreaktion zu vermeiden.

"Vor allem Zeit gekauft"

Andreas Raymond DOMBRET

Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret. | Bildquelle: picture alliance / dpa

"Wir haben durch eine Reihe auch unkonventioneller Maßnahmen vor allem Zeit gekauft", betonte der Bundesbanker. "Deshalb haben wir derzeit Ruhe auf den Finanzmärkten. Das muss aber nicht immer so bleiben." Die grundlegenden Probleme, etwa die hohe Verschuldung einger Eurostaaten, die enge Verzahnung von Staaten und Banken sowie die Folgen eines Zusammenbruchs grosser Geldhäuser seien alles andere als gelöst. "Wir haben seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vor fünf Jahren zwar viele Fortschritte gemacht, aber oft mangelt es noch an deren konkreter Umsetzung", urteilt Dombret, der während der Lehman-Krise Deutschland-Chef der Bank of America war und seit Mitte 2010 für die Deutsche Bundesbank arbeitet.

Die Banken selbst halten die Warnungen der Bundesbank für übertrieben: "Die Gefahr, dass es erneut zu einem Flächenbrand kommt, ist aus meiner Sicht deutlich zurückgegangen", sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der privaten Banken, BdB, Michael Kemmer. Er verweist darauf, dass die Banken heute deutlich krisenfester dastehen als vor fünf Jahren, weil sie seitdem ihr Eigenkapital um viele Milliarden erhöht und gleichzeitig Risiken abgebaut haben.

Viel mehr Eigenkapital

Michael Kemmer

Michael Kemmer. | Bildquelle: Bundesverband deutscher Banken

Tatsächlich hat sich die Eigenkapitalquote seit dem Lehman-Kollaps vor fünf Jahren fast verfünffacht. Mussten vor 2008 nur zwei Prozent der Bilanzrisiken mit Eigenkapital unterlegt werden, gelten heute mindestens neun, am besten zehn Prozent als Branchenstandard, auch wenn das neue Regelwerk Basel III eine solche Quote erst ab 2019 fordert. So verfügt etwa die Deutsche Bank, das gemessen an der Bilanzsumme größte Geldhaus Europas, nach einer drei Milliarden Euro schweren Kapitalerhöhung im Frühjahr 2013 über eine Kernkapitalquote von 9,5 Prozent.

Doch das reicht immer noch nicht. Denn nun blicken Bankenaufseher und Analysten verstärkt auf die Leverage Ratio, das Verhältnis von Eigenkapital zur Bilanzsumme. Und dabei lag die Deutsche Bank bis zum Sommer noch noch unter drei Prozent, die die Aufseher bis 2018 von den Instituten fordern, Analysten aber bereits jetzt für notwendig halten.

Den Untergang von Lehman Brothers hätte allerdings auch eine Leverage Ratio von drei Prozent nicht verhindert, kam doch die Bank am Tag des Untergangs auf fünf Prozent. Zudem weisen die Experten darauf hin, dass sich Geschichte eben nicht wiederholt. Neue Krisen dürften deshalb aus einer ganz anderen Ecke entstehen, erklärt BdB-Geschäftsführer Kemmer.

Was passiert mit maroden Banken?

Trotzdem stellt sich weiter die Frage, wie marode Banken möglichst kapitalmarktschonend abgewickelt werden können. Bis heute wird darüber gestritten. In Deutschland müssen die 15 größten Institute seit diesem Jahr einen Plan vorlegen, wie sie sich aus eigener Kraft aus einer existenzbedrohenden Krise befreien würden. Die Finanzaufsicht BaFin will damit verhindern, dass die Institute in der nächsten Finanzkrise wieder in Hauruck-Aktionen vom Staat gerettet werden müssen. Noch weiß natürlich niemand, ob dieses Kozept auch tatsächlich funktioniert.

Helfen soll auch das von der Bundesregierung auf den Weg gebrachte Trennbankensystem. Damit soll das Kapital im Einlagen- und Kreditgeschäft von den Kapitalmarktgeschäften abgeschottet werden. Damit will die Politik sicherstellen, dass im Fall einer Pleite zumindest die Gelder der Sparer (bis zu 100.000 Euro) geschützt sind.

Umstrittene Bankenunion

La Défense Paris Flaggen Bankenunion BNP Paribas. | Quelle: picture-alliance/dpa

Ungelöst bleibt allerdings die Abwicklung von Banken, die über Ländergrenzen hinaus Geschäfte betreiben - also große Häuser wie die Deutsche Bank. Diese Frage ist Gegenstand heftiger Debatten unter dem Stichwort "Bankenunion". Als einziger gemeinsamer Nenner gilt bisher die Entscheidung, ab Mitte nächsten Jahres die 130 wichtigsten Banken der Eurozone unter die Aufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) zu stellen.

Ob die EZB allerdings auch die alleinige Befugnis erhalten wird, marode Banken im Zweifelsfall schließen zu dürfen, steht noch in den Sternen. Bis zum Februar 2014 will die EZB aber die Bilanzen der Institute prüfen, um Altlasten der Großbanken frühzeitig aufzudecken. Der gemeinsame Stresstest der Notenbank und der EU-Bankenaufsicht EBA soll dann im Mai 2014 beginnen.

Umstritten ist auch die Forderung einzelner Staaten nach einer gemeinsamen, europaweiten Haftung. Hier sträubt sich besonders Deutschland, bei der Rettung etwa spanischer oder portugiesischer Banken, zur Kasse gebeten zu werden.

Fazit: Seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers ist die Gefahr eines Flächenbrandes an den Finanzmärkten zwar gesunken, aber nicht völlig gebannt.

lg